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Kein Grund für Fatalismus: Medizinhistorikrinnen und -historiker verweisen auf den Fortschritt. 

Medizin, Medien, Meinungen

Wissen schützt vor Panik nicht

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Wissenschaftliche Erkenntnisse sind kein Garant für aufgeklärtes Verhalten – in einer beschleunigten Mediengesellschaft fördern sie manchmal eher gesteigerte Angstlust als besonnenes Handeln.

Das Pflegewohnheim, in dem ich meine Mutter besuche, hat im Eingangsbereich einen Flüssigkeitsspender mit einem Desinfektionsmittel aufgestellt. Viele Besucherinnen und Besucher betätigen sich gewissenhaft daran und reiben sich gründlich die Hände. Andere gehen achtlos vorbei, ich verhalte mich ambivalent.

Nicht selten bemerke ich mein Versäumnis erst, wenn mir der Rückweg bereits zu weit erscheint. Auch wenn die Prozedur etwas lästig ist, hege ich an deren grundsätzlicher Notwendigkeit keinen Zweifel. Wenn ich es wieder einmal unterlassen habe, beruhige ich mich damit, dass es schon nicht zum Schlimmsten kommt.

Stärker als die Angst, sich einen Virus einzufangen, sollte allerdings die Sorge sein, einen in die Einrichtung hineinzutragen. Türgriffe, Haltestangen im Bus – Sie wissen schon. Alte Menschen sind besonders gefährdet. Für die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen ist die Virusfamilie der Coronaviridae denn auch nur eine unter vielen.

Tödliche Gefahr droht hier auch von namenlosen oder gut bekannten infektiösen Strukturen, und die Erkenntnis, dass noch immer mehr Menschen an den Folgen einer herkömmlichen Grippe sterben als am Coronavirus, gab es zuletzt häufig frei Haus. Zur öffentlichen Wahrnehmung epidemischer Gefahren gesellt sich stets auch die Hoffnung, dass Wissen hilft.

Tatsächlich ließe sich angesichts der Corona-Krise die Beobachtung machen, dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse über hochansteckende Infektionskrankheiten vergleichsweise tief in das Alltagswissen eingedrungen sind – ohne allerdings die Unlust zu verringern, sich an die Schutzvorkehrungen zu halten. Neben der menschlichen Trägheit, die ein Handeln wider besseres Wissen befördert, existiert jedoch auch die Neigung zur Übertreibung.

Die amerikanische Medizinhistorikerin Elaine Showalter hat bereits vor 20 Jahren auf den emotionalen, oft fatalen Zusammenhang von Epidemien und Medien aufmerksam gemacht, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse kein verlässlicher Garant für aufgeklärtes Verhalten ist, sondern nicht selten auch zur Verklärung beiträgt.

Das gilt erst recht für eine beschleunigte Mediengesellschaft, in der das Coronavirus als das große Unbekannte die Phänomene einer gesteigerten Angstlust befördert hat, deren wiederkehrendes Sinnbild derzeit als schaurig-schöne Abbildung eines Virusmodells kursiert, das wie ein aggressiver Killerplanet unkontrolliert auf unser Bewusstsein zurast.

Und doch löst gerade dieses Bild ein Déjà-vu-Erlebnis aus, denn noch immer ist der in unseren Breiten am häufigsten aufgesuchte öffentliche Schutzraum das Kino, in dem wir gelernt haben, uns mit unseren Ängsten zu konfrontieren.

Zum alltäglichen Umgang mit der Epidemie gehört natürlich auch die Warnung vor panischen Reaktionen. Das gesellschaftliche Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit wird dabei vor allem durch jene bekräftigt, die schon aus beruflichen Gründen gezwungen sind, demonstrativ Selbstgewissheit zu signalisieren. Keine politische Botschaft ohne die Vermittlung des Gefühls, alles unter Kontrolle zu haben.

Bedrohlich erscheinen dabei jedoch gerade die verschiedenen staatlichen Varianten, diese Kontrolle auch auszuüben. Während Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stereotyp beteuert, unser System sei gut aufgestellt, scheint man dem Virus in China mit einer autoritaristischen Demonstration der Stärke beikommen zu wollen. Das Virus bedrängt nicht nur die Gesundheit der Einzelnen, sondern in beträchtlichem Ausmaß auch Freiheit und Demokratie.

Aus der Sicht von Medizinhistorikerinnen und -historikern ist aber auch das kein Grund für Fatalismus. Vielmehr verweisen sie darauf, dass viele gesundheitspolitische Fortschritte wie die Einrichtung von Patientenregistern und die Vergleichbarkeit von Krankheitsverläufen insbesondere in Reaktion auf schlimme Epidemien erzielt worden sind. Zwischen Panik und Selbstberuhigung bietet die Bereitschaft zu lernen noch immer die größte Überlebenschance – für jeden einzelnen und die Gattung.

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