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Corona-Proteste in Kanada - Polizei wird deutlich: „Kommen Sie nicht hierher“

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Von: Sandra Kathe, Nail Akkoyun

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Ottawas stellvertretender Polizeichef Steve Bell sendet eine klare Botschaft an die Corona-Demonstrant:innen. (Archivfoto)
Ottawas stellvertretender Polizeichef Steve Bell sendet eine klare Botschaft an die Corona-Demonstrant:innen. (Archivfoto) © Justin Tang/Imago

Seit knapp zwei Wochen blockieren Protestierende gegen die Corona-Maßnahmen die Stadt Ottawa. Die Polizei warnt die Menschen und droht mit ernsten Konsequenzen.

Update vom Mittwoch, 09.02.2022, 10.10 Uhr: Der aufgrund der Großdemonstration gegen die Corona-Maßnahmen ausgerufene Notstand in Ottawa hält weiter an. Trotz größtenteils friedlich verlaufenden Protesten zeigt sich die Polizei besorgt über „extremistische Rhetorik“, die immer wieder von rechtsextremen Demonstrant:innen zu vernehmen ist. Demnach ist es in der kanadischen Hauptstadt zu mehreren rassistischen und homophoben Vorfällen gekommen.

Wie die BBC berichtet, sollen einige Protestierende zudem am Nationalen Kriegsdenkmal getanzt haben. Inzwischen seien knapp 80 Strafermittlungen in die Wege geleitet worden, darunter aufgrund von mutmaßlichen Hassverbrechen sowie Sachbeschädigungen. Mehr als 20 Personen wurden derweil festgenommen.

Kanada: Corona-Protestierende „haben nicht das Recht, uns als Geiseln zu nehmen“

„Unsere Nachricht an die Demonstrant:innen bleibt: Kommen Sie nicht hierher. Falls doch, wird es Konsequenzen geben“, sagte Ottawas stellvertretender Polizeichef Steve Bell auf einer Pressekonferenz. Laut Bell hatte die Polizei in etwa 100 Trucks Kinder entdeckt, die seit beinahe zwei Wochen der Lautstärke der Demonstrationen, Abgasen der Trucks sowie mangelnder Hygiene ausgesetzt sind. Daraufhin wurde das kanadische Kinderhilfswerk kontaktiert.

Circa 756 Kilometer von Ottawa entfernt, wurde Kanadas wichtigster Grenzübergang am Dienstag (08.02.2022) teilweise wieder geöffnet. Die Ambassador-Brücke, die das kanadische Ontario mit dem US-amerikanischen Michigan verbindet, wird üblicherweise täglich von mehr als 40.000 Menschen genutzt. Jeden Tag überqueren Güter in einem Wert von schätzungsweise 323 Millionen Dollar den Grenzübergang am Detroit River.

Corona-Proteste in Kanada drohen zu eskalieren: „Es wird Tote geben!“

Update vom Dienstag, 08.02.2022, 17.20 Uhr: Aufgrund der anhalten Corona-Protesten in Ottawa hat Bürgermeister Jim Watson die Bevölkerung gewarnt, dass „es Tote geben wird“. Am Sonntag (06.02.2022) hatte die kanadische Hauptstadt den Notstand ausgerufen.

Der sogenannte „Freiheitskonvoi“, bestehend aus Trucks und Demonstrant:innen, blockiert bereits seit dem 29. Januar mehrere Straßen in Ottawa und sorgt für einen regelrechten Stillstand der Stadt. Hintergrund ist eine Regelung, die ungeimpfte Trucker:innen in Quarantäne schickt, falls diese auf ihren Strecken die US-Grenze passieren sollten. Wie aljeeza.com berichtet, sei die Großdemonstration von bekannten rechtsextremen Größen organisiert worden.

Kanada: Corona-Proteste in Ottawa verängstigen Bevölkerung

„Wir stecken mitten in einem ernsthaften Notfall. Es ist der kritischste Notfall, den unsere Stadt je verkraften musste und wir müssen viel schneller vorankommen, viel vorausschauender, damit wir die Straßen wieder unter Kontrolle bringen können“, sagte Watson in einem Interview mit dem Fernsehsender CTV. „Jemand wird aufgrund des verantwortungslosen Verhalten von manchen dieser Menschen noch getötet oder ernsthaft verletzt werden“, so der Bürgermeister weiter.

Die Polizei gehe mittlerweile „um einiges aggressiver“ vor, so Watson. Eine entsprechende Vorgehensweise unterstütze er gänzlich, da man „mit diesen Individuen nicht argumentieren“ könne. Darüber hinaus sei es unter den Demonstrant:innen seit Beginn der Großaktion vermehrt zu „antisemitischem und rassistischem“ Verhalten gekommen. Viele ältere Anwohner seien derart verängstigt, dass diese sich nicht mal mehr in die Supermärkte trauen würden.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau erklärte, dass es sich bei den Beteiligten um eine kleine Minderheit der Kanadier:innen handeln würde. Rund 83 Prozent der kanadischen Bevölkerung gilt als vollständig gegen das Coronavirus geimpft (Stand: 08.02.2022). Der ehemalige US-Präsident Donald Trump nannte Trudeau am Freitag (04.02.2022) einen „linksextremen Irren“ und sprach den Trucker:innen seine Unterstützung aus.

Corona-Proteste in Kanada: Ottawa ruft den Notstand aus

Erstmeldung vom Montag, 07.02.2022, 10.56 Uhr: Ottawa – Was Ende Januar als Protest kanadischer Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer begann*, die zunächst die Impfpflicht an der US-kanadischen Grenze beklagten, ist nun zu einer ausdauernden Großdemonstration gegen Corona-Einschränkungen* geworden. Seit Tagen legen Demonstrierende in Lkws, bei Sitzstreiks und Protestmärschen die Stadt lahm - deren Bürgermeister Jim Watson hat am Sonntag (06.02.2022) den Notstand ausgerufen.

Mit dieser Maßnahme und dem Anfordern zusätzlicher Polizeikräfte will Watson einer Situation nun Herr werden, die, wie der Bürgermeister betonte, „völlig außer Kontrolle“ geraten sei. Er sagte, es seien weit mehr Demonstranten vor Ort, als Polizeibeamte zur Verfügung ständen. „Wir sind eindeutig in der Unterzahl und verlieren diesen Kampf“, sagte er dem Radiosender CFRA. Um das blockierte Stadtzentrum „zurückzuerobern“, forderte er die „Unterstützung anderer Gerichtsbarkeiten und Regierungsebenen“.

Proteste in Kanada gegen Corona-Maßnahmen: Demonstrierende zünden Pyrotechnik

Auch am Wochenende (05./06.02.2022) kamen wieder tausende Menschen in die kanadische Hauptstadt, um ihren Unmut gegenüber der geltenden Corona-Maßnahmen zu verkünden. In Sprechchören und auf Bannern forderten sie ein Ende der „Segregation“, also der gesellschaftlichen Ungleichbehandlung Ungeimpfter, und die Rückkehr in eine „Freiheit“ ohne Regeln oder Maßnahmen. Dabei blockierten die Demonstrierenden nicht nur die Straßen der Innenstadt, sondern veranstalteten auch Hupkonzerte, und belästigten und beschimpften Anwohnerinnen und Anwohner.

Watson bezeichnete die Trucker als „unsensibel“, da sie „daraus eine Party machen“. Die britische Tageszeitung The Guardian berichtet über ein Feuerwerk auf dem Gelände des National War Memorial, bei dem auch Menschen mit Hakenkreuzflaggen teilgenommen hätten sowie über kleinere Proteste in Kanadas größter Stadt Toronto.

Corona-Proteste in Kanada: Kritik an Einflussnahme aus den USA

Kritik an den Protesten richtete sich zuletzt nicht nur in Richtung der Demonstrierenden selbst, sondern auch gegen Einflüsse aus den USA*, die sich auch bei den Protesten am Wochenende in Form von Trump-Fahnen zeigten. Dazu schrieb etwa der ehemalige US-Botschafter in Kanada, Bruce Heyman, auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, Kanada erfahre derzeit einen Eingriff radikaler Kräfte der US-Politik. Donald Trump* und seine Gefolgschaft seien „nicht nur eine Gefahr für die USA, sondern für alle Demokratien“.

Hintergrund der Anschuldigungen sind neben lautstarken Beifallsbekundungen von Republikanerinnen und Republikanern* zu den Protesten in Kanada auch kürzlich gestartete Spendenkampagnen, bei denen US-Politiker vorgaben, Unterstützungen in Millionenhöhe für die kanadischen Protestierenden zu sammeln. Dazu betonte Heyman auf Twitter: „Unter keinen Umständen sollte irgendeine Gruppe in den USA demokratiefeindliche Maßnahmen in Kanada finanzieren.“

Proteste in Kanada: Neue Maßnahmen sollen Lage in Ottawa normalisieren

Die Polizei kündigte nun neue Maßnahmen an, um Menschen daran zu hindern, die Demonstranten bei ihrem Sitzstreik zu unterstützen. „Jeder, der versucht, den Demonstranten materielle Unterstützung (Treibstoff etc.) zukommen zu lassen, kann verhaftet werden“, erklärte die Polizei auf Twitter. Die Polizei von Ottawa soll in Kürze durch rund 250 Beamte der Bundespolizei verstärkt werden. (ska/nak/AFP) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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