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Farbenfroh: Im Corcovado-Nationalpark leben nicht nur Aras, auch Jaguare, Tapire und Ameisenbären streifen dort durchs Dickicht.

Costa Rica

Urwald am Meer

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Costa Rica birgt fünf Prozent der gesamten Flora und Fauna der Welt und gilt als Musterland für Ökotourismus. Der erschließt nun den wildesten Teil des kleinen Landes, die Halbinsel Osa.

Wie kleidet man sich für eine Dschungeltour? Nein, keine für Warmduscher. Es geht tief in fast unberührten Regenwald, in den Corcovado Nationalpark. Eine eigene Welt, weit weg von der Zivilisation der eh schon abgelegen Osa-Halbinsel im Süden Costa Ricas. Und gewollt nicht so einfach zugänglich: über Rumpelpisten, per Boot, und dann nur noch zu Fuß. Das riecht nach Exotik und Abenteuer.

Doch erst mal steht die deutsche Reisegruppe ziemlich ratlos in T-Shirt, kurzen Hosen und Wanderschuhen vor ihrer Lodge am Rande des Reservats herum. „Die könnt ihr gleich gegen Gummistiefel tauschen“, sagt Dschungelführer Manfred Garciá. Dazu dicke Strümpfe bis zum Knie und einen stabilen Stock, denn: „Es wird morastig und nass.“ Aber nicht nur deswegen. Jeder sollte genau aufpassen, wo er hintritt und hinfasst. „An kaum einem Ort der Welt ist die Vielfalt von Pflanzen und Tieren so hoch. Über 6000 bekannte Insektenarten tummeln sich hier, und wer weiß, wie viele unerforschte.“ Da braucht es nicht viel Fantasie, sich auszumalen, wie ein giftiges Getier schon mal kräftig zubeißt. Doch keine Sorge, sagt Manfred, er kenne sich bestens aus und sei trotz deutschem Namen ein waschechter Tico, wie sich Costa Ricaner selbst nennen.

Gut ausstaffiert stapft die Gruppe erwartungsvoll in die tropische Wildnis. Nach wenigen Minuten sind alle schweißgebadet und sehen nur noch grün – vor lauter Blättern, Palmen, Lianen und Farnen in diesem schillernd-diffusen Dickicht, im gesamten 425 Quadratkilometer groß.

Ganz nah: Nur ein schmaler Küstenstreifen trennt den Regenwald vom Meer.

Wenn Manfred von den Bäumen erzählt, ist es, als würde er mystische Wesen beschreiben: Hier wächst die „Walking Palm“, deren Wurzeln jedes Jahr ein paar Zentimeter der Sonne entgegen „wandern“; es gibt eine Würgefeige, die einen Lorbeerbaum stranguliert, ein Stück weiter steht ein turmhoher Milchbaum, dessen Rinde einen weißen, trinkbaren Saft absondert, wenn man daran kratzt. „Da!“, ruft Manfred. Kobaltblau leuchtende Schmetterlinge mit handgroßen Flügeln. Und dort! Zehntausende von Ameisen, die Blattschnipsel wie Segel über ihrem Kopf schleppen, doppelt so groß wie ihr Körper. „Sie zerschneiden Milliarden Blätter, zerkauen sie zu Brei und ernähren damit ihre Leibspeise, einen Pilz. Aber das Beste: Sie bringen dadurch mehr Licht in den Wald“. Tolle Tiere. Doch wo sind die Totenkopfäffchen, Jaguare, Ozelots, Tapire, Ameisenbären? 140 Säugetierarten sollen hier herumschleichen. „Im Vorübergehen werdet Ihr kaum welche sehen. Aber sie sind überall“, flüstert Manfred. „Sie tarnen sich gut. Und die meisten schlafen am Tag.“

Windzirkulation statt Klimaanlage - so einfach ist Nachhaltigkeit

Weiter geht es, über Stock und Stein, vorbei an einem Mangrovensumpf, über provisorische Astbrücken am Urwaldfluss. An seiner Mündung in den Südpazifik, kurz vor dem Strand, hält Manfred abrupt an und zeigt ans gegenüberliegende Ufer. Dort dösen zwei langnasige Krokodile mit aufgesperrtem Maul in der Sonne. Da ist es schon, das ersehnte Abenteuer – Manfred atmet auf. Und alle gehen plötzlich schön im Gänsemarsch hinter ihm her, bis zu einem tosenden Wasserfall. Frische Pumaspuren am Rande machen alles noch aufregender. Glücklich springen sie ins Becken, umgeben von Bromelien, wilden Feigenbäumen und Aras, die kreischend über ihren Köpfen hinwegschwirren.

Don German mit Kakaofrucht.

Am Abend dann, in der kommoden Dschungellodge beim „Sunsetpoint“, wird mit einem Gin Tonic in der Hand darüber diskutiert, ob man den letzten Resten intakter Natur als ihr großer Fan nicht lieber fernbleiben soll. Auch hier in Costa Rica, das sich als Öko-Musterland vermarktet und verspricht: Wir tun alles dafür, unseren größten Schatz zu erhalten. Und natürlich fragen sie Lodge-Gründer Steven Lill, ob er dabei mitmacht und nicht nur verdienen will. Damit hat er gerechnet, der grauhaarige, großgewachsene Mann aus Chicago. Er erzählt, wie er als 23-jähriger Anthropologie-Student während einer Rucksacktour zufällig dieses wunderbare Stück Land zwischen Dschungel und Pazifik mit einer aufgegebenen Rinderfarm entdeckte, dort 14 Bungalows errichtete, alles andere der Wildnis überließ und einer der Vorreiter für nachhaltigen Tourismus wurde.

Recycling, natürliche Baustoffe, Wasserfiltersysteme, solarbeheizte Duschen, Windzirkulation statt Air-Condition, Kompostierung, abbaubare Seifen: Bei ihm sei das eine Selbstverständlichkeit. Und stolz berichtet er von einer großen, mit anderen Corcovado-Freunden gegründeten Stiftung, die Wildhüter ausbildet und in umliegenden Gemeinden Umweltbildung betreibt. Andere Lodges unterstützten Schulen, Aufforstungs- oder Tierprojekte, „Ohne private Initiativen ginge das nicht. Und ohne Einnahmen von euch Touristen auch nicht.“

Auch im Urlaub ein bisschen die Welt retten – klingt gut. So holt Costa Rica alle mit ins Boot. Der stabile Staat ohne Heer hat ja auch eine gute Begründung dafür: Es kostet eben viel Geld, die Umwelt zu schützen. Nicht, dass es keine riesigen Ananasplantagen und Hightechindustrie, große Hotels und Pauschaltouristen gäbe, wie etwa an den Pazifik-Stränden um Guanacaste im Norden. Auch die Regenwälder haben in den vergangenen Jahrzehnten schwer gelitten. Aber als Ende der 1980er Jahre der allergrößte Teil abgeholzt war, schlug die Regierung konsequent einen nachhaltigen Kurs ein. Bis 2021 will das Land CO2-neutral werden. Jetzt schon kommt der gesamte Strom aus erneuerbaren Energien, Viehzüchter und Bauern erhalten Prämien, wenn sie Bäume pflanzen. Und sie können sich beraten lassen, wie sie klimafreundlicher anbauen, Öko-Labels wurden eingeführt, 28 Nationalparks ausgewiesen, in denen Vulkankrater, Nebelwälder und Sümpfe dampfen, ein Viertel der Landesfläche steht heute unter Schutz.

Kakaofarm setzt auf Vielfalt ohne Chemie

Auf der Halbinsel Osa ist es sogar die Hälfte: Sie birgt die größten zusammenhängenden Regen- und Mangrovenwälder Mittelamerikas. Ihr Glück, dass sie so abgelegen ist. Puerto Jimenéz, die einzige Stadt in der Region, hat nicht mal 3000 Einwohner. Nur hin und wieder fährt ein Auto vorbei, Touristen sind außerhalb der Lodges kaum unterwegs. Dafür ist es einfach, die Einheimischen kennenzulernen, etwa auf Ausflügen ins Umland. Die Organisation „Caminos de Osa“ vernetzt kleine Touranbieter, Pensionen, Dörfer und Transportunternehmen. „Sie sollen auch ein Stück vom sanften Tourismus-Kuchen abbekommen. Ein Weg, damit sie nicht wildern, roden, Ölpalmen pflanzen oder illegal Gold waschen müssen“, erklärt der englischsprachige Guide. Er schaukelt seine Gäste im Jeep durch die betörende, sanfthügelige Landschaft ins winzige Dorf Rancho Quemado, wo Kolibris in den Gärten an Blüten hängen und die Männer Cowboyhüte tragen. Don Johnny und seine Frau heißen sie herzlich willkommen auf ihrer Zuckerrohr-Farm. Sie zeigen, wie sie mit einer altertümlichen Zuckerrohrmühle Saft pressen, ihn über offenem Feuer kochen, bis daraus eine klebrige Masse wird, die genau zum richtigen Zeitpunkt in kleine Formen gegossen werden muss. Schmeckt nach Karamell und Lakritze „und verkauft sich gut“, sagt Don Johnny.

Neugierig: Ein Kapuzineräffchen.

Weiter geht es dann am Nachmittag. Auf seiner Kakaofarm „Rancho Raices de Osa“ führt German Quios Vivas den Besuchern eindrucksvoll vor Augen, wie eine fünfköpfige Bauern-Familie im Einklang mit der Natur lebt. Kakao-, Orangen- und Bananenbäume, Kokospalmen, Koriander und Ananaspflanzen, Süßkartoffeln und Tomaten, Kühe, Schweine, Hühner, Truthähne: alles wächst und läuft hier durcheinander und gedeiht prächtig. „Ich experimentiere gern und schaue im Internet nach. Vielfalt, nicht Monokultur ist die Lösung. Ich brauche keine Chemie“, sagt der Tico mit dem schwarzen Schnauzer.

Die andere Hälfte seiner Finca ist sekundärer Regenwald, den er hegt und pflegt. Besonders den uralten Kabokbaum mit seiner enormen Krone. „Wenn ich in seinen Wurzeln stehe, fühle ich so viel Energie. Die Blätter helfen gegen Fieber und Zahnschmerzen. Leider war er selbst krank. Ich habe ihn behandelt mit Limette, Salz, Asche und viel gutem Zureden. Das hat geholfen.“ Don German, wie Quios Vivas hier genannt wird, ist sehr froh, dass er hier lebt in seinem kleinen Paradies und dank der zusätzlichen Einnahmen seine alte Klapperkiste gegen ein schadstoffarmes Auto tauschen konnte. Aber er macht sich auch Sorgen um seine Heimat Osa. „Was, wenn immer mehr Touristen kommen, weil sie diese Ursprünglichkeit erleben wollen?“

Auch der noch so perfekt organisierte Ökotourismus ist ein Balanceakt. Das wird einem bei einer Bootstour auf dem Sierpe-Fluss entlang der Mangroven bewusst. Schlangen, Leguane, Affen, Schildkröten, nie gesehene schräge Vögel tummeln sich da. Aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Stören wir da nicht? Und spätestens bei der Heimreise packt einen der Skrupel: Der CO2-Ausstoß eines jeden Passagiers ist bei einem Hin- und Rückflug viermal so hoch wie der eines Inders in einem Jahr. Oder der eines Mittelklassewagens in drei Jahren. Die Airlines lassen sich dafür nicht die Schuld geben: „Wir sind Dienstleister und die Entscheidung, zu fliegen, liegt bei jedem Einzelnen, er trägt die Verantwortung, sich damit auseinanderzusetzen“, heißt es bei der Lufthansa, die seit Kurzem Costa Rica direkt anfliegt. Aber man könne auf der Website Kompensationsausgleich über die Stiftung Myclimate leisten. 30 Euro für einen, nun ja, CO2-neutralen-Fußabdruck? Wird bezahlt. Und im nächsten Urlaub geht es in den hessischen Nationalpark Kellerwald-Edersee. Ein Urwald von morgen, direkt um die Ecke.

Mittendrin: Hinter der Bananenplantage beginnt der Regenwald.

Costa Rica - Tourismus mit Öko-Siegel

Das Land ohne Armee von der Größe der Schweiz liegt am unteren Zipfel von Zentralamerika, zwischen Nicaragua und Panama, Pazifik und Karibik. Fünf Millionen Menschen leben dort. Hauptreisezeit ist zwischen Dezember und April, dann herrscht Trockenzeit, bis August regnet es meistens eine bis drei Stunden am Tag, von September bis November mehr.

Costa Rica ist generell kein billiges Reiseland, ein Euro sind etwa 700 Colones. Aber für alle Geldbeutel gibt es Übernachtungsmöglichkeiten, auch auf der Halbinsel Osa, von 30 bis 500 Euro: Wer sich einmal rustikalen Luxus umgeben vom Regenwald gönnen will, mietet sich ein in einer der kleinen Öko-Lodges wie etwa Casa Corcovado Jungle Lodge (www.casacorcovado.com) oder Lapa Rios (www.laparios.com). Es geht aber auch preiswert in „Cabinas“, also Hütten oder Zimmern bei Einheimischen. Typische Gerichte wie „Casado“ mit Reis, schwarzen Bohnen, Zwiebeln, Fleisch, Salsa und Kochbananen, kann man in einer „Soda“ kosten, das sind einfache, meist familiengeführte Restaurants.

Öko-Siegel: Wer sicher gehen will, schaut bei Touranbietern und Hotels auf das CST-Siegel (Certification for Sustainable Tourism). Verschiedene Organisationen wie etwa „Caminos de Osa“ bieten Ausflüge an, in deren Verlauf man Land und Leute kennenlernen kann; einzelne Touren ab

25 Euro sind genauso möglich wie individuelle Reisepakete über sechs Tage, mit Unterkunft, Verpflegung und Ausflügen (www.caminosdeosa.com); mit dem Boot durch das tierreiche Mangrovenreservat ab Sierpe im Mündungsgebiet des Flusses, 35 Dollar, buchbar über den Touranbieter www.laperladelsur.cr; die Finca6, ein archäologisches Museum zwischen Palmar und Sierpe, hütet geheimnisvolle Steinkugeln der Diquís-Kultur, ein Weltkulturerbe der Menschheit.

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