„Ganz andere Dimension“

Corona: Politik und „Spezialisten" auf dem Holzweg? Deutscher Klinik-Direktor warnt vor heftigem Mangel in Krankenhäusern

  • Antonio Riether
    vonAntonio Riether
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Deutschland kam man verglichen mit dem europäischen Ausland gut durch die Corona-Krise. Doch ein Direktor einer Klinik hat einen großen Kritikpunkt.

  • Die Corona-Krise offenbarte Stärken, aber auch Schwächen des deutschen Gesundheitswesens.
  • Ein Chirurgie-Direktor einer Uniklinik klagt nun jedoch über einen besonders gravierenden Mangel.
  • Seiner Meinung sei die Anzahl der Betten nicht so wichtig wie die der Pfleger.

Hamburg - Die Coronavirus*-Krise hat das deutsche Gesundheitssystem kräftig auf die Probe gestellt. Verglichen mit anderen Ländern Europas wie Italien oder Großbritannien gab es zwar weniger Todesfälle. Doch Prof. Dr. Dr. Hermann Reichenspurner, Direktor an der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf, sah trotz der positiven Zahlen auch eine große Schwäche des Gesundheitswesens ans Licht kommen.

Uniklinik-Direktor bemängelt Krisen-Management - „Zu normalen Zeiten schon Engpässe“ im Personal

„Wir waren aufgrund der Qualität der Intensivmedizin wahrscheinlich so gut auf diese Krise vorbereitet wie kein anderes Land“, meint Reichenspurner. Das größte Problem in Deutschland sei jedoch nicht etwa die Anzahl an Intensivbetten, sondern die „reine Kapazität“, sagt er in einem Interview mit Spiegel Online. Dem Mediziner zufolge geht es dabei vorrangig um den Mangel an Pflegekräften. „Wir haben schon zu normalen Zeiten Engpässe. Aber in einer solchen Krise hat das eine ganz andere Dimension“, so Reichenspurner.

Der Klinik-Direktor für Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie erlebte während der Hochphase der Corona-Pandemie*, dass das Pflegepersonal „unglaublich schwer schuften“ musste. Man dürfe nicht vergessen, wie hart die Arbeit in diesen Zeiten sei, da besonders Covid-19-Patienten „extrem aufwändig zu pflegen“ seien. „Man trägt eine Schutzkleidung, eine FFP2-Maske, die ziemlich furchtbar zu tragen ist, davor noch ein Plexiglasvisier“ - in dieser Kluft müssen die Intensivpatienten „gehoben, gewendet, gedreht oder saubergemacht werden“ müssten.

Chirurgie-Direktor kritisiert Politiker - Bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen nötig

Er bemängelt, dass mehr über fehlende Beatmungsgeräte als von ungenügenden Pflegekapazitäten gesprochen wurde. Grund dafür sind Politiker und die meisten „Spezialisten“, die laut Reichenspurner nicht wüssten, „wie ein Krankenhaus funktioniert“. Man habe auf dem Höhepunkt der Pandemie „alle Pflegekräfte mobilisiert“, erzählt der Chirurgie-Direktor. „Mit unserem Intensivpflegepersonal allein hätten wir schon die erste Welle nicht bewältigen können“, weiß er nun.

Zwar habe Deutschland im Vergleich zu Nachbarländern mehr Krankenhausbetten, doch „Betten allein zählen nicht, es geht vor allem ums Personal“. Dabei stehen für ihn besonders zwei Punkte im Fokus: Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Pflege sowie eine bessere Bezahlung.

Pflegekräfte während der Corona-Krise - „Beruf, ohne den wir völlig machtlos wären“

„Jemand, der heute als Pflegekraft in Hamburg anfängt, hat vielleicht 2800 Euro brutto“, schätzt er. „Das Gehalt steigt erst, wenn man Schichtzulagen bekommt, im OP oder auf der Intensivstation arbeitet. Der Grundtarif in der Pflege ist dringend verbesserungsbedürftig“, kritisiert er. Im Hamburger Herzzentrum wisse man, was man an seinen Pflegekräften hat. „Pflegekräfte sind mit uns Ärzten absolut auf Augenhöhe. Das ist ein Beruf, ohne den wir völlig machtlos wären", stellt Reichenspurner fest. Neben der Kritik am Krisen-Management blamiert sich die Bundesregierung auch noch mit der Corona-Warnapp, die über mehrere Wochen teilweise nicht funktioniert haben soll. (ajr) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

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