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Das Erde-Wasser-Problem

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Von: Barbara Schnell

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Fast surreal: Manche der Gruben im Tagebaurevier sind fünfmal tiefer als der Chiemsee. barbara schnell
Fast surreal: Manche der Gruben im Tagebaurevier sind fünfmal tiefer als der Chiemsee. barbara schnell © Barbara Schnell

Wo heute die gigantischen Gruben des Kohleabbaus klaffen, sollen einmal Seen und blühende Landschaften entstehen. Aber die bisherigen Pläne bergen Gefahren und Risiken

Einem Perpetuum mobile gleich fressen sich die Schaufelradbagger seit mehr als vier Jahrzehnten durch die Landschaft zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach und hinterlassen gigantische Gruben. Was die Bagger vorne abtragen, schütten die Absetzer hinten wieder auf.

So entsteht mitunter der Eindruck, der Braunkohletagebau sei ein großer Kreislauf. Entsprechend weit in die Zukunft reichen die Betriebspläne. Während diese lange ein Ende der Kohleverstromung im Jahr 2045 vorsahen, wurde dieses Datum durch die Arbeit der Kohlekommission auf 2038 vorgezogen; im Koalitionsvertrag der Ampel steht inzwischen „idealerweise 2030“. Das Perpetuum mobile rollt aus, der vermeintliche Kreislauf endet – und mit Blick auf den aufgewühlten Landstrich wird immer deutlicher, dass in den Betriebsplänen der Gruben etwas fehlt: Zeitpunkte, an denen Fortschritt, Sinnhaftigkeit und die zu erwartenden Ewigkeitsfolgen der Tagebaue überprüft werden.

Doch statt nun ihr Tempo im Angesicht des deutlich vorgezogenen Endes zu verlangsamen, nehmen die Schaufelradbagger vor den bedrohten Orten Lützerath und Manheim Fahrt auf und schaffen Fakten. Denn jetzt kommt ans Licht, was die „wandernden Tagebaue“ lange verschleiern konnten: Es gibt nicht genug Abraum, um Europas größte Löcher zu verfüllen. Oder auch nur zu stabilisieren.

Alarmglocken schrillen bei den Menschen in den Anrainerkommunen, denen allmählich klar wird, dass sie mit dem Ende der Braunkohle auf den Folgen der Tagebaue sitzen bleiben könnten. Was lange als Vision vermarktet wurde – die Gruben mit Wasser zu füllen und Seen mit attraktiven Randlagen zu schaffen – wird jetzt zu einer realen Situation mit vielen offenen Fragen.

Im Herbst 2018 nannte der Braunkohlekonzern RWE die Versorgungssicherheit als Grund für die seiner Meinung nach zwingend notwendige Rodung des Hambacher Waldes. Diese wurde vom OVG Münster gestoppt, denn: „Die Bezirksregierung Arnsberg und die RWE Power AG hätten auch weder substantiiert dargetan noch durch entsprechende Unterlagen belegt, dass die sofortige Rodung […] notwendig sei, weil anderenfalls die Energieversorgung bundes- oder landesweit nicht mehr gewährleistet wäre.“ Dann erwirkte RWE mit derselben Begründung die vorzeitige Besitzeinweisung des letzten Privatgrunds in Lützerath am Tagebau Garzweiler. Landwirt Eckardt Heukamp gab nach jahrelangem juristischem Ringen auf und verkaufte Haus und Hof an den Konzern.

Doch während sich die Gerichte wiederholt mit der Frage befassten, ob der Braunkohleabbau heute noch dem Allgemeinwohl diene und eine Enteignung damit gerechtfertigt wäre, ist vor Ort nicht mehr zu leugnen, dass es weder in Hambach noch in Garzweiler überhaupt noch um die Braunkohle geht. In Europas größten Löchern müssen Mulden geschaffen werden, die das Wasser der angedachten Restseen sicher aufnehmen können, ohne dass es zu verheerenden Erdrutschen und Binnen-Tsunamis kommt, wie sie in den ostdeutschen, viel kleineren Tagebauseen immer wieder auftreten.

Weil selbst die verantwortliche, traditionell kohlefreundliche Bergbaubehörde angesichts geplanter Wasserkörper von Dimensionen größer als der Chiemsee jetzt mehr Gewissheit wollte, gab sie bei der Aachener Beratungsgesellschaft AHU ein Gutachten in Auftrag – und Projektleiter Michael Denneborg macht keinen Hehl daraus, dass die Zerstörungen seiner Meinung nach weitergehen müssen: „Ich sehe den Massenbedarf sogar noch kritischer als RWE. Schon bei der geplanten Inanspruchnahme des Hambacher Waldes ging es eigentlich um den Abraum unter dem Wald.“ Nun müsse der benötigte Abraum stattdessen aus der umliegenden Landschaft, der sogenannten „Manheimer Bucht“, gewonnen werden.

Bereits auf Halde liegende Erdmassen sind nach Ansicht Denneborgs nicht verwendbar, weil der Grund zu instabil ist, um die Massen mit Schaufelradbaggern zu bewegen: „Wir sprechen hier von 150 Millionen Kubikmetern. Der größte Muldenkipper der Welt fasst 100 Kubikmeter. Ein Transport mit normalem Gerät wäre bautechnisch nicht genehmigungsfähig, es wäre volkswirtschaftlich unsinnig, und wir sprächen hier von Jahrzehnten.“ Von Konzern und Politik, aber auch von der Klimabewegung wünscht sich Denneborg „eine ehrliche Bilanz statt roter Linien. Ohne diese Massen geht es nicht.“

Damit stößt er etwa beim BUND in Nordrhein-Westfalen auf Widerspruch und der kämpferische Umweltverband mit Geschäftsführer Dirk Jansen beschreitet einmal mehr den Klageweg, um die kostbaren Lößböden der „Manheimer Bucht“ zu retten. Zu deutlich haben sowohl Konzern als auch Bergbaubehörde in der Vergangenheit bereits bei einer viel kleineren „Baustelle“ versagt: Bei der Flutkatastrophe im Juni 2021 brachen in Erftstadt die Böschungen einer von RWE betriebenen Kiesgrube ein und rissen mehrere Häuser mit; die angrenzende A61 wurde unterspült und blieb monatelang gesperrt. Überhaupt ist Wasser neben dem Abraum das zweite große Problem beim Umgang mit den Tagebaufolgen: Bei derselben Flut trat im Tagebau Inden das rekultivierte (sprich: in einem Betonbett begradigte) Flüsschen Inde über seine Ufer, suchte sich sein altes Bett und riss einen Tagebaumitarbeiter in den Tod.

Damit die Kohle am Grund der Tagebaue gewonnen werden kann, wird in einer Region von Euskirchen bis Venlo der Grundwasserspiegel künstlich abgesenkt, teilweise bis auf eine Tiefe von 550 Metern. Ein Teil des Wassers für die Restseen wird in die Gruben sickern, wenn das Grundwasser nach dem Ende dieser sogenannten Sümpfung – durch schadstoffreiche Erdschichten – zurückzulaufen beginnt.

Der andere Teil soll über Pipelines aus dem 30 Kilometer entfernten Rhein in die Gruben geleitet werden. Schon jetzt herrscht Wasserknappheit in Nordrhein-Westfalen, fehlt es in Dürresommern überall am Rhein an Kühlwasser für Kraftwerke, kommt der Schiffsverkehr auf dem Fluss zum Erliegen. Aber Michael Denneborg ist sich sicher: „Der Rhein wird nur um höchstens zwei Zentimeter abgesenkt werden, sonst wird der Wasserabfluss gestoppt. Zu diesem Verfahren gibt es keine Alternative.“ In einem Zeitraum von vier bis sechs Jahrzehnten soll allein in Hambach ein See entstehen, der halb so groß ist wie der Chiemsee, aber fünf mal so tief.

Und während in Tagebaurandkommunen wie Elsdorf oder Mönchengladbach auf Hochglanzpapier von Seeterrassen, Yachthäfen oder gar touristisch nutzbaren Kanälen zwischen den Tagebauseen geträumt wird, bleiben die gewaltigen Geo-Engineering-Vorhaben im Rheinischen Revier für viele Umweltwissenschaftler:innen und -politiker:innen eine Gleichung mit vielen Unbekannten. „Diese Tatsachen müssen endlich von allen Beteiligten akzeptiert werden“, fordern daher Nordrhein-Westfalens Grüne in einem Grundsatzpapier. „Und wir müssen uns klar werden, über welche Dimensionen wir reden ... Zugleich muss definiert werden, wer die finanzielle Verantwortung trägt.“ Eine Stiftung ähnlich der RAG-Stiftung im Ruhrgebiet ist für sie der richtige Schritt zu einer gemeinwohlorientierten Antwort auf die Frage nach den Ewigkeitsfolgen der Braunkohle – ein Schritt, den auch RWE zumindest grundsätzlich unterstützen würde.

„Man muss eine Organisation gründen, die mit allen redet und das Ganze im Blick hat“, wünscht sich die energiepolitische Sprecherin der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag, Wibke Brems. „Wir haben jetzt die Chance, alles richtig zu machen – und sind in der Gefahr, sie zu vertun, weil man sich in jahrzehntelangen Grabenkämpfen festgefahren hat.“ Denn rund um die Kohlegruben schwelt nach wie vor ein gesellschaftlicher Konflikt, der sich im Herbst bei einer eventuellen Räumung des besetzten Orts Lützerath zu entladen droht.

Während Konzern und Landesregierung die Vorgänge rund um die Braunkohle wenig transparent gestalten, betrachten Klimaaktivist:innen das, was sie als „Mythos der Beherrschbarkeit“ bezeichnen, mit Sorge. Neben einem Moratorium der überdimensionalen Erdbewegungen und einer Paris-gerechten neuen Leitentscheidung wünschen sie sich auch ein Ende der über Jahrzehnte gewachsenen Kultur des Misstrauens, die echten Dialog und damit demokratischen Strukturwandel verhindert.

Nicht ideal: Die fruchtbare obere Bodenschicht tragen die Bagger mit ab . barbara schnell
Nicht ideal: Die fruchtbare obere Bodenschicht tragen die Bagger mit ab . barbara schnell © Barbara Schnell

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