Coronavirus in Deutschland: Hier sieht es nicht so aus, aber das Risikobewusstsein nimmt in der breiten Bevölkerung ab. 
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Coronavirus in Deutschland: Hier sieht es nicht so aus, aber das Risikobewusstsein nimmt in der breiten Bevölkerung ab. 

Lockerungen

Coronavirus: Die Angst vor der zweiten Welle

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Wissenschaftler warnen, auf zu viel Lockerung der Corona-Regeln könnte ein schlimmer Herbst mit vielen neuen Infektionen folgen.

  • Die Corona-Regeln in Deutschland wurden gelockert.
  • Die Innenstädte sind wieder bevölkert.
  • Wissenschaftler warnen vor der zweiten Welle.

Die neue Sicherheit ist mehr als fragil. Während in Innenstädten der Metropolen wieder Gedränge herrscht, Abstandsgebote in Läden und Parks oft nicht eingehalten werden können, während Wirtschaftsvertreter und -politiker noch weitere Lockerungen fordern, warnen nicht nur die Kanzlerin, sondern auch praktisch alle Virologen und Epidemiologen vor der neuen Leichtigkeit des Seins.

Corona-Krise: Die Reproduktionszahl liegt derzeit unter 1 – Angst vor der zweiten Welle

Die Skepsis hat ihren Grund. Zwar liegt die Reproduktionszahl in Deutschland derzeit unter 1 – statistisch steckt also jeder mit dem Coronavirus infizierte Mensch im Moment weniger als einen weiteren an. Aber der aktuelle Erfolg ist eine Momentaufnahme, möglich eben nur dank des weitgehenden Lockdown des öffentlichen Lebens. Das Robert-Koch-Institut (RKI) betonte am Dienstag, aus epidemiologischer Sicht hätten die Auflagen bestehen bleiben müssen, es gebe aber auch „gesellschaftliche Aspekte“, die zu berücksichtigen seien.

Was hinter der indirekten Warnung steckt, versteht man, wenn man eine weitere Kurve in den Blick nimmt: Die der Covid-19-Fälle auf deutschen Intensivstationen. Die nehmen nämlich stetig zu – trotz der verlangsamten Virusverbreitung. Laut dem neuen Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) waren am Dienstag (21.04.2020) von gut 31.000 Intensivbetten etwa 18.000 belegt, ein Sechstel davon mit Covid-19-Patienten. Die Kliniken haben also noch Kapazitäten, aber regional ist die Belastung sehr ungleich verteilt, in manchen Häusern ist kein Bett mehr frei.

Organtransplantationen sind wegen Corona an vielen Kliniken ausgesetzt

Hinzu kommt: Schon jetzt werden andere, potenziell lebenswichtige Behandlungen verschoben oder finden gar nicht statt. So sind etwa Organtransplantationen nach Lebendspende an vielen Kliniken ausgesetzt, Einweisungen wegen Verdachts auf Herzinfarkt und Schlaganfall sind deutlich zurückgegangen. Wenn also die Deutsche Krankenhausgesellschaft die „vorsichtige, schrittweise Wiederaufnahme der Regelversorgung“ fordert, steckt dahinter auch die Angst, wegen Corona Menschenleben an anderer Stelle zu verlieren. Zugleich zeigen Befragungen, dass das Risikobewusstsein in der breiten Bevölkerung abgenommen hat. Deshalb sind die Expertenwarnungen vor einer zweiten, noch schlimmeren Corona-Welle durchaus ernstzunehmen.

Denn das Coronavirus verbreitet sich ja weiter. Und wenn wieder mehr gereist wird, wenn Großeltern und Enkel sich wiedersehen, wird es sich über die Monate überall im ganzen Land verteilen. Der Berliner Virologe Christian Drosten nennt das „Diffusionseffekte, die fast zwangsläufig sind“. Er warnt davor, dass es im Herbst schlimm werden könnte – selbst wenn der Reproduktionsfaktor um die 1 gehalten werden kann. Denn dann wäre mit dem Aufbrechen neuer Herde überall im Land zu rechnen. So eine Welle könne „eine ganz andere Wucht“ entfalten als die erste mit lediglich lokalen Hotspots in NRW und Süddeutschland.

Zweite Corona-Welle lässt sich nur mit Beschränkungen verhindern

Verhindern lässt sich eine zweite Corona-Welle in Deutschland derzeit nur mit Beschränkungen. Immunologe Michael Meyer-Hermann von der Helmholtz-Gemeinschaft geht ohnehin davon aus, dass der unter 1 gedrückte Reproduktionsfaktor nicht die Realität abbildet, sondern dass die Behörden in der Osterwoche weniger Fälle gemeldet haben. Die Helmholtz-Forscher machen sich dafür stark, die strengen Regeln noch einige Wochen aufrecht zu erhalten, bis der Reproduktionsfaktor auf 0,2 gedrückt worden sei. Dann sei das Coronavirus soweit ausgetrocknet, dass es in Schach gehalten werden könne durch intensives Testen sowie Nachverfolgen und Isolieren von Kontaktpersonen – und dann wäre auch deutlich mehr Öffnung als jetzt möglich. Dass dafür einige Wochen Lockdown reichen, bezeichnen die Forscher aber selbst als „optimistisch“.

Bund und Länder haben sich zunächst für den anderen Weg entschieden – den der „kontrollierten Weiterverbreitung“ bei einem Reproduktionsfaktor von nicht über 1. Die Risiken sind erheblich: Die Kanzlerin selbst rechnete kürzlich vor, dass bei einem Anstieg auf 1,3 die Intensivstationen bereits im Juni überfüllt sind. Steigt der Faktor nur auf 1,1, sei das nach derzeitigen Modellierungen im Oktober der Fall.

Angst vor der zweiten Corona-Welle: Lockerungen könnten rückgängig gemacht werden

Das soll unbedingt verhindert werden. RKI-Vizepräsident Lars Schaade hat bereits betont, es müsse die Bereitschaft geben, Lockerungen in Deutschland auch wieder rückgängig zu machen. Diesen Ansatz diskutiert die Forschung schon länger: Um das Coronavirus beherrschbar zu halten, könnten Lockdown-Phasen sich abwechseln mit Phasen der Öffnung, immer entsprechend dem Anstieg oder Absinken der Infektionszahlen. Das Modell geht davon aus, dass wegen der mit der Zeit wachsenden Zahl von Genesenen, die eine Immunität haben, die Lockdownphasen immer kürzer werden können. Trotzdem würde der Prozess zwei bis drei Jahre brauchen – wenn nicht vorher ein Impfstoff vorliegt.

Von Ursula Rüssmann

Bei der Umsetzung der Corona-Lockerungen, die von Bund und Ländern beschlossen wurden. sollen die hessischen Landkreise mehr Verantwortung übernehmen. Sollte es zu einer zweiten Corona-Welle kommen könnte das einige Landkreise vor Probleme stellen. 

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