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Panoramablick über die Stadt: Den Hype und den Vergleich mit Berlin haben sie nicht nötig, sagen die Leipziger. Dafür haben sie selbst genug zu bieten.

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Darum lebt es sich in Leipzig so gut

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Leipzig ist lebendig, wächst und platzt aus allen Nähten. Vor allem junge Leute kommen und bleiben. Sie leben und arbeiten in ehemaligen Fabriken oder Altbauten und helfen der Stadt damit, zu altem Glanz zurückzukehren.

Die Brauerei ist abgerissen, nichts ist übrig geblieben, nur ein heiße, staubige Fläche und ein Bauzaun drum herum. „Das ging ruckzuck“, sagt Sandra Hofmann. Sie steht neben dem Gemüseladen und blickt auf das sandige Nichts. Zwei Wochen Urlaub und als sie zurück war, war die Brauerei weg. Aber die alte Kammgarnspinnerei direkt daneben steht noch. „Gott sei Dank“, sagt Hofmann vergnügt.

Dort hat sie ihr Büro, ihre Firma, ihren Traum. Mit Katharina Gless. Zwei junge Frauen, 26 und 28 Jahre alt, die eine aus Leipzig, die andere aus Renneritz bei Bitterfeld. Sie studierten Medienkommunikation in Chemnitz, Halle und in Bamberg, sie fanden sich, sie machten ihren Abschluss – und dann?

Dann machten sie Pläne, weil nichts anderes da war. Sie hatten Ideen, sie landeten mit Glück und Zufall in der Erich-Zeigner-Allee 64a in Leipzig-Plagwitz, in ein paar Zimmern der riesigen leerstehenden Kammgarnspinnerei. Sie erfanden „Viertelrausch“, ihr zartes kleines Online-magazin, das „Leib- und Magending“, wie sie sagen, in dem Menschen aus Leipzig erzählen, wie es ihnen geht und was sie so denken. Keine Werbung, nur Menschen, die von sich berichten, Auskunft geben über den Zustand von Stadt und Welt. Schöne Texte, schöne Bilder. „Viertelrausch“ wird gern gelesen, so gern, dass jemand es ihnen für einen Haufen Geld abkaufen wollte. Aber ihr „Herzensprojekt“ verkaufen sie nicht. Um Geld zu verdienen, machen sie Bilderbücher von Hochzeiten, aufwendig, aber nicht aufdringlich, besondere Fotos und Zitate. Und sie helfen Firmen, sich darzustellen. All das funktioniert, sie sind im Geschäftsleben angekommen, sie können damit und davon leben.

Die alte Kammgarnspinnerei, ein grauer Kasten aus einer anderen Welt und Zeit, ist heute voll von Menschen, die etwas ausprobieren oder einer Idee hinterherlaufen: ein Wunschort für Grafiker, Softwareentwickler, Maler, Fotografen, Musiker, Architekten, Yogalehrer. Es ist Auferstehung in Ruinen, neues Leben, neue Arbeit, der Anfang von etwas anderem. Ein Spielfeld für Menschen mit mehr Fantasie als Kleingeld. „Leipzig wacht gerade auf“, sagt Katharina Gless und scheucht dabei eine verirrte Wespe aus dem Bürofenster.

Die alte Kammgarnspinnerei und die Brache daneben sind wohl typisch Leipzig: neue Arbeit, neues Leben. Wo die Brauerei stand, soll ein Kindergarten hin. Oder besser: muss ganz schnell dorthin.

Leipzig wächst und wächst. Es hat gut 580 000 Einwohner. Die Messestadt ist Nummer zehn in Deutschland, aber Leipzig gehört zu den Städten, die am schnellsten wachsen. 10 000 bis 15 000 Einwohner plus pro Jahr, heißt es im Rathaus. Zuzügler, seit 2014 mehr Geburten als Sterbefälle, es geht nur noch aufwärts. 2030 sollen es mindestens 680 000 Einwohner sein. Leipzig, obwohl großflächig, hat gerade Wachstumsschmerzen wie ein pubertierender Junge. Alles geht schneller, als jemals gedacht.

Was so etwas konkret heißt, konnte man vor ein paar Wochen in der Zeitung bestaunen. Ein Foto einer gewaltigen Menschenschlange in der Leipziger Südvorstadt. Hunderte junge Eltern mit ihren Kindern, auf dem Arm, im Buggy. Sie standen stundenlang an, in Dreierreihen, für einen von 165 Plätzen in der Kita „Tilj“.

„Wir wollen ja auch wachsen“, sagt Burkhard Jung, der SPD-Oberbürgermeister. „Aber im Moment geht es tatsächlich ein bisschen schnell.“ Jung, 59, sitzt in seinem Büro im Neuen Rathaus, es ist ein heißer Nachmittag, gleich kommen Leute vom Fußballverein RB Leipzig, der in der Bundesliga auch gerade durch die Decke geschossen ist. „Leipzig ist schon eine verdammt geile Stadt“, sagt Jung mehrmals und wirkt dabei, als könne er sein Glück nicht richtig fassen. „Eine richtig geile Stadt. Das können Sie ruhig genau so schreiben. Ja, geil.“

Er kennt es auch noch anders. Es gab eine Zeit, da warb die Stadt für sich: „Leipzig kommt!“ Das klang optimistisch und nach viel Elan, aber es stimmte nicht. Leipzig schrumpfte und wirkte eher verloren. Viele Leipziger suchten ihr Glück in Westdeutschland. Andere verließen die Stadt und zogen in Dörfer im Umland.

Seit 2006 ist Jung Oberbürgermeister. Damals lag die Arbeitslosigkeit bei 22 Prozent, die Einwohnerzahl bei knapp 500 000. Und heute? „Weniger als acht Prozent Arbeitslosigkeit, wir steuern auf 600 000 Einwohner zu.“ Jung hat in seiner Zeit als Beigeordneter für Jugend und Soziales 30 Schulen schließen müssen. In Leipzig wurde 8000 Wohnungen abgerissen, weil zu viel leer stand. Und heute? „Ich könnte sofort zehn Kitas mehr gebrauchen. 1500 Plätze wären gut.“

Leipzig hat Probleme, von denen schrumpfende Ruhrgebietsstädte gerne träumen würden. Die Leiden des Wachstums. Junge Leute ziehen in die Stadt, sie gründen Firmen, sie gründen Familien, sie brauchen Wohnraum. Von den Leipzigern, die 1989 die friedliche Revolution miterlebten und anschoben, ist heute nicht einmal mehr die Hälfte da.

Irgendwann kippte die Entwicklung, erzählt Jung. Mit der Ansiedlung von Großunternehmen wie BMW und Porsche oder DHL ebbte der Niedergang ab, die Verhältnisse drehten sich. „Die Leute gehen dahin, wo die Arbeit ist“, sagt der Rathauschef. „Oder sie bleiben dort.“ Und gleichzeitig war Leipzig plötzlich „angesagt“, weil was los war: die Uni mitten in der Stadt, Kneipen, Clubs, Musikszene und Theater, billige Mieten um fünf Euro, alles bezahlbar, entspannte Stimmung, gute Radwege, viel Grün und die neuen Seen am Stadtrand, wo einst Braunkohle gebaggert wurde und für eine Zeit lang staubige Mondlandschaften hinterließ.

Irgendwann begann es. Mehr Menschen aus dem sexy, aber armen Berlin zogen nach Leipzig als umgekehrt. „Hypezig“, hieß es plötzlich. Der Prenzlauer Berg in Berlin sei langweilig, teuer und verspießert. Die „New York Times“ schickte Reporter und die fanden, Leipzig sei „hipper“ als Berlin. Andere kamen und berichteten und behaupteten Berlin sei „over“. Das war die Hype-Zeit. Leipzig war plötzlich ein Versprechen, ein Magnet, anders und besser. Menschen kamen, bezogen leerstehende Häuser, gründeten kleine Firmen wie die Leute in der alten Kammgarnspinnerei in Plagwitz. Jung liebte solche Orte. „Das Leben kehrte zurück“, sagt er.

„Es lebt sich richtig gut in Leipzig“, findet Sandra Hofmann. „Die Wohnungen sind immer noch erschwinglich, es gibt viele Parks hier, die Stadt hat einfach die richtige Größe zum Leben.“ Und ist es das bessere Berlin? „Keine Ahnung. Ist mir zu plakativ.“

Besuch in Paunsdorf, am Ostrand Leipzigs, ein Gewerbegebiet, mitten drin ein riesiges Behördencenter, ein Erbe des ersten sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, der das Ding dort im Nirgendwo anlegen ließ. Leibniz-Institut für Länderkunde, Direktor Sebastian Lentz. Spätestens in drei Jahren, erzählt der Wissenschaftler, wolle man mit dem Institut zurück und mitten in der Stadt sein. „Dort, wo die Menschen sind.“ Er leitet ein interessantes Haus: Es erforscht Städte und Länder, reichert Karten mit Information an. Es macht die Welt begreifbar.

Lentz stammt aus Trier, er kam 2003 nach Leipzig. Der Geograf spricht über die Stadt und ihre Entwicklung, zu Anfang wie ein Wissenschaftler: Leipzig, das zu DDR-Zeiten implodierte, dann der Einwohnerverlust nach der Wende, der Exodus. Irgendwann wird er zum Schwärmer: „Welche deutsche Stadt hat solch einen Hauptbahnhof? Man kommt an und dann fällt man in eine Stadt voller junger Leute.“ Der Hype? „War unangenehm, aber ist vorbei. Das Hochschreiben und Hochreden. Das bessere Berlin. So ein Quatsch. Hat Leipzig nicht nötig.“

Tatsächlich findet Professor Lentz Leipzig einfach großartig. Es sei nämlich so: Junge Studierende kommen und bleiben. Sie seien die treibende Kraft der Stadt. Er kenne selbst genügend: Stadtplaner, die sich nach ihrem Abschluss selbstständig machten. Ambitionierte kleine Verlage, Schreibwerkstätten, interessante Musiklabels. Und plötzlich wieder „richtige Straßencafés“.

Leipzig biete „unglaublich gute Lebensbedingungen“, findet Lentz. Auch wenn sich die Mietpreise in den letzten 15 Jahren verdoppelt hätten, verglichen mit München, Berlin, Hamburg, Düsseldorf oder Stuttgart, sei das alles überhaupt nichts. „Zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter für eine Luxuswohnung? Wo gibt es denn so etwas? In Leipzig gibt es das, kein Problem.“ In Leipzig könne man auch noch prima mit dem Auto in die Innenstadt fahren, wen man wolle und dort einen Parkplatz finden. „Das versuche man mal in Köln! Nur Stau!“ Der „Luxus der Leere“, den er in den vergangenen Jahren in Leipzig erlebte, wenn er aus einer vergleichsweise leeren Stadt in einer ausgestorbenen S-Bahn zum manchmal menschenleer wirkenden Flughafen fuhr, wo er in nur 15 Minuten in einen Flieger einchecken konnte, das sei vorbei.

Lentz findet nicht, das Leipzig zu schnell oder ungesund wächst. „Es wächst in seine alten Kleider zurück“, meint er. Zurück zu alter Pracht und Größe. 1998 war der Tiefpunkt mit 437 000 Einwohnern. 1930 der Höhepunkt: Damals hatte die Stadt fast 719 000 Einwohner. „Dafür ist sie angelegt, dafür hat sie auch heute noch den Raum“, so der Wissenschaftler.

Alles hat seinen Preis. Auch das schnelle Wachsen. Leipzig kann nicht sparen, hat die geplante Schuldentilgung von 25 Millionen Euro pro Jahr erst einmal auf Eis gelegt, weil Geld für Schulen und Kitas her muss. Und für bezahlbaren Wohnraum.

Der Speckgürtel um die Stadt ist sehr eng geschnallt. Viele verdienen nicht viel Geld: Das verfügbare Einkommen privater Haushalte liegt im Schnitt bei 16 500 Euro pro Jahr je Einwohner. Ein Tausender weniger als in Dresden. Vor fünf Jahren fürchtete man noch, ein Viertel aller Leipziger Haushalte könne unter die Armutsgrenze abrutschen. „Wir haben BMW und Porsche und wir haben Amazon und DHL“, beschreibt es Oberbürgermeister Jung. „Arbeitsplätze für jeden.“

Fragt man den Wissenschaftler Lentz, was das Beste sei, das Leipzig in den vergangenen Jahren widerfuhr, dann spricht er auch über die Stadtpolitik, die nicht alles falsch gemacht habe. Vor allem aber über das Glück, als Leipzig mit seiner Olympiabewerbung für 2012 früh scheiterte, obwohl der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee im Bewerbungsverfahren Jurymitglieder zu Tränen rührte, als er Gänsehaut erzeugend „Dona nobis pacem“ auf dem Cello spielte. „Wenn das gekommen wäre, diese Großinvestitionen, diese Mega-Bauten, das hätte Leipzig umgebracht.“

Hat es aber nicht. „Es wäre schön, wenn Leipzig seinen Charme behalten könnte“, meint Katharina Gless, die Leipzigerin im „Viertelrausch“-Team. Was sie damit meint? „In Leipzig passiert einfach viel und viel Gutes“, findet sie. Und das möge bitte noch lange so bleiben.

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