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Das Anti-Goldkehlchen

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Von: Thomas Roser

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Wie die serbische Sängerin Konstrakta schon vor dem Eurovision Song Contest Aufsehen erregt

Noch vor zwei Monaten war Ana Djuric außerhalb Serbiens allenfalls bei Fans der alternativen Musikszene in den Staaten der sogenannten Jugosphäre bekannt. Nun wird die 43-Jährige, die sich „Konstrakta“ nennt, nicht nur in den ex-jugoslawischen Staaten als „Serbiens Lady Gaga“ gefeiert: Die Zahl der Youtube-Klicks aus Serbien für ihren Eurovision-Beitrag „In Corpore Sano“ liegt inzwischen bei mehr als 16 Millionen – hat also in wenigen Wochen die Bevölkerungszahl des Landes um mehr als das Doppelte übertroffen.

Eigentlich hatte sich die frühere Sängerin von Belgrader Indiepop-Bands wie „MistakeMistake“ oder „Zemlja Gruva“ von ihrem Auftritt bei der serbischen Vorausscheidung für das Eurovison-Songfestival in Turin nur etwas Werbung für ihr neues „Triptih“-(Triptychon)-Video erhofft: Die aus drei Songs bestehende Filmperformance nimmt hintergründig soziale Normen wie das Ideal der ewigen Jugend, das Tabu des Alterns, den Schönheits- und Gesundheitswahn oder die Hatz nach Geld, Macht und Prestige aufs Korn.

Als „Lied, das nicht geschrieben wurde, um dem Eurovisionspublikum zu gefallen“ umschreibt die Belgrader Zeitung „Danas“ den Beitrag „In Corpore Sano“. Bei der serbischen Vorentscheidung im März wurde Konstraktas Lied, das vom Sprechgesang lebt, überraschenderweise sowohl von der Fachjury als auch dem Publikum einstimmig zum klaren Sieger gekürt.

Kein Balkan-Goldkehlchen, das im Kleidchen Liebesschnulzen trällert, sondern eine Architektin und Mutter mit tiefsinnigen, von ihr selbst verfassten Botschaften: Statt mit wiegenden Hüften im Schwesternkostüm fragt sich Konstrakta im Sitzen und in weißer Mediziner-Kleidung, was das „Geheimnis hinter dem gesunden Haar von Meghan Markle“ sei.

In einem Waschzuber ihre Hände waschend philosophiert die Sängerin mit dem Handtuch über der Schulter über den Zusammenhang zwischen dunklen Augenringen und Leberproblemen. Gott habe ihr die Gesundheit gegeben, „aber ich habe keine Krankenversicherung“, so Konstrakta, die über kranke, traurige und verzweifelte Seelen in gesunden Körpern singt.

Lied über verzweifelte Seelen

Der hypnotische Refrain „die Künstlerin muss gesund sein, gesund sein, gesund sein,“ scheint zu Corona-Zeiten zumindest das Lebensgefühl ihrer Landsleute zu treffen. Doch so richtig vermag sich die Sängerin und Komponistin ihren ebenso plötzlichen wie späten Karriererfolg auch nicht zu erklären. „Bild und Ton“ hätten beim Belgrader Eurovision-Vorentscheid einfach gepasst: „Im Publikum machte es klick und danach ging es von alleine.“

Die ausführlichen, in der Presse der Region veröffentlichten Analysen ihrer Texte übertrifft deren Länge mittlerweile bei Weitem. Manche Musikkritiker:innen fühlen sich bei ihrer Handwasch-Performance an Balkan-Politiker erinnert, die ihre Hände gerne in Unschuld waschen. Andere wittern in ihrem Song eine harsche Kritik an den Zuständen des Gesundheitssystems, an der „kranken“ Gesellschaft oder an der schlechten sozialen Absicherung freier Künstler. Die Texte ihrer Lieder hätten „viele Schichten“ und „eine Million Unterthemen“, sagt die Sängerin selbst: „Jeder sollte sich selbst auswählen, was er heraushören mag.“

Ihre überraschende Kür zu Serbiens Eurovisionshoffnungsträgerin hat der Interpretin in den letzten Wochen umjubelte Auslandsauftritte von Israel bis Kroatien beschwert. Heimische Buchmacher schreiben Konstrakta hinter den Favoriten aus der Ukraine und Italien mittlerweile gar wachsende Außenseiter-Chancen zu. Doch für einen Überraschungserfolg bei Europas Liederwettbewerb wirkt ihr Beitrag einfach zu unorthodox.

Konstrakta selbst scheint ohnehin keine Siegesambitionen zu hegen. Sie freut sich vor allem über ihren bisherigen Erfolg: „Das zeigt, dass es die Kapazität zum Hören gibt.“

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