In der chinesischen Stadt Wuhan haben sich Hunderte Menschen mit dem Virus infiziert, das eine Lungenkrankheit auslöst.
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In der chinesischen Stadt Wuhan haben sich Hunderte Menschen mit dem Virus infiziert, das eine Lungenkrankheit auslöst.

Lungenkrankheit

Coronavirus in China: Mit Mundschutz zum Neujahrsfest

  • vonFabian Kretschmer
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Die Ausbreitung des Coronavirus in Asien weckt beunruhigende Erinnerungen an die Sars-Epidemie. Experten sehen Europa aber nicht akut in Gefahr.

Seit Wochen hält die Angst vor der neuen Lungenkrankheit die chinesische Öffentlichkeit in Atem, spätestens seit Dienstag ist die Sorge auch im Alltag sichtbar: Fast jeder zweite Passant in der Pekinger Innenstadt trägt eine Atemschutzmaske, nur die Augen lugen hinter den verdeckten Gesichtern hervor. Wer in der chinesischen Hauptstadt noch eine solche Maske ergattern möchte, braucht Glück. In den meisten Apotheken sind die begehrten Utensilien ausverkauft, auch Online-Händler kommen der Nachfrage kaum nach.

Im Regierungsfernsehen war man bis zum Wochenende noch sichtlich um Beschwichtigung bemüht: „Dieses neue Virus hat keine hohe Infektiosität. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch kann allerdings nicht ganz ausgeschlossen werden“, sagte Li Gang, medizinischer Direktor des Zentrums für Seuchenkontrolle in Wuhan am Sonntag. Mittlerweile steht eindeutig fest, dass das Coronavirus lediglich durch menschlichen Kontakt übertragen werden kann.

China: Coronavirus löst mysteriöse Lungenkrankheit aus

Sechs Patienten sind bereits gestorben, mindestens 300 an dem Virus erkrankt – darunter auch 15 Angestellte eines Krankenhauses. Laut einer Studie des Imperial College London dürfte die Anzahl der Ansteckungen allerdings weitaus höher liegen als von chinesischen Behörden bisher bestätigt. So gehen die britischen Virologen von möglicherweise bis zu 1700 Infektionen allein in Wuhan aus.

Schutzmaßnahmen: Was bringen Atemschutzmasken gegen das Coronavirus?

Gabriel Leung, medizinischer Dekan der Universität Hongkong, kalkuliert nach seinem Rechenmodell rund 1300 Ansteckungen in der zentralchinesischen Stadt. Dort liegt nämlich der Ursprung des Virus, das sich von einem Markt für Fisch, Wild und Meerestiere aus verbreitet haben soll. Seit Anfang des Jahres ist der betroffene Huanan-Markt geschlossen.

Am Montag schließlich erreichte das Virus auch die chinesische Hauptstadt, denn die Behörden bestätigten die ersten Virus-Patienten in Peking. Im Alltag der 21-Millionen-Metropole lässt sich keine Panik feststellen, die U-Bahn-Züge sind während des Feierabendverkehrs wie üblich bis zum letzten Stehplatz gefüllt.

Ausbruch von Coronavirus in China - Angst vor Lungenkrankheit

Wer sich jedoch unter Bekannten umhört, der kriegt ein anderes Bild vermittelt: Viele junge Leute sind sich sicher, dass der Virus-Ausbruch weitaus fortgeschrittener sei, als die Behörden nach außen preisgeben. Ihre Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen, das Thema gilt als sensibel. Kein Wunder: Laut der Nachrichtenagentur Reuters sollen Verwandte betroffener Patienten von den Behörden dazu angehalten worden sein, nicht mit Medien über das Virus zu sprechen und auch keine Neuigkeiten online weiterzuverbreiten.

In diesem Klima der Verunsicherung zeigen sich viele Nutzer in den sozialen Netzwerken besorgt, ob sie ausreichend über den Virus-Ausbruch informiert werden. Mit stündlich wechselnden Hashtags versuchen sie – vergleichbar mit einem Katz-und-Maus-Spiel – stets der Zensurbehörde einen Schritt voraus zu sein. „Ich hoffe, dass die Regierungsnachrichten aktuell und wahr sind“, schreibt etwa ein User auf „Weibo“, dem chinesischen Facebook. Ein anderer meint: „Das chinesische Neujahrsfest steht vor der Tür. Ich frage mich, ob jeder genug auf sich aufpassen kann.“

Coronavirus: Reisezeit in China - Lungenkrankheit könnte sich verbreiten

Am Freitag reisen die meisten Chinesen zum Frühlingsfest zu ihren Familien in die Heimatdörfer. Es ist eine weltweit einmalige logistische Herausforderung: Rund 400 Millionen Leute werden laut Schätzungen per Bus, Bahn und Flugzeug unterwegs sein. Ausgerechnet Wuhan gilt dabei als zentraler Transportknotenpunkt zwischen den Küstenstädten an der Ostküste und dem Hinterland.

Unterdessen wurden bereits in Japan, Südkorea und Thailand insgesamt drei Ansteckungen bestätigt. Die Betroffenen sollen vor kurzem aus Wuhan angereist worden sein. In den Vereinigten Staaten hat das Zentrum für Seuchenkontrolle- und Prävention nun an drei Flughäfen mehr als 100 Mitarbeiter entsandt, um den Gesundheitszustand ankommender Passagiere aus Wuhan zu überprüfen. Zuletzt wurde eine vergleichbare Aktion beim Ebola-Ausbruch 2014 eingeleitet.

In China ruft das neuartige Coronavirus böse Erinnerungen wach, schließlich stammt es aus derselben Erregerfamilie wie das Sars-Virus. Die Sars-Pandemie aus dem Jahr 2002 gilt bis heute als schwerwiegendste ihrer Art, damals kamen knapp 800 Menschen innerhalb kürzester Zeit ums Leben – vor allem in Festlandchina und Hongkong.

Coronavirus in China: Lungenkrankheit und auch noch die Afrikanische Schweinepest

Doch auch im benachbarten Inselstaat Taiwan löste Sars eine Panik aus, wie sich die 30-jährige Karen Chen aus der Hauptstadt Taipeh erinnert: „Wir mussten in unserer Schule damals täglich unsere Körpertemperatur mitteilen – aus Angst, wir könnten das Virus in uns tragen“, sagt die Angestellte einer PR-Firma. Vor allem die staatlichen Behörden wurden damals für die Ausbreitung des Virus verantwortlich gemacht, weil sie nicht rechtzeitig genug Quarantäne-Maßnahmen getroffen haben. Bis dato lässt sich die Angst vor einem Virus-Ausbruch im dichtbesiedelten Inselstaat spüren: Dutzende Schilder und Videobotschaften warnen ankommende Passagiere in Taipeh, sich bei Unwohlsein unbedingt ins Quarantänebüro zu begeben.

Seit Monaten grassiert in China zudem die Afrikanische Schweinepest, die als größte Krise der Tiergesundheit gilt. Das Reich der Mitte ist schließlich der größte Schweinefleischproduzent der Welt – von 770 Millionen Zuchtschweinen werden 440 Millionen in China gehalten. Die Hälfte aller Bestände musste jedoch bereits getötet werden, der Preis von Schweinefleisch hat sich in China seither de facto verdoppelt. Dass sich das Virus überhaupt so stark verbreiten konnte, hängt auch mit der Intransparenz der Behörden zusammen. Lange Zeit wurde das Problem heruntergespielt, die Öffentlichkeit nicht ausreichend informiert. Noch immer verweigert die Regierung einen offenen Dialog über die wahren Ausmaße des Problems.

China: Börse bricht wegen Coronavirus ein - Angst vor Lungenkrankheit

Und dennoch bemüht sich diesmal die nationale Gesundheitskommission, Vorwürfen entgegenzuwirken: Behörden im ganzen Land seien etwa dazu aufgefordert worden, verstärkt Labortests zum Aufspüren möglicher Ansteckungsfälle vorzunehmen. Und trotz des angespannten Verhältnisses zu Taiwan hat die Volksrepublik dem Besuch einer medizinischen Delegation aus dem Inselstaat zugestimmt.

Auch an den Börsen hat sich indes der Virus-Ausbruch bemerkbar gemacht: Der Shanghai Composite fiel um 1,4 Prozentpunkte – der größte Einbruch seit zwei Monaten.

Das Coronavirus breitet sich weiter aus. Jetzt ist auch in den USA erstmals ein Fall der neuen Lungenkrankheit nachgewiesen worden.

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