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„Wir können nur staunend zur Kenntnis nehmen, was in uns passiert, wenn wir lachen.“
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„Wir können nur staunend zur Kenntnis nehmen, was in uns passiert, wenn wir lachen.“

Glückshormone

Welttag des Lachens: Das Lachen ernst nehmen

  • Axel Veiel
    vonAxel Veiel
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Am Sonntag wird der „Welttag des Lachens“ gefeiert. Ein erfreulicher Anlass für eine Begegnung mit Michael Titze, der diese kraftvolle Gefühlsregung erkundet.

Gäbe es eine Anleitung zum Lachen, lautete sie so: „Weiten Sie die Nasenlöcher. Verengen Sie die Augen. Ziehen Sie die Mundwinkel nach oben. Beschleunigen Sie den Atemrhythmus. Pumpen Sie die Luft in kurzen Stößen in die Lunge, bis die Stimmbänder schwingen und ein Stakkato wiehernder oder gackernder Laute entsteht. Versetzen Sie nun auch noch das Zwerchfell in Schwingung. Achten Sie darauf, dass es Leber, Galle, Milz sowie den Magen-Darmbereich gründlich durchknetet. Wenn Sie jetzt noch dafür sorgen, dass der Augenmuskel das Gehirn veranlasst, Glückshormone auszuschütten, ist es geschafft: Sie sind glücklich vernebelt, alles in Ihnen zieht, zerrt, stößt und schwingt, Sie lachen aus vollem Halse, kriegen sich nicht mehr ein.“

Welttag des Lachens: Deshalb ist Lachen gesund

Aber natürlich gibt es keine Anleitung zum Lachen. Es lässt sich dem Willen nicht unterwerfen. „Wir können nur staunend zur Kenntnis nehmen, was in uns passiert, wenn wir lachen.“ Michael Titze sagt das. Von ihm stammt die Auflistung der „Arbeitsschritte“, die der Körper absolviert, wenn wir lachen. „Wenn wir lächeln, kichern oder grinsen, mag der Wille noch mitsprechen“, stellt Titze klar. „Wenn wir befreit lachen, steht er auf verlorenem Posten.“

73 Jahre ist Michael Titze alt. 50 davon hat er dem Lachen gewidmet. Und dem Humor, der es hervorruft. Aber was heißt da: gewidmet. Wie das Lachen, das nicht groß fragt, sondern einen hinterrücks erfasst und mitreißt, hat das Thema von Michael Titze Besitz ergriffen, ihn nicht mehr losgelassen.

Als zum Psychoanalytiker ausgebildeter Therapeut hat er Heilkräfte des Humors erkundet, als Autor zahlreicher Bücher seine Erkenntnisse der internationalen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mitveranstalter wissenschaftlicher Kongresse war er, die der Lach- und Humorforschung neue Impulse gaben. Vordenker aus Kaliforniens Silicon Valley wie der mit einer „Anleitung zum Unglücklichsein“ zu Weltruhm gelangte Stanford-Professor Paul Watzlawick und der Begründer der Lachforschung, William Fry, folgten Titzes Einladung, stellten ihre Forschungsergebnisse vor. Zahlreiche Menschen aus der Praxis steuerten Alltagserfahrungen bei. In Krankenhäusern auftretende Clowninnen und Clowns berichteten von schmerzlindernden Eigenschaften des Humors, Lach-Yoga-Lehrer und -Lehrerinnen von der Ansteckungskraft des Lachens.

Wie sieht der Arbeitsplatz eines Lachforschers aus?

Aber sieht so der Arbeitsplatz eines Lachforschers aus? Titzes Büro am Rand der baden-württembergischen Kleinstadt Tuttlingen entlockt einem nicht einmal ein Lächeln. Ein Büro eben, viel Grau, viel Weiß, auf dem Schreibtisch eine Mineralwasserflasche. Das Bücherregal ist voll. Was vertikal nicht mehr hineinpasste, liegt quer obenauf. Der Blick nach draußen auf den verhangenen Himmel des Oberen Donautals stimmt auch nicht gerade vergnügt. Und Titze selbst?

Ein paar aus der Reihe tanzende Haare deuten an, dass ihr Besitzer Sinn für Schräges hat. Titzes sonore Stimme signalisiert, dass er kein Luftikus ist, sondern mit beiden Beinen auf der Erde steht, den Ernst des Lebens auch dann noch im Blick behält, wenn er die Grenze zur Welt des Humors überschreitet. Am aussagekräftigsten freilich ist Michael Titzes Lachen. Ein wissendes, verschmitztes Lachen ist es. Mir ist nichts Menschliches fremd, alles ist gut, scheint es zu besagen. Noch der verschrobenste Patient dürfte sich von diesem Mann verstanden, akzeptiert fühlen.

Wie er auf die Idee kam, sich ernsthaft mit dem Lachen zu befassen? Michael Titze überlegt nicht lang: „Entscheidend war die Begegnung mit Schizophrenen.“ Im Psychiatrischen Lehrkrankenhaus Reichenau, wo er als Psychologiestudent Anfang der 70er Jahre hospitierte, trifft er erstmals auf sie. Den Empfang, den sie ihm bereiten, wird er nie vergessen. „Bist du der Nikolaus?“ schallt es ihm entgegen. „Nein, dafür ist er nicht schön genug“, wirft eine Patientin ein. „Dann schickt ihn bestimmt der Osterhase“, mutmaßt eine andere. Alle lachen, Titze auch. Er spielt mit, gibt zu, dass der Osterhase ihn geschickt hat, amüsiert sich im absurden Rollenspiel.

Der Welttag des Lachens: Was das Lachen mit Glücklichsein zu tun hat

In der Psychiatrie Zwiefalten, wo Titze erste berufliche Erfahrung sammelt, unternimmt er weitere vergnügliche Ausflüge in die Vorstellungswelt der Schizophrenen. Publikum gesellt sich hinzu: Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger. Sie biegen sich vor Lachen. Eine Psychologin, die ebenfalls belustigt zuschaut, sollte später Titzes Frau werden und mit ihm zwei Kinder haben, ein Mädchen und einen Jungen.

Wenn der junge Psychiater Absurdes nicht nur gelten lässt, sondern es aufgreift, humorvoll nachlegt, den Widersinn auf die Spitze treibt, tut er das nicht ohne therapeutische Hintergedanken. „Indem ich krankhaftes Verhalten gelten lasse, gutheiße, mir zu eigen mache, sprenge ich erstarrte Verhaltensmuster“, sagt sich Titze. „Für den bei seinen Mitmenschen gemeinhin Befremden auslösenden, Ablehnung erfahrenden Schizophrenen tun sich insgeheim Freiräume auf, um alternatives Verhalten auszuprobieren.“

So ungewöhnlich das klingen mag, gänzlich neu ist es nicht. Alfred Adler, einer der Gründerväter der Psychoanalyse, hatte mit solch paradox anmutendem Vorgehen bereits Erfolge erzielt. Unter Schlaflosigkeit leidenden Patienten empfahl er, nachts möglichst lang wach zu bleiben und sich im Bett Schreckliches auszumalen. Sie taten allerdings das heilsame Gegenteil. Paul Watzlawick verfolgte mit seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ später denselben therapeutischen Ansatz.

Michael Titze wurde an Heiligabend 1947 geboren. Er gilt als Pionier des Therapeutischen Humors, über den er auch viele Bücher geschrieben hat. FR/Foto:privat

Auch Michael Titze kann Erfolge vermelden. Eine seiner Patientinnen wird regelmäßig von heftigen Krampfanfällen heimgesucht. Freunde und Angehörige sind ratlos, schauen ohnmächtig zu. Titze reagiert anders: „Gut so“, ruft er, „verkrampfen Sie noch mehr, noch mehr Spucke, noch mehr Schaum!“ Rot vor Zorn beschimpft die Patientin ihn als Dreckskerl. Aber die Anspannung löst sich, die Krämpfe hören auf.

Es stellt sich heraus, dass die Anfälle Ausdruck uneingestandener Wut auf Angehörige waren, unter denen die Patientin gelitten hatte. Mit Krampfanfällen zahlt sie es ihnen heim, stürzt sie in helle Verzweiflung. Als die Frau andere Wege findet, ihre Wut zu artikulieren, hören die Krämpfe endgültig auf.

Lachen und Gesundheit: Der Welttag des Lachens feiert den Humor

Titze weitet allmählich den Blick, wendet sich dem Humor außerhalb von Klinik und Praxis zu und erkennt: Was für seelisch Labile gilt, trifft auch auf seelisch Gefestigte zu. Auch sie erleben den Ausbruch aus Realität und Logik ins Reich des Humors als befreiend. „Wenn realitätsnahe Kommunikation entgleist, im Anarchischen, im Absurden landet, am Schluss nur noch Lachen ist, dann ist dies pures Glück“, lautet Titzes Fazit.

Und als wäre so viel Glückseligkeit noch nicht genug, macht Lachen auch noch gesund. Titze zählt auf, was es im menschlichen Körper Segensreiches bewirkt: „Lachen stärkt die Immunabwehr, baut Stresshormone ab, regt den Fettstoffwechsel an, senkt den Cholesterinspiegel, fördert die Verdauung. Es bringt das Herz-Kreislauf-System auf Touren, stärkt die Lungen, verpasst dem Gehirn eine wahre Sauerstoffdusche.“

Michael Titzes Kindheit war nicht die reine Glückseligkeit. Im slowenischen Maribor kommt er zur Welt. Das Lachen wird ihm nicht in die Wiege gelegt. Der Vater, ein sudetendeutscher Fabrikbesitzer, hat nicht viel Humor. Allein die tschechische Mutter lässt ihn hin und wieder aufblitzen. Als der Junge fünf ist, zieht die Familie nach Deutschland. Für den kleinen Michael, der mit den Eltern Tschechisch spricht, heißt es nun Deutsch zu lernen. Mangelnde Sprachkenntnisse machen ihn zum Gespött der Mitschüler. Titze erlebt sich in jenen Jahren als „anders als die anderen“.

Lachen: Der Humor hat in der Psychoanalyse und Verhaltenstherapie einen festen Platz

Später sind es dann Kollegen und Vorgesetzte, die spotten. „Hier kommt unser Lachtherapeut“, schallt es ihm aus dem Munde orthodoxer Freudianer zuweilen entgegen. Dass er sich dem Patienten nicht als emotional unbeteiligte Projektionsfläche anbietet, sondern mit ihm gemein macht, ihn humorvoll provoziert, mit ihm lacht, rüttelt an den Grundfesten ihres beruflichen Selbstverständnisses.

Aber nicht nur in Fachkreisen, auch außerhalb eckt er an. Überzeugt davon, dass Lachen in der Leistungsgesellschaft unbedeutend ist, machen Titzes Kritiker eine einfache Gleichung auf: „Wer dem Lachen Bedeutung beimisst, lässt es am nötigen Ernst fehlen, ist unseriös.“ „So manches Mal habe ich mich gefragt, ob ich nicht besser auf Mainstream einschwenken sollte“, erzählt Titze. Letztlich hält er Kurs. „Mut zur Lächerlichkeit“ braucht er dafür.

Aber das ist vorbei. Der Humor hat in Psychoanalyse und Verhaltenstherapie mittlerweile seinen festen Platz. Aus dem spöttischen Lächeln der Kollegen ist ein anerkennendes geworden. Titze reüssiert als international gefragter Referent. Und schon gar nicht schlagen ihm in diesen Zeiten der Pandemie Zweifel entgegen. Das Lachen wird allseits schmerzlich vermisst. Es scheint rarer, kostbarer, heilsamer denn je. (Axel Veiel) Vitamin-D-Mangel: Künstliche Zufuhr kann Ihrer Gesundheit erheblich schaden.

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