Die Tür zum Schwurgericht: Bis zum Februar dieses Jahres fanden in Saal 600 in Nürnberg weiter Prozesse statt. Seit neun Monaten ist er Teil des „Memoriums“ mit der dazugehörenden Ausstellung.
+
Die Tür zum Schwurgericht: Bis zum Februar dieses Jahres fanden in Saal 600 in Nürnberg weiter Prozesse statt. Seit neun Monaten ist er Teil des „Memoriums“ mit der dazugehörenden Ausstellung.

Nürnberger Prozesse

Das Erbe von Saal 600

  • vonPatrick Guyton
    schließen

Vor 75 Jahren wurde in Nürnberg Kriegsverbrechern der Prozess gemacht. Aber die Stadt will in Zukunft nicht mehr nur Ort der Vergangenheitsbewältigung sein, sondern Symbol für den Einsatz für Frieden und Menschenrechte werden.

In diesem Saal, sagt Ulrich Maly, „stellen sich mir immer die Haare auf“. Von den Zuschauerplätzen aus gesehen, saßen sie links auf zwei hölzernen Anklagebänken – 21 Männer, einer neben dem anderen, Hauptverantwortliche für die NS-Verbrechen. Zumindest jene Nazi-Täter, die für die Alliierten greifbar waren. Vor 75 Jahren war das, in Nürnberg, als im Schwurgerichtssaal 600 des Justizpalastes die Nürnberger Prozesse begonnen hatten. Am 20. November 1945.

Der Sozialdemokrat Ulrich Maly war Oberbürgermeister von Nürnberg. Und hat in den 18 Jahren, die er das Amt innehatte, die Stadt stark geprägt. In diesem Frühjahr trat er nicht mehr an, mit 60 Jahren wollte er in den Ruhestand. Doch liegt ihm die Franken-Metropole weiterhin am Herzen, und so spricht er selbstverständlich über die Prozesse und die NS-Zeit. Und darüber, was man daraus lernen kann. Maly formuliert es so: „Es besteht die Chance, die Nürnberger Prozesse aus dem Vergangenheitsblick zu befreien.“ Immerhin sei dort erstmals international Recht gesprochen worden, Völkermörder wurden zur Rechenschaft gezogen – „davon träumt die Menschheit seit 100 Jahren“.

Fotos der zerbombten Stadt mit ihren vielen Ruinen geben einen Eindruck, wie es damals, ein halbes Jahr nach Kriegsende und der Befreiung von Hitler-Deutschland, um Nürnberg stand. Sehr rasch begannen die Alliierten als Besatzungsmächte den Prozess – die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion. In den Zellen hinter dem Justizpalast – sie stehen teilweise noch – waren die Angeklagten einzeln untergebracht, sie sollten sich nicht absprechen können. Durch einen Gang wurden sie in den Saal geführt. Darunter waren etwa Hermann Göring – Reichsluftfahrtminister und zweiter Mann im NS-Staat, Rudolf Heß als „Stellvertreter des Führers“, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop oder Julius Streicher, Besitzer des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“.

Sich für den Frieden einzusetzen „ist nicht umsonst“, sagt Ex-OB Ulrich Maly.

Der „600er“, wie er in Nürnberg oft genannt wird, ist ein größerer, holzvertäfelter Saal mit von der Decke hängenden Kronleuchtern und gegenwärtig einem großen schwarzen Holzkreuz über der Richterbank. Axel Fischer ist ein Mann, der so ziemlich alles über die Prozesse und den Saal weiß – er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des „Memoriums Nürnberger Prozesse“. Die Amerikaner hätten beim Umbau für das Verfahren „den historischen Pomp rausgehauen“, sagt er. Zuvor war der Saal von einem der berüchtigten NS-Sondergerichte genutzt worden, das politische Gegner und andere unliebsame Personen reihenweise und teils wegen Nichtigkeiten zum Tode verurteilt hatte.

Bis zum Februar dieses Jahres wiederum war der Saal regulär vom Schwurgericht genutzt worden. Seit neun Monaten ist er nun Teil des „Memoriums“ mit der dazugehörenden Ausstellung. Fischer meint: „Das ist kein Ort der NS-Geschichte, das ist ein Nachkriegsort.“ In der Zeit vor Corona kamen jährlich rund 100 000 Menschen, um den Saal zu besichtigen – drei Viertel davon aus dem Ausland. In den Räumen finden Diskussionsveranstaltungen statt, Filme werden gezeigt, es gibt Theaterprojekte. „Das ist in die Zukunft gerichtet“, sagt der Wissenschaftler. Und so steht auf einer Schautafel: „Von Nürnberg nach Den Haag.“ Das bezieht sich auf den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der Prozesse anstrengt gegen die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen und Völkermord in vielen Teilen der Welt.

„Das ist in die Zukunft gerichtet“, sagt Axel Fischer vom Memorium.

Nürnberg – die fränkische Großstadt mit 520 000 Einwohnern hat so viele unterschiedliche Facetten: Mittelalter pur, Albrecht Dürer, Bratwurst und Lebkuchen. Und: NS-Ort. Als „Stadt der Reichsparteitage“ war sie von Adolf Hitler auserkoren worden, auf dem Zeppelinfeld gab es gigantische, martialisch inszenierte Aufmärsche zu Ehren des „Führers“, der auf der Tribüne sprach. Die „Kongresshalle“ auf dem Areal war als NS-Monumentalbau geplant, der aber nicht fertiggestellt werden konnte. In einem Teil davon befindet sich heute das „Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände“.

So viel – erdrückende – Geschichte. „Deshalb hat Nürnberg eine besondere Verantwortung“, sagt Martina Mittenhuber. Sie sitzt in ihrem Büro im Rathaus in der Altstadt. Mittenhuber leitet eine städtische Stelle, die es so in keiner anderen Stadt in Deutschland gibt: das Nürnberger Menschenrechtsbüro. Es existiert seit 1997 und ist direkt dem Oberbürgermeister angegliedert. „Die Stadt nimmt das ernst“, meint sie. Ex-OB Ulrich Maly erzählt, dass anfangs unterstellt wurde, Nürnberg wolle sich „sauber waschen“. Doch soll sich das Büro gerade aufgrund der NS-Geschichte für Menschenrechte einsetzen. „Die Mechanismen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sind immer gleich“, sagt Maly. „Darüber muss erzählt werden.“ Nürnberg bezeichnet sich als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“.

Mit ihren zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist Martina Mittenhuber etwa Ansprechpartnerin für Bürgerinnen und Bürger, die sich als rassistisch behandelt oder beleidigt ansehen. Jährlich melden sich um die 200 Menschen mit solchen Vorwürfen. Das Büro wird dann aktiv, spricht mit dem Angeschuldigten, etwa dem Arbeitgeber, um den Vorfall zu klären. Stimmen die Vorgänge, erwartet das Büro eine Entschuldigung. „Die Leute wollen oft kein Geld“, so ist ihre Erfahrung, „sondern das Eingeständnis der Diskriminierung.“

„Die Stadt nimmt das ernst“, sagt Martina Mittenhuber.

Weiter ist das Büro für Menschenrechtsbildung zuständig. Das Team gibt etwa Seminare für Polizisten, Altenpflegekräfte oder Beschäftigte beim Ausländeramt. Es besteht Kontakt zu verschiedenen Gruppen, die sich beispielsweise für Geflüchtete einsetzen. Und das Büro organisiert die Verleihung des mittlerweile international hoch angesehenen „Nürnberger Menschenrechtspreises“. Mittenhuber sagt: „Wir suchen die versteckten Helden.“ Geehrt werden keine Prominenten, sondern Menschen, die sich mit ihrem gesellschaftlichen und politischen Einsatz selbst in Gefahr bringen.

„Die Schicksale der Preisträger sind berührend“, sagt Ulrich Maly. Er erinnert sich etwa an die Usbekin Tamara Chikunova, die den Preis 2005 erhielt für ihren Einsatz gegen die Todesstrafe in ihrem Heimatland. 2008 wurde die Todesstrafe in Usbekistan abgeschafft. Oder an den kolumbianischen Journalisten und Menschenrechtler Hollman Morris, der sich seit vielen Jahren gegen den Bürgerkrieg und für einen Frieden zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla engagiert. Maly: „Diese Beispiele zeigen, dass der Kampf nicht umsonst ist.“

„Etwas angestaubt“: Felix Krauß will sich zeitgemäß für Toleranz einsetzen.

Auch gibt es in Nürnberg etliche Menschen, die sich ehrenamtlich für Menschenrechte einsetzen. Etwa Felix Krauß, 27 Jahre alt. Beruflich arbeitet er als wissenschaftlicher Referent der SPD-Landtagsabgeordneten Alexandra Hiersemann. Beim Verein „Nürnberger Menschenrechtszentrum“ ist er vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Gerade befassen sie sich dort viel mit der Lage in Belarus und mit der Rettungsring-Aktion für die Aufnahme von Geflüchteten. Krauß kennt sich mit sozialen Medien aus und hat nun einen Blog gestartet. Er meint: „Die Menschenrechtsarbeit hat einen etwas angestaubten Eindruck, man muss dem ganzen wieder einen moderneren Anstrich verpassen!“

Eine lange Diskussion gab es in der Stadt darüber, wie man der drei Nürnberger Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gedenken soll. Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru und Ismail Yasar waren 2000, 2001 und 2005 von dem rechtsradikalen Terror-Trio ermordet worden. Man entschied sich für eine Gedenktafel, umringt von vier Ginkgo-Bäumen. Drei stehen für die Getöteten und einer für alle weiteren, oft unbekannten Opfer von Rechtsradikalismus und rechtem Terror.

Aber weil Nürnberg wegen seiner Geschichte wohl immer auch eine Art Pilgerstätte für Menschen rechter Gesinnung bleiben wird, ist auch dieser Gedenkort nicht für alle eine Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit. Im Internet kursieren Bilder von Männern, die an die Tafel urinieren - und erst im vorigen März hatten Unbekannte die Tafel angefahren. Die Polizei vermutete damals, der Schaden könnte beim Rangieren eines Lastwagens entstanden sein. Dennoch könne ein Anschlag nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Im Feuilleton der FR vom gestrigen Freitag hat sich der Historiker Volker Ullrich in einem Text mit der historischen Bedeutung der Nürnberger Prozesse befasst. Ullrich veröffentlichte zuletzt den Band „Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches“, C. H. Beck. Der Artikel „Zur Belehrung für die Zukunft“ ist nachzulesen entweder im Epaper der FR sowie online auf www.fr.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare