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Touristen in Tschernobyl.
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Touristen in Tschernobyl.

Tourismusforscher

Dark Tourism an Schauplätzen des Schreckens: Gänsehaut inklusive

  • Regine Seipel
    VonRegine Seipel
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Schauplätze des Schreckens wie KZ-Gedenkstätten ziehen viele Menschen an. Ist das verwerflich? Tourismusforscher Albrecht Steinecke über die dunkle Seite des Reisens.

Herr Steinecke, immer mehr Menschen besichtigen Orte, die erschauern lassen. Was wollen Reisende an Schauplätzen des Leids?

Die Urlauber werden immer reiseerfahrener, auch international. Sie haben daher ein Bedürfnis nach Erlebnissen und Eindrücken jenseits der ausgetretenen Pfade. Sie suchen nach neuen ungewöhnlichen Sehenswürdigkeiten.

Sind Sensationsgier und morbide Lust das vorherrschende Motiv?

Das ist ein Vorurteil gegen diesen so genannten Dark Tourism. In einer Fülle von Studien ist längst klar geworden, dass Voyeurismus oder auch Schadenfreude eine zu vernachlässigende Rolle spielen. Man will vor allem einmal selbst an Orten stehen, an denen schreckliche Ereignisse passiert sind oder Menschen grausame Schicksale erlitten haben. Darüber hinaus geht es aber um Informationen über die Geschehnisse und um Gedenken an die Opfer, also durchaus seriöse Motive. Und es hat sich gezeigt, dass auch bei Menschen, die aus reiner Neugier kommen, eine Art Katharsis passiert, weil sie vor Ort von dem Leid berührt werden und diese dunklen Orte anders verlassen, als sie sie betreten haben.

Was bedeutet Dark Tourism, also dunkler Tourismus, genau?

Dieser Begriff umfasst alle Formen von dissonanten Sehenswürdigkeiten oder Reisearten, die nicht zum Standardrepertoire von Besichtigungszielen gehören. Im Wesentlichen gehören dazu KZ- und Genozid-Gedenkstätten, Friedhöfe, Gefängnisse, Schlachtfelder oder auch Schauplätze von Naturkatastrophen. Der Dark Tourism ist eigentlich Teil des Kulturtourismus, und da wie dort existiert eine ausgeprägte Hierarchie von Sehenswürdigkeiten. Besuchermagneten sind vor allem das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau mit 2,2 Millionen Besuchern jährlich, das Peace Memorial Museum in Hiroshima mit 1,5 und der Friedhof Père Lachaise in Paris mit 3,5 Millionen Besuchern.

Dark Tourism umfasst alle Formen von dissonanten Sehenswürdigkeiten

„Die Schrecken verfliegen“: Pompeji, vom Vulkanausbruch im Jahr 79 konserviert.

Der Katastrophentourismus zählt auch dazu. Tschernobyl entwickelt sich zum Beispiel zum gefragten Reiseziel. Geht es dabei auch um Abenteuerlust?

Am Anfang schon. Wir sprechen von einem Erinnerungslebenszyklus. Im Fall der Geisterstadt Prypjat kamen zunächst die Urban Explorers, also risikobereite Leute. In der Anfangsphase gibt es an solchen Orten zudem häufig spontane Trauer von Angehörigen, Freunden, dann entstehen Interessengruppen, die sich für eine Institutionalisierung des Gedenkens einsetzen, es werden Informationszentren und Erinnerungsstätten errichtet. Mit zunehmender Dauer verändern die Erinnerungsorte ihre Funktion. Die Schrecken verfliegen, wie man beispielsweise am Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald sehen kann. Es erinnert ja eigentlich an die Varusschlacht im römischen Reich, ist heute aber nur noch ein beliebtes Ausflugsziel.

Und Tschernobyl steht am Beginn dieser Entwicklung?

Ja, aber es werden bereits eine Fülle von Touren zu dem Gelände angeboten, und das wird noch zunehmen. Ich war selbst vor einigen Jahren da, es ist beeindruckend, eine tickende Zeitbombe. Bei vielen dunklen Orten liegen die Ereignisse hingegen schon lange zurück.

Dark Tourism ist kein neuzeitliches Phänomen. Wie sahen die historischen Formen aus?

Zu den Vorläufern gehören die römischen Gladiatorenkämpfe und öffentliche Hinrichtungen vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit, die ja oft Volksfestcharakter hatten. Und natürlich die Leichenschauhallen, allen voran La Morgue in Paris, wo Wasserleichen aus der Seine öffentlich präsentiert wurden, um die Identifikation zu ermöglichen. Sie wurde früh als Ziel in Reiseführern beschrieben und hat sich schon im 19. Jahrhundert zu einer touristischen Attraktion entwickelt.

„Wenn Leute zum Beispiel in Auschwitz Selfies machen, sind sicherlich Grenzen erreicht.“

Seit wann beschäftigt sich die Tourismusforschung mit dem Thema?

Das Phänomen gibt es schon sehr lange, aber es hat erst in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, weil immer mehr Urlauber solche Schauplätze besichtigen und sich teilweise auch die Orte selbst so positionieren, um damit Einnahmen zu erzielen, aber auch um politische und moralische Botschaften verkünden zu können.

Bei Stätten des Leids und Schreckens, wie insbesondere KZ-Gedenkstätten, stehen Erinnerung, Trauer und Aufklärung im Vordergrund, bei anderen wie etwa manchen Gefängnismuseen zählt eher der Gruselfaktor. Gibt es eine moralische Wertung der Ziele?

Für mich als Wissenschaftler nicht. Das sind unterschiedliche Kategorien in einem Dunkel-Hell-Spektrum. Interessant ist, dass sich mit zunehmender Dauer die Besucherstruktur ändert. Zu den ehemaligen Konzentrationslagern reisten zunächst überwiegend Überlebende und Angehörige der Opfer. Heute besichtigen Besucher diese Stätten oft ohne persönlichen Bezug, sondern aus historischem Interesse und um der Opfer zu gedenken. Und manchmal entstehen dann Verhaltensweisen, an denen zu Recht Anstoß genommen wird. Wenn Leute zum Beispiel auf den ikonenhaften Schienen in Auschwitz balancieren und Selfies machen, sind sicherlich Grenzen erreicht.

„Berührende Informationsvermittlung“: Touren in die Sperrzone von Tschernobyl.

Und wenn Menschen in Flutgebiete oder in von Erdbeben zerstörte Landstriche reisen?

Das erscheint auf den ersten Blick auch moralisch verwerflich, beispielsweise gab es nach den großen Überschwemmungen in New Orleans relativ früh Bustouren durch die zerstörten Stadtteile. Aber die wenigen Studien, die dieses Thema untersucht haben, ergaben, dass diese Gäste durchaus auch Mitleid oder Empathie empfanden und hinterher spendeten. Und nach dem Erdbeben im italienischen L’Aquila waren die Einwohner zwar zunächst entsetzt über die Katastrophentouristen, haben dann aber erkannt, dass diese auch Geld bringen und auf die Not aufmerksam machen. So entstand Druck auf politische Entscheidungsträger, den Wiederaufbau voranzutreiben. Der Katastrophentourismus ist aber ohnehin nur ein Randbereich des Dark Tourism.

Für weinende Touristen: Am Ground Zero in New York gibt es Taschentuchspender

Der Schwerpunkt sind Gedenk- und Erinnerungsstätten. Manche – wie etwa das 9/11-Memorial in New York – setzen stark auf dramatische Inszenierung. In New York gibt es sogar extra Taschentuchspender, weil man davon ausgeht, dass die Besucher weinen. Ist solche emotionale Ansprache sinnvoll?

Das ist eine ungeklärte Frage. Beispiele aus den USA, Mittel- und Osteuropa und Asien zeigen, dass die Verantwortlichen dort eher auf emotionale Überwältigung setzen. In deutschen Gedenkstätten steht hingegen die sachliche Information im Vordergrund.

Als touristische Ziele stehen die Orte des Schreckens gegenseitig in Konkurrenz. Führt das dazu, dass sich spektakuläre Präsentationen gegenseitig überbieten müssen?

Nein, es geht eher um die Frage, wie neue Kommunikations- und Informationstechniken genutzt werden sollten, um beispielsweise auch die Generation der Digital Natives anzusprechen, die ein Bedürfnis nach anschaulicher, lebendiger und berührender Informationsvermittlung haben. Wie weit man diesem entgegenkommt, ist eine Gratwanderung.

Besteht die Gefahr, dass mit zunehmendem Tourismus das Leid solcher dunklen Orte trivialisiert wird?

Das lässt sich nicht gänzlich verhindern. Die Verantwortlichen der Einrichtungen haben ja nur im Bereich der Erinnerungsstätten die Kontrolle. Auswüchse beispielsweise mit T-Shirt- und Souvenirverkauf und manchen Schrecklichkeiten siedeln sich eher im Umfeld an. Das kann man zum Beispiel in Alcatraz, der berühmten Gefängnisinsel in San Francisco, beobachten, wo an der Fisherman’s Wharf teils bizarre Souvenirs verkauft werden, obwohl am Ort selbst sachlich informiert wird. Unabhängig von Kitsch und Geschmacksdiskussionen muss man aber auch sehen, dass die meisten Menschen ein Bedürfnis haben, sich ein Erinnerungsstück mitzunehmen, wenn sie einen Ort besichtigt haben, deswegen werden diese Produkte ja angeboten.

„Eine Art Katharsis“: Plymouth, Karibikinsel Montserrat, 1997 vom Vulkanausbruch zerstört.

Dark Tourism: Der Markt wächst in Asien, Afrika und Südamerika

Auschwitz verzeichnet inzwischen mehr Besucher als Neuschwanstein. Und das Gedenken an den Atombombenabwurf hat sich in Hiroshima zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Wo sind die Grenzen der Vermarktung?

Die sind schwer zu ziehen. Wichtig ist, dass immer ein Rückbezug auf den Inhalt und die Opfer passiert. Aber Trivialisierungserscheinungen sind einfach nicht zu vermeiden, weil durch den touristischen Konsum vielerlei Begehrlichkeiten bei anderen Anbietern und Produzenten entstehen. Damit werden Arbeitsplätze geschaffen und Einnahmen erzeugt. Tourismus ist eben eine wichtige Wirtschaftsbranche.

Gilt das auch für den Slumtourismus, der bei Fernreisenden immer beliebter wird?

Er zählt zu den problematischen Formen des Dark Tourism. Der Markt wächst in Asien, Afrika und Südamerika, mit Obdachlosentouren teilweise auch in Europa, und ist sehr umstritten. Die Kernfrage ist, ob die lokale Bevölkerung profitiert oder nur Schauobjekt bleibt und das Geld an externe Unternehmen abfließt. Bisher kommen Studien speziell aus Südafrika zu dem Ergebnis, dass solche Angebote eher nicht den Menschen in den Townships zugute kommen. Sie haben gar nicht das nötige Knowhow und Kapital zur Organisation und Vermarktung der Touren.

Was zieht Touristinnen und Touristen in die Slums?

Einerseits wollen sie sich von Durchschnittstouristen unterscheiden, die nur die gängigen Sehenswürdigkeiten besichtigen, und fühlen sich deswegen gut. Andererseits wollen sie wirklich einen Eindruck der Lebensverhältnisse gewinnen, wobei es ja zur Konzeption der Touren gehört, dass eher positive Seiten wie etwa Sozialprojekte und Kindergärten gezeigt werden. Damit wird die prekäre Situation der Menschen oft nicht angemessen abgebildet.

Dark Tourism: Das Geschäft mit der Angstlust als kommerzieller Randbereich

Die Armut wird stattdessen in geschmacksverträglicher Dosis vorgeführt.

Ja. Aber die Frage, wer profitiert, ist ja ein Grundproblem des Tourismus.

Einige dunkle Orte entsprechen gar nicht mehr ihrer eigenen Geschichte, sondern werden nach ihrem medialen Bild wahrgenommen, das in Filmen, Serien oder Computerspielen geprägt wird. Wie ist das zu erklären?

Man spricht in diesen Fällen von hyperrealen Orten, an denen sich historisches Geschehen mit medialen Bildern mischt und eine Art neuer Realität entsteht. Da droht der authentische Charakter in den Hintergrund zu rücken. Ein extremes Beispiel ist das ehemalige jüdische Viertel in Krakau, in dem der Film „Schindlers Liste“ gedreht wurde. Der Wunsch, dieses Ghetto zu besuchen, hat einen Tourismus ausgelöst, durch den eine neojüdische Welt mit koscheren Restaurants, Klezmermusik und Museen entstanden ist, obwohl in dem Viertel gar nicht der authentische Standort des Ghettos war.

Albrecht Steinecke ist einer der bekanntesten deutschen Tourismusforscher. Er war langjähriger Geschäftsführer des Europäischen Tourismus Instituts GmbH (Trier) und später Hochschullehrer an der Universität Paderborn und hat mehrere Bücher zu Fragen der Tourismusforschung veröffentlicht. Anfang des Jahres erschien „Tourism NOW: Dark Tourism – Reisen zu Orten des Leids, des Schreckens und des Todes“ im UVK Verlag München.

Manchmal wird der Schrecken auch zum reinen Freizeitspaß. In Gruselerlebniswelten können Gäste den Kopf in die Guillotine stecken oder sich in Folterkammern herumtreiben. Was halten Sie davon?

Dieses Geschäft mit der Angstlust sehe ich als kommerziellen Randbereich. Bei vielen Anbietern gibt es – wenn auch vereinfacht – Bezüge zur Stadtgeschichte, manche Besucher sagen, dass sie trotz der rudimentären Informationen etwas gelernt haben. Man kann diese Angebote daher nicht nur als banale Attraktionen abtun. Aber ob sie überhaupt zum Dark Tourismus gehören, wird von einigen Kolleginnen und Kollegen bestritten.

Touristen tragen mit Dark Tourism zur Finanzierung historischer Einrichtungen bei

Vorstellbar sind noch schlimmere Szenarien. In Dystopien in Literatur und Film werden perverse Auswüchse des Dark Tourism bis hin zur Menschenjagd beschrieben. Beschäftigen Sie sich damit?

Solche Warnungen vor politischen, gesellschaftlichen oder ökologischen Fehlentwicklungen sind immer Mahnungen, es nicht so weit kommen zu lassen. Für die Tourismuswissenschaft ist das noch kein Thema. Dark Tourism steht derzeit vor anderen Herausforderungen.

Welche sind das?

Mancherorts tut sich die Tourismusbranche schwer, die tatsächlich existierenden dunklen Orte in ihr Produktspektrum zu integrieren. Dieses dissonante kulturelle Erbe scheint nicht zum angestrebten Image einer „heilen“ Urlaubswelt zu passen. Das ist ein zwiespältiges Thema, denn auch viele Verantwortliche von dunklen Orten stehen der touristischen Erschließung skeptisch gegenüber, weil sie eine Trivialisierung befürchten. Zahlreiche dieser Besuchermagneten entwickelten sich, obwohl weder die Destinationen noch die Verantwortlichen in den Gedenkstätten dafür geworben haben. Touristen haben halt immer ein schlechtes Image. Trotzdem muss man zur Kenntnis nehmen, dass sie auch zur Finanzierung der Einrichtungen beitragen.

Dark Tourism: Wichtig, unterschiedliche Sichtweisen von Interessengruppen darzustellen

Wie wird sich dieser Konflikt künftig lösen lassen?

Bei der Konzeption von Erinnerungsorten ist es wichtig, unterschiedliche Sichtweisen von Interessengruppen darzustellen und die Opfer und die Bevölkerung angemessen zu beteiligen. Wenn Orte ein Millionenpublikum anziehen, müssen außerdem immer auch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen mitberücksichtigt werden, also die Frage der Nachhaltigkeit, die für alle Bereiche der Tourismusbranche immer wichtiger wird.

Gehen Sie davon aus, dass Dark Tourism weiter zunehmen wird?

Es ist ja leider so, dass auf der Welt immer mehr Orte des Leids, des Schreckens und des Todes produziert werden: durch kriegerische Auseinandersetzungen, durch von Menschen verursachte Katastrophen und zerstörerische Naturereignisse. Und das sind alles neue potenzielle Ziele.

Das Interview führte Regine Seipel

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