Ausgetrunken. Die Kulturszene leidet unter dem neuen Corona-Lockdown.
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Ausgetrunken. Die Kulturszene leidet unter dem neuen Corona-Lockdown.

Lockdown im November

Corona-Beschränkungen in Deutschland: Die Stimmung kippt - „Der dritte Lockdown findet im Februar statt“

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Anfang November werden wegen der Corona-Pandemie bundesweit Einschränkungen verhängt. Die Kulturszene leidet mit am meisten.

  • Die neuen Corona-Maßnahmen sehen eine Schließung sämtlicher kultureller Orte vor.
  • Besonders zu leiden hat der soziokulturelle Bereich unter den Maßnahmen.
  • Wie viele der Corona-Maßnahmen sind Willkür?

Frankfurt - Die erste Phase der Corona-Einschränkungen in Deutschland ab März, gerne auch „Lockdown“ genannt, wurde von einem großen Teil der Bevölkerung getragen. Alle Menschen, inklusive Politiker:innen und Virolog:innen, waren verunsichert, bloß nichts falsch machen, keine Leben riskieren, lautete die Devise.

Ende Oktober sieht die Stimmung im Land trotz der steigenden Neuinfektionen weniger homogen aus. Viele Menschen, seien es nun Künstler:innen, Theaterschaffende, Messeleute, Schausteller:innen oder Gastronome, sind seit acht Monaten mehr oder weniger mit einem Arbeitsverbot belastet. Konnte die Gastronomie zwischenzeitlich aufatmen und anhand kostspieliger Hygienekonzepte eine Art Scheinnormalität umsetzen, dürfte sich diese ab November wieder erledigt haben. Auch die Theater hatten kürzlich mit aufwändigen Maßnahmen geöffnet, ebenso wie manche Kinos, in denen man sich sicherer fühlen konnte, als im eigenen Wohnzimmer. Hat alles nichts gebracht, denn für all diese Branchen sieht es aktuell düster aus. Wie reagieren Betroffene auf die neuen Corona-Maßnahmen?

Corona-Maßnahmen: Katastrophe für die Gastronomie

Die Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel beispielsweise hat die finanzielle Lage von bundesweit 57 300 Gastronomiebetrieben analysiert und befürchtet eine Pleitewelle in der Branche: Rund 14,5 Prozent der Branchenfirmen in Deutschland seien insolvenzgefährdet. Die Situation vieler Restaurants, Gaststätten, Imbisse und Cafés dürfte sich jedoch noch verschlimmern, schätzt Geschäftsführer Frank Schlein. Demnach könnte jedes fünfte Gastronomie-Unternehmen im ersten Quartal 2021 insolvenzgefährdet sein.

Derweil rufen Seelsorger zur Rückendeckung für Heimleitungen auf. Schließlich werden auch Besuche in Pflegeeinrichtungen wieder eingeschränkt, obwohl das Recht auf soziale Kontakte gerade alter und pflegebedürftiger Menschen in Corona-Zeiten immer mehr in den Fokus rückte. Das Recht auf soziale Kontakte und auf Berührung für Altenheimbewohner und Angehörige dürfe nicht aus dem Blick geraten, fordern evangelische Altenheimseelsorger:innen. In einem Offenen Brief an Pflegeministerin Melanie Huml (CSU) heißt es, dass Heimleitungen von Politik, Staatsanwaltschaft, Gesellschaft und Kirchen Rückendeckung bekommen müssten, damit sie nicht „aus Angst vor Schuld an Menschen schuldig werden“. Der Fokus könne, wenn es um Gesundheit gehe, nicht allein auf das körperliche Wohl gesetzt werden.

Kulturschaffende äußern sich zu Corona-Maßnahmen

Auch die Journalistin Dunja Hayali fragt auf Instagram nach einer Begründung für das Schließen von sozialen Orten: „Sollten Gastro, Bars, Theater, Opern, Kinos, Fitnessstudios… wieder geschlossen werden, bin ich auf die Begründung gespannt. Das sind Einrichtungen, die in Schutzmaßnahmen investiert und kontrolliert haben.“

Philipp Ruch, Gründer des Zentrums für Politische Schönheit, äußert sich gegenüber der FR wie folgt: „Trotz der berechtigten Kritik, die Bevölkerung endlich mitzunehmen und bei Maßnahmenverschärfungen die Parlamente, Bürgerräte oder Ärzte einzubinden, wird erneut einseitig von oben blind nach unten ‚verordnet‘, an Parlamenten und der hochaktiven Zivilbevölkerung vorbei. Am bittersten ist, dass die Beschlüsse erneut ohne jede Debatte gegen die ausdrückliche Empfehlung der Bundesärztekammer gefällt wurden. Das ganze dann aber mit dem ‚Weihnachtsfest‘ zu begründen und quasi als Belohnung ‚dem Volk‘ damit zu winken, dass man doch wenigstens Weihnachten wieder fröhlich besingen könne, zeugt von einem merkwürdigen Menschenbild, das hinter den CDU-Beschlüssen steckt. Meine Prognose: 10 Milliarden reichen niemals aus für 75 % Umsatzausfall. Der dritte Lockdown findet im Februar statt.“

Walter Ercolino vom Pop-Büro Region Stuttgart betont die gesellschaftliche Relevanz popkultureller Infrastruktur: „Wenn das Selbstverständliche, also der Kinobesuch, das Popkonzert, die Nacht im Club und vieles andere nicht mehr möglich ist, fehlt ein wichtiges Scharnier gesellschaftlichen Zusammenlebens. Vielleicht lenkt das den Blick in Zukunft auf kulturelle Bereiche, die bisher ein Schattendasein geführt haben, wenn es um Kulturförderung ging.“

Theater-Regisseur Falk Richter äußert sich zu den Corona-Maßnahmen und der Bedeutung für die Kulturszene dahingehend, dass „Superspreader Events wie diese Coronaleugnerdemos oder überfüllte Waggons der deutschen Bahn, die Infektionszahlen nach oben haben schnellen lassen und nicht die geöffneten Theatersäle mit ihren hervorragenden Hygienekonzepten.“ Auf den Demos habe fast niemand eine Maske getragen oder sich an Abstandsregeln gehalten: „Und die Berliner Polizei ist völlig überfordert und steht weitgehend tatenlos daneben, wenn sich keiner an die Hygieneregeln hält. ... Was passiert eigentlich bei der nächsten Coronaleugner-Massendemo? Wie wird dann da vonseiten der Politik und der Polizei gehandelt?“

Eine interessante Frage angesichts der Tatsache, dass Zusammenkünfte im öffentlichen Raum die nächsten vier Wochen möglichst zu unterbleiben haben. U-, S- und Straßenbahnfahrten abgesehen. „Theater ist Kunst, ist Bildung, sorgt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ist ein Ort der Reflexion und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“, sagt Falk Richter. „Dazu kommt, dass Theater zu den sichersten Orten während der Pandemie zählten. Theater als reines Unterhaltungsgewerbe einzustufen und jetzt komplett zu schließen, ist falsch.“

Wer muss den Corona-Lockdown ausbaden?

Die Frankfurterin Manuela Mock, die mit ihrem Laden „Transnormal“ fester Bestandteil der hiesigen Kulturszene ist, sieht einen grundsätzlichen Bedarf nach mehr Wertschätzung und Demut: „Wenn das Virus uns dabei hilft, umzudenken und mehr den Mitmenschen zu sehen, als den eigenen Vorteil und Gewinn, dann ist das positiv. Verlierer gibt es auch, das sind für mich die Leute die das Wort „systemrelevat“ in medial verbreiteten. Die Hilfen, die nun verteilt werden, kommen nicht rechtzeitig, nicht gleichmäßig und nicht gerecht beim Einzelnen an. Wenn wir schon „all in that“ gemeinsam sind, dann frage ich mich, warum der „Lockdown light“ gerade die Kunstschaffenden und Gastronomen so schwer treffen muss. Das Ende einer „Spaßgesellschaft“ sollte nicht nur der Clown ausbaden, während der Zirkusdirektor Kredite vergibt und klamm und heimlich das Zelt abbaut.“

Nico Wehnemann, Frankfurter Politiker von DIE PARTEI schwant ebenfalls nichts Gutes. Er geht davon aus, dass sich die Kultur- und Gastroszene Frankfurt nie mehr erholen wird. „Mit dem erneuten Lockdown* werden viele der Frankfurter Kulturschaffenden und auch viele Gastronomen nicht mehr fertig werden. Lokale als auch Theater haben in den vergangen Monaten in Hygienemaßnahmen investiert. Die Stadt ist an allen Stellen überfordert, eröffnet aber noch fix einen Herbstmarkt, anstatt den Schausteller:innen schnell mit wichtigem Geld zu helfen, um ihr Überleben zu sichern. Zusätzlich wird in Alt-Sachsenhausen eine allgemeine Sperrstunde für ‚nach Corona‘ vorbereitet, der Todesstoß für die Gastronomie, welche den Lockdown irgendwie überlebt. Und natürlich wird darüber gesprochen, das Stadtparlament wieder in Notbesetzung tagen zu lassen. Schon im ersten Lockdown haben 20 Menschen in Notbesetzung einen Doppelhaushalt verabschiedet. Undemokratischer und chaotischer kann eine Stadt nicht geführt werden.“

Corona-Maßnahmen: „Kultur wird gleich zweimal abgewertet“

Und was sagt der Autor Johannes Kram zu den Maßnahmen? „Das Argument lautet: Weil Unterhaltung nicht so wichtig ist wie Wirtschaft, muss das nicht sein. Das ist doppelt fies: Denn nur, weil Kultur auch unterhalten kann, ist Kultur nicht nur Unterhaltung. Und nur, weil Kultur nicht so aussieht wie Wirtschaft, bedeutet das nicht, dass Kultur nicht auch Wirtschaft ist. Kultur wird also gleich zweimal abgewertet, und die Menschen, die sie schaffen gleich mit.“

Fazit: Die Corona-Maßnahmen explizit den soziokulturellen Bereich betreffend, finden aktuell bei vielen Betroffenen kaum Verständnis. Hauptkritikpunkt ist, dass viele öffentlichen Einrichtungen sich hygiene-konzeptuell ausgestattet haben, um ein sicheres Miteinander zu gewährleisten. Das wird vom sogenannten Corona-Kabinett nicht honoriert, vielmehr erscheinen die Maßnahmen diesbezüglich aktionistisch. „Wir müssen uns privat zusammenreißen!“ sagt etwa Dunja Hayali. Theaterintendantin Barbara Mundel spricht von „kompletter Willkür“. Weiß das auch Markus Söder? *merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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