COVID-19 pandemic caused by new coronavirus
+
New York ist jetzt das Epizentrum der Pandemie.

US-Schriftstellerin Siri Hustvedt im Interview

Corona-Krise unter Trump: Die „doppelte Pathologie“ 

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
    schließen

Die Lage in New York ist ernst. Das weiß auch die Schriftstellerin Siri Hustvedt. Im Interview spricht sie über das Virus als politische Metapher – und wie Krisen die Wunden einer Gesellschaft offenlegen.

  • Schriftstellerin Siri Hustvedt im Interview: „Das Virus ist eine sehr alte Metapher in der Politik“
  • Donald Trump ein „extremer Narzisst“
  • Siri Hustvedt: „Diese Krise legt alle Schwächen des amerikanischen Systems bloß.“

Siri Hustvedt wurde 1955 im US-Bundesstaat Minnesota geboren. Sie ist die älteste Tochter von Lloyd Hustvedt, einem Professor für norwegische und amerikanische Geschichte, und der in Norwegen geborenen Ester Vegan. Bereits in der Schule fing Hustvedt das Schreiben von Gedichten an und studierte später englische Literatur an der Columbia University. Ihr Mann ist der Schriftsteller Paul Auster, den Hustvedt 1982 heiratete. Das Paar hat eine erwachsene Tochter und lebt im New Yorker Stadtteil Brooklyn.

Frau Hustvedt, wie verbringen Sie Ihre Tage in der Quarantäne?

Paul und ich arbeiten ohnehin beide zu Hause, insofern hat sich für uns nicht viel geändert. Das einzige ist, dass wir unsere Tochter und unseren Schwiegersohn nicht gesehen haben, die nur einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Seite des East River leben. Aber wenn ich sehe, was andere Leute durchmachen, geht es uns doch sehr gut.

Sie sind bislang gesund?

Es gibt ja hier immer noch praktisch keine Tests und sowohl mein Mann als auch ich sind in den vergangenen vierzehn Tagen krank geworden. Es geht uns jetzt besser, aber wir haben natürlich keine Ahnung, ob wir jetzt das Virus schon gehabt haben oder nicht. Ich verstehe natürlich, dass man auf weitestgehend gesunde Leute wie uns bei der Knappheit keine Tests verschwenden will. Andererseits ist natürlich die Tatsache, dass es noch immer nicht genügend Tests gibt, ein Desaster.

Coronavirus-Krise in den USA: New York in „Belagerungszustand“

Haben Sie Angst?

Ich mache mir nicht so sehr um mich selbst Sorgen, als darum, wie es weiter geht. Wie sieht die Welt nach dieser Krise aus, wie wird das Leben? Und ich erwarte mit Trauer die Nachrichten von den vielen Toten, die es in New York geben wird. Ich denke an die vielen Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die in den kommenden Wochen sterben werden, weil sie sich nicht schützen können.

Die Lage in New York hat sich in den vergangenen Tagen extrem zugespitzt. New York ist jetzt das Epizentrum der Pandemie.

Ja, die Stadt ist jetzt in einem Belagerungszustand. Sie bauen improvisierte Leichenhallen und bewahren die Toten in Kühlwaggons auf. Die Lage ist hier jetzt sehr ernst.

Der Bürgermeister Bill De Blasio hat gesagt, wir befinden uns im Krieg.

US-Präsident Donald Trump sprach in einer Pressekonferenz von „totaler Autorität“, die er und seine Regierung in der Corona-Krise ausüben könnten. Er allein könne entscheiden, wann die Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie enden würden. „Wenn jemand Präsident ist, ist seine Autorität allumfassend“, sagte Trump und reagierte damit auf die Äußerungen von US-Gouverneuren mehrerer Bundesstaaten, die sich bei der Lockerung der Maßnahmen untereinander koordinieren wollen.

Ich muss oft an meine Mutter denken, die als junges Mädchen im von den Nazis besetzen Norwegen gelebt hat. Sie war am Kriegsende 17, es war ihre gesamte Jugend. Sie ist im vergangenen Oktober gestorben. Ich habe zwei Freunde in Europa, deren Eltern gerade sterben. Beide können ihre Eltern nicht besuchen, sie werden sie nicht mehr sehen. Ich durfte bei meiner Mutter sein, als sie im vergangenen Jahr gestorben ist und das war für mich unglaublich wichtig. Keiner dieser beiden Männer wird es je verwinden können, dass sie ihre Eltern nicht in den Tod begleiten konnten. Und das ist nur eine kleine Sache. Aber dann schaue ich bei uns auf die Straße und die Bäume blühen und alles sieht normal aus. Nur, dass es eine unheimliche Stille gibt, die sich auf die Stadt gelegt hat.

Es scheint so, als wolle Trump New York besonders bestrafen, in dem er der Stadt Hilfsleistungen verweigert. Warum hasst er New York so sehr?

Er weiß, dass man ihn in New York nicht mag, obwohl er hier aufgewachsen ist. Donald Trump ist nie von der New Yorker Elite akzeptiert worden, er wurde stets als vulgär angesehen. Das hat ihn sehr geprägt und auch seine anti-elitäre, anti-intellektuelle Einstellung, die ihn für seine Basis so attraktiv macht.

Haben Sie erwartet, dass sich die Situation so dramatisch zuspitzt?

Ich habe von Anfang an die Nachrichten aus China verfolgt und habe mich dann ein wenig mit der Virologie beschäftigt. Mir ist schnell klar geworden, dass Pandemien ein enormes Risiko in unserer heutigen Welt sind. Es gibt eine ernstzunehmende wissenschaftliche Meinung, die besagt, dass die Abholzung unserer Wälder und der Klimawandel für Pandemien günstige Bedingungen geschaffen haben. Viren können von Spezies zu Spezies migrieren und wenn die Biodiversität schwindet, wird die Wahrscheinlichkeit höher, dass das passiert. Wir leben heute in einer Welt, die viel kleiner geworden ist, als wir uns das je vorgestellt haben und alles hat Auswirkungen auf alles andere. Unsere miteinander verwobenen Systeme sind extrem anfällig. Die Lektion dieses Virus ist, dass wir Teil dieser Systeme sind und nicht außerhalb stehen.

Coronavirus in den USA: Donald Trump konstruiert Epidemie als Invasion

Trotzdem glaubte Trump anfangs, das Problem lösen zu können, indem er die Grenzen schließt.

„Das Virus ist eine sehr alte Metapher in der Politik“, sagt Siri Histvedt, „und es steht meist für das Andere, das Fremde, das uns zu überrollen droht.“ 

Das Virus ist ja eine sehr alte Metapher in der Politik und steht meist für das Andere, das Fremde, das droht uns zu überrollen, zu infiltrieren. Donald Trump verwendet diese Metapher, seit er in der Politik ist. Jetzt versucht er irgendwie einen wirklichen Virus mit der Metapher zu verschmelzen.Doch leider halten sich Viren nicht gerne an Grenzen. Wir Menschen haben ein Virom, die Viren sind in uns, wir können ohne sie gar nicht überleben. Wenn man über Mikrobiologie redet, wird das Konstrukt von „Wir versus das Andere“ völlig absurd. Wir sind symbiotische Kreaturen. Kurzum – die politische Metapher des Virus sollte nicht mit einem wirklichen Virus vermischt werden.

Trump konstruiert die Epidemie als eine Invasion.

Er hat ja schon im Wahlkampf im Jahr 2015 von ansteckenden Krankheiten gesprochen, die über die Grenze zu Mexiko kommen. Natürlich hat er damit die Menschen gemeint, die aus Mexiko kommen. Er hat Krankheits-Metaphern benutzt, Überflutungs-Metaphern. Und natürlich haben die Nazis auch schon die Juden als Bazillen bezeichnet. Diese Metaphorik ist universell, Trump hat das nicht erfunden. Es geht dabei um Vorstellungen von Reinheit. Deshalb glaube ich auch, dass es so wichtig ist, zu verstehen, dass es in der Biologie keine scharfen Grenzen gibt, dass die Dinge sich vermischen und in Wechselwirkung stehen.

Sie haben viel über Trumps Angst vor der Auflösung der Körpergrenzen gesprochen, seine Phobie vor Körperflüssigkeiten und vor dem Weiblichen. Für ihn müsste ja diese Epidemie eigentlich der GAU sein.

Ja, er hasst Bakterien. Es kann sein, dass ihn das vor dem Virus gerettet hat, er wäscht sich ja ständig die Hände und zwingt Leute dazu, sich die Hände zu waschen, bevor sie in das Oval Office treten. Er hat Angst davor kontaminiert zu werden. Dieses Virus, das wahre, nicht das metaphorische, bringt ihn völlig durcheinander.

Glauben Sie, dass vielleicht Trumps Unbeholfenheit in der Reaktion auf das Virus daher stammt, dass er die Metapher und die Realität nicht unterscheiden kann?

Es ist schwer zu wissen, was er tatsächlich denkt. Alles hat bei ihm einen performativen Aspekt. Was für ihn wichtig ist, ist nie, was tatsächlich passiert. Für ihn zählt nur, wie er die Realität so manipulieren kann, dass sie seinen Anhängern gefällt. Wenn ihm das gelingt, dann fühlt er sich beruhigt. Fraglich bleibt hingegen, ob er tatsächlich in irgendeiner Form Angst vor diesem Virus hat, außer als potenzielles politisches Problem. Er begreift den Virus nur im Sinne seiner selbst. Er ist ein Psychopath. Das heißt wir haben in den USA jetzt eine doppelte Pathologie. Wir haben das Pathogen, das durchs Land zieht. Und wir haben die psychiatrische Behinderung des Präsidenten.

Schriftsteller zur Corona-Krise: Radu Vancu über Isolation und Menschlichkeit

Wie fühlt es sich an, dass nun als Amerikanerin Ihr Schicksal, vielleicht Ihr Leben von diesem Mann abhängt?

Es ist beunruhigend. Donald Trump ist ein extremer Narzisst, er hat keinen Begriff von irgendeiner anderen Person außerhalb seiner selbst. Außerdem hat er die Regierung komplett ausgehöhlt.

Dieser Prozess hat aber schon lange vor Trump begonnen. Das System ist schon vor 15 Jahren, angesichts von Hurricane Katrina kollabiert.

Siri Hustvedts erstes Buch  „Ich lese Dir vor“ erschien 1981 und beinhaltete Dichtungen, die Hustvedt während ihres Studiums schrieb. Erst 1993 erschien ihr erster Roman „Die unsichtbare Frau“. Weitere bekannte Werke der Autorin sind „Die Verzaubrung der Lily Dahl“ von 1997 und „Was ich liebte“ von 2003. 

Das hat in der Tat schon mit Ronald Reagan angefangen. Es ist das republikanische Credo, dass es umso besser ist, desto kleiner die Regierung. Jeder Mann kämpft für sich selbst – und ich sage hier bewusst „Mann“. Da fehlt jegliches Verständnis von kollektiver Interdepedenz. Das Virus stellt jetzt diese Ideologie in Frage. Ich kann natürlich nicht vorhersagen, welche politischen Nachwirkungen das Virus haben wird. Wir wissen nicht, ob Trump es schafft, die Krise in eine nativistisch-populistische Erzählung zu verwandeln. Aber ich denke, dass es ihm schwerfallen wird, das Virus zu erklären, wenn es sich weiter im Land ausbreitet und in den sogenannten roten, also republikanischen Staaten ankommt.

Coronavirus-Krise legt Schwächen des amerikanischen Systems offen

Man hat den Eindruck, als würde in dieser Krise das politische System in den USA völlig versagen. Die Leute sind auf sich gestellt.

Ja, die lokalen und regionalen Politiker müssen irgendwie schauen, wie sie klar kommen und wir müssen uns auf sie verlassen. Manchmal gibt es Vorsteher in Landkreisen, die mit ihrem Gouverneur streiten, weil der Republikaner ist und nicht daran glaubt, dass das Virus gefährlich ist. Diese Krise legt alle Schwächen des amerikanischen Systems bloß.

Welche zum Beispiel?

Hustvedts wissenschaftlichen Artikel  erscheinen in verschiedenen Fachmagazinen. Ein Interesse auf dem Gebiet hatte Hustvedt um 2010 gewonnen, nachdem sie bei einem Vortrag ein ungewöhnliches Zittern bei sich selbst festgestellt hat. Um diese Zeit ist auch ihr Buch „Die zitternde Frau – eine Geschichte meiner Nerven“ entstanden, in dem sie Thesen aus der Neurologie und Psychiatrie referiert. Mittlerweile unterrichtet Hustvedt auch Ärzte in Narrativer Psychologie.

Zum Beispiel, dass so viel Macht in den Händen der Einzelstaaten liegt. Uns New Yorkern kommt das natürlich im Moment zugute, weil Donald Trump nicht über New York bestimmen kann. Und unser Gouverneur ist ein seriöser, vernünftiger Mann. Aber es ist eine Katastrophe, dass Amerika die Institutionen der Bundesregierung abgebaut hat. Das rächt sich jetzt bitter. Hinzu kommt ein Gesundheitssystem, das vollkommen kaputt ist. Es gibt keine Gewerkschaften mehr, es gibt eine rasende soziale Ungleichheit. Es gibt in einer Situation wie dieser einfach kein Netzwerk mehr, dass aufgerufen werden kann, um der Herausforderung zu begegnen.

Die Regierung hat angesichts der Corona-Krise vollkommen versagt. Trotzdem bekommt Trump in den Umfragen für seine Handhabung der Krise eher gute Noten.

Ich kann mir das auch nicht erklären. Ich schaue mir Trump an und kann nur einen Narren erkennen. Er weiß nichts, er benutzt jede Gelegenheit um sich selbst zu loben, er widert mich an. Ich frage mich immer – was sehen die Leute in ihm? Was ist an ihm attraktiv?

Haben Sie eine Theorie?

Kant sagt in seinem wunderbaren Aufsatz „Was ist Aufklärung“, dass die Menschen sich eine starke Vaterfigur wünschen, eine, die ihnen erklärt, wo es lang geht. Dieser Wunsch nach einem Führer war im Laufe der Geschichte immer der Kern von autoritären Bewegungen.

Es scheint so, als ob Trump ein Spektakel der Führung inszeniert, anstatt tatsächlich zu führen. Er stellt sich für die Pressekonferenz auf die Bühne mit 40 Offiziellen, die alle zu ihm aufschauen.

Ja und sie werden alle dazu gezwungen unterwürfig zu sein und ihm zu schmeicheln. Es ist wie der französische Hof, es ist vollkommen verrückt. Die Leute, die jetzt noch in der Regierung übrig sind, sind das, was wir hier Yes-Men nennen, Ja-Sager. Der Vizepräsident der USA ist ein unerträglicher Kriecher auf eine Art und Weise, die vollkommen erniedrigend ist. Es ist schockierend.

Noch keine Ahnung, welche Folgen die Coronavirus-Krise in den USA hat

Die derzeitige Lage muss doch für Anführer mit autoritären Impulsen wie Trump eine enorme Versuchung sein, von ihren erweiterten Rechten Gebrauch zu machen.

Ja natürlich. Deshalb möchte man natürlich nicht, dass diese Sache sich hinzieht. Aber ich habe einiges Vertrauen in unser Repräsentantenhaus, das ja noch immer demokratisch bestimmt ist. Wir haben noch keine Ahnung, welche Folgen das alles nach sich ziehen wird. Ich bin mir aber nicht sicher, dass dies seine Macht konsolidiert. Es kann auch in die andere Richtung gehen und seine Präsidentschaft in sich zusammenstürzen lassen.

Die Krise kann also auch langfristige eine Wende zum Besseren bedeuten?

Die Krise hat viele Probleme an die Oberfläche gespült. Nehmen wir Obdachlosigkeit. Obdachlose können nicht in Quarantäne gehen. Deshalb hat der Gouverneur von Kalifornien angefangen Unterkünfte für die Obdachlosen zu bauen. Es gibt nichts, was so sehr die Wunden einer Gesellschaft aufreißt wie eine Krise.

Interview: Sebastian Moll

Lesen Sie alle aktuellen Entwicklungen der Corona-Krise in den USA in unserem News-Ticker.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare