Lobster Fishing, Rustico, PEI, Prince Edward IslanNicht nur im Alltag der Fischer – auch im Leben der Bewohnerinnen und Bewohner von Prince Edward Island sind die Krustentiere allgegenwärtig. dpa
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Lobster Fishing, Rustico, PEI, Prince Edward IslanNicht nur im Alltag der Fischer – auch im Leben der Bewohnerinnen und Bewohner von Prince Edward Island sind die Krustentiere allgegenwärtig.

Kanada

„Du darfst da draußen keinen Fehler machen“

  • vonUta-Caecilia Nabert
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Im Frühling und Herbst stechen die Fischer vor der kanadischen Prince Edward Island in See, um hoffentlich jede Menge Hummer zu fangen. Die teuren Delikatessen landen auch in deutschen Supermärkten.

Als Kathy MacKays Mutter ein kleines Mädchen war, galten Mitschüler, die Hummer in den Lunchboxen hatten, als die Ärmsten der Armen. Das waren Kinder von Fischern, die nichts anderes hatten. Heute, 60 Jahre später, gilt das Krustentier als teure Delikatesse – und ist nach wie vor allgegenwärtig im Alltag der Bewohner von Prince Edward Island in Kanada. An den Häfen stapeln sich die Hummerreusen, die Boote im Wasser warten auf den Beginn der Saison, und wenn es wieder soweit ist, kennt jeder jemanden, der jemanden kennt, der fischt. Dann kommt Hummer auf den Tisch.

„Er ist ein typisches Gericht zum Muttertag“, sagt Kathy, die selbst auf der Insel aufgewachsen ist und einen Bauernhof betreibt. Eben haben ihre Enkel gemeinsam mit Vater Tony 46 Hummer nach Hause gebracht. Die Kinder schreien, der Jüngste weigert sich zuzusehen, wie der Vater sie in einen Topf voll kochenden Wassers wirft. Die Tiere klappen ihre Scheren auf und zu. Ruhig, langsam, mechanisch. Sie bekommen von der ganzen Aufregung nichts mit. Noch sind sie schwarz-gelb-braun gesprenkelt - in 20 Minuten sind sie rot. Und tot. „Wenn sich die Scheren leicht vom Körper abziehen lassen, sind sie gar.“

Früher galten die Hummer als Arme-Leute-Essen.  

Der Hummer von Prince Edward Island geht hinaus in die ganze Welt, unter anderem auch zu Lidl, Carrefour und Intermarché nach Europa. „Kanada ist der größte Hummerlieferant“, sagt Francis Morrissey, Generaldirektor einer der 16 Hummerverarbeiter auf der Insel. 3,6 Millionen Kilo Hummer, das sind rund zwölf Millionen Tiere, verschifft seine Royal Star Foods Limited jährlich. Die Arbeiter hier kennen gleich drei Methoden, die Schalentiere zu töten: Sie werfen sie entweder in siedendes Wasser, in Eiswasser, in denen die Tiere langsam erfrieren, oder sie versetzen ihnen einen Stromschlag. „Wie wir die Hummer umbringen, hängt vom Kunden ab. Er entscheidet“, sagt Francis. Bisher seien es nur die Deutschen, die den Exitus per Elektroschock orderten. Das gehe am Schnellsten und erscheine ihnen daher als am Ethischsten. Doch Francis ist sich sicher: „Hummer spüren keinen Schmerz. Wissenschaftler sagen, dass sie keine Nervenbahnen haben.“

1219 Hummerfischer gibt es auf Prince Edward Island. Es sind keine großen Flotten, sondern Fiberglasboote mit zwei bis vier Mann Besatzung – Typen mit Zigaretten im Mundwinkel, die Sätze sagen wie: „Ich bin auf dem Meer aufgewachsen, ich will auf dem Meer beerdigt werden.“ Das kommt manchmal vor. Noch heute, im 21. Jahrhundert, trotz GPS und Radar, sinken ihre Schiffe. Erst im vergangenen Jahr sind zwei Fischer in einem Sturm vor der Insel umgekommen. Einen von ihnen fand man später angespült am Strand, unweit der Royal Star Foods Limited.

An diesem Montagmorgen kurz nach Beginn der Fangsaison gibt es keinen Sturm. Die Fischer fahren hinaus auf’s Meer und das liegt kurz nach fünf Uhr glatt wie ein Spiegel da. Die Sonne, noch ist sie nicht zu sehen, lässt den Himmel rot erglühen und zerfließt auf dem Wasser. Gleich werden die Boote als schwarze Silhouetten gen Westen aufbrechen. An Bord: rund sieben Plastikboxen, jede vier Mal so groß wie ein Streusalzbehälter. Es braucht zwei Mann, um sie anzuheben – wenn sie leer sind. Wenn alles gut geht, werden sie am Mittag randvoll sein, gefüllt mit Krustentieren.

Maurice Gallant und sein Sohn John sind seit zwei Stunden wach. Von Müdigkeit zeigen sie jetzt keine Spur. Im Licht einer Neonröhre stehen sie auf dem Deck des noch ruhenden Schiffes und schneiden Fisch in Stücke, jede Menge Fisch – Hering, Makrele und andere Arten, die Hummern schmecken und sich als Köder in den Fallen verwenden lassen. Die Bewegungen der Männer sind schnell, sie bewegen sich im Takt des Offspring-Songs, der gerade im Radio läuft. Zwei Schnitte, Kopf und Schwanz fliegen ins Hafenbecken, die Filets landen in Wannen auf Eiswürfeln. Es riecht fischig-nass, der Atem der Männer steigt in kleinen Wolken in der kalten Morgenluft auf. Der Kapitän kommt im Schein der Flutlichter an Land den Steg entlang. Aus der Ferne gleicht er einem Lehrer: Brille, Schultertasche, Kaffeebecher. Kirk Simpson ist auf der Insel aufgewachsen und hat in den Ölfeldern des kanadischen Westens so viel Geld verdient, dass er sich irgendwann das Boot leisten konnte. Es verschaffte ihm die Möglichkeit, wenigstens im Sommer wieder auf der Insel zu arbeiten, mit und auf dem Meer zu sein.

Und dorthin geht es jetzt hinaus. Kirk grüßt kurz, stellt seinen Becher auf dem weißen Plastiktisch in der Kajüte ab, streift sich einen Gummioverall über. Kurz darauf ist die Radiomusik kaum noch zu hören. Der Schiffsmotor der „David K.“ springt an und wer sich jetzt noch mitteilen will, muss rufen. Die rot, gelb und grün gestrichenen Bootshäuser hinter den Flutlichtern am Kai werden kleiner.

Einbußen durch die Corona-Pandemie

Um den Bestand zu schonen , sind auf Prince Edward Island 1.219 Lizenzen im Umlauf. Nur wer eine solche besitzt, darf Hummer fischen. Dabei darf kein Fischer mehr als 300 Fallen benutzen. An der Nordküste der Insel darf nur von Mai bis Juni gefischt werden, an der Südküste von September bis November. Hummer, der vom Kopf bis zum Schwanzansatz kleiner als 73 Millimeter ist, oder Exemplare, die an der Unterseite kaviarähnliche Eier mit sich tragen, müssen zurück ins Meer geworfen werden.

Hummer sollten sich mindestens einmal fortgepflanzt haben, bevor sie gefangen werden. Grundsätzlich gilt, dass ohnehin nur fünf Prozent der Brut überlebt, aufgrund der rauen Bedingungen in der Natur. Ein durchschnittlicher Hummer ist rund sechs bis zehn Jahre alt, wenn er vor Prince Edward Island gefangen wird und wiegt im Durchschnitt 450 Gramm.
Autorin Uta Nabert begleitete die Fischer im Herbst 2019. Der Saisonstart im Mai musste wegen der Pandemie nun verschoben werden – mit zwei Wochen Verspätungging es kürzlich wieder los. Ian MacPherson, Geschäftsführer des Fischerverbandes Prince Edward Island (peifa): „Allerdings können wir die Saison nicht um zwei Wochen nach hinten ausdehnen, höchstens ein paar Tage.“ So geht den Fischern ein Teil des Fangs verloren.

Francis Morrissey, (Royal Star Foods) sagte: „Wir und andere Unternehmen beschäftigen unter anderem saisonale Gastarbeiter aus Übersee. Da diese in diesem Jahr nicht anreisen können, müssen wir die Produktion um bis zu 35 Prozent herunterfahren.“ Zu Beginn der Krise brach laut peifa der Export nach Asien ein. „Nun geht es wieder aufwärts, die Zahlen sind aber noch lange nicht auf Vorjahresniveau“, sagt Mac Pherson. (Nabert)

Es dauert eine halbe Stunde, bis der Kutter die ersten Fallen erreicht. In den vergangenen Wochen haben die Männer 300 Stück von ihnen an 50 Stellen vor der Küste versenkt. Jetzt werden sie sie wochenlang fast täglich abfahren, um ihre Beute einzuholen: Hummer, der hungrig zu den Ködern in die halbrunden Käfige gekrochen ist. Auch Maurice und John haben Hunger. Gerade gibt es nichts zu tun, also setzen sie sich an den Tisch und frühstücken Käsecracker in der Wärme der Kajüte.

Neben ihnen steht Kirk am Steuerrad und schaut auf einen Monitor, auf dem rote Punkte aufleuchten. Sie stellen die Fallen am Meeresgrund dar. Als der erste Punkt erreicht ist, drosselt der Kapitän den Motor; Maurice und John ziehen sich blaue, sehr dicke Gummihandschuhe über. Sie eilen aus der Kajüte, stellen sich an die Reling. Auf dem Wasser schwimmt eine pinkfarbene Boje. Auch Kirk verlässt jetzt seinen Posten, fischt die Boje aus dem Wasser, befestigt sie an einem Flaschenzug. Seile surren, dann poppt die erste Falle aus dem Wasser.

Der Fischer rückt sie auf der sehr breiten Bordwand zurecht, klappt sie auf und schiebt sie rüber zu John und Maurice. Die Männer ziehen eilig die alten Köder von den Spießen und stecken neue Fischstücke fest. Dann nehmen sie die ersten Hummer aus der Falle und halten sie an eine Schablone. Sind sie zu klein, fliegen sie über Bord, sind sie groß genug, landen sie mit einem Klacken auf dem Plastikboden einer Wanne. Die größten und schönsten Exemplare krabbeln bald darauf in einem Extrabottich. „Die gehen direkt in den nächsten Flieger“, ruft John. „In ein paar Tagen sind die in Japan.“

Die ganze Zeit über hat man das Gefühl, dass die drei es sehr eilig haben. Um sie herum geht friedlich die Sonne auf, die Sandsteinklippen der Insel beginnen zu leuchten. Auf dem Schiff jedoch herrscht fast schon Hektik. „Wir wollen fertig werden“, wird John später in einem ruhigen Moment sagen. „Wir müssen täglich 50 Bojen abklappern und jedes Mal sechs Reusen leeren. Wenn wir da nicht schnell sind, kommen wie nie heim.“ Ihr Ziel: Mehr „familytime“ am Tag. Der Feierabend beginnt um 14 Uhr.

Dabei bildet die Crew den perfekten Dreiklang. Jeder hat seinen Posten, die Handgriffe sitzen. „Du darfst da draußen keinen Fehler machen“, sagt Maurice. Am Abend werden die Männer hören, dass sich am gleichen Tag ein Seemann in den Seilen der Fallen verfangen hat und beinahe über Bord gegangen wäre. Für ihn ist die Saison gelaufen, er hat sich Bein und Knöchel gebrochen.

Kirk schmeißt den Motor wieder an, die nächste Boje wartet. Währenddessen macht sich John daran, die Chitin-Zangen der Hummer mit einer Metall-Zange zu bearbeiten: Er greift sich ein Gummiband, dehnt es und schiebt es den Tieren über die geschlossenen Klauen. „Wenn sie die gerade offen haben, hilft ein Trick“, sagt er und pustet. Tatsächlich schließen sie sich im Lufthauch wieder. Er hält jedes Tier von hinten am Rücken. Ihre Körper sind so groß wie seine Hand, hinzu kommen die gewaltigen Klauen. In Zeitlupe öffnen sich die Zangen und schließen sich wieder. Die Tiere schnappen nach nichts Bestimmtem, sie schnappen einfach. Aufpassen ist angesagt, damit der Finger nicht hineingerät, denn: „Die größeren Exemplare können einen erwachsenen Mann zum Weinen bringen“, sagt Maurice.

Meist versenken die Männer die Fallen wieder an Ort und Stelle. Manchmal aber nehmen sie sie ein Stück weit mit und werfen sie woanders über Bord. Bis zum Ende der Saison werden sie genau beobachten, wohin die Hummer wandern und ihnen folgen. „Ich schaue auf alles. Während der gesamten Tour messe ich die Wassertemperatur und habe die Windrichtung im Blick“, sagt Maurice. Beides beeinflusse die Marschrichtung der Tiere. Generell gelte: Je wärmer das Wasser im Frühling werde, desto näher kämen sie der Insel. „Sie folgen der Nahrung“, erklärt der Fischer in dritter Generation.

Heute ist der Hummer eine echte Delikatesse.

In den ersten sechs Fallen befinden sich an diesem Morgen 35 Hummer. „Das ist nicht schlecht, aber sollte besser werden“, sagt Maurice. Generell gelte, dass zu Beginn der Saison die Beute größer ausfällt als zu ihrem Ende. An diesem Montag fangen die drei Männer 590 Kilo. Elf Stück verkaufen sie den Passagieren für 50 kanadische Dollar - etwa 33 Euro. Den Rest bringt Kirk zum Händler. Wieviel er dafür bekommt – acht Euro beziehungsweise 8,90 Euro pro Kilo, je nach Größe der Tiere – wird er erst eine Woche später erfahren. „Die Händler warten immer erstmal den Start der Saison ab, bevor sie den Preis festsetzten“, sagt er. „Ist die Ausbeute ergiebig, sinkt er.“

Der 51-Jährige und viele seiner Kollegen wundern sich immer wieder darüber, wie aus einem Ausgangspreis von acht bis neun Euro die horrenden Preise entstehen können, zu denen Hummer oft in Supermärkten und Restaurants angeboten wird. Sie haben das Gefühl, nur ein sehr kleines Stück vom Kuchen abzubekommen. Francis von der Royal Star Foods Limited rät solchen Kollegen: „Schließt euch zusammen und bestimmt auf diese Weise den Preis – so wie wir es hier im Westen der Insel tun.“ Bei seinem Unternehmen handelt es sich nämlich nach seinen Worten um eine Kooperative, der rund 200 Fischer angehören. Seit 1924. „Machen wir Gewinn, geben wir ihn an unsere Mitglieder weiter.“ Dennoch kann auch Francis nicht jeden Preis am Markt erzielen. „Wenn wir den Händlern zu teuer sind, gehen sie eben nach Asien und kaufen Shrimps ein.“

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