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„Mein Leben war ja die Überwindung der deutsch-französischen Feindschaft“ – im Frankfurter Café Laumer fühlt er sich schon lange zu Hause.

„Das Gesicht der Revolte“

Daniel Cohn-Bendit im Gespräch: „Ich kann mir das Leben ohne Politik und Fußball nicht vorstellen“

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Daniel Cohn-Bendit war das Gesicht der Revolte, doch hat eine weitere Leidenschaft: Über Sponti-Fußball mit Joschka Fischer, die Eintracht - und sein neues Buch.

Seit vier Jahrzehnten schreibe ich über Daniel Cohn-Bendit. In all dieser Zeit haben wir über eines kaum gesprochen: über seine Leidenschaft für den Fußball. Doch jetzt, kurz vor seinem 75. Geburtstag, veröffentlicht der Politiker der Grünen ein Buch, das sein Leben im Fußball spiegelt. Wir betreten in unserem Gespräch also Neuland. Wir tun es aber an einem vertrauten Ort: Im Café Laumer in der Innenstadt von Frankfurt am Main. Es ist das Lieblingscafé Cohn-Bendits. Hier frühstückte schon der Philosoph Theodor W. Adorno, hier begehrten 1968 die revoltierenden Studenten Einlass bei der berühmten „Tortenschlacht“.

Daniel Cohn-Bendit, Sie haben in Ihrem Buch die drei Leidenschaften in Ihrem Leben benannt: die Liebe, die Politik, der Fußball. Wie ist da die wahre Reihenfolge aus Ihrer Sicht?

„Wir haben uns ja dreißig Jahre lang immer wieder zum Spielen in Frankfurt getroffen, Joschka Fischer und die anderen. Das war eine Therapie für uns.“

Daniel Cohn-Bendit

Nein, es gibt keine Reihenfolge. Das sind meine unterschiedlichen Ichs. Die sind miteinander verwoben. Aber man kann sagen: Meine Frau und ich lieben uns seit fast 40 Jahren. Diese Liebe ist das Fundament meines Lebens, aber ein Schlüssel unserer glücklichen Beziehung ist, dass wir sie aus der Öffentlichkeit herausgehalten haben. Ansonsten kann ich mir mein Leben ohne Politik und Fußball nicht vorstellen.

Träumen Sie manchmal noch von sich als aktivem Fußballer, davon dass Sie auf dem Platz stehen?

Das habe ich selten getan. Ich habe immer gerne gespielt, aber ich war kein herausragender Fußballer. Ich träume aber von Fußballspielen. Für mich war das Fußballspielen in unserer Sponti-Mannschaft eine sehr spannende Zeit. Wir haben uns ja dreißig Jahre lang immer wieder zum Spielen in Frankfurt getroffen, Joschka Fischer und die anderen. Das war eine Therapie für uns. Das ersetzte für uns den Urschrei.

Daniel Cohn-Bendit: „Ich kann mir das Leben ohne Politik und Fußball nicht vorstellen.“

Sie haben sich lange im Frankfurter Ostpark getroffen …

Zuerst im Grüneburgpark, dann im Ostpark, dann nahe der Bundesbank.

Ich kann mich noch an das letzte Spiel erinnern, an einem nebelverhangenen Tag im November 2012, Joschka Fischer kam noch mal aus Berlin. Was war Ihre Position auf dem Platz?

Unterschiedlich. Mal im Tor, mal hinten, mal ganz vorne.

Fußball ist ja ein Mannschaftsspiel. Aber Sie sind nicht als der typische Teamplayer bekannt in Ihrem Leben.

Sagen wir es so: Politisch bin ich ein Teamplayer, aber keiner, der sich zwangsläufig einer Partei unterordnet. Right or wrong, my party: Das gibt es nicht bei mir. Als ich Abgeordneter im Europaparlament war, da war mein Büro ein Team. Ich glaube, dass alle Leute, die mit mir gearbeitet haben, sehr gerne mit mir zusammengearbeitet haben.

Aber Sie waren ja immer der Star, der Dany, eine Rolle seit Jahrzehnten.

„Ich bin eine markante Persönlichkeit, klar“, sagt Daniel Cohn-Bendit. Im Team habe er aber trotzdem immer gern gearbeitet.

Das ist eine Rolle, die durch 1968 und die Studentenrevolte geprägt wurde. Ich habe eine bestimmte gesellschaftliche Stellung. Ich bin eine markante Persönlichkeit, klar. Aber das bedeutet nicht, dass ich unfähig bin, mit anderen zusammenzuarbeiten. Wenn man nicht fordert, dass meine Identität darunter verschwinden soll.

Sie sind als Sohn deutscher Emigranten in Frankreich geboren. Sie sagen, Sie sind im Sommer der Befreiung gezeugt worden, also 1944, als die alliierten Truppen in der Normandie landeten. Ihre ersten Fußballmannschaften, für die sie schwärmten, waren also französische Mannschaften.

Ja. Das war Stade de Reims, dann die französische Nationalmannschaft und dann St. Etienne. In der Tat: Ich bin der Sohn deutscher Emigranten. In der Serie „Babylon Berlin“, die gerade gezeigt wird, kommt ein Rechtsanwalt vor, Hans Litten. Mein Vater hat Hans Litten damals als Rechtsanwalt vor Gericht verteidigt, Anfang der 30er Jahre in Berlin.

Dem Nazi-Gegner Litten war es tatsächlich gelungen, Hitler vor Gericht zu bringen, als Zeuge und das 1931 …

Ja. Mein Vater war ein politischer Anwalt und musste aus Deutschland fliehen, als die Nazis die Macht ergriffen. Ich habe deshalb natürlich als Kind und als Jugendlicher große Schwierigkeiten mit Deutschland und den Deutschen gehabt.

Daniel Cohn-Bendit: Immer für Frankreich

Deutschland kam als Fußballteam nicht für Sie infrage damals.

Nein. Bei der Fußball-WM 1954 war ich für Ungarn, 1974 war ich für Holland.

Wann hat sich das geändert?

Das hat sich nie geändert. Ich bin ruhiger geworden in dieser Beziehung. Aber ich bin grundsätzlich immer für Frankreich und grundsätzlich immer gegen Deutschland, wobei mir der Nationalismus für „Le Bleus“ auch auf die Nerven gehen kann. Ob Fußball, Handball, Volleyball, Basketball. Das gilt noch immer. Das ist so ein Rest Irrationalität.

Aber andererseits sind Sie immer den Spuren der deutschen Nationalmannschaft gefolgt.

Auch den von anderen Nationalmannschaften, die mich fasziniert haben. In Frankreich gelte ich als der deutschlandfreundlichste Kommentator. Mein Leben war ja die Überwindung der deutsch-französischen Feindschaft, ein Rest aber ist als Folge der historischen Verletzung durch den Nationalsozialismus geblieben, durch meine Eltern, die vor den Nazis fliehen mussten. Das drückt sich ja im Sport aus.

Aber wir müssen mal was ganz Grundsätzliches klären: Fußball steht ja immer noch unter dem Vorbehalt, dass sich da auch die rechten Kleinbürger ausleben auf den Rängen. Wie passen Sie da rein?

Das ist zu einfach. In den 70er Jahren gab es in Italien die linksradikale Gruppe Lotta Continua. Deren zentrale Basis war Fiat in Turin, wo sie Streiks organisierten, mit ganz radikalen Forderungen auftraten gegen den Fiat-Boss Agnelli. Aber am Sonntag war Fußball. Und am Sonntag spielte Juventus, also der Verein Agnellis …

... also des Kapitalisten Agnelli ...

… und die Linken standen alle in der Juve-Fankurve.

Wie waren es bei Ihnen, als sie 1968 revolutionärer Student waren? Wie hieß Ihre Mannschaft?

Damals fing meine Begeisterung für St. Etienne an. Schon als 13-Jähriger war ich im Stadion. Später habe ich mich für Mannschaften wie Barcelona und Arsenal begeistert, also für Teams, die besonders gespielt haben.

Sie sind 1968 aus Frankreich ausgewiesen worden und mussten sich binnen Stunden eine neue Heimat suchen. Und Sie entschieden sich für Frankfurt, für die Stadt, in der Ihr Vater wieder als Anwalt arbeitete.

Ja. Mein Vater hat nach dem Krieg für die Entschädigung von NS-Opfern gekämpft, er war der Anwalt der Jüdischen Gemeinde.

Daniel Cohn-Bendit fremdelte am Anfang mit der Eintracht

Aber mit Eintracht Frankfurt haben Sie erst einmal gefremdelt.

Am Anfang. Es hat lange gedauert, bis ich ins Stadion ging. Einer, der mich da hingebracht hat, war Johnny Klinke, der spätere Chef vom Tigerpalast. Wir gingen zusammen zum Spiel Eintracht gegen Bayern, das die Eintracht dann gewonnen hat, so langsam habe ich mich angefreundet mit diesem Lokalpatriotismus. Dieser Lokalpatriotismus ist so wie eine Stammesangehörigkeit. Du brauchst nur einen Schal und eine Mütze, und dann gehörst du dazu. Die fragen dich nicht, woher du kommst und wer du bist, du gehörst dazu.

Wie ist es dazu gekommen, dass ausgerechnet die Frankfurter Spontis angefangen haben, Fußball zu spielen?

Weil wir als Kind alle fußballaffin waren und Fußball gespielt hatten. Wir hatten ein Bedürfnis, uns zu bewegen, zu rennen. Zu schreien, zu schimpfen. Samstagnachmittags so ab 13 Uhr war psychologischer Ausnahmezustand. Dann durfte man sich austoben. Schreien, unflätig sein …

Das galt auch für Joschka?

Das galt gerade für Joschka und für mich. Wir waren besonders wild.

Joschka Fischer hat sich damals ja auch auf der Straße körperlich auseinandergesetzt, hat sich mit Polizisten geprügelt.

Joschka ist aber später auch Marathon gelaufen. Er konnte sich ganz schön peinigen.

Aber er hatte auch ein anderes Verhältnis zur Gewalt als Sie.

Joschka war eine Zeit lang sehr fasziniert von diesem Machismo junger Männer, den er dann auch gepflegt hat. Wir sind unterschiedliche Charaktere. Ich habe grundsätzlich eher Angst. Das kann auch mit der Geschichte meiner Eltern zusammenhängen. Gewalt macht mir Angst.

Sie haben mir über Jahrzehnte hinweg immer wieder gesagt, dass Sie nie einen Stein geworfen haben bei Demonstrationen.

Ja, das stimmt. Ich verstand eine Zeit lang, wie Gewalt entstehen konnte. Aber ich habe nie Gewalt angewendet.

Daniel Cohn-Bendit: Veränderungen im Fußball im „schrecklicher“

Wie erleben Sie die Veränderungen im Profifußball?

Es ist immer schrecklicher geworden. Die Geldströme. Russische Magnate besitzen Vereine. Arabische Staaten kaufen sich ein. Grauenvoll. Aber: Wenn der Ball rollt, schaut man nur auf den Ball. Dann ist man fasziniert. Das ist ein Widerspruch, den kann man nicht auflösen. Wenn der Ball rollt, dann beherrscht er alles.

Vermissen Sie heute, dass Sie nicht mehr spielen.

Ich bin mir meiner bald 75 Jahre bewusst. Nein, ich bedauere das nicht.

Haben Sie im Fußball und in der Politik das erreicht, was Sie wollten?

Ich habe in der Politik mehr erreicht als im Fußball. ( Lacht) Aber Fußball und Politik haben mir das gleiche Vergnügen bereitet. Ich bin zufrieden.

Von der Liebe haben wir noch gar nicht gesprochen.

Daniel Cohn-Bendit: Unter den Stollen der Strand. Fußball und Politik – mein Leben. Übersetzt von Frank Sievers, Verlag Kiepenheuer&Witsch, 272 Seiten, erscheint am 13. Februar

Wir haben einen gemeinsam Sohn Bela. Und ich habe eine Tochter aus einer anderen Beziehung, Mascha, und meine Frau hat einen Sohn aus erster Ehe, Niko. Fußballerisch habe ich also drei Kinder, Niko ist seit seinem fünften Lebensjahr ein brasilianischer Fan, Bela ein „Franzose“, und Mascha läuft immer während Weltmeisterschaften im Deutschlandtrikot.

Sie erzählen in Ihrem Buch von einem neunjährigen fußballverrückten Mädchen, von dem sich erst später herausgestellt habe, dass es Ihre Tochter war.

Wir haben zusammen in einer Wohngemeinschaft gewohnt mit ihrem sozialen Vater. Dann hat sich herausgestellt, dass ich der biologische Vater war. So war das in den 70er Jahren. Sie hat mich zum Frauenfußball gebracht. Ich hab sie dann begleitet zu Spielen.

Daniel Cohn-Bendit: „Frauenfußball ist angenehmer, ist nicht so hysterisch.“

Viele Männer können ja Frauenfußball überhaupt nicht ertragen.

Ich weiß. Aber das ist ein schwerer Fehler. Wenn man Megan Rapinoe gesehen hat bei der Frauen-WM – so eine tolle Frau, politisch engagiert, spielt tollen Fußball. Das ist für mich die Nachfolgerin von Socrates bei den Brasilianern, der auch so politisch engagiert war. Und zweitens: Frauenfußball ist angenehmer, ist nicht so hysterisch. Und beim Frauenfußball ist Homosexualität selbstverständlicher, die Männer tun sich da immer noch schwer. Frauen sind da ehrlicher!

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Zur Person

Daniel Cohn-Bendit wurde am 4. April 1945 im französischen Montauban als Sohn deutscher Emigranten geboren. Bei der Revolte der Studenten in Frankreich im Mai 1968, die auch andere Teile der Gesellschaft erfasste, wurde er zum prominenten Sprecher und damit weltweit bekannt.

Nach der Ausweisung aus Frankreich 1968 entschied er sich für Frankfurt als neue Heimat. Cohn-Bendit war eine der Führungsfiguren der Sponti-Bewegung in Frankfurt, zu der auch der spätere Außenminister Joschka Fischer zählte.

Cohn-Bendit engagierte sich bei den neu entstehenden Grünen und war 1989 bis 1997 Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt. Von 1994 bis 2014 gehörte er dem Europaparlament an.

Am 26. Februar  stellt er sein neues Buch „Unter den Stollen der Strand – Fußball und Politik – mein Leben“ in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, Adickesallee 1, vor. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr.

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