Mediterranes Klima: Viele Russlanddeutsche lassen sich heute auf der Halbinsel Krim nieder.
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Mediterranes Klima: Viele Russlanddeutsche lassen sich heute auf der Halbinsel Krim nieder.

Migration

Darum zieht es Russlanddeutsche zurück

Hunderte von russlanddeutschen Familien kehren nach Jahrzehnten in Deutschland nach Russland zurück. Sie fürchten sich vor Flüchtlingen und dem Verlust christlicher Werte.

Von Denis Dawydow und Stefan Scholl

Epp trinkt grünen Tee. „Als Helmut Kohl regierte, das war eine Superzeit, es gab die D-Mark, aber dann kam der Euro, sofort stiegen die Preise aufs Doppelte.“ Epp sitzt in einem tatarischen Café, hinter ihm schimmern die Dächer des krimtatarischen Khan-Palastes von Bachtschyssarai. „Und jetzt sind die Deutschen zu glutgläubig. Die haben eben nicht erlebt, was wir erlebt haben.“ Er legt die breite Stirn unter seiner etwas altmodischen Haartolle in Falten.

Igor Epp, 47, ist Russlanddeutscher, 1969 geboren in Kasachstan, 1994 mit Eltern und Geschwistern aus Kaliningrad nach Deutschland ausgewandert, dieses Jahr aber heimgekehrt. Auf die Krim, ausgerechnet auf die Krim, die Russland 2014 der Ukraine im Handstreich abgenommen hat, die die Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten gar nicht als russisch anerkennen. Aber viele der Russlanddeutschen, die jetzt aus dem deutschen Vaterland in die russische Heimat drängen, wollen auf die strittige, vom Westen mit Sanktionen belegte Schwarzmeerhalbinsel. „Kein Bombenanschlag, kein Schuss“, sagt Epp, „auf der Krim herrscht Stabilität.“

Es ist keine Lawine der Heimkehrer. Zwar betiteln russische Medien den Rückreiseverkehr gern als „massenhaft“. Dmitri Rempel, Chef der russlanddeutschen Migrantenpartei „Einheit“, behauptete Anfang des Jahres gar eine halbe Million seiner Landsleute wolle heimkehren – auf die Krim. Immerhin ein Drittel der Sowjetdeutschen, die seit Mitte der 1980er Jahre in die Bundesrepublik kamen. Viel realistischer klingt die Zahl, die Juri Hempel, der Vorsitzende des krimdeutschen Vereins „Wiedergeburt“ nennt: Er habe etwa 1500 Anfragen russlanddeutscher Familien erhalten, die gerne auf die Krim übersiedelten, wo vor der Deportation nach Zentralasien und Sibirien 1941 etwa 60 000 Deutschstämmige lebten. Davon kämen 1000 aus Zentralasien, 500 aus der Bundesrepublik.

Die Krim ist beliebt bei Russlanddeutschen, schon wegen ihres mediterranen Klimas. Aber auch an der Wolga und in Westsibirien gibt es inzwischen hunderte Heimkehrer aus Deutschland. Einzelfälle, die sich häufen.

Igor Epp arbeitete in Deutschland als Fabrikarbeiter, Fernfahrer und Schweißer, besaß eine Hebebühne, wo er Autos reparierte, eine Gaststätte mit Fremdenzimmer, ein eigenes Musikstudio. Er spielte Trompete, Schlagzeug und Gitarre, bei russlanddeutschen Hochzeiten machte er gleichzeitig den Tafelmajor und die Musik. Ein Alleskönner.

„Ich habe gut davon leben können“, sagt er, „Sozialhilfe brauchten wir nie“. Seiner Exfrau und seinen zwei Kindern hinterließ er in Crailsheim ein Einfamilienhaus.

Aufgewiegelt vom russischen Fernsehen

„Die Leute kommen wegen christlicher und Familienwerten, die in Deutschland verloren gehen“, sagt Juri Hempel. Die meisten Russlanddeutschen, mit denen er spreche, klagten über ihre Angst vor dem Flüchtlingsansturm und über Sexualunterricht in der Schule, der Schwulsein als normal verkaufe. Themen, die Russlands Staatsfernsehen seit Jahren lautstark dramatisiert. Und ein Großteil der Russlanddeutschen sieht auch in Deutschland russische Sender. „Dem deutschen Fernsehen glaube ich 10 Prozent“, sagt Pjotr Stark, der seinen echten Namen nicht veröffentlichen wollte und aus Rosenheim nach Simferopol umgezogen ist. „Dem russischen vielleicht 2 Prozent mehr“. Vielleicht gelten ja gerade diese 2 Prozent mehr dem Lieblingsthema der russischen Staatsmedien: Dem Untergang des christlichen Abendlandes durch zu viel Duldsamkeit gegenüber sexuelle Minderheiten und afro-arabische Migranten. Trotzdem sind die 2 Prozent weniger kein gutes Zeugnis für ARD und ZDF.

Epps Heimkehr begann mit einem Urlaub auf der Krim. 2008, die Halbinsel war ukrainisch und für Bundesbürger ohne Visa zu erreichen. Er fing an, Autos auf Einzelbestellung aus Deutschland herüberzufahren, lernte seine zweite Frau kennen, kaufte ein Haus. Aber den entscheidenden Anstoß, vom Pendler zum Heimkehrer zu werden, gab die Flüchtlingswelle: „Neujahr auf dem Kölner Domplatz, der Selbstmordattentäter in Ansbach, es fängt ja erst an.“ Vieles verschwiegen die deutschen Medien, Garageneinbrüche, Diebstähle bei alten Leuten in der Nachbarschaft.

„Offiziell sagt es niemand, aber alle wissen, dass das die Schwarzen waren“, sagt Igor Epp. Vorbei die Zeiten, da er in Deutschland nie die Tür seines Autos abschloss. „Diesen Flüchtlingsstrom hält keiner mehr auf.“ Die Deutschen begriffen nicht, was passiere. Erst seien die jungen Männer gekommen, bald folgten ihre Eltern und Familien, sie alle wollten Geld, die deutschen Steuerzahler müssten sich immer mehr verschulden.

Solche Geschichten hört man auch von Fernsehzuschauern in Russland, auch von Deutschen. Auf Pegida-Demos oder Facebook, unter Freunden, in Kneipen. Geschichten von Angst, einer Angst, die sich zwischen Kusbass und Kohlenpott ganz neue Mehrheiten sucht. Und man hört solche Geschichten auch von anderen Russlanddeutschen. Und Geschichten, davon, wie Kasachen oder Kirgisen sie nach dem Zerfall der Sowjetunion drangsalierten, sie nötigten, ihnen ihre Häuser dort unter Wert zu verkaufen. Oder die Geschichte, die Hempel als Schuljunge in Kasachstan erlebte, als junge Männer ein älteres russlanddeutsches Ehepaar, das Deutsch gesprochen hatte, „Faschisten“ schimpften und aus dem Bus warfen. „Hitlers Krieg gegen Russland hat die Sowjetdeutschen gezwungen, ihre Muttersprache zu vergessen.“ Für ein Bleiberecht in der Bundesrepublik aber müssten sie einen Deutschtest bestehen. „Von den Migranten heute fordert keiner, dass er einen Sprachtest besteht.“

Geschichten einer Volksgruppe, die unter Stalin fast komplett in Viehwagen landete, beim Zerfall der Sowjetunion noch einmal massenhaft ihre Lebensgrundlage verlor, eine Volksgruppe, die sich jetzt in Deutschland erneut fürchtet. „Das ist schlimm“, seufzt Epp, „du hast dir wieder etwas aufgebaut, ein Haus, eine Existenz, und dann musst du aus politischen Gründen weg.“

„Ich war mit Frau und Kindern zu einem Bummel im Zentrum“, auch Pjotr Stark spricht Deutsch, mit einem sehr bayrisch klingenden Akzent, „da waren fünf junge dunkelhäutige Männer. Sie haben meine drei Töchter angeschaut, aber ihre Blicke waren nicht kinderlieb. Ihre Blicke haben Angst gemacht.“

Die Angst vor den Fremden steckt tief

Man klagt nicht über konkret erlebte Gewalt durch die neuen Fremden, sondern über die Angst vor Ihnen. Aber diese Angst steckt schon sehr tief. Sie treibt immer mehr Deutsche in AfD-Ortsgruppen, die ersten Russlanddeutschen aber zurück in jene andere Heimat, in der die Qualität des Gesundheitswesens, der Berufs- und Hochschulausbildung oder des Leitungswasser eigentlich viel niedriger ist.

Moskauer Medien zitieren jetzt gern Russlanddeutsche, die sich beschweren, man habe sie in Deutschland immer nur „Russen“ genannt, gut bezahlte Jobs gäbe es dort nur für die Alteingesessenen. Auf dem russischen Debattenportal Repin.Info dagegen behauptet ein Russlanddeutscher, nur Faulenzer kehrten nach Russland zurück. Aber Pjotr Stark hat bei BMW in Rosenheim als Dreher gearbeitet, 2000 Euro netto verdient, in seiner neuen Heimat Simferopol wurde er Nachtwächter, dann Gabelstaplerfahrer, verdient 25 000 bis 30 000 Rubel, umgerechnet gut 400 Euro.

Stark und seine Frau Marina aber bereuen nicht. „In Deutschland kannst du gut leben“, sagt Marina, „solange du keine Kinder hast.“ Pjotr erzählt von den Mühen, in Rosenheim eine Wohnung zu finden. „Du bekommst eine Wohnung mit Hunden, mit Katzen, aber nicht mit Kindern“.

Die Starks klagen über Kika-Trickfilme mit Homosexuellen, über eine Sportlehrerin, die ihre Tochter nach einem Unfall, bei dem sie sich die Hand brach, alleine in die Klasse setzte, statt einen Arzt zu rufen. Und über eine ältere, alleinstehende Nachbarin, die sich wegen ihrer barfuß im Garten spielenden Kinder beim Jugendamt beschwerte. „Die Nachbarin stand offenbar auch hinter der anonymen Anzeige, ich hätte meine Frau zusammengeschlagen“, sagt der Russlanddeutsche. „Sie wollte uns rausekeln.“ Es ist ihr gelungen.

Igor Epp ist voller Pläne, will auf seinem Grundstück in Bachtschyssarai Gebäude für Fremdenzimmer und einen Swimmingpool bauen, er will wieder Musik machen und einen volksdeutschen Kulturverein eröffnen, überlegt, wo in Deutschland er bayrische Volkstrachten organisieren kann. Obwohl er in der Stadt bisher nur ein halbes Dutzend Volksdeutscher kennt.

„Ich will etwas tun, damit beide Völker sich besser verstehen.“ Völkerverständigung auf der Krim, eine schwierige Aufgabe, zur Zeit werden dort die Wohnungen renitenter Krimtataren durchsucht, tausende Krimtataren waren 2014 gegen Russland auf die Straße gegangen.

Die Starks aber schicken ihre Älteste in Simferopol auf eine deutsche Schule, die Kinder sollen die Sprache nicht vergessen, auch Englisch lernen, vielleicht wollen sie später ja einmal in Deutschland studieren. „Dort hat es mir gefallen,“, sagt Epp. „und hier gefällt es mir.“ Man hegt weiter Sympathien für Deutschland, aber man glaubt nicht mehr an eine deutsche Zukunft. Igor Epp will auch seine alte Mutter aus Neckarsulm auf die Krim holen. „In Deutschland wartet bestenfalls das Altersheim auf sie.“

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