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Was für den einen funktioniert, mag für andere utopisch sein. Aber wollen wir wirklich nur zuschauen, während andere die Welt verändern? 	getty images
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Was für den einen funktioniert, mag für andere utopisch sein. Aber wollen wir wirklich nur zuschauen, während andere die Welt verändern? 

FR-Serie „Die Welt nach Corona“

Es darf kein „nach Corona“ geben

  • vonOle Hengelbrock
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Im Schatten der Pandemie geraten bestehende Notlagen aus dem Blick – und es kommen weitere Krisen hinzu. Corona soll für immer Referenz dafür bleiben, was bei entsprechendem politischem Willen möglich ist.

Die Corona-Krise hat nicht nur viele Bereiche des Lebens durcheinander gewirbelt, auch der weitere Verlauf der Pandemie hängt von vielen unbekannten Faktoren ab. Zugleich bleiben bekannte Missstände bestehen: Während auf der einen Seite das Geld für die Abmilderung humanitärer Notlagen fehlt, boomt auf der anderen der Verkauf deutscher Rüstungsgüter. Und während wir derzeit klarer denn je sehen, was bei entsprechendem politischen Willen an Einlenken und Veränderung möglich ist, so sehen wir andererseits auch, wie tödlich Prioritätensetzung mitunter sein kann.

Corona-Krise: Geplante Hilfsprojekte laufen ins Leere

Überlegungen Humanitärer Hilfe, die gestern noch gültig waren, sind unter gegenwärtigen Bedingungen nichtig. Geplante Hilfsprojekte laufen ins Leere. Bereits begonnene Einsätze müssen umorganisiert oder gestoppt werden. Die Gefahren des Corona-Virus drängen den originären Hilfsgrund in den Hintergrund. Michael Ryan, Exekutivdirektor des „Health Emergency Progamme“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO), fordert daher ein entschiedenes und kompromissloses Vorgehen: „Sie müssen schnell sein, nichts bereuen. Sie müssen der Erste sein. Denn das Virus wird schon da sein, wenn Sie nicht schnell handeln…“. Rasantes Handeln erscheint als Imperativ der Stunde. Die Pandemie erzwingt unter großem Zeitdruck neue Prioritätensetzungen – ein Dilemma für humanitäre Akteure. Erst recht jedoch für jene Menschen, die nun keine Hilfe erhalten.

Bereits vor Corona waren mehr als 100 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen

Die notwendige Fokussierung auf Corona hat bittere Folgen. Bestehende Notlagen und Krisen verschwinden fast vollständig vom Radar. Schon zu Beginn der Corona-Krise waren mehr als 100 Millionen Menschen auf Humanitäre Hilfe angewiesen. Knapp 80 Millionen Vertriebene sind weltweit auf der Flucht. Der Hunger – jahrelang erkennbar eingedämmt – plagt wieder mehr Menschen. Mehr als zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dürren und Überschwemmungen treten durch den Klimawandel häufiger und heftiger auf. Anstatt die Menschen auf Naturkatastrophen vorzubereiten, müssen 80 Prozent der finanziellen Ressourcen aufgebracht werden, um das Leid zu mindern, das durch Kriege und Konflikte entsteht.

Corona ist die Priorität der westlichen Welt

Immer wieder abwägen und Schwerpunkte neu setzen müssen, damit sind Hilfsorganisationen seit jeher konfrontiert. Das Problem ist: Jede Entscheidung bringt immer neue Verlierer mit sich. So könnten beispielsweise fast 120 Millionen Kinder aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht gegen Masern geimpft werden. Allein im vergangenen Jahr starben daran in der Demokratischen Republik Kongo bis zu 6000 Kinder. Für Menschen vor Ort sind Interventionen gegen ein einzelnes Virus schwer zu legitimieren, während zugleich Menschen an unbehandelten Krankheiten wie Masern, Meningitis, Polio oder Diarrhoe sterben. Bereits zu Beginn des Jahres wurden weltweit bis zu vier Millionen Todesfälle durch HIV, Malaria, Tuberkulose, Hepatitis und vernachlässigte Tropenkrankheiten befürchtet. Vor Ort stellt sich also immer die Frage der Relevanz. Weil diese aber während des Ebola-Ausbruchs 2018 teilweise nicht zu erkennen war, herrschte großer Unmut in der kongolesischen Bevölkerung, der sich letztlich in gewalttätigen Angriffen gegen Helferinnen und Helfer internationaler Hilfsorganisationen entlud. Dass Corona bisher die Priorität der westlichen Welt ist, zeigt sich auch am Geld: So kann eine EU-Geberkonferenz kurzerhand mindestens 7.5 Milliarden Euro für den Corona-Impfstoff sammeln.

Ole Hengelbrock ist Referent für Grundsatzfragen der Hilfsorganisation Caritas international.

Nun ist Leid nicht aufzuwiegen, denn „alle Tränen sind salzig“, wie der Arzt und Pädagoge Janusz Korczak sagte. Aber es ist zu befürchten, dass die negativen Folgen der verordneten Maßnahmen am Ende mehr Leid produzieren als das Virus selbst. Primär davon betroffen sind Milliarden von Menschen, die im informellen Sektor arbeiten. Die Hälfte der weltweit Erwerbstätigen arbeitet zum Tagelohn, in Indien ganze 90 Prozent. Verträge, Versicherungen und Rücklagen gibt es ebenso wenig wie staatliche finanzielle Hilfspakete. Von der Hand in den Mund leben somit auch die ungezählten Familienangehörigen. In Deutschland und anderen europäischen Staaten waren Geschäfte mehrere Wochen lang geschlossen. Modeketten kündigten den Textilzulieferern die Verträge, um ihre finanziellen Schäden in Grenzen zu halten. Die Textilproduktion ist die Schlüsselindustrie von Bangladesch. Das Auskommen vieler Menschen reicht ohnehin gerade mal zum Überleben. Nun könnte die globale Armut das erste Mal seit 1990 wieder ansteigen. Die berüchtigten 1,90 US-Dollar pro Tag, die sonst die untere Armutsgrenze markieren und zugleich Ausdruck harter Realität sind, könnten zeitweise zur unerreichbaren Ressource werden.

Corona-Krise: Das konkrete Problem des Hungers wird nach Hause getragen

Die Welt wird vor allem dort ärmer, wo die Menschen finanziell ohnehin schon viel zu schlecht dastehen. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) warnte jüngst vor einer „Hunger-Pandemie“. So wurden während der Ebola-Epidemie 2014 in Sierra Leone, Guinea und Liberia durch die Auswirkungen der Maßnahmen rund 40 Prozent des Ackerlandes nicht bestellt. Das traf zunächst die Kleinbauern, dann stiegen die Lebensmittelpreise auf dem Markt. Ähnliches könnte sich jetzt in globalen Maßstäben wiederholen: Das konkrete Problem des Hungers wird nach Hause getragen. In Ostafrika vertilgen Heuschreckenschwärme zudem die Ernte noch kommender Monate und das Futter für Vieh, oftmals Hauptlebensgrundlage der Menschen. Mangel- beziehungsweise unterernährte Kinder sind Risikogruppen für alle möglichen Infektionskrankheiten. Für diese Fälle wird es allerdings keine Statistiken geben. Und wenn doch, wer nimmt sie wahr? Alles, was derzeit zur Eindämmung des Virus unternommen wird, korreliert auch mit anderen Themen wie Ernährungssicherheit, daher müssen die Fragen der Relevanz und der jeweilige Kontext dringend in alle Planungen und Richtlinien zur Corona-Bekämpfung einfließen.

Wirtschaft während Corona: Jeder ist auf sich gestellt

Demgegenüber klafft die Finanzierungslücke Humanitärer Hilfe beständig auseinander. Im Jahr 2017 fehlten 9,2 Milliarden US-Dollar zur Deckung der weltweit ermittelten humanitären Bedarfe, die insgesamt mit 23,6 Milliarden US-Dollar veranschlagt wurden. Im Jahr 2019 stieg der Bedarf auf 29,7 Milliarden US-Dollar und die Lücke erweiterte sich auf 13,7 Milliarden US-Dollar. Die größten finanzgebenden Staaten haben die ODA-Mittel im Verhältnis zu ihrem Bruttonationaleinkommen (BNE) bereits gekürzt. Nun stehen sie vor einer neuen Schuldenlast, müssen sie doch die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie im eigenen Land bewältigen. Laut Bundeskanzlerin Angela Merkel und UN-Generalsekretär Antonio Guterres steht die Menschheit aktuell vor ihrer größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg.

Fr-Serie „Die Welt nach Corona“

Immer wieder wird unterstrichen, dass Corona-Hilfsgelder anderen Krisenhilfsprogrammen nicht die Mittel abgraben dürfen. Kein Thema soll einem anderen geopfert werden. Aber genau das geschieht implizit. Nach der Pandemie werden Regierungen gefragt werden, was sie geleistet haben. Die Antwort entscheidet über nationalen und internationalen Geltungsanspruch. In Krisenzeiten werden Positionen geschaffen. Eine schon jetzt sichtbare Lehre der Pandemie lautet: Zum Handeln braucht es nicht nur die Erkenntnis, dass dieses Handeln dringlich und notwendig ist, sondern es braucht auch eigene Betroffenheit. Dies bewahrheitete sich schon während des Ebola-Ausbruchs 2014 in Westafrika. Obwohl die Situation bereits im Mai außer Kontrolle geriet durch die positiven Fälle in urbanen Ballungsräumen, lief die internationale Hilfe erst großflächig im September an, nachdem eine Person aus Liberia in die USA reiste und dort erkrankte. Monatelang gab es dann kein anderes Thema mehr. Ungleichheiten in der Verteilung der Finanzmittel und des politischen beziehungsweise medialen Bewusstseins gehören zur Realität der Humanitären Hilfe.

Corona-Krise: Es darf kein „nach Corona" geben

Im schlimmsten Fall bedeutet die Entscheidung, wem wo geholfen wird, dass woanders nicht geholfen werden kann. Daraus entstehen „Vergessene Krisen“. Dieses scheinbar nie enden wollende Dilemma ist mit Albert Camus gesprochen eine nicht enden wollende Niederlage. Und auch hier ist Kontext der Schlüsselbegriff: Maßnahmen dürfen nicht universell verstanden und kategorisch übertragen werden. Was hier funktioniert, ist woanders utopisch. Rund 1,2 Milliarden Menschen – etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung und damit knapp jeder sechste Mensch – leben in sogenannten informellen dichtbesiedelten Siedlungen. In Dharavi, Mumbais größtem Slum, leben mindestens 700 000 Menschen auf zweieinhalb Quadratkilometern. Die Forderung nach Handhygiene wird hier zur Plattitüde. Doch Menschen müssen in der Lage sein, tun zu können, was sie tun sollen. Am besten, bevor es zur Katastrophe kommt. Das ist der Imperativ dieser Pandemie!

Unter diesem Gesichtspunkt hat sich Humanitäre Hilfe mit regionalen, länderspezifischen und örtlichen Vorgaben zu arrangieren. Das heißt aber auch, Corona-Maßnahmen müssen stärker vor Ort konzipiert und verantwortet sein. Entscheidungsgrundlagen aus der Hand zu geben, mag naiv für uns klingen, aber es gibt Akteure, die besser wissen, welche Unterstützung vor Ort gebraucht wird, wem sie zugutekommen und wie die Hilfe aussehen soll. Oftmals bestehen bereits Nachbarschaftshilfen und eigene Hilfsinitiativen. Eine neue „Ethik des Zuhörens“ muss von einem „Recht des Protests“ begleitet sein, welches Menschen erlaubt, Hilfsprojekte ablehnen zu können, ohne Nachteile befürchten zu müssen.

Das Coronavirus ist nicht die größte Gefahr

Zugleich dürfen unsere Planungsprozesse und Umsetzungen nicht starr verlaufen aufgrund einmalig ermittelter Bedarfe durch Fragebögen und anhand zweckgebundener Mittel. Die Situation ist dynamisch. Hilfsprojekte können organisch erwachsen. Das verlangt mehr Flexibilität in allen Phasen. Wir müssen uns ständig fragen, wie unsere Annahmen entstanden sind. Und ja, revidieren, korrigieren und emanzipieren. Das ist nur durch Vertrauen möglich. Partnerschaften zwischen lokalen Strukturen und internationalen Akteuren müssen schon vor möglichen Krisen erstarken. Humanitäre Hilfe ist in erster Linie soziale Interaktion. So wäre uns auch der Gedanke präsenter, dass die größte Gefahr in Zeiten der Corona-Krise nicht nur vom Virus selbst ausgeht, sondern in den vielerorts nicht vorhandenen medizinischen Infrastrukturen oder der schwachen sozialen Absicherung liegt. Erst dadurch wird die Verbreitung eines Virus zur Katastrophe. In Krisenzeiten werden Ungleichheiten schonungslos offen gelegt. Und sie werden aller Voraussicht nach auch danach fortbestehen.

Was könnte nach Corona anders sein?

Das ethische Dilemma zu entscheiden, wer Hilfe bekommt und wer nicht, ist nicht nur ein Anzeichen für Versäumnisse, es ist in Anbetracht der vorhandenen finanziellen Möglichkeiten auch unnötig: Im Jahr 2019 wurden weltweit 1.917 Billionen US-Dollar für Rüstungsgüter ausgegeben. Das entspricht einer Summe von durchschnittlich 218 Millionen US-Dollar pro Stunde! Auch der deutsche Rüstungsetat wächst weiterhin, für den systematischen Ausbau der Bundeswehr ist eine dreistellige Milliardensumme im Gespräch. Und auch Deutschlands Rüstungsexporte boomen und erreichen für 2019 mit über acht Milliarden Euro ein neues Rekordniveau, obgleich die Bundesregierung ihre Rüstungsexportpolitik als „restriktiv“ interpretiert. Abgesehen davon, was man mit diesem Geld nicht alles tun könnte, zeigt sich hier doch, dass wir hinsichtlich der Prioritätensetzung die „Entwicklungsländer“ sind.

Immer wieder kommt die Frage auf, was nach Corona anders sein könnte. Und immer wieder muss betont werden, es darf kein „nach Corona“ geben. Die Pandemie soll für immer Referenz dafür bleiben, was bei entsprechendem politischem Willen möglich ist. Und dass sich morgen die Welt nicht das gleiche Maß an Ungleichheit leistet wie heute. Denn die nicht enden wollenden Niederlagen werden nicht enden, solange wir selbst nicht deren Ende wollen.

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