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Corona-Forschung: Neue Erkenntnisse zu Antikörpern – und ein fataler Trugschluss

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Von: Nadja Austel

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Abstrichproben aus Corona-Testzentren für die Untersuchung im PCR-Labor
Die Wissenschaft liefert immer neue Erkenntnisse zum Coronavirus. Aber wie diese zu verstehen sind, wissen nicht alle. (Symbolbild) © Jens Büttner/dpa

Eine neue US-Studie zu Corona zeigt, dass ungeimpfte Genesene nach 20 Monaten noch Antikörper gegen das Virus in sich tragen. Was bedeutet das für die Impfstoffe?

Baltimore – „Die Omikron-Variante verursacht weniger starke Symptome als die bisherigen. Die Corona-Pandemie* ist fast vorüber. Auch ohne Impfung bilden Menschen Antikörper gegen das Virus“, solche Aussagen liest und hört man dieser Tage wohl häufiger. Ist eine Impfung jetzt nicht mehr nötig?

Forschende aus Baltimore in den USA* veröffentlichen ihre neuen Erkenntnisse nun und scheinen ins gleiche Horn zu blasen: Sie konnten bei ungeimpften Genesenen noch 20 Monate nach einer Infektion Antikörper finden. Das klingt ganz danach, dass eine Impfung überflüssig sein könnte. Könnte man denken. Doch Antikörper heißt nicht Immunität.

Antikörper alleine bedeuten noch keinen wirksamen Schutz vor einer Infektion, auch wenn sie zahlreich im Körper vorzufinden sind. Die Wissenschaft kennt das Problem schon lange: Die Worte, die sie benutzt, sind schnell falsch verstanden. Die Wissenschaftler von der Johns Hopkins Universität in Baltimore machen sogar von sich aus quasi präventiv darauf aufmerksam, dass „Antikörperspiegel allein nicht direkt mit der Immunität gleichzusetzen sind“.

Corona-Studie zu Antikörpern nach Genesung: Was sagen sie über die Immunität aus?

Aber vorhandene Antikörper, das hat mit der Immunität doch etwas zu tun? Die Wissenschaft würde sie sich sonst doch nicht anschauen. Stimmt, aber sie sind nur ein Teil unseres sehr komplexen Immunsystems. Forschende sehen sich die Antikörper an, weil sie ein Teil dieses Systems sind. Ein bildlicher Vergleich: Nur weil ein Schüler viele Stifte mit in der Schule dabei hat, heißt das noch nicht, dass er sich im Unterricht besonders gut machen wird. Auch wie schnell er sie abnutzt oder verschusselt, ob er also nach 20 Monaten noch welche davon übrig hat, ist kein richtiger Anhaltspunkt für seine Leistung.

Besorgniserregende Varianten des CoronavirusBezeichnung
OmikronB.1.1.529
DeltaB.1.617.2
AlphaB.1.1.7
BetaB.1.351
GammaP.1

Es kommt eben darauf an, was er damit macht. Klar, wenn er gar keine Stifte hätte, dann würden wir nicht davon ausgehen, dass er besonders gut mitarbeiten kann. Aber wie viele Stifte ein Schüler hat, sagt uns noch nichts über seinen Notenspiegel. Natürlich hinkt der Vergleich im Kontext des viel komplizierteren Immunsystems. Diesen einen Punkt verdeutlicht er aber.

Antikörper gegen Corona durch Infektion: Strategie hat ein Problem

Wenn man nun von den Antikörpern nicht auf die Immunität von ungeimpften Genesenen schließen kann, wie unterscheidet sich der Schutz Genesener und Geimpfter dann überhaupt? Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, erklärt gegenüber der Tagesschau, warum der Genesenenschutz nur sehr schwer zu erfassen ist: „Das hängt sowohl von der Variante und der Menge an Virus ab als auch vom Verlauf. Leichte Verläufe haben oft auch eine geringere Immunantwort zur Folge“.

Im Klartext heißt das, wir wissen gar nicht, wie viel vom Virus ein Genesener überhaupt abbekommen hat. Eine kleine Portion, eine mittlere? Welche Variante hatte er und wie stark waren seine Symptome? All das bleibt unklar. Wenn er nur leichte Symptome hatte, dann hat sein Immunsystem möglicherweise auch nur leicht reagiert. Grade bei der Omikron-Variante, die mildere Symptome verursachen kann*, wäre das möglich.

Bei einer Impfung gibt es eine viel bessere Kontrolle über diese Aspekte. Um im Vergleich mit dem Schüler zu bleiben: Wir (die Wissenschaft) haben vorher schon viele andere Schüler beobachtet, die den gleichen Schultag hinter sich haben. Wir haben ihnen allen vorab einen Info-Zettel dazu geschickt, wie der Tag aussehen wird. Sie haben dann dementsprechend eigenständig ihren Rucksack gepackt. Hinterher konnten wir feststellen, wer mit seinem Material gut mitarbeiten konnte, welche Leistung er also gezeigt hat.

Und auch wie viele Stifte, Hefte und Bücher sie im Schnitt mitgebracht hatten. Für die nächsten Gruppen haben wir den Info-Zettel so lange umformuliert, bis sich alle damit wirklich gut auf den Schultag einstellen konnten. Wir konnten sehen, wie viele Stifte gute Schüler in etwa mitbringen. An der Anzahl der Stifte allein können wir aber nicht ablesen, wie gut ihre Leistung ist.

Corona-Schutz: Mit einer Infektion geht es auch – Doch was passiert da?

Man kann die Immunität der Bevölkerung aber durch Infektionen doch trotzdem aufbauen, auch wenn man sie nicht misst, zählt und wiegt? „Natürlich kann man auch ohne Impfungen diese Bevölkerungsimmunität aufbauen. Die Frage ist nur, was das kostet – in Form von Todesfällen“, sagt Christian Drosten* gegenüber dem Deutschlandfunk.

Völlig klar also, das geht, aber der Preis dafür könnte hoch sein. Dauern würde der Prozess mehrere Jahre, denn eine Infektion mit einer Variante reiche nicht aus. Im Prinzip müsse man nämlich mit jeder Virus-Variante jeweils eine ausgeprägte Infektion durchmachen, um irgendwann einen ausreichenden Schutz vor allen Variante aufzubauen. Mit einer Impfung ginge das schneller.

Außerdem gibt es noch ein ganz anderes Problem bei dieser Strategie. „Im Gegensatz zu einer Impfung, bei der dieser Effekt ausgeklammert ist, schädigen ganz viele Infektionserkrankungen zunächst einmal das Immunsystem, statt es zu trainieren“, erklärt Drosten weiter. Denn auch wenn das Immunsystem bei einer Infektion reagiert, das Virus schädigt es dabei. Das könne auch Auswirkungen auf die Abwehr von anderen Krankheiten haben. Nach einer Impfung sei das nicht zu erwarten, da der Körper hierbei nicht mit dem ganzen Virus in Kontakt komme, sondern nur mit dessen viel zitiertem Spike-Protein, so der Virologe.

Corona-Pandemie: Preis der Durchseuchung am Beispiel der USA

Darüber hinaus können wir uns in Europa nicht auf die Meldung vermeintlich seltener Todesfälle durch die Omikron-Variante* verlassen. „In Bevölkerungen, die besonders alt sind, schauen Sie zum Beispiel auf die USA, dort ist das Impfprogramm noch schlechter gelaufen und wir haben dort praktisch jeden Tag im Moment – und das seit langer Zeit – über 500 Tote am Tag“, sagt Drosten.

Auch die deutsche Bevölkerung sei im internationalen Vergleich eher alt. Der Blick auf die USA kann uns also zeigen, wie es einem Industrieland ohne genügenden Impfschutz ergehen kann. Er nennt die Fakten für die USA: „Wir haben jetzt seit Monaten 1000 Tote am Tag. Und man fragt sich, wie lange das eigentlich noch so weitergehen soll.“

Corona-Todesfälle: Durchseuchung funktioniert, aber der Preis sind Menschenleben

Dringt denn noch zu uns durch, was diese Zahl bedeutet? Im Vergleich mit einer Tragödie aus der Vergangenheit können wir das prüfen: Beim Terroranschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 kamen auf einen Schlag über 2500 US-Bürger ums Leben. Der Welt stockte der Atem. Die Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus seit Dezember 2019 belaufen sich in den USA mittlerweile auf 908.000 (New York Times, Stand 08.02.2022). Stockt uns bei dieser Zahl auch noch der Atem? In Deutschland sind es rund 119.000 Todesfälle.

Und was kann man daraus ableiten? Ja, Durchseuchung durch natürliche Infektion funktioniert. Der Preis dafür sind Menschenleben – sehr viele Menschenleben. Die Pandemie ist kein Schlag, sie ist ein Marathon. Ihr Ausmaß als Naturkatastrophe macht das schwer greifbar. Vielleicht hilft es, sich vorzustellen, all diese Menschen wären ebenfalls auf einen Schlag gestorben. Die Pandemie ist eine weltweite Katastrophe. Auch wenn wir dieser Tatsache langsam müde sind, vergessen sollten wir sie nicht. (na) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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