Schicksalhafter Tag: Am 15. April 2019 stieg Rauch über Paris aus.
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Schicksalhafter Tag: Am 15. April 2019 stieg Rauch über Paris aus.

Notre-Dame

Coronavirus stoppt den Wiederaufbau der Notre-Dame

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Vor einem Jahr verwüstete ein Brand Notre-Dame, 2024 sollte die Kathedrale wieder stehen. Doch ein Jahrhunderte altes Bauwerk folgt einer anderen Zeitrechnung. 

  • Am 15. April 2019 stand Notre-Dame in Flammen.
  • Bis 2024 sollte sie wieder aufgebaut werden.
  • Der Wiederaufbau wird von Corona gebremst.

Vielleicht ist es die Corona-Krise. Alles zuvor Gewesene scheint der Geschichte anzugehören. An jenem 15. April 2019 probte Emmanuel Macron im Elysée-Palast gerade eine Fernsehansprache zum Thema „Gelbwesten“. Kurz nach dem ersten Brandalarm von 18.18 Uhr wurde er informiert, die Kathedrale Notre-Dame stehe in Flammen. Der französische Präsident machte sich sofort auf den Weg zur Seine-Insel, wo sich seine Leibwächter einen Weg durch die Menschenmenge bahnten. Die Feuerwehr war bereits im Einsatz.

Nachdem das Dachgerüst und der lodernde Vierungsturm in das Kirchschiff gekracht waren, gelang es ihr, das Flammenmeer unter Kontrolle zu.

Kurz vor Mitternacht trat dann Macron vor die Kameras. Die Gelbwestenrede war vergessen. „Ich verspreche es feierlich, diese Kathedrale, wir werden sie wieder aufbauen“, gelobte der sichtlich bewegte Präsident.

Tags darauf betraute Präsident Macron einen pensionierten General mit dem Wiederaufbau. Jean-Louis Georgelin ist ein kantiger, lediger Militär, von dem Bekannte sagen, er habe nur einen Fehler: Er singe in der Messe zu laut. Sein neuster Auftrag: Im Sommer 2024, wenn in Paris die olympischen Sommerspiele anstehen, soll Notre-Dame wieder ihre mächtigen Portale öffnen. Der General weiß: Eile ist geboten. Doch eine aus dem 13. Jahrhundert stammende Kathedrale gehorcht wohl einer anderen Zeitrechnung.

Die Reinigung der dauert Monate

Rasch zeigte sich, dass allein die Räumungsarbeiten der Überreste dieses mächtigen Wahrzeichens fast zwei Jahre in Anspruch nehmen dürften. Denn das 250 Tonnen schwere Renovationsgerüst, das Notre-Dame schon vor dem Brand umhüllt hatte, ist eingestürzt. Und bis heute wissen die Ingenieurinnen und Ingenieure überhaupt nicht, ob die 10.000 ineinander verkeilten Metallstangen nicht etwa die Steinmauern und das Gewölbe stützen. Das wäre fatal.

Schon im Sommer 2019 wurde zudem ruchbar, dass die Bleipartikel des geschmolzenen Kirchendachs in südwestlicher Windrichtung Straßen, Hausdächer und sogar Schulhöfe der französischen Hauptstadt verschmutzt hatten. Schon allein die Reinigung Stein um Stein erfordert mehrere Monate.

Corona stoppt die weiteren Arbeiten

Anfang März dieses Jahres begannen dann die Vorbereitungen für die ausgesprochen riskante Entfernung des Metallgerüstes. Doch noch bevor die erste Stange entfernt war, schickte Präsident Macron sein Land in Quarantäne. Auch über der abgebrannten Kathedrale musste General Georgelin einen Baustopp verhängen.

Seither ist die Zeit für Notre-Dame ganz angehalten. Der eigentliche Wiederaufbau hätte im nächsten Frühjahr starten sollen. Jetzt dürfte es mindestens Sommer 2021 werden. Das schafft Zeit für die Architektinnen und Architekten, für interessierte Bürgerinnen und Bürger zudem, sich auf das zukünftige Antlitz der alten Dame zu einigen. Je länger die Debatte dauert, desto eher scheint sich eine klassische Renovation à l’identique gegenüber ausgefallenen Ideen wie einer Dachbegrünung durchzusetzen.

Vor einem Entscheid muss aber zuerst einmal die Räumung beendet sein, dann erst kann die Solidität der Bausubstanz geprüft werden. Wann das soweit sein wird, weiß niemand mehr. Denn in der Zwischenzeit ist ein noch viel größeres Malheur über Paris, über Frankreich, ja die Menschheit hereingebrochen. „Was sind schon fünf Jahre“, hinterfragt die Zeitung „Le Monde“ die ursprünglich geplante Wiederaufbauzeit, „wenn die Bewohner der Altersheime zu Hunderten sterben?“

Die Lehre von Notre-Dame

Alles ist eben relativ, mag die steinalte Pariser Kathedrale antworten. Zeit ist relativ, sogar das Unglück ist relativ. Notre-Dame hat es immerhin überlebt, besser sogar als so manches Bauwerk ihrer Art. Die weltberühmte Kathedrale von Chartres etwa entstand im 12. Jahrhundert auf den Ruinen einer heruntergebrannten romanischen Vorgängerin. Die nicht minder imposante Schwester in Reims, in der einst Frankreichs Könige gesalbt wurden, kassierte im Ersten Weltkrieg 250 feindliche Bomben.

All diese himmelsstrebenden Basiliken haben überlebt. Gewiss ist alles relativ, aber nach dem Unheil renken sich die Dinge wieder ein, geht das Leben weiter. Auch das ist die Lehre von Notre-Dame, die die Frage umdrehen könnte: Was sind schon ein paar Wochen Ausgangssperre, verglichen mit acht Jahrhunderten Existenz in der geographischen und geistigen Mitte einer ebenso alten Nation?

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