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Vier Freunde: And.Y, Michi Beck, Smudo und Thomas D. (von links).

Fantastische Vier

„Damals war Popstar ein ehrbarer Beruf“

Ein Vierteljahrhundert Bandgeschichte: Thomas D. und And. Y von den Fantastischen Vier erinnern sich an abenteuerliche Reisen, große Konzerte und verständnislose Mitschüler.

Von Thorsten Keller

Ein vielleicht drei mal vier Meter großes Abteil in einem Partyzelt, Gummibäume in den Ecken, eine Handvoll Stühle und zwei in der Mitte des Raums zusammengeschobene Bürotische. Die Garderobe der Fantastischen Vier im Backstage-Bereich von „Rock am Ring“ strahlt etwa so viel Glamour aus wie eine Schwäbisch-Hall-Filiale. Drei Stunden später steht die Band auf der Hauptbühne des Festivals in der Eifel, zuletzt waren die Fantas 1993 hier. Es ist der erste große Auftritt seit Langem, doch dank eines Clubkonzerts am Vorabend in Ulm hat sich das Lampenfieber schon verflüchtigt, sagt Thomas D zur Begrüßung.

Am 7. Juli 1989 sind Die Fantastischen Vier zum ersten Mal aufgetreten, in einem Kindergarten in Stuttgart-Wangen. Welche Erinnerungen habt Ihr an diesen Abend?

And.Y: Ich weiß, dass wir auf Europaletten aufgetreten sind. Wir hatten keine richtige Bühne. Es war sehr schönes Wetter, nachmittags vor dem Konzert sind wir mit Michis altem Strich-Acht (ein Mercedes W 114; Anm. d. Red.) durch die Weinberge gecruised.
Thomas D: Ich weiß noch, dass die Stühle und Tische und Waschbecken sehr klein waren, weil es ja ein Kindergarten war. Das ist aber nachmittags gewesen, und da setzt die Erinnerung aus – verdammtes Marihuana! (lacht)

Was ist dran an der Legende, dass an diesem Abend die Kassette mit dem Wechselgeld geklaut wurde?

And.Y: Das war ein Konzert vorher, beim zweiten Terminal-Team-Konzert.
Thomas D: Die ersten zwei Konzerte waren unter dem Namen The Terminal Team. Nachdem Smudo und ich in Amerika waren und wir uns entschieden hatten, dass es mit einem deutschen Namen und deutschen Songs weitergehen muss, haben wir uns dann Die Fantastischen Vier genannt. Unser erstes Konzert unter diesem Namen ist damit jetzt unser offizielles Gründungsdatum.

Maschinen haben es nicht gebracht

Noch einmal zurück zum Terminal Team: Eine der Besonderheiten war eine selbst gebaute Beatbox. Wie kam es dazu?

And.Y: Das Problem war, dass es die coolen Drumcomputer wie den legendären 808 nicht in den Stuttgarter Läden gab. Da gab es nur diese Yamaha-RX-Drumcomputer, die versuchten einen echten Schlagzeugsound nachzumachen, was nicht cool ist und im HipHop nicht verwendet wurde. Diese Maschinen haben es nicht gebracht. Dann habe ich in einer Elektronik-Zeitschrift ein Baukonzept gelesen, wie man sich ein elektronisches Schlagzeug baut. Diese Klangerzeuger habe ich dann gebaut und anstatt der Schlagzeug-Flächen einen Computer angeschlossen.

In Ihrem Jugendzimmer, in dem es losging mit The Terminal Teams, gab es – so erinnert sich jedenfalls Smudo – Kabel, Kartoffelchips, Computerchips, Raufasertapeten, Mezzomix-Flaschen und Pornohefte. Fehlt etwas in der Aufzählung?

And.Y: Das gab’s alles. Er hat vergessen, dass ich auch viele schöne Pflanzen hatte. Und die Pornohefte waren nicht öffentlich zugänglich – Smudo hat sich immer welche aus der Kiste geholt.
Thomas D: Das erfahre ich jetzt erst! Mein Gott, dann hätte ich ja nicht auf die von meinem Bruder zurückgreifen müssen!

Als Ihr angefangen habt in den späten Achtzigern, war HipHop in Deutschland noch lange nicht im Pop-Mainstream angekommen. Habt Ihr Euch als Außenseiter gefühlt?

And.Y: Ja, zum Beispiel in meiner Klasse. Wenn ich meine Lieblingsmusik, HipHop-Zeug, brandheißen Shit, mitgebracht und vorgespielt habe, haben die Leute so Sachen gesagt wie: „Und wann kommt die Musik?“ Die haben das einfach nicht verstanden. Für mich wurde es zu einer Art Mission: Weil ich HipHop so geliebt habe, wollte ich, dass die anderen das auch verstehen! Dazu mussten wir es in eine Form bringen, die für den hiesigen Kulturkreis passt, wir mussten es übersetzen. Das ist schon eine sehr starke Antriebsfeder gewesen für die gesamte Band.

Ford Station Waggon gekauft

Für den Gründungsmythos der Band ganz wichtig ist die gemeinsame USA-Reise von Thomas D und Smudo im Jahr 1988. Was waren, abgesehen von der Begegnung mit der amerikanischen Rap-Kultur, die prägenden Erlebnisse dieser Fahrt?

Thomas D: Wir haben einen Ford Station Waggon gekauft für 500 Dollar und haben in diesem Kombi dreieinhalb Monate gelebt. Wir hatten nur je ein Paar Turnschuhe dabei. Die haben wahnsinnig gestunken, weil wir immer barfuß da drin waren, so dass wir die nachts unter die Motorhaube geklemmt haben, damit sie nicht geklaut werden, und damit wir schlafen können. Einmal habe ich es vergessen, und die Schuhe nur unter den Wagen gelegt. Am nächsten Morgen waren sie tatsächlich weg! Wir haben auch mehrmals den Autoschlüssel verloren – einmal, nachdem wir Smudo im Strand eingraben hatten. Da mussten wir für fünf Dollar so einen Schatzsucher anheuern, der den Schlüssel mit einem Metalldetektor wiedergefunden hat.

Spulen wir vor von 1988 ins Jahr 1992: Papageienbunte Fantas spielen „Die Da“, anmoderiert von Dieter Thomas Heck. War das der größte Styling-Unfall Eurer Karriere?

Thomas D: Wenn wir gefragt werden, was unsere Fehler waren, kann man den Auftritt bei „Musik liegt in der Luft“ gerne hernehmen. Andererseits war es schon sehr geil, Dieter Thomas Heck zu erleben, der hinter der Bühne genauso ist wie vor der Kamera, der moderiert immer. Er lässt sich backstage mit einem Fan fotografieren, der Vorblitz leuchtet rot, und Heck sagt: Herzlich willkommen im Zett-De-Eff!

Wie hat es sich in der heißen „Die Da“-Phase angefühlt, wenn hyperventilierende Teenager die Wohnung belagern und man im Focus der „Bravo“-Redaktion steht?

Thomas D: Wir wollten groß rauskommen. Das war unser erklärtes Ziel. Damals war Popstar noch ein ehrbarer Beruf. Dann bist du es über Nacht und wirst reduziert auf einen Song, auf die Single, auf zwei Worte: Die Da! Da fühlst dich dann schon nicht verstanden.

Euer Manager Andreas Läsker hat das Album „Die vierte Dimension“ von 1993 als „Übergleiten in die Ernsthaftigkeit“ bezeichnet. War das der Wendepunkt?

Thomas D: Auf jeden Fall war es der Gegenentwurf zu „Vier gewinnt“, dieser poppigen, lustigen Platte. Wir wollten allen zeigen, dass wir ernstzunehmende Musiker sind. Für die Plattenfirma war das Album damals eher eine Enttäuschung, weil es nur ein Drittel von „Vier Gewinnt“ verkauft hat.

HipHop wird oft mit Jugendkultur gleichgesetzt. Auch aus diesem Grund hat Euer Manager der Band ein „natürliches Ende“ vorhergesagt – im Gegensatz zu den ewigen Stones. Das war vor 13 Jahren. Macht Ihr nun möglichst lange weiter, um ihn zu widerlegen?

Thomas D: Jetzt sind wir die fucking Rolling Stones des Hip Hop!
Andreas Läsker: Ich glaube nach wie vor, dass Ihr nicht mit 75 auf der Bühne stehen werdet.
And.Y: Aber das tun auch die allerwenigsten Bands. Nur die Stones sind auf ihre Art so durchgeknallt, dass sie es immer noch machen.
Thomas D: AC/DC haben jetzt aufgehört, weil der eine Gitarrist schwere gesundheitliche Probleme hat. Wahrscheinlich ist das auch unser Ende: Da kann einer nicht mehr. Und ohne alle können wir nicht wir sein. Wir können nicht vier sein, wenn einer fehlt.

Gibt es in der Band Diskussionen, ob bestimmte Texte oder Outfits noch funktionieren, also: Wofür sind wir zu alt, was könnte peinlich wirken?

Thomas D: Wir machen uns viele Gedanken darüber, weil wir auch die Ältesten sind. Wir können ja nicht schauen, wie machen es denn die siebzigjährigen Ami-Rapper? Die gibt es nicht. Da bist du dir selber der größte Kritiker.

Viele meiner Freunde haben, seit sie jenseits der 40 sind, ihren früheren Musik-Enthusiasmus weitgehend verloren. Kennt Ihr dieses Gefühl?

Thomas D: Ja. Es geht mir nur noch ganz selten so, dass mich irgendwas umhaut.
And.Y: Ich bin froh, wenn es ein, zwei Neuerscheinungen im Jahr gibt, die mich wirklich begeistern.

Was war das in jüngerer Vergangenheit?

And.Y: Daft Punk und Deadmau5.
Thomas D: „Happy“ von Pharell Williams. Dieses Gefühl von Leichtigkeit, da ziehe ich den Hut. Die letzte Coldplay-Platte ist auch sehr schön, aber sie hat mich nicht so berührt wie „Parachutes“. Vielleicht liegt es an meiner eigenen Abgestumpftheit, vielleicht ist es einfach nicht ihre größte Platte.

Wahnsinnig geil

Ein Meilenstein in der Karriere der Fantastischen Vier ist der „MTV unplugged“-Auftritt im Herbst 2000 in der Balver Höhle im Sauerland. Wie kam es zu der Entscheidung, diesen einmaligen Abend zwölf Jahre danach zu reproduzieren?

Thomas D: Die Höhle unplugged lässt sich natürlich nicht toppen. Dann werden wir aber von MTV gefragt, ob wir das Format als erste Band weltweit zum zweiten Mal spielen wollen…
And.Y: … und damit kriegt man uns immer: Wenn wir die ersten sind mit irgendetwas, dann sind wir gerne dabei.

2009 gab es das große „Heimspiel“ auf den Cannstatter Wasn, Stuttgarts berühmtem Kirmesplatz. Denkt Ihr in solchen Momenten über das Aufhören nach, weil es größer und besser kaum werden kann?

Thomas D: Smudo hat das öfters gesagt: Aufhören, wenn es am schönsten ist. Aber das weißt du ja gar nicht. Gestern in Ulm haben wir in einem 1200er-Club gespielt, dem Roxy. Das war wahnsinnig geil, jeder von uns emotional schwer zu berührenden Säcken hatte so ein Grinsen auf dem Gesicht. Ich frage mich: Ist das jetzt schlechter, als vor 60 000 Leuten zu spielen? Ist es wert, das nicht zu erleben, nur weil man denkt, man müsste immer noch einen draufsetzen?
And.Y: Das Große und das Kleine, das sind verschiedene Qualitäten, und welche Tiefe man dabei erlebt, ist nicht vorherzusagen. Und das ist gut für uns. Sonst müssten wir wirklich aufhören.

Im Geburtsjahr der Fantastischen Vier hießen der Oberbürgermeister von Stuttgart und der Ministerpräsident von Baden-Württemberg Manfred Rommel und Lothar Späth, beide CDU. 2014 amtieren an gleicher Stelle die Grünen-Politiker Fritz Kuhn und Winfried Kretschmann. Wie konnte das passieren?

And.Y: Aus Protest. Ganz klar.
Thomas D: Dank Stuttgart 21.
And.Y: Dass die CDU jemals die Macht abgeben müsste, war völlig utopisch. Die haben es echt vergeigt. Und es ist schwer, es sich mit den Schwaben so zu verderben.

Mitte der neunziger Jahre habt Ihr das Plattenlabel Four Music gegründet, seid zehn Jahre später aber wieder ausgestiegen. War das doch eine Nummer zu groß?

Thomas D: Wir hatten eine schöne Firma mit sehr viel Geschmack. Aber das war teuer, dieser Geschmack, und irgendwann nicht mehr bezahlbar. Da sind wir im Grunde unseres Herzens doch Schwaben und sagen nicht: Wir müssen da jetzt reinbuttern, und in ein paar Jahren geht es wieder aufwärts mit den Plattenverkäufen. Wir haben gesagt: Jetzt fängt es an wehzutun, dann lassen wir lieber die Finger davon.

Thomas, Du hast eine Friseurlehre gemacht, And.Y, Du hast an der FH fünf Semester technische Informatik studiert. Was habt Ihr dabei fürs Leben und für die Band gelernt?
And.Y: Das Pensum im Studium war ungleich größer als in der Schule, das Abitur war dagegen eine Lachnummer. Daraus habe ich das Selbstbewusstsein gewonnen, dass ich, wenn ich will, alles lernen kann. Das hat mir später in meinem Autodidaktentum sehr geholfen. Ich habe immer das gelernt, was notwendig war.
Thomas D: Egal, wie schlecht es gerade läuft mit der Band: Es ist immer noch viel besser als richtig arbeiten. Das ist meine Lehre.

Interview: Thorsten Keller

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