Dr. Hontschik

Coronavirus: Verwirrende Zahlen sorgen für Misstrauen – Kolumne

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Was ist eigentlich ein R-Wert? Wie viele Menschen sind wirklich mit dem Coronavirus infiziert? Die Corona-Zahlen bergen viel Potenzial für Verwirrung und falsche Eindrücke. 

Seitdem das Coronavirus die Flut der Nachrichten und Sondersendungen dominiert, werden wir täglich mit der immergleichen Zahlenzusammenstellung konfrontiert. Zuerst wird die Zahl der Infizierten genannt, sogenannte „bestätigte Fälle“. Das sind die Fälle mit Infektionsnachweis durch einen Labortest. Die Zahl der bestätigten Fälle wird ständig addiert, steigt also ständig an, von Tag zu Tag. Am Montag, dem 11. Mai gibt das Robert Koch-Institut (RKI) 169.575 bestätigte Fälle von Infektionen mit dem Coronavirus an, 357 mehr als am Vortag. Aber über welchen Zeitraum verteilt sich das? Aussagekraft gleich Null.

Als Nächstes wird die Zahl der Verstorbenen angegeben, am Stichtag waren es 7417, zweiundzwanzig mehr als am Vortag. Aus unerfindlichen Gründen berechnet das RKI daraus den Anteil Verstorbener mit 4,4 Prozent. Was kann man mit einer solchen Zahl anfangen? Nichts. Denn es ist reine Fantasie, dass 4,4 Prozent der Corona-Infizierten gestorben sind, sondern gestorben sind 4,4 Prozent der positiv Getesteten. Aber wer ist getestet worden? Getestet wurden nur Personen mit Risikofaktoren, die außerdem Symptome einer Atemwegserkrankung aufwiesen.

Corona-Krise: Zahl der bestätigten Infektionen gibt nicht die tatsächlichen Infektionen an

Und da nicht nur das Coronavirus Atemwegserkrankungen hervorrufen kann, haben wir es hier also mit einer ganz speziellen Teilpopulation zu tun, nämlich mit Menschen mit Atemwegserkrankungen. Wie viele der Millionen Tests negativ ausgefallen sind, bleibt im Dunkeln. Und daher ist auch keine Angabe darüber möglich, wie viele Menschen infiziert sind, aber nie krank wurden, denn sie wurden mit keinem Test erfasst.

Es gibt nur Schätzungen, Studien sind in Arbeit. Nehmen wir an, dass nur jeder zehnte Infizierte krank wird, also getestet wird, dann wäre die Todesrate nicht mehr 4,4 Prozent, sondern nur noch 0,44 Prozent. Das Gleiche gilt natürlich für die zuletzt immer angegebene Zahl der sogenannten Genesenen. Am Stichtag waren das 145.600. Diese Zahl ist noch nicht einmal eine Schätzung, sie ist eine reine Erfindung. Wenn niemand weiß, wie viele Infizierte es tatsächlich gibt, wie kann man dann eine seriöse Angabe zur Zahl der Genesenen machen?

Corona-Krise: Was ist eigentlich die R-Zahl?

Den Höhepunkt der Verwirrung aber stellt die sogenannte R-Zahl dar. Sie gibt an, wie viele weitere Infektionen ein bereits Infizierter verursacht. Diese Zahl sollte unter 1,0 liegen, dann nur dann kann die Zahl der Infizierten sinken. Aber spiegelt unsere tägliche R-Zahl auch nur annähernd die tatsächliche Zahl der weitergegebenen Infektionen wider? Mitnichten.

Gerade werden wir wieder alle aufgeschreckt, weil das RKI am Stichtag von einem Anstieg der R-Zahl über den magischen Wert von 1,0 zu berichten weiß, natürlich verbunden mit Warnungen vor den schrecklichen Folgen der Lockerungen des Lockdown. Dazu muss man aber wissen, dass das RKI am 29. April das Berechnungsverfahren der R-Zahl geändert und am 6. Mai die Kriterien für die Testung komplett erneuert hat. Jetzt werden alle Menschen mit Atemwegserkrankungen getestet, außerdem werden breit angelegte Tests bei gänzlich symptomfreien Menschen durchgeführt, zum Beispiel bei Fußballmannschaften. Dann weiß man nämlich, dass sich nicht mehr Personen angesteckt haben, sondern dass man lediglich mehr Infizierte gefunden hat. Ein himmelweiter Unterschied.

Corona-Krise: Missverständliche Zahlen sorgen für Misstrauen

Die Erhöhung der R-Zahl über die magische Grenze von 1,0 beruht also nicht auf einer Zunahme der Infektionen, sondern auf der Ausweitung der Testungen. Und wenn man dann noch weiß, dass die aktuell veröffentlichte R-Zahl auf Daten beruht, die bis zu zehn Tage alt sind, dann kann die Erhöhung der R-Zahl über 1,0 mit Sicherheit nicht auf Lockerungen des Lockdown zurückgeführt werden, denn diese kamen ja alle erst danach. Neuerdings wird vom RKI daher eine „geglättete“ R-Zahl veröffentlicht. Aha. Wer glättet hier was?

Damit wir uns nicht missverstehen: Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen und Atemmasken sind sinnvoll, Verschwörungstheorien fehl am Platz. Aber wer mit solchem Zahlenschrott täglich aufs Neue den massiven Eingriff in unser aller Leben begründet, der hat das wachsende Misstrauen selbst verursacht.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. Aktuell von ihm im Buchhandel: „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“.

Rubriklistenbild: © Tobias Schwarz/AFP/POOL/dpa

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