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Puerto Merizalde: Der Staat, der für die Infrastruktur sorgen sollte, hat dieses Dorf nicht vergessen – er hat es niemals wahrgenommen.

Kolumbien

Das Geräusch einer Klinge auf Knochen

  • vonToni Keppeler
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Das Dorf Puerto Merizalde liegt im kolumbianischen Dschungel. Die Menschen dort sind Nachfahren entlaufener Sklaven und Sklavinnen. Auch heute müssen sie sich noch behaupten.

Der Weg nach Puerto Merizalde führt in die Wildnis. Die einzige Verbindung in das Dorf mitten im Dschungel geht über Buenaventura, der mit knapp einer halben Million Einwohnern wichtigsten Hafenstadt Kolumbiens. Sie ist umtriebig, laut, schmutzig und gefährlich. Buenaventura ist bekannt für grausame Morde und ihre „Zerstückelungshäuser“, in denen Opfer, oft bei lebendigem Leib, in Teile zersägt und danach in den Armenvierteln ausgestellt werden, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Viele ihrer Hüttenviertel sind auf Stelzen in die Bucht vor der Stadt gebaut und werden von kriminellen Banden beherrscht. Über Buenaventura kommen nicht nur die meisten Importwaren ins Land. Von dort aus stechen auch nachts Schnellboote in die See und bringen Tonnen von Kokain in den Norden.

Ein Schnellboot, allerdings ein legales, bedient auch die Strecke zwischen Buenaventura und Puerto Merizalde. Es ist aus Fiberglas, lang und schlank, mit zwei Außenbordmotoren und einem Zeltdach, das die Passagiere der tropischen Gegend öfter vor Regen als vor Sonne schützt. Die Pazifikküste Kolumbiens gehört zu den regenreichsten Gegenden der Welt. Eine Stunde lang hüpft das Boot über die Wellen des Ozeans gen Süden, vorbei an hohen Klippen. Dann steuert es hart aufs Land zu, dorthin, wo der Río Naya ins Meer mündet. Der Fluss ist hier weit über fünfzig Meter breit und führt in vielen Windungen durch dichten Dschungel. Auf seinem Weg wird er immer enger, ist manchmal nur noch etwa zehn Meter breit. Immer wieder tauchen Sandbänke auf, aber der Bootsführer kennt die schmale Fahrrinne und fährt volle Kraft voraus. Der Lärm der Motoren übertönt die Geräusche des Regenwalds. Man sieht nur üppiges dunkles Grün und einmal drei schwarze Wildschweine, die viel kleiner als ihre europäischen Verwandten sind. Sie schwimmen mitten im Fluss.

Ein Passagier macht den Steuermann darauf aufmerksam. Der stoppt die Motoren und lässt das Boot direkt auf die drei Tiere zutreiben. Sie sind zutraulich, schnuppern neugierig am Bootsrand. Eine kräftige Frau greift zur Machete und schlägt damit auf die Köpfe der Schweine ein. Die Passagiere feuern sie in der Aussicht auf eine unverhoffte Fleischration an. Nur Ulises Zamora, ein schmaler Mann von vielleicht 30 Jahren, wird grau im Gesicht und verdrückt sich ans andere Ende des Schiffs. Als er das knirschend splitternde Geräusch hört, das entsteht, wenn die scharfe Schneide einer Machete auf einen Knochen trifft, wird ihm schlecht. „Ich kann das nicht hören“, sagt er.

Es dauert kaum mehr als zwei, drei Minuten, dann werden die blutigen toten Tiere aufs Boot gezogen. Keine 20 Minuten später, nach zweistündiger Fahrt, kommt auf der rechten Flussseite Puerto Merizalde in Sicht. Das Ufer ist ein breiter Strand aus Kieseln. Auf der anderen Seite des Flusses steht eine Reihe mit frisch gestrichenen schicken Bungalows auf Pfählen. Sie machen eher den Eindruck einer gehobenen Hotelanlage als den von Familienunterkünften. Fotografiert werden dürfen sie nicht. Sanft setzt das Boot auf dem Kiesstrand auf, die Passagiere springen ins nicht einmal knietiefe grünliche Wasser und waten an Land.

Puerto Merizalde hat, zusammen mit dazu gehörenden im Dschungel verstreuten Weilern, rund 5000 Einwohner. Nicht einmal die Hälfte davon wohnt im Ort selbst. Puerto Merizalde ist eine Kirche mit einem Dorf. Das Gotteshaus dominiert das Bild der Siedlung und wäre einer Kathedrale in der Hautstadt würdig. Zwei hohe schlanke Türme mit hohen rechteckigen glaslosen Fenstern. Zwischen den Türmen steht auf dem Giebel des langgestreckten Hauptschiffs eine winzige Marienfigur und ihr gegenüber, am anderen Ende des Dachs, ein gut sieben Meter hoher Christus, der segnend die Arme zum Himmel erhebt. An seiner linken Hand sind Daumen und Zeigefinger abgebrochen. Die meisten der schmalen Fenster des Kirchenschiffs sind zerbrochen. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten zu viele Schießereien im Dorf und zu wenig Geld, um die zersplitterten Scheiben zu ersetzen.

Rund um die Kirche stehen Palmen, ein bisschen weiter entfernt ist ein Bolzplatz aus Beton. Jungen und Mädchen spielen barfuss. Es gibt eine kleine aus Holz gebaute überdachte Ladenpassage mit Verschlägen, in denen Lebensmittel, Haushaltsgeräte oder Zubehör für Mobiltelefone angeboten wird, eine Grundschule, eine kleine Krankenstation. Und Reihen von Hütten aus Holz mit Dächern aus rostigem Wellblech. Die meisten sind wegen der Überschwemmungsgefahr auf Pfählen gebaut. Auf der einen Seite solcher Häuserzeilen führt ein Weg vorbei, auf der anderen ein schlammiger modrig stinkender Kanal. Klo, Abwasserleitung und Verkehrsweg in einem.

Wasserleitungen gibt es nicht. Man sammelt Regenwasser zum Kochen und Trinken, das Geschirr wird im Fluss gespült. Dort wird auf ins knietiefe Wasser gestellten Tischen auch Wäsche gewaschen, tiefer im Fluss wäscht man sich selbst. Strom kommt aus einem Dieselgenerator, zwischen vier Uhr am Nachmittag und elf Uhr in der Nacht. Der Staat, der eigentlich für die Infrastruktur sorgen sollte, hat dieses Dorf nicht vergessen. Er hat es niemals wahrgenommen.

Sieht man von der Kirche und den schicken Bungalows am anderen Ufer ab, ist Puerto Merizalde ein typisches Dorf von Afrokolumbianern. Es gibt weit mehr als 100 solche Siedlungen, meist in schwer zugänglichen Gegenden unweit des Pazifiks im Westen oder im Hinterland der Karibikküste im Norden. Viele wurden in der Kolonialzeit von entlaufenen Sklaven als sogenannte Palenques – Wehrdörfer – gegründet. Das älteste, das rund 50 Kilometer von Cartagena entfernte San Basilio de Palenque, ist Ende des 16. Jahrhunderts entstanden und errang nach rund hundertjährigem Krieg gegen die spanischen Kolonisatoren 1691 den Status einer freien autonomen Gemeinde. Es ist die einzige Siedlung, in der man noch das spanische Kreol spricht, jener von Sklaven geschaffenen Sprache, die spanische und afrikanische Einflüsse zu etwas Neuem verschmolzen hatte. In Puerto Merizalde spricht man heute spanisch.

Einige Traditionen aus Afrika aber haben sich erhalten. Die Musik mit Wechselgesängen zwischen Vorsänger und Chor, begleitet von Trommeln; die gemeinsame Arbeit, die das erledigt, was eigentlich Aufgabe des Staats wäre. So wurden die meisten Wege im Dorf bei freiwilligen Einsätzen betoniert, für Sand und Zement wurde gesammelt. In der Regenzeit gibt es nun keine Schlammpisten mehr, in deren Pfützen sich die Moskitos vermehren könnten. Das urbar gemachte Land rund ums Dorf ist in Gemeinbesitz. Man baut Mais an, Bananen und Maniok, Bohnen und Reis - ohne Gewinnstreben. Es geht nur darum, dass alle genügend zu essen haben.

Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die Familienstruktur dagegen kommen nicht aus Afrika, sondern sind ein Erbe der Sklaverei. Unter kolumbianischen Sklavenhaltern war es üblich, dass die stärksten Arbeiter ausgewählt wurden, um sie als Samenspender mit den kräftigsten Frauen zu paaren. Sex und das Zeugen von Kindern hatte nur selten mit Zuneigung oder Liebe zu tun; Mutterschaft war Arbeit, Kinder waren Besitz der Sklavenhalter. Bis heute spielt die Familie in den Afrogemeinden so gut wie keine Rolle. Die einzige Blutsverwandtschaft, die man kennt, ist die zwischen Mutter und Kind. Die Väter sind unbedeutend. Die Männer wechseln häufig die Partnerin und viele führen sich auf wie Macho-Hengste. Kindererziehung ist Gemeinschaftsaufgabe, alle Erwachsenen sind den Kindern Onkel oder Tante.

Die Menschen entwickeln ein Selbstbewusstsein, obwohl die schlimmste Zeit nur wenige Jahre her ist.

Fast das gesamte Naya-Tal ist von solchen Dörfern geprägt. Die Nachkommen afrikanischer Sklaven stellen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung. In ganz Kolumbien sind es zwischen zehn und 30 Prozent – je nach dem, ob man nur diejenigen zählt, deren beider Eltern ausschließlich schwarz sind, oder auch diejenigen, die Afrika-Stämmige Vorfahren haben. „Afrokolumbianer zu sein, ist für uns in erster Linie eine Frage der Kultur“, sagt Felipe Granja. „Aber es gibt natürlich auch eine rassische Komponente, weil es noch immer Diskriminierung auf Grund der Hautfarbe gibt.“ Granja ist Organisationssekretär des „Proceso de Comunidades Negras en Colombia“ (PCN), einer in Bogotá ansässigen Dachorganisation, zu der sich rund 150 Gemeinderegierungen und Vereinigungen von Afrokolumbianern zusammengeschlossen haben. Sie versteht sich als Menschenrechtsorganisation, die die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Rechte ihrer Mitglieder verteidigt.

Solche Rechte gibt es in Kolumbien. Nach dem Gesetz Nummer 70 von 1993 erhielten die Gemeinden der Afrokolumbianer das Recht auf Selbstverwaltung und auf Gemeinbesitz an Land, das weder veräußert noch verpfändet werden kann. Der Staat ist laut Gesetz verpflichtet, die kulturelle Identität der Afrokolumbianer zu schützen und Programme aufzulegen, die ihre soziale und wirtschaftliche Entwicklung garantieren und zur Chancengleichheit gegenüber dem Rest der Gesellschaft führen sollen. 2003 wurden die Nachkommen der Sklaven vom Verfassungsgericht als eigenständige Ethnie anerkannt.

„Das Gesetz Nummer 70 von 1993 ist in legaler Hinsicht die größte Errungenschaft unseres Volks“, sagt Granja. Seither wurden sechs Millionen Hektar Land mit kollektiven Besitztiteln Afrogemeinden zugesprochen. 256 weitere Dörfer durchlaufen derzeit den Prozess der Anerkennung. Auch Puerto Merizalde gehört zu diesen selbstverwalteten Regionen. Die Wirklichkeit in den Dörfern aber ist 27 Jahre nach dem Gesetz noch immer trist. Von Chancengleichheit keine Spur. Das Durchschnittseinkommen von Afrokolumbianern liegt mit 500 bis 600 US-Dollar im Jahr bei etwa einem Drittel des nationalen Durchschnitts. 74 Prozent der Schwarzen erhalten Löhne unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns. Die Analphabetenquote in ländlichen Afrogemeinden liegt bei 43, in der Stadt bei 20 Prozent – doppelt so hoch wie beim Rest der Bevölkerung. 80 Prozent der Afrokolumbianer leben in extremer Armut. Schwarze Gemeindevorsteher, Menschenrechtler und Umweltschützer gehören zu den häufigsten Opfern von Todesschwadronen. Denn Gesetz Nummer 70 hat ein paar Lücken.

So sind Ländereien in Privatbesitz bei der Zuteilung von kollektiven Besitztiteln genauso ausgenommen wie Bodenschätze unter der Erde. In vielen Gemeinden im Prozess der Anerkennung findet deshalb ein Wettlauf um Land statt. Im Hinterland der karibischen Küste ist es die Agroindustrie, die sich Boden für Palmölplantagen sichern will. An der Pazifikküste sind Bergbaukonzerne scharf auf das Gold im Boden. Die neoliberale rechte Regierung unter Präsident Iván Duque steht in aller Regel auf der Seite der Konzerne. Bekommen sie Land oder eine Schürflizenz, gehen die Afrokolumbianer leer aus. Selbst wenn Gemeinden und ihr gemeinsam bewirtschaftetes Land schon anerkannt sind, geben die Konzerne nicht auf. Oft arbeiten sie mit rechten paramilitärischen Gruppen zusammen, die mordend durch die Dörfer ziehen, bis deren Widerstand gebrochen ist.

Kolumbien.

Auch in Puerto Merizalde haben Paramilitärs gewütet. Im schlimmsten Jahr, 2001, wurden 150 Einwohner ermordet. Ultrarechte Truppen fielen mit Listen ins Dorf ein, suchten die verzeichneten Männer und Frauen, die als Spione der Guerilla galten, versammelten sie und zerhackten sie vor den Augen der anderen mit Macheten. Seither muss sich Ulises Zamora übergeben, wenn er dieses Geräusch hört, das entsteht, wenn eine scharfe Klinge mit voller Wucht auf einen Knochen trifft.

Zuletzt kamen die Paramilitärs vor ein paar Monaten, um einen jungen Mann mitzunehmen. Da hat sich das ganze Dorf versammelt und den Bewaffneten klar gemacht: Wenn sie einen mitnehmen, kommen alle mit. Wenn sie einen töten wollen, müssen sie alle töten. Über die Jahre der Auseinandersetzungen sind die Menschen in Puerto Merizalde selbstbewusster geworden und haben gelernt: wenn sie sich einig sind, sind sie stark. Die Paramilitärs zogen ab und ließen den jungen Mann im Dorf.

Auch die Bergbaukonzerne lassen nicht locker. Im Februar kam ein großes Baggerschiff den Río Naya herauf, um oben am Fluss eine Goldmine zu öffnen. „Wir waren vorgewarnt“, erzählt Aida Luz Gamboa, eine große Frau, die beim Reden beide Hände in die Hüften stemmt. „Freunde weiter unten am Fluss hatten uns Textnachrichten aufs Mobiltelefon geschickt.“ Die Menschen versammelten sich unten am Fluss. „Wir haben uns nur mit Prügeln bewaffnet, nicht mit Macheten und nicht mit Gewehren. Wir sind mit unseren Booten und Einbäumen hinausgefahren und haben das Baggerschiff abgefangen. Es war voll mit Arbeitern aus Brasilien.“ Vorher sei abgemacht worden, dass nur einer mit der Schiffsbesatzung verhandeln werde. Der machte dem Kapitän klar, dass die Fahrt zu Ende sei. Das Schiff drehte ab. „Wir haben es mit unseren Booten begleitet, den ganzen Weg bis hinunter zur Mündung. Wir haben geschrien und mit unseren Prügeln gefuchtelt“, erzählt Gamboa. Es ist seither nicht mehr wiedergekommen.

Rund 800 000 Schwarze wurden während der spanischen Kolonialzeit nach Kolumbien verschleppt. Sie bauten Festungsanlagen und arbeiteten auf Zuckerrohrplantagen, doch man brauchte sie vor allem für die Minen. „Der Reichtum von Las Indias besteht aus Gold und Silber, Perlen und Smaragden“, schrieb Pedro Zapata, Gouverneur von Cartagena, am 23. Februar 1648 an den spanischen König Philipp IV.. „Es kostet viel Arbeit, diese Produkte aus der Erde zu holen, und es wäre unmöglich, sie zu besitzen, wenn nicht die göttliche Voraussicht die Neger geschaffen hätte. Alle anderen sterben bei dieser Arbeit.“

„Wir haben dieses Land aufgebaut“, sagt Felipe Granja im PCN-Büro in Bogotá. „Wir haben für die Spanier das Gold aus dem Boden geholt, wir haben die Zuckerindustrie geschaffen. Wir haben Städte gebaut, Straßen und Brücken, wir stellten die Hälfte der Unabhängigkeitsarmee.“ Als dann 1851 – 41 Jahre nach der Unabhängigkeit von Spanien – die Republik Kolumbien die Sklaverei abgeschafft hat, wurden die Sklavenhalter großzügig entschädigt. Die Sklaven bekamen nichts. Diese historische Schuld müsse beglichen werden.

„Wir haben ein Forschungsprojekt am Laufen, in dem untersucht wird, wie groß die Schuld gegenüber den Schwarzen ist“, erzählt Granja. Denn eines sei klar: „Es muss Reparationszahlungen geben, die uns kollektiv zugute kommen.“ Wer soll bezahlen? „Zum einen die großen Oligarchenfamilien, deren heutiger Reichtum auf unserer Zwangsarbeit aufgebaut ist. Aber auch reiche Familien, die aus der Kolonie zurück nach Spanien gegangen sind - wir kennen ihre Namen. Und schließlich die Nachkommen derer, die mit dem Sklavenhandel reich geworden sind.“ Granja weiß: „Ohne internationale Unterstützung wird es das nicht geben.“ Und es wird ein langer Weg. Die erste Aufgabe seiner Organisation sei es dabei, sich um das soziale und kulturelle Leben in den Afrogemeinden zu kümmern. Nur so werde das nötige Selbstbewusstsein entstehen, mit dem dann Druck aufgebaut werden könne.

In Puerto Merizalde entsteht langsam dieses Selbstbewusstsein, obwohl die schlimmen Tage nur wenige Jahre her sind. Als noch Krieg zwischen der linken Guerilla der Revolutionären Streitkräfte (Farc), den rechten Paramilitärs und der Armee wütete, konnte es vorkommen, dass am Morgen eine Einheit der Farc ins Dorf kam und am Nachmittag eine Truppe der Paramilitärs. Und beide haben junge Männer mitgenommen. Die Farc ist seit ihrem Friedensvertrag mit der Regierung 2016 aus der Gegend verschwunden. Die Paramilitärs haben sich nicht mehr gezeigt, seit sich ihnen die gesamte Bevölkerung entgegengestellt hat. Auch die Gefahr durch Bergbaukonzerne wurde zumindest vorerst gebannt. Ein Anfang ist gemacht. Aber nur ein Anfang.

Immer sonntags wird auf dem Kiesstrand am Fluss ein kleiner Markt veranstaltet. Bauern aus den Weilern bringen ihre Ernte ins Dorf. An improvisierten Ständen gibt es Mais und Bohnen, tropische Früchte und Gemüse, Klamotten und Geschirr. Und es wird sündhaft teurer Whisky internationaler Marken angeboten, die Flasche zu umgerechnet weit mehr als 100 Euro. Auch ein paar Weiße sind in Schnellbooten mit dicken Außenbordmotoren gekommen: Männer mit offenen karierten Hemden und schweren Goldketten, in Jeans mit breiten Gürteln und in Stiefeln. Sie haben Waffen umgehängt - handliche Uzi-Maschinenpistolen. Es sind die Kunden, die sich für den Whisky interessieren. Sie tragen die Flaschen in die schicken Bungalows auf die andere Seite des Flusses. Die anderen gehen ihnen aus dem Weg, sprechen nur hinter vorgehaltener Hand über sie. Niemand will mit seinem Namen zu dem stehen, was gesagt wird. Wegen dieser weißen Männer ist das Fotografieren an diesem Tag auch auf dieser Flussseite verboten.

Seit die Gewalt um Puerto Merizalde abgenommen hat, haben die Koka-Pflanzungen und Labore im Dschungel zugenommen. Für Drogenbanden ist das Dorf ein idealer Umschlagsplatz. Über den Río Naya gelangt die Ware schnell ins Meer und in den Norden, nach Zentralamerika, Mexiko oder in die USA. Das Risiko ist gering, die Polizei hat man hier schon lange nicht mehr gesehen. Auch die Armee kommt nur hin und wieder vorbei.

Zuletzt kam sie Ende Februar, in der Nacht. Ein Boot voller Soldaten lief gegenüber des Dorfs aufs Ufer, die Männer stürmten zu den Bungalows. In einer späteren Pressemitteilung der Armee heißt es, man habe nach monatelangen verdeckten Ermittlungen herausgefunden, was die Menschen in Puerto Merizalde schon lange wussten: dass diese Häuser ein Umschlagplatz für Drogen sind. In vier der Bungalows wurden 51 Kilogramm Kokain und 813 Kilo Marihuana gefunden, dazu Chemikalien für Drogenlabore, vier Gewehre, drei Pistolen, ein Revolver und jeden Menge Munition. Drei Männer wurden verhaftet. Das hört sich nach viel an. Aber was sind in dieser Gegend schon 51 Kilogramm Kokain und drei Mitglieder einer Drogenbande?

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