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Das Erbe in der Kleiderkiste

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Von: Christa Rosenberger

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Relikte zweier Weltkriege: Feldpostbriefe vom Vater, seine Brille, sein Kompass und das Besteck, das die Kugel abfing, die eigentlich ihm galt.
Relikte zweier Weltkriege: Feldpostbriefe vom Vater, seine Brille, sein Kompass und das Besteck, das die Kugel abfing, die eigentlich ihm galt. © Christa Rosenberger

Eigentlich wollte unsere Autorin nur mal wieder gründlich ausmisten. Stattdessen taucht sie ein in die Familiengeschichte und stößt dabei auch auf zwiespältige Erinnerungen.

Irgendwann, als die Wogen der Pandemie wieder stürmisch hochschlagen, habe ich die Ratschläge von Psychologinnen, Soziologen und Therapeutinnen satt, die zu mehr Geduld, Yogaübungen und einer buddhistischen Gelassenheit raten und die darüber streiten, ob dunkelgraue Gefühle dem Immunsystem der Seele schadeten. Ich beschließe, der Richtung der Realisten zu folgen: Beschäftigung heißt ihre Botschaft. Kreativ sein. Endlich den wackeligen Stuhl reparieren, den angefangenen Kissenbezug fertignähen oder jene tausend Dinge im Haushalt sortieren, wegräumen, ausmisten und entrümpeln, die schon seit Jahrzehnten Schränke, Schubladen, Regale und Kommoden füllen.

Und so beginne ich an einem trüben, verregneten Tag mit der großen Aufräumaktion, wohl wissend, dass mentale Stärke nötig sein würde, um von den vielen Erinnerungsstücken Abschied zu nehmen und sie für immer loszulassen.

Erstmal weg mit den müffelnden alten Regenmänteln im grellen Gelb der achtziger Jahre, auf nordfriesischen Inseln getragen. Weg mit den Sixties-Kleidern, den Motivsocken von vorgestern und den verstaubten Kästen mit Dias vom Gardasee, in die niemals mehr jemand einen Blick geworfen hat und werfen wird. Weg mit all den gesammelten „Schöner Wohnen“-Heften, den Schachteln voller Legosteinen und Barbiepuppen ohne Arme und Beine, den unzähligen Porzellanbechern mit Hunde- und Katzensprüchen und dem hohen Stapel von ausgeschnittenen Zeitungsartikeln.

Dann stoße ich mitten in diesem Chaos auf wundersame Fundstücke und auf lange schon vermisste Glücksgegenstände. So taucht in einer Toilettentasche, zwischen Plastik-Lockenwicklern und Cremetuben mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, der seit Jahren gesuchte goldene Ring mit den drei Opalen auf, den die Urgroßmutter ihrer Urenkelin vererbt hat. Der verschollene wertvolle Montblanc-Füllfederhalter liegt neben abgenutzten Malstiften in einem Mäppchen, und der verloren geglaubte Ersatzschlüssel für die Garage findet sich in einem Sammelsurium ausgemusterter und verrosteter Kleinteile wieder.

Aus einer Schublade bringe ich den ziemlich ramponierten „Gumbo“ zum Vorschein, einen mit Watte ausgestopften orangefarbenen Bären, den das Schulkind in der ersten Klasse gestrickt und ihm diesen Namen gegeben hat. Das Kind, längst erwachsen, wird einige Tage später das zerfledderte kleine Tier mit einem Lächeln von Rührung und Wehmut in die Hand nehmen.

In einer Ecke im Schrank – ein zweispältiger Fund – liegen das Tagebuch und die Feldpostbriefe meines Vaters aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, gebündelt und mit einer Schleife versehen. 1914 meldete sich mein Vater, damals 17-jährig, als Grenadier freiwillig an die Front. Seine unzähligen Briefe, die er an Eltern und Geschwister schrieb, waren, zumal in seiner ersten Kasernenzeit, geprägt von Parolen wie: Kameradschaft, Nationalstolz und Vaterlandsliebe. 1918, im letzten Kriegsjahr, kam öfter das Wort „Heimweh“ vor. So heißt es in einem seiner Briefe aus Flandern und Verdun: „Es wird eine baldige Offensive geben, ich höre ständigen Kanonendonner und ich habe Angst. Ach, wäre ich lieber bei euch.“

Neben den Briefen findet sich ein alter Kompass, seine uralte Brille und die zerbeulten „Lebensretter“ Löffel und Gabel – ein Essbesteck aus Blech, das er zufällig bei sich trug und das die Kugel abfing, die ihm gegolten hatte.

Im Zweiten Weltkrieg war mein Vater erst Leutnant, dann Oberleutnant, später Hauptmann und schließlich kommissarischer Major. Er war 1942 im besetzten Frankreich stationiert, in seinem Tagebuch ist von Paris, Reims und Lyon die Rede. Ende 1942 kam er an die Front nach Russland, nach Charkow. In seinem letzten Brief berichtet er von seiner Verwundung und dass er auf dem Weg zurück in die Heimat sei. Er besaß sein eigenes Pferd und einen „Burschen“, der ihm beim Ankleiden half und dem An- und Ausziehen der Stiefel. Die Antwortbriefe meiner Mutter zeigen zuweilen eine unleserliche, verlaufene Schrift, mag sein, dass Tränen über das Papier geflossen sind. In seinem Tagebuch thematisierte er immer wieder die Unterschiede zwischen einer „gesunden“ Vaterlandsliebe, wie er sie verstand, und einem „kranken“ Nationalsozialismus, der die Verbrechen der Nazis miteinbezog, die ihn lange noch beschäftigten und verstörten. Nach dem Krieg wurde ihm sein Beamtenstatus aberkannt. Er machte einen Abschluss als Rechtspfleger und arbeitete danach beim Amtsgericht in Frankfurt.

Eine andere Schublade, ein anderes Schicksal. Babette Mentz, die Tante einer Tante, und was von ihrem Leben übrig blieb, liegt in einer Schachtel: eine alte, abgegriffene Tasche, zwei Rosenkränze, ein Foto von ihr im Holzrahmen und das Bundesverdienstkreuz, für 50 Jahre treuer Dienste bei ihrem Arbeitgeber. Als man ihr bei einer kleinen Feier jene Urkunde überreichte, fühlte sie sich unbehaglich, weil sie es nicht gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen.

Ich kenne ihre Geschichte, man hat sie mir oft erzählt. Sie stammte aus ärmlichen Verhältnissen in der Pfalz und war ein halbes Jahrhundert lang als Dienstmädchen in „Stellung“ bei einer großbürgerlichen Familie mit drei Töchtern in Speyer. Der gestrenge „gnädige Herr“ war ein Oberstudienrat, und die „gnädige Frau“ nannte nie ihren Namen, sondern sagte „Mädel“ zu ihr, kurz und scharf wie ein Peitschenschlag. Sie hatte ihre Kammer im Dachgeschoss, und bis zuletzt musste sie allein in der Küche ihre Mahlzeiten einnehmen, nie am Tisch ihrer „Herrschaft“, die sie nur zu bedienen hatte.

Sie war für die Wäsche zuständig, war Büglerin, Köchin, Kindermädchen, Putzfrau und Familienhelferin. Sie war einfach alles. Ihre Höhepunkte waren die sonntäglichen Kirchgänge in den Dom und die Reisen an die Ostsee, wo die Familie ein Ferienhaus besaß. Sie war nie verheiratet, und als das „Mädel“ für die tägliche Arbeit zu alt geworden war, nahm eine Nichte sie auf und Babette brachte ihre Ersparnisse mit. Es waren genau 18 000 Mark.

Wenn ich mir heute ihr Leben vorstelle, ihren harten Alltag, sie selbst als eine einfache, bescheidene Frau mit müden Augen und schlurfenden Schritten, in einer geblümten Trevira-Kittelschürze, den Rücken krumm vom schweren Wuchten der Teppiche auf die Stange im Hof, mit rauen, roten, zerfurchten Händen vom heißen Putzwasser und dem ewigen Spülen, wenn ich an die wenigen freien Stunden denke und an den kargen Lohn, dann überfällt mich Traurigkeit, aber auch Wut und Verbitterung über die sozialen Verhältnisse jener Zeit, über die Ungerechtigkeit, die Ausbeutung von Frauen. Eine Interessensvertretung für Dienstboten, für Hausmädchen, oder gar eine Gewerkschaft. Damals undenkbar!

Weitere Fundstücke tauchen auf. Zwei alte Poesiealben, eines mit roséfarbenem Samt bezogen und mit goldener Metallschließe versehen. Der Eintrag auf dem vorderen vergilbten Blatt des anderen Buches besagt, dass eine Erna es ihrer lieben Schwester Luisa vor mehr als 100 Jahren gewidmet hat.

Der erste Spruch, fein säuberlich in Schönschrift: „Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken, nur das eine Blümchen nicht, dieses heißt Vergissmeinnicht.“ Dazu hat Erna gepresste Blüten eingeklebt, die längst vergilbt und brüchig geworden sind.

Im Biedermeier ab 1815, als Dichtung und Sprache als Schatz galten, wurde aus dem Familienstammbuch das Poesiealbum. Ein schönes Buch, gefüllt mit Zitaten, Versen, Sinnsprüchen, Gedichten und manches Mal auch mit kitschigen Reimen, geschrieben von Freundinnen, Eltern, Geschwistern, Taufpaten, Lehrern oder Pfarrern und verziert mit eingeklebten Glanzbildern niedlicher Engel und Vögel. Manches Büchlein schmückten auch Zeichnungen, Scherenschnitte oder gar geopferte Haarlocken. Wo kann man in diesen Tagen die charmanten, nostalgischen Alben noch entdecken? In vergessenen Schubladen, bei Haushaltsauflösungen, auf Flohmärkten oder Auktionsbörsen im Internet.

Und noch einmal an diesem grauen Donnerstag fällt mein Blick auf einen Stapel Papier. Weihnachtsbriefe, Notizen und Aufzeichnungen eines Schweizer Onkels meines verstorbenen Mannes. Ich erinnere mich deutlich an ihn. Er war schon ein Bio- und Ökojünger, als sich die Grünen hier in Deutschland noch gar nicht erfunden hatten. Er lebte nach den Gesetzen der Reformer des berühmten Monte Verita im Tessin, einer alternativen Bewegung von Pazifistinnen, Künstlern, Schriftstellerinnen und Freigeistern.

Peter hieß er und wohnte mit Frau und Kindern in seinem eigenhändig erbauten „Hüsli“ in Bassersdorf bei Zürich. Als wir ihn einmal dort besuchten, waren wir irritiert, dass es nur Rohkost zu essen gab und nachmittags die ganze Familie splitternackt in ihrem verwunschenen Garten herumsprang. Sein Geld verdiente er bei der Swissair. Dort war er für die Sicherheit der Flugzeuge zuständig, aber einen Großteil seines Geldes steckte er in soziale Projekte in Afrika, wohin er auch mehrmals im Jahr flog, um sich um den Bau eines Brunnens zu kümmern oder den Grundstein für eine Schule zu legen.

Bei seinen Zwischenlandungen in Frankfurt übernachtete er bei uns und erzählte Geschichten. Es amüsierte ihn, dass er mit seinem langen Bart, seiner braunen Kutte und den Sandalen oft für einen Bettelmönch gehalten wurde und Geldstücke zugesteckt bekam. Dann verbeugte er sich und murmelte „Merci“.

„Kätherli“ hieß seine Frau, von ihr schwärmte er, verehrte sie, widmete ihr Gedichte, komponierte Lieder für sie und schickte uns gemalte Porträts und Fotografien von ihr. Lichtreflexe fallen auf ihr blondes Haar, sie hat den Kopf leicht gebeugt, in der Hand hält sie ein Buch. Sie sieht aus wie auf einem holländischen Gemälde. Umso überraschter und erstaunter waren wir, als er uns eines Tages ohne nähere Erklärung seine Scheidung mitteilte.

Es dämmert schon, als ich einen großen gefüllten Sack zur Entsorgung bereitstelle, die Fundstücke und die Erinnerungen aber wie Kostbarkeiten sorgsam in drei Kisten verpacke. Sie sind viel zu schade zum Wegwerfen. Möge jemand anderes irgendwann diese Schätze wieder neu entdecken und ans Tageslicht bringen.

Mit zwiespältigen Gefühlen betrachtet: Der Vater in Uniform.
Mit zwiespältigen Gefühlen betrachtet: Der Vater in Uniform. © Christa Rosenberger
Zwei Poesiealben, reich gefüllt mit blumigen Worten, in weiches Samt gehüllt.
Zwei Poesiealben, reich gefüllt mit blumigen Worten, in weiches Samt gehüllt. © Christa Rosenberger
Tante Babettes schmale Habe: zwei Rosenkränze, ein Bundesverdienstkreuz.
Tante Babettes schmale Habe: zwei Rosenkränze, ein Bundesverdienstkreuz. © Christa Rosenberger
Bärchen „Gumbo“ nähte das Kind einst in der Schule.
Bärchen „Gumbo“ nähte das Kind einst in der Schule. © Christa Rosenberger

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