Wer jetzt immer noch Krankenhausschließungen propagiert, hat nichts verstanden.
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Wer jetzt immer noch Krankenhausschließungen propagiert, hat nichts verstanden.

Dr. Hontschiks Diagnose

Nicht nur wegen Corona: Mit dem Ausverkauf des Gesundheitssystems muss Schluss sein

  • Bernd Hontschik
    vonBernd Hontschik
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In Deutschland steigen die Corona-Neuinfektionen rasant. Der Ausverkauf der Krankenhäuser geht unterdessen weiter. Die Medizin-Kolumne.

  • Deutschland leidet weiter unter der zweiten Welle der Corona-Pandemie.
  • Trotz der Corona-Krise geht der Ausverkauf im Gesundheitswesens munter weiter.
  • Dr. Hontschik fordert in seiner FR-Kolumne ein Ende der Schließungen von Kliniken in Deutschland.

Eigentlich hatte ich gedacht, die Menschen hierzulande hätten jetzt begriffen, dass wir ein gutes Gesundheitswesen haben – auch wenn viele Fehler passiert sind. Eigentlich hatte ich geglaubt, dass jetzt ein für allemal Schluss ist mit der Diskussion um Krankenhausschließungen. Das Gesundheitswesen hatte sich ja als Teil der staatlichen Daseinsvorsorge bewährt. Aber während alle Welt über die Corona-Pandemie diskutiert, ist der Ausverkauf von Krankenhäusern, die Schließung von Kreißsälen, von Kinderstationen und von ganzen Krankenhäusern unvermindert weitergegangen.

In der zweiten Corona-Welle wagen sich die Totengräber des Gesundheitswesens aus ihrem Versteck

Wirklich überrascht hat mich aber, dass sich Ende Oktober, mitten im zweiten Höhepunkt der Corona-Pandemie, die Totengräber unseres Gesundheitswesens wieder aus ihrem Versteck wagten und erneut die Schließung von 800 der 1400 Krankenhäuser in unserem Land forderten. Noch mehr als die Forderung selbst verblüfften mich die Begründungen für diese Kampagne:

Da wird zum einen von der „Gesundheitskasse“ AOK argumentiert, dass 70 Prozent aller Corona-Patient:innen in nur 25 Prozent unserer Krankenhäuser behandelt worden seien, nämlich in größeren Krankenhäusern mit Intensivstationen. Man suggeriert damit, die anderen 75 Prozent seien nicht weiter erforderlich.

Bei der AOK scheint nicht bekannt zu sein, dass in unseren Krankenhäusern auch noch andere Erkrankungen als Corona behandelt werden, von Leistenbrüchen und Durchblutungsstörungen über Geburten und Kinderkrankheiten, von Knochenbrüchen über Diabetes, Hypertonie bis hin zu Krebserkrankungen, für die allesamt keine hochgerüstete Apparatemedizin, keine Intensivstationen gebraucht werden.

Wie konnte es zur Corona-Katastrophe in Großbritannien, Italien, Spanien und Frankreich kommen?

Zum zweiten wird Personalmangel ins Feld geführt: Es gäbe zu viele Betten für zu wenig Personal. Würde man Kliniken schließen, dann würde das Personal auch wieder ausreichen. Diese Argumentation ist wirklich in ihrer Schlichtheit nicht zu überbieten. Deswegen werden die Patient:innen doch nicht weniger! Sie müssen jetzt allerdings sehr viel weiter fahren. Keine Rede ist von einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen, von vernünftigen Arbeitszeiten und von angemessenen Löhnen.

Zurück zur Corona-Pandemie: Wie konnte es zu den katastrophalen Zuständen in Großbritannien, Italien, Spanien und Frankreich kommen? Ist das Virus in Deutschland weniger ansteckend, weniger tödlich als in anderen Ländern? Großbritannien, Italien, Spanien und Frankreich haben eines gemeinsam: Sie haben ihr Gesundheitswesen schon seit Jahren so nachhaltig demontiert, dass es dort gleich zu Beginn der Pandemie überlastet und überfordert war.

In den USA ist die schwarze Bevölkerung deutlich stärker von der Corona-Pandemie betroffen

Deutlich wird das auch in den USA, wo die schwarze Bevölkerung drei- bis viermal so schwer von der Corona-Pandemie und ihrer Sterblichkeit betroffen ist. Das Virus bevorzugt keineswegs schwarze Menschen. Es wütet aber überall da ungehindert, wo Armut und fehlende Gesundheitsversorgung die Menschen dem Virus hilflos ausliefern.

Zum Autor

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist: www.medizinHuman.de.

Aktuell von ihm im Buchhandel: „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“.

Wer jetzt immer noch Krankenhausschließungen propagiert, hat nichts verstanden. Krankenhäuser müssen im Gegenteil gestärkt werden. Die Krankenhausfinanzierung muss von der zerstörerischen Wirkung der Fallpauschalen befreit werden, die Geld und Gewinn statt Gesundheit und Genesung zum Hauptziel der Krankenhausmedizin gemacht haben. Die Länder müssen endlich ihren gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen, ausreichende Mittel zur Modernisierung der Krankenhäuser bereitzustellen, was sie seit Jahren nicht tun.

Nicht nur in der Corona-Pandemie muss ein kluger Krankenhausplan die Gesundheitsversorgung sicherstellen

Zugleich muss ein kluger Krankenhausplan die Versorgung der Bevölkerung mit vielen kleinen, genug mittleren und wenigen zentralisierten großen Krankenhäusern sicherstellen, so wie es kleine, mittlere und große medizinische Probleme gibt. Besonders im dünn besiedelten ländlichen Raum muss dabei die unselige Trennung zwischen ambulanter und stationärer Medizin beseitigt werden. Man muss kein Kommunist sein, wenn man an dieser Stelle an die teilweise vorbildlichen Ambulatorien der DDR denkt. (Bernd Hontschik)

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