In Kairo: Trotz eines bestätigten Falls gibt sich Ägyptens Regierung demonstrativ entspannt. Mohamed el-Shahed/AFP
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In Kairo: Trotz eines bestätigten Falls gibt sich Ägyptens Regierung demonstrativ entspannt. 

Coronavirus in Afrika

Vorboten einer Katastrophe

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Abgesehen von einem Fall in Ägypten ist über eine Ankunft des Coronavirus Sars-CoV-2 auf dem afrikanischen Kontinent noch nichts bekannt. Viele Afrikanerinnen und Afrikaner leiden trotzdem schon jetzt darunter.

Die Nachricht war dürr wie ein Kameldorn in der Wüste. In Kairo sei der erste Fall eines mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infizierten Mannes bestätigt worden, teilte das ägyptische Gesundheitsministerium am Wochenende mit: Der „Ausländer“ sei in eine Isolierstation eingeliefert, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorschriftsmäßig unterrichtet worden.

Später wurde bekannt, dass es sich um einen Chinesen und bei der Isolierstation um ein Krankenhaus in Matrouh handelt, gut 400 Kilometer westlich der Hauptstadt Kairo. Mehr war der ägyptischen Regierung der Umstand vorerst nicht wert, dass es sich bei dem Mann um den ersten bestätigten Corona-Fall auf afrikanischem Boden handelte.

„Wenn diese Krankheit nach Afrika kommt, wird es noch dramatischer als in China“, hatte indes Bill Gates auf einer Konferenz der „Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften“ (AAAS) in Seattle orakelt: Auf dem schwächlichen Kontinent könnten dem Virus „zehn Millionen Menschen“ zum Opfer fallen, so der Microsoft-Gründer.

Trotzdem wurden die Alarmglocken auch vom Fall in Kairo nicht ausgelöst – auch, weil Ägypten im öffentlichen Bewusstsein gar nicht zu Afrika gehört. Das Gesundheitswesen im Grenzstaat zwischen arabischer und afrikanischer Welt ist den meisten südlich der Sahara gelegenen Ländern überlegen.

Das mangelhafte Gesundheitssystem der meisten afrikanischen Staaten ist es auch, das Expertinnen und Experten beim Gedanken an die Ankunft des Virus in Afrika die größten Sorgen macht. Zugleich wundert man sich in ihren Kreisen, dass die Epidemie noch nicht im „wirklichen Afrika“ angekommen ist – trotz der engen Verbindungen, die der Kontinent zum Reich der Mitte pflegt.

Zwei Millionen Chinesinnen und Chinesen leben derzeit in Afrika, Hunderttausende afrikanischer Studierender und Geschäftsleute halten sich in China auf. Die beiden Weltregionen wurden bislang von acht Flügen am Tag direkt verbunden. Zu der angeblichen Unfähigkeit des Virus, sich in Afrika niederzulassen, werden in den Sozialen Medien die kühnsten Thesen verbreitet.

Dem Erreger sei es dort zu heiß, heißt es etwa. Oder auch: Afrikanerinnen und Afrikaner seien gegen das Virus immun. „Alles Quatsch“, meint Corona-Experte Paul Hunter, der an der englischen University of East Anglia Medizin lehrt. Wer weiß, ob das Virus nicht schon längst in Afrika angekommen ist?

In Assuan: Reisende aus China kommen immer seltener. 

Auf allen internationalen Flughäfen des Kontinents wird die Körpertemperatur der Fluggäste gemessen. Da das Virus aber schon übertragen worden sein kann, noch bevor überhaupt Symptome auftauchen, ist diese Vorsichtsmaßnahme zumindest unzureichend. Im schlimmsten Fall wird das Virus erst Tage nach seiner Ankunft in einem entlegenen afrikanischen Staat entdeckt – nachdem der Patient oder die Patientin bereits Hunderte infiziert hat.

Schon heute leiden viele Afrikanerinnen und Afrikaner unter dem offiziell Sars-CoV-2 benannten Virus, auch wenn der Erreger noch gar nicht angekommen ist. Südafrikas Hummer-Fischer können ihren Fang nicht mehr nach China schicken – dabei haben sie bisher 90 Prozent ihrer Beute ins Reich der Mitte gesandt.

Auch die Tourismusbehörden klagen über eine Stornierungswelle – und das, wo Südafrika die Zahl seiner chinesischen Besucherinnen und Besucher in den kommenden zehn Jahren von 100 000 auf zwei Millionen steigern wollte. Das schlechteste Los haben jedoch die rund 5000 jungen Afrikanerinnen und Afrikaner gezogen, die im chinesischen Epidemiezentrum Wuhan studieren.

Sie sitzen seit Wochen in ihren Wohnungen, von der Außenwelt abgeschnitten. „Wir leben in einem Gefängnis“, klagt auch der südafrikanische Geschäftsmann Pieter Viljoen übers Telefon der Johannesburger Wochenzeitung „Mail&Guardian“: „Wir fühlen uns allein gelassen.“ Viele Staaten der Welt, darunter auch Deutschland, haben ihre in der Krisenregion lebenden Bürgerinnen und Bürger längst zurückgeholt.

Selbst die nordafrikanischen Länder Marokko, Algerien und Ägypten haben ihre Landsleute aus China ausgeflogen. Der Regierung von Senegal sind die Kosten dafür indes zu hoch. Und in Südafrika will man vom schlechten Zustand seiner Landsleute nichts gehört haben. „Wir haben keine Ahnung, wer auf die Idee von den verzweifelten Leuten gekommen ist, die nach Südafrika zurück wollen“, so Außenministerin Naledi Pandor im Radio.

Dabei hätte sie nur mal in die Zeitung schauen müssen. Im „Mail & Guardian“ wird der seit sechs Monaten in Wuhan unterrichtende Lehrer François Daneel zitiert: „Es wird schlimmer und schlimmer. Wir sitzen allein in unseren Verschlägen. Das ist neben der physischen vor allem eine psychische Herausforderung.“

Vielen afrikanischen Studierenden geht mittlerweile das Geld für Lebensmittel aus, deren Preis sich in den vergangenen Wochen verzehnfacht hat. Das „Centre for Disease Controll“ appellierte jetzt an die Regierungen des Kontinents, ihre Landsleute aus Wuhan zu holen: Nur so könne eine „humanitäre Krise“ abgewendet werden. 

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