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Cher bei der Premiere von "Burlesque" in London.

Cher im Interview

"... dann nennen sie dich Bitch!"

Hollywoods Unverwüstliche ist zurück im Kino: Cher über ihren Hang zu Maskerade und ungeschminkter Offenheit – und über ihren Mangel an Selbstbewusstsein

Hollywoods Unverwüstliche ist zurück im Kino: Cher über ihren Hang zu Maskerade und ungeschminkter Offenheit – und über ihren Mangel an Selbstbewusstsein

Cher, können Sie diese skurrile Anekdote vielleicht selbst aufklären, die gerade kursiert: Hat Christina Aguilera Ihr Badewasser nun ausgetrunken oder nicht?

(Lacht) Nein, natürlich nicht. Das war ja als Witz gemeint. Aber die Geste hat mich dann doch gerührt. Christina hatte mir bei unserem ersten Zusammentreffen gestanden, dass sie ein großer Fan von mir ist und jederzeit mein Badewasser austrinken würde.

Und wessen Badewasser würden Sie trinken?

Ich trinke kein Badewasser. Aber natürlich habe auch ich mich immer an großen und starken Frauen orientiert. Ob das nun Judy Garland war, Barbara Stanwyck, Mae West, Audrey Hepburn, Sandra Dee – oder meine Mutter. Als Teenager stand ich außerdem auf Ray Charles – und natürlich auf Elvis. Mein erstes Konzert, zu dem mich meine Mutter mitgenommen hat – da war ich gerade einmal elf Jahre alt – war ein Elvis-Konzert. Er trug diesen goldenen Anzug. Absolut atemberaubend. Ich habe mir damals wie alle anderen Girls die Lunge aus dem Leib gebrüllt.

Elvis ist am Ende seiner Karriere fast zu seiner eigenen Karikatur geworden. Sie hingegen behaupten sich schon seit 45 Jahren ziemlich cool im Showgeschäft…

...und ich habe alle Höhen und Tiefen des Gewerbes hautnah miterlebt. Ich bin anscheinend nicht totzukriegen. Wahrscheinlich stimmt der schreckliche Witz über mich doch.

Welchen meinen Sie?

Frage: Wer überlebt den nächsten Atomkrieg? Antwort: Kakerlaken und Cher!

The Show must go on. Oder in Ihrem Fall wohl eher The beat must go on…

Ja, das könnte durchaus mein Motto sein (lacht). Manchmal frage ich mich schon, woher ich die Energie dazu nehme, immer weiter zu machen. Es stimmt schon, dass ich meist sehr stark bin und jede Menge Power habe, doch gleichzeitig habe ich auch eine sehr anfällige Gesundheit. Deshalb muss ich sehr aufpassen, dass ich nicht wie eine Kerze, die an zwei Enden angezündet ist, verbrenne. Es ist eine seltsame Kombination von verschiedenen Dingen, die mein Herz antreiben. Oft fühle ich mich aber auch ausgepowert.

Und wie laden Sie dann Ihre Batterien wieder auf?

Im besten Fall durch meine Arbeit. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und zu singen, wie ich es, zum Beispiel, seit drei Jahren fast täglich im Caesar’s Palace in Las Vegas mache. Ich bin jedes Mal überglücklich, wenn ich meinen Mund zum Singen öffne und es kommt dabei Musik heraus. Das gibt mir unendlich viel Lebensfreude und Kraft. Oder auch bei so einem außergewöhnlichen Musical wie „Burlesque“ vor der Kamera alles geben zu können. „Burlesque“ war wirklich ein Glücksfall, weil ich es da ausnahmslos mit ganz wunderbaren Kollegen zu tun hatte. Ich habe während der Arbeit an diesem Film auch wieder eine Liebe zur Schauspielerei entdeckt, die mir in den letzten Jahren abhanden gekommen war. Ich werde diesem Aspekt meiner Karriere nun wieder etwas mehr Aufmerksamkeit widmen. Zumal Ende Februar mein Las Vegas-Engagement zu Ende geht.

Sie haben lange gezögert, bevor Sie bei „Burlesque“ mitmachten. Gehört das zu einem Superstar dazu – sich auf Knien bitten zu lassen?

Nein, solche Machtspielchen sind mir fremd. Da gab es andere Gründe. Zum einen ist es schon über zehn Jahre her gewesen, dass ich in einem Film eine Hauptrolle gespielt hatte. Und zum anderen fand ich anfangs meine Rolle auch zu flach, zu eindimensional. Einfach die Besitzerin eines heruntergekommenen Revuetheaters zu spielen, das war mir zu wenig. Aber da Regisseur Steven Antin mich unbedingt dabeihaben wollte, erlaubte er mir, das Drehbuch etwas zu verändern und meiner Figur mehr Tiefgang zu geben. Außerdem hatte ich in der neuen Version auch die Gelegenheit zu singen. Das gab dann letztlich den Ausschlag. Und man darf auch nicht vergessen: Ich bin immerhin mehr als doppelt so alt wie alle meine weiblichen Co-Stars – Christina Aguilera eingeschlossen.

Das war tatsächlich ein Problem für Sie?

Machen wir uns doch nichts vor! In Hollywood bist du als Frau über 60 doch meistens gar nicht mehr existent. Für mich selber war der Altersunterschied kein Problem. Und für Christina auch nicht. Sie hatte genug damit zu tun, ihren Part zu erfüllen; immerhin war es ihr erster Film. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, wo wir konnten. Da gab es kein Diva-Gehabe, kein Gerangel, wer von uns mehr Nahaufnahmen bekommt oder Ähnliches. Im Gegenteil. Ich habe sie sogar unter meine Fittische genommen. Als sie ans Set kam, habe ich sie mit genau den Worten begrüßt, mit denen mich vor vielen Jahren Meryl Streep bei meinem ersten Drehtag zu „Silkwood“ begrüßt hat, nämlich: „Herzlich willkommen! Es ist so gut, dass du da bist!“

„Wenn man im Show-Geschäft nett ist, dann treten sie dich in die Tonne.“ Und wenn man weiß…

…was man will und sich durchsetzt, dann nennen sie dich sofort eine „bitch“!“ Es ist zwar schon viele Jahre her, seit ich das gesagt habe – aber es gilt größtenteils leider immer noch. Das heißt, in Bezug auf mich stimmt das nicht mehr so ganz. Mittlerweile wissen die meisten Leute, die mit mir arbeiten, dass ich jemand bin, der sehr viel Team-Geist hat und nie nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Man darf mich nur nicht zu etwas zwingen, was ich nicht will. Denn ich weiß intuitiv immer sehr genau, was für mich gut ist und was nicht.

Was war denn zum Beispiel gut? Sich im Laufe der Jahre zu einer erotischen Kunstfigur stilisiert zu haben?

(Lacht) Darauf können Sie wetten! Dieser durchsichtige Fummel, die Lederstrapse, die Fischnetzstrümpfe, die Tattoos… das ist – oder besser war – eben meine Art, mich zu präsentieren. Kleidung als Ausdruck von Persönlichkeit. Und es hat mir natürlich einen Riesenspaß gemacht, mich bei öffentlichen Auftritten scharf und sexy anzuziehen. Macht es übrigens immer noch.

Alles nur Maskerade – oder steckt mehr dahinter?

Ich maskiere mich mit diesen Outfits – und entlarve mich natürlich gleichzeitig, allerdings unabsichtlich. Aber am meisten spiegle ich mich in dem wider, was ich künstlerisch tue. Die schrillen Klamotten sind ja nur die Oberfläche, der Zirkus-Aspekt meines Berufes. Ich könnte natürlich auch auf der Bühne stehen und meine Lieder in Jeans, Cowboystiefeln und T-Shirt singen – so laufe ich zu Hause die ganze Zeit herum –, aber ich glaube, dass alle Beteiligten mehr Spaß daran haben, wenn ich ein bisschen exaltierter auftrete. Ich will einen Event kreieren. Das ist Showbusiness.

Ist dieses Paradiesvogel-Gehabe nicht auch die Sehnsucht anders zu sein und trotzdem – oder gerade deshalb – bewundert zu werden?

Sicher will ich gefallen. Mit meinem Selbstbewusstsein ist es leider nicht sehr weit her. Paradoxerweise hat es mich aber nie sehr gekümmert, was die Leute von mir dachten. Ich hatte nämlich, so seltsam das auch klingen mag, schon immer das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Immerhin habe ich schon im zarten Alter von zwölf Jahren wie wild meine Unterschrift als Cher geübt. Ich wollte bereit sein, falls ich Autogramme geben sollte. Ich war schon Cher, bevor ich Cher war.

Sie sind – laut Forbes – nicht nur die erfolgreichste Entertainerin weltweit, Sie sind Oscar-, Emmy-, Grammy- und Golden- Globe-Preisträgerin, Stil-Ikone, Fashion-Trendsetterin, Las-Vegas-Showstar, Rock-Chamäleon – und trotzdem fühlen Sie sich nach wie vor als Außenseiterin. Wie geht das zusammen?

Das Gefühl habe ich tatsächlich immer noch. Und es rührt höchstwahrscheinlich daher, weil ich mich beruflich und auch privat sehr oft auf für mich neues und unbekanntes Terrain vorgewagt habe. Ich saß nicht selten zwischen allen Stühlen. Aber, ehrlich gesagt, fühlte ich mich in der Rolle des Outsiders auch ziemlich wohl. Dieses Anderssein bezog sich anfangs eigentlich nur auf meine Art und Weise, mich zu kleiden. Dann fand man meinen Hippie-Lebensstil in gewissen Kreisen als nicht angemessen. Dann wurde ich von Schauspielern und Regisseuren nicht für voll genommen. So nach dem Motto: „Was will die denn hier? Reicht es ihr nicht, diese Pop-Songs zu singen? Muss sie jetzt auch noch schauspielern?“ Und wenn ich nach dem Filmedrehen wieder mit dem Singen und Tanzen anfing, fühlte ich mich auf einmal auf der Bühne ziemlich deplatziert. Ich weiß noch gut wie fast ganz Hollywood die Nase rümpfte, als ich bei der Oscar-Verleihung 1986 über den roten Teppich ging. Ich war ihnen wohl – für eine seriöse Schauspielerin – nicht züchtig genug gekleidet, und hatte damals viel zu junge Boyfriends.


Stimmt es, dass Ihr Schauspiel-Kollege Jack Nicholson Sie nicht für „Die Hexen von Eastwick“ haben wollte, weil Sie ihm zu unsexy waren?

Das dachte ich anfangs auch, aber dann stellte sich heraus, dass Regisseur George Miller Jack vorschickte, weil er sich selbst nicht traute, mich nicht zu besetzen. Das hat mich furchtbar getroffen. Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Schließlich hat das Filmstudio dann Druck auf Miller ausgeübt, so dass er mich trotzdem nehmen musste. Aber diese beruflichen Querelen sind doch nichts gegen private Katastrophen.

Wie der Tod Ihres Ex-Ehemanns und Mentors Sonny Bono, der 1998 durch einen Ski-Unfall ums Leben kam.

Das war eine absolute Tragödie. Er war sicher der Mensch, der mich am meisten geprägt hat in meinem Leben. Und auch wenn wir in den letzten Jahren so eine Art Hassliebe zueinander hatten und nicht sehr viel miteinander geredet haben, war es ein unglaublicher Schock für mich, als er so aus dem Leben gerissen wurde. Als ich die Trauerrede für ihn gehalten habe, hat es mir fast das Herz zerrissen. Und was haben die Leute gesagt? Dass ich eine großartige Schauspielerin wäre, die eine Show abgeliefert hätte! Unglaublich.

Dabei hat Ihnen doch Ihre Freundin Meryl Streep schon vor Jahren attestiert, dass Sie „keinen falschen Knochen im Leib haben“ und folglich gar nicht heucheln können.

Ich habe tatsächlich eine Art Grundehrlichkeit in mir. Ich spüre meistens den innerlichen Drang, das zu sagen, was ich wirklich denke. Diese ungeschminkte Offenheit hat mich schon mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht. Aber es hat auch etwas Gutes: Die Leute wissen immer, woran sie bei mir sind.

Einer Ihrer Hits heißt „If I Could Turn Back Time“. Was wäre, wenn Sie tatsächlich die Zeit zurückdrehen könnten?

Ich würde sehr gerne noch einmal 40 sein. Das war die Zeit, in der ich am glücklichsten in meinem Leben war und am meisten Spaß hatte. Warum? Mein beiden Kinder lebten damals noch bei mir zu Hause, ich hatte einen fabelhaften Freund, den ich wie niemanden auf der Welt geliebt habe, habe drei Filme gemacht, die ich immer noch sehr schätze, nämlich „Mondsüchtig“, „Die Hexen von Eastwick“ und „Suspect – Unter Verdacht“. Und außerdem eines meiner Lieblingsalben, nämlich „Cher“. Damals lebte ich in New York. Es war eine unglaublich aufregende Zeit, der ich immer noch ein bisschen nachtrauere. Und wenn ich mir irgendeine Dekade aussuchen könnte, dann auf jeden Fall die 30er Jahre. Ich liebe die Atmosphäre, die diese Zeit ausstrahlt. Es war so eine sanfte, unschuldige Zeit – natürlich nicht politisch gesehen –, in der die Menschen noch nicht so abgebrüht und gierig waren. Schauen Sie sich nur die Filme aus den 30ern an, vor allem die von William Wyler – wunderschön.

Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?

Ich bin sehr gerne in meinem Haus in Malibu. In Malibu leben auch viele meiner Freunde, die Kinder haben, und für manche davon bin ich sogar die Patentante. Ich habe auch einen sehr guten Draht zu Kindern, die im Teenager-Alter sind, was mich außerordentlich freut. Sie scheinen mich tatsächlich – trotz Lady Gaga – noch irgendwie cool zu finden. Na ja, immerhin bin ich die Original-Diva – oder etwa nicht? Wir besuchen uns gegenseitig also sehr oft. Außerdem helfe ich meinem Sohn Elijah, der gerade nach Venice Beach umgezogen ist, sich in seinem neuen Haus einzurichten. Und auch mit meinem Sohn Chaz (früher Tochter Chastity, die 2009 eine Geschlechtsumwandlung hatte) treffe ich mich regelmäßig. Dann liebe ich es, ins Kino zu gehen. Und wann immer ich Zeit habe, schaue ich mir auf dem TV-Kanal „Turner Classic Movies“ alte Hollywoodfilme an. Für das Nachtprogramm der „Classic Movies“ werde ich demnächst auch die Moderation übernehmen.

Musik, Liebe, Sex, Ruhm, Geld, Freundschaft – was inspiriert Sie am meisten?

Alles! Aber das Wichtigste in meinem Leben ist die Kunst. Ich habe mich, seit ich denken kann, für künstlerische Dinge interessiert. Ich versuche Kunst zu atmen.

Kann man denn ein künstlerisches Leben führen, ohne berühmt zu sein?

Ich hoffe doch sehr. Natürlich kann man sich, wenn man erfolgreich ist, besser in seiner Kunst entfalten. Man bekommt mehr Möglichkeiten. Ich habe mich in meinem Leben nie wirklich für etwas aufreiben müssen. Mir wurden die verschiedensten Dinge immer angeboten. Ich musste mich nur entscheiden. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist. Aber für was ich mich dann nach reiflicher Überlegung entschieden habe, war nicht immer das, worauf das grellste Scheinwerferlicht fiel.

Zum Beispiel?

Ich habe zum Beispiel bei einem Film aus der HBO-TV-Trilogie „If These Walls Could Talk“ Regie geführt. Oder mich für caritative Zwecke eingesetzt, was mich außerordentlich erfüllt hat. Ganz abgese-hen davon müssen Sie wissen, dass echte Künstler meist sehr sensible Menschen sind und deshalb auch extrem leicht verwundbar. Und viele von ihnen können diesem Druck nicht standhalten. Ich habe große Talente in der Musik- und Filmwelt durch Drogen- und Alkoholmissbrauch kaputtgehen sehen. Mir haben Drogen nie etwas bedeutet. Ich bin schon mit einem Glas Dr. Pepper happy.

Haben Sie noch einen Herzenswunsch offen?

Einen? Viele! Aber weil sie mich danach fragen – ich fände es nun wirklich an der Zeit, dass „Sonny und Cher“ endlich in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen werden. Ich finde, das steht uns zu.

Als was würden Sie der Öffentlichkeit denn gerne im Gedächtnis bleiben?

Eigentlich am liebsten als jemand, der das tat, was er wollte. Ich finde es sehr wichtig, das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben. Wir haben doch nur dieses eine Leben; deshalb sollten wir die Zeit nützen und versuchen, daraus ein ganz persönliches Kunstwerk zu machen.

Interview: Ulrich Lössl

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