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Martialisch – aber „der Zaun dient vor allem der Sicherheit, so dass wir beim Kampf nicht rausfliegen können“, so Weichel.  

Kampfsport

Daniel Weichel aus Frankfurt: Mit Mixed Martial Arts auf dem Weg zum Million Dollar Boy

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Am Freitag kämpft der Frankfurter Daniel Weichel in den USA, es winkt eine Million Dollar. In Deutschland ist sein Kampfsport Mixed Martial Arts indes nicht unumstritten. Ein Porträt.

  • Der 35-jährige Daniel Weichel aus Frankfurt gilt als Deutschlands gewichtsklassenübergreifend bester Mixed-Martial-Arts Kämpfer.
  • Mixed Martial Arts (MMA) kombiniert verschiedene Kampfsportarten miteinander.
  • Am Freitag (13.03.2020) tritt Weichel im Federgewicht beim „Bellator Grand Prix“ im Viertelfinale an.

Frankfurt - Angefangen hat alles mit Jean-Claude Van Damme. „Ich war zehn Jahre alt, und immer wenn einer dieser Actionfilme mit Jean-Claude Van Damme im Fernsehen lief, fühlte ich mich danach extrem motiviert“, erzählt Daniel Weichel und lacht. „Irgendwann habe ich einen Müllsack genommen, ihn mit Kleidung gefüllt und mir so meinen ganz eigenen, allerersten Boxsack gebastelt.“

25 Jahre später gilt der Frankfurter in der Welt von Mixed Martial Arts (MMA) als Deutschlands gewichtsklassenübergreifend bester Kämpfer. Am Freitag tritt der 35-Jährige im Federgewicht beim „Bellator Grand Prix“ im Viertelfinale an. Schafft er es in den USA ins Finale, hat er die Chance, eine Million Dollar zu gewinnen. Los geht es im Standkampf, fünfmal fünf Minuten dauert der Kampf.

Daniel Weichel aus Frankfurt: Mit MMA auf dem Weg zum Million Dollar Boy

„Es ist das erste Mal, dass in der Federgewichtsklasse beim Bellator um eine Millionen Dollar gekämpft wird“, so Weichel. Ihm bedeute die Teilnahme extrem viel. „Zum einen ist es der Sport, den ich schon mein Leben lang mache, den ich liebe und der es mir jetzt ermöglicht, Geschichte zu schreiben“, sagt er.

„Ich persönlich bringe MMA überhaupt nicht mit Brutalität in Verbindung. Es ist die komplexeste und anspruchsvollste Kampfsportart, die es überhaupt gibt“.

Daniel Weichel, Kämpfer

„Für mein Team, meine Stadt und das Land, das ich repräsentiere“ wolle er kämpfen und eben Geschichte schreiben. Weichel ist 1,78 Meter groß und kämpft in der Gewichtsklasse bis 65,8 Kilogramm. Seine Art zu reden ist so ruhig und reflektiert, dass er auch als Sprecher für einen Mediations-Podcast oder beim Deutschlandfunk anfangen könnte.

MMA aber ist weit entfernt von Meditation. Es kombiniert verschiedene Kampfsportarten miteinander, von Boxen über Judo, Ringen, Jiu-Jitsu bis hin zum Thaiboxen. Gekämpft wird im sogenannten Cage, einem achteckigen Käfig. Das habe aber nichts mit krasser Gladiatorenshow zu tun. „Der Zaun dient vor allem der Sicherheit, so dass wir beim Kampf nicht rausfliegen können“, betont Weichel.

Daniel Weichel aus Frankfurt: MMA-Kämpfer treten mit freiem Oberkörper und barfuß an

Gekämpft wird mit 113 Gramm schweren Handschuhen, die an den Fingern offen sind, um so Grifftechniken zu ermöglichen, erzählt Weichel, der in Erbach im Odenwald geboren wurde und dort aufwuchs. MMA-Kämpfer treten mit freiem Oberkörper und barfuß an.

Angriffslustig – „Gelassenheit zu bewahren“ sei aber noch wichtiger.

Wenige Tage vor seinem großen Kampf in Uncasville im US-Bundestaat Connecticut sitzt Weichel im Lobbybereich des schnieken Gym des „MMA Spirit“ in einem Frankfurter Gewerbegebiet. „Kein Platz für Rassismus“ steht auf der Fußmatte vor dem Studio. Ein Schild mit derselben Aufschrift hängt über der Eingangstheke. Unweit von Weichel chillen in der Lounge ein paar junge Männer, deren Familien aus den verschiedensten Ländern kommen.

MMA wird in Japan, den USA oder Russland von einem Millionenpublikum gefeiert

Hier trainieren nicht nur MMA-Profis, sondern auch Frauen und Männer aus der Bürowelt, die fit werden wollen. Sie stemmen Gewichte, rennen auf Laufbändern oder machen Kurse wie Fitnessboxen. Auch Jiu-Jitsu-Kampfsportkurse für Kinder werden im Studio angeboten.

Schon vor zehn Jahren hat das „MMA Spirit“ eröffnet. „Hier kann ich professionell trainieren. Alles ist unter einem Dach. Alle Trainer und mein Team sind hier“, erzählt Daniel Weichel. „Vorher musste ich oft nach Brasilien oder in die USA reisen, weil es in Deutschland nichts auf dem Niveau gab.“

Während MMA in Ländern wie Japan, den USA oder Russland seit Jahren von einem Millionenpublikum gefeiert wird, gilt der Kampfsport in Deutschland bei Kritikerinnen und Kritikern als zu brutal, gewaltverherrlichend. „Dieses Vorurteil höre ich glücklicherweise immer weniger“, sagt Weichel. „Ich persönlich bringe MMA überhaupt nicht mit Brutalität in Verbindung. Es ist die komplexeste und anspruchsvollste Kampfsportart, die es überhaupt gibt.“

Daniel Weichel aus Frankfurt: Die MMA-Szene in Deutschland wächst

Schließlich müsse ein Kämpfer jede Disziplin „von Boxen über Ringen bis Bodenkampf beherrschen und diese auch noch miteinander verknüpfen“. Die MMA-Szene wachse in Deutschland, bis zu 7000 Zuschauerinnen und Zuschauer kämen mittlerweile, um Kämpfe wie bei den German MMA Championships (GMC) in Oberhausen live zu sehen. Und alles sei eben beim Kämpfen nicht erlaubt. In die Augen stechen, Tiefschläge, Kopfstöße – alles verboten.

Weichel hat diese für Ringer so typischen „Blumenkohlohren“ – eine Nachwirkung von Blutergüssen in den Ohrmuscheln. „Wirklich schlimme Verletzungen hatte ich aber bislang nie“, sagt er. Das sei weniger Glückssache, „sondern hat mit dieser Professionalität zu tun, mit der ich trainiere. Es kommt viel auf die richtige Technik an.“

Es ist bekannt, dass auch Leute aus der rechten Szene diese Sportart für eigene Kampfsporttreffen nutzen. Daniel Weichel macht das wütend. „Leider gibt es immer wieder Menschen, die eine eigentlich schöne Sache für ihre Zwecke missbrauchen. Das hat mit der MMA-Profi-Welt nichts zu tun“, sagt er. „Sie schaden unserem Ruf.“ Weichels Manager Niels Schlaegel sagt: „Bei Bellator sowie allen großen Veranstaltungsserien müssen die Kämpfer vorab als Teil des Vertrags unterschreiben, dass sie keine rechte Gesinnung haben beziehungsweise generell keine Minderheiten diskriminieren. Ansonsten droht mindestens eine Vertragsauflösung.“

Daniel Weichel aus Frankfurt: Bereits mit 17 trat er seinen ersten MMA-Kampf an

„Bei allen großen Veranstaltungsserien müssen die Kämpfer als Teil des Vertrags unterschreiben, dass sie keine rechte Gesinnung haben beziehungsweise generell keine Minderheiten diskriminieren.“

Niels Schlaegel, Manager

Weichels Einlaufsong bei seinen Kämpfen ist „Started From The Bottom“ des afrokanadischen Rappers Drake. Der Songtitel passe, weil er sich eben von unten hochgekämpft habe. Mit 14 fing Weichel zunächst mit Brazilian Jiu-Jitsu in einem Verein im Odenwald an. Dann entdeckt er MMA über andere Jiu-Jitsu-Kämpfer und schaut sich auf Videokassetten Kämpfe aus Japan an.

Bereits mit 17 tritt er seinen ersten MMA-Kampf in den Niederlanden an – und gewinnt. Fachhochschulreife, Zivildienst im Dialysezentrum, nebenbei immer das Training. Anfangs finanziert er sich als Trainer und Besitzer einer Sportschule, arbeitet auch mit verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern. „Die Arbeit mit Kindern hat mir sehr viel Spaß gemacht“, sagt er.

Weichel selbst hat eine zweijährige Tochter. Mittlerweile lebt er von Sponsorenverträgen und Kampfgeldern. „Wenn ich die eine Million Dollar gewinnen sollte, wäre nicht nur meine, sondern auch die finanzielle Zukunft meiner Familie abgesichert.“ Im Viertelfinale tritt er nun auf den US-Amerikaner Emmanuel Sanchez. Kein Unbekannter, 2016 besiegte Weichel ihn schon einmal. „Allerdings können vier Jahre im Kampfsport sehr viel Veränderung hervorbringen. Deshalb stelle ich mich eigentlich komplett neu auf ihn ein“, sagt er.

Daniel Weichel aus Frankfurt: Wichtiger als die Muskelkraft ist bei MMA die mentale Stärke

Im Flur des MMA-Studios hängt ein gerahmtes Foto von Weichel mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, beide machen darauf eine Faust. „Das war 2011“, sagt Weichel, im Moskauer Olympiastadion, als er vor 22 000 Zuschauern Weltmeister des Veranstalters „M-1 Global“ wurde. Und was hat Putin gesagt? „Er hat mich herzlich umarmt und mir gratuliert“, sagt Weichel.

Sechsmal die Woche trainiert er, zweimal am Tag jeweils zweieinhalb Stunden. Sein Ernährungsplan ist extrem gesund. Zu seinen Zwischenmahlzeiten gehören drei Eier mit einer Avocado oder ein frisch gepresster Saft aus Roter Bete, Karotte, Apfel, Ingwer und Kurkuma. Wichtiger als die pure Muskelkraft sei bei MMA allerdings die mentale Stärke.

„Wie reagiere ich mental, wenn ich mich beispielsweise am Boden befinde?“, so Weichel. „Am Boden zu sein ist nicht notwendigerweise eine unterlegene Position, sondern kann auch die Möglichkeit mit sich bringen, von der Unterlage aus einen Kampf zu gewinnen.“ Wichtig sei, die Übersicht zu behalten, eine gewisse Gelassenheit zu wahren. Bleiben seine Eltern auch so gelassen, wenn der Sohn kämpft?

Daniel Weichel aus Frankfurt: Kampf wird auf DAZN im Livestream übertragen

„Sie haben mich von Anfang an unterstützt“, betont Weichel. Sein Vater begleitete ihn anfangs oft auf Reisen. Als er ihn zum ersten Mal mit 17 kämpfen sah, sei sein Vater ziemlich erstaunt gewesen. „Ich gewann den Kampf, stieg aus dem Ring, rannte zu meinem Vater und rief: ‚Papa, das war doch der Wahnsinn, oder?‘“, erzählt Weichel. „Mein Vater hat aber erst mal kein Wort rausbekommen. Aber ab diesem Tag war die Faszination für diesen Sport auch bei ihm da.“

Den Kampf in der Nacht von Freitag auf Samstag ab 3 Uhr morgens schaue er sich über den Livestream auf DAZN an. „Schon als ich mit zehn Jahren meinen ersten Boxsack hatte, ahnten meine Eltern, dass an meiner Kampfsportkarriere kein Weg vorbeigehen wird“, sagt Weichel und lacht.

Von Kathrin Rosendorff

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