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„Für Netanjahu hat sich die Corona-Krise als Geschenk des Himmels erwiesen“, sagt Yoram Yovell.
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„Für Netanjahu hat sich die Corona-Krise als Geschenk des Himmels erwiesen“, sagt Yoram Yovell.

Corona in Israel

Psychoanalytiker Yoram Yovell über Corona: „Medizin eliminiert keine Risiken“

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Psychoanalytiker und Hirnforscher Yoram Yovell sagt im Interview mit der FR, dass Medizin keine Risiken eliminiert. Sie helfe aber, Gefahren beherrschbar zu machen.

  • Im Interview spricht der Psychoanalytiker Yoram Yovell über die Corona-Pandemie in Israel.
  • Yovell wirft Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor, seinem Machterhalt alles unterzuordnen.
  • Der Hirnforscher bestätigt kollektives posttraumatisches Stresssyndrom durch Corona.

Herr Yovell, seit einem Jahr beherrscht Corona unser Leben. Was macht das mit uns mental?

Im Vergleich zu anderen massenhaften Traumata ist dieses weit zivilisierter. Die Supermärkte sind voll, die Leute bleiben zu Hause, haben zu essen, sehen fern. Und die Todesraten sind – abgesehen von älteren Menschen – nicht sehr hoch.

WHO über Corona: Bevorstehende mentale Traumata „das Schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg“

Warum sind wir trotzdem genervt und fühlen uns schlecht?

Weil das, was nötig ist, um uns gegen die Pandemie zu verteidigen, gegen die menschliche Natur geht, gegen unsere Instinkte. Wir sind „social animals“, soziale Wesen. Wenn Menschen unter Stress geraten, neigen sie dazu, sich einander zuzuwenden. Sie wollen Nähe spüren, sich umarmen. Wegen Corona müssen wir vermeiden, unter Leute zu kommen, uns zu versammeln. Nicht nur das. Auch Familienbande wurden getrennt. Seit der industriellen Revolution haben sich die westlichen Gesellschaften und danach auch die meisten anderen Gesellschaften in der Welt urbanisiert, was auf Kernfamilien hinausläuft – eine Anomalie in der Entwicklungsgeschichte. Trotzdem funktionieren wir in Dreigenerationenfamilien, besonders in Israel, selbst wenn man die Großeltern nur einmal die Woche sieht. Corona hat das gekappt. Es hat die meisten unserer natürlichen Mechanismen, um Angst zu zerstreuen, neutralisiert.

Rechnen Sie mit psychologischen Langzeitfolgen? Einer Art kollektivem posttraumatischem Stresssyndrom?

Nicht nur ich. Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, was uns an mentalen Traumata bevorstehe, sei das Schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg. Sicher, die Zahl der Opfer, das Ausmaß an Zerstörung lassen sich nicht vergleichen. Dennoch trifft die WHO den wunden Punkt: Die Angst, einsam zu sterben, ohne uns gegenseitig trösten zu können, das Misstrauen, mit denen wir anderen als potenziellen Infektionsträgern begegnen, die verlorenen Beziehungen, all diese Erfahrungen sind traumatisch. Es wird einige Zeit brauchen, uns davon zu erholen.

Schaffen wir das?

Ja, wir sind widerstandsfähig.

Psycholoanalytiker: Corona hat einen durchschlagenden Effekt auf das Innenleben“

Erleben Sie als Psychoanalytiker einen Anstieg psychischer Probleme auch auf individueller Ebene?

Seit einigen Jahren empfange ich selber keine Patienten mehr, aber ich mache Supervision in Krankenhäusern und berate jüngere Therapeuten. Daher weiß ich, was vor sich geht. Corona hat einen durchschlagenden Effekt auf das Innenleben. Die psychische Gesundheit der israelischen Bevölkerung hat sich verschlechtert, wie auch weltweit. Mehr als ein Drittel leidet unter Symptomen von Angst und Depression, vor Corona waren das weniger als zwanzig Prozent. Das lässt sich auch am Anstieg häuslicher Gewalt und Überweisungen in Krisenzentren ablesen. In der Folge wird es ebenso mehr Scheidungen geben.

Ohne den von Regierungsstellen und Gesundheitsbehörden mobilisierten Angstfaktor wäre es schwer gewesen, die Leute dazu zu bringen, Masken zu tragen und auf Abstand zu achten. Oder nicht?

Der israelischen Bevölkerung wurde systematisch Angst eingejagt, um sich an die Regeln zu halten. Das geschah zunächst aus einem guten Motiv heraus, aber hat auf längere Sicht das Gegenteil erzielt. Die zu Beginn ausgemalten Szenarien, dass die Leute wie seinerzeit bei der Spanischen Grippe auf den Straßen sterben könnten, sind nicht eingetreten und werden nicht eintreten. Ich halte Angstkampagnen für kontraproduktiv, weil sie die Furchtlosen kaltlässt und die Furchtsamen traumatisiert.

Yoram Yovell: Corona beschleunigt gesellschaftlichen Wandel

Heißt das, sich nicht aus dem Haus zu trauen, macht krank?

Ja. Es kann sogar tödlich sein. Seit Corona haben Schlaganfälle mit Todesfolge in Israel zugenommen. Dabei haben wir eigentlich ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem und eine höhere Lebenserwartung als in Deutschland, auch wegen geringer Probleme mit Alkoholismus, besserem Wetter und mediterraner Diät. Bei der Behandlung von Schlaganfällen sprechen wir von der goldenen Stunde, innerhalb der wir die Patienten nach Eintreten der Symptome zur Katheterisierung bringen müssen, um den Thrombus aus dem Gehirn zu entfernen. Das rettet nicht nur Leben, sondern verringert auch bleibende Schäden. Die Zahl tödlicher Schlaganfälle während des ersten Lockdowns ist gestiegen, weil die Leute Angst hatten, ins Krankenhaus zu gehen und zu spät kamen.

Wir alle wollen zurück in unser gewohntes Leben. Wird das möglich sein?

Nein, das erwarte ich nicht. Laut einer alten griechischen Redensart kann man nicht zweimal im selben Fluss baden. In mancher Hinsicht bleiben wir die Gleichen, aber die Welt wird unumkehrbar eine andere sein.

Zum Besseren oder Schlechteren?

Mit Veränderung meine ich nicht unbedingt Negatives. Der gesellschaftliche Wandel vollzieht sich sowieso, aber durch Corona beschleunigt er sich. Nehmen wir die Idee von der Arbeitswelt. Künftig werden berufstätige Mütter einen leichteren Zugang zu Jobs haben. Statt auf dem Weg ins Büro anderthalb Stunden im Verkehr zu verlieren, braucht eine Mutter dann nur einen Babysitter zu Hause und ein Zimmer für sich.

Wegen Corona: Produktivität steigt durch Homeoffice

Wenn sie sich das leisten kann …

Ja, aber sie spart drei Stunden Zeit für den Hin- und Rückweg. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Arbeitsproduktivität im Homeoffice nicht abgenommen hat, sondern steigt.

Wie sieht es im medizinischen Sektor aus?

Als Arzt gehe ich davon aus, dass sich Krankenhäuser in nicht dagewesener Weise verändern werden. In der Pandemie haben wir die Fähigkeit zum Monitoring von Patienten aus der Ferne ausgebaut. Wir können sie behandeln, ohne im selben Raum zu sein. In den Corona-Stationen sitzt das Pflegepersonal vor den Monitoren, beobachtet die vitalen Kurven und geht nur in das Patientenzimmer, wenn es ein Problem gibt.

Zur Person

Yoram Yovell, 62, Psychiater, Hirnforscher und Psychoanalytiker, hat in jüngeren Jahren in New York praktiziert, bevor er nach Israel zurückkehrte, wo man ihn auch als „TV-Psychologen“, Vortragsredner und Autoren kennt. „What is Love“ gehört zu seinen Bestsellern. Auf Deutsch erschien von ihm 2004 „Der Feind in meinem Zimmer“, in dem er Geschichten aus der Psychotherapie erzählt. Yovell lebt in einem Vorort westlich von Jerusalem. geg

Aber die Kranken müssen versorgt, gefüttert und gewaschen werden.

Dafür muss man nicht medizinisch ausgebildet sein. Die meisten hospitalisierten Kranken wird man in Zukunft zu Hause versorgen. Jemand kommt dann am Morgen, nimmt Blutproben oder legt eine intravenöse Infusion. Wenn man eine Patientin vom Raum nebenan überwachen kann, geht das genauso aus einer Entfernung von tausend Kilometern. Was wir heute Krankenhäuser nennen, wird nur noch Intensivstationen, ein paar Trauma-Einheiten sowie postchirurgische Abteilungen umfassen. Patienten, die fit genug sind, um zu essen, können daheimbleiben, und wir liefern den Service. Das ist billiger, humaner und sicherer. Schon um Infektionen mit Krankenhauskeimen zu vermeiden.

Corona: Weigerung gegen Impfung „liegt an schlicht falschen Konspirationstheorien“

Klingt progressiv. Aber die Menschen entbehren gerade den sozialen Kontakt. Viele ziehen das Büro vor, statt alleine im Homeoffice zu arbeiten. Selbst dann, wenn die Regierung das Gegenteil empfiehlt, um das Ansteckungsrisiko zu mindern.

Klar, ist es nett, Leute um sich zu haben, Kollegen auf dem Flur zu treffen. Sie sind Teil des sozialen Netzwerks. Videokonferenzen sind eine große Hilfe, aber nicht so gut wie das Original. Nebenbei bemerkt: In zehn Jahren wird man einen dreidimensionalen Partner, Avatar genannt, vor sich sitzen sehen. Es ist nur eine Frage der Bandbreite, wie viele Bits in einer Millisekunde gesendet werden.

Zurück in die Gegenwart, in der die rasante israelische Impfkampagne wieder hoffen lässt.

Ein Drittel unserer Bevölkerung sträubt sich dennoch gegen eine Impfung. Das liegt an den schlicht falschen Konspirationstheorien. Lassen Sie mich etwas über das Vakzin sagen, was viele nicht verstehen. Medizin eliminiert keine Risiken, sie managt sie. Wir sind niemals sicher. Was wir nach heutigem Wissenstand sagen können ist: Es ist weniger riskant, den Impfstoff zu nehmen, als ihn nicht zu nehmen. Die Leute verlangen irrigerweise absolute Garantien.

Yovell: „Benjamin Netanjahu nutzt Bruchlinien innerhalb der Gesellschaft, um sein Regime zu stützen“

Wie weit greift die Pandemie auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt an? Die Haredim, die ultraorthodoxen Juden, halten in Israel inzwischen gar als Feindbild her, weil sie oft die Corona-Regeln missachten.

Meiner Meinung nach ist das politisch gewollt. Um es deutlich zu sagen: Benjamin Netanjahu, unser Premierminister, nutzt die Bruchlinien innerhalb der Gesellschaft, um sein Regime zu stützen. Er ist ein Experte darin, sich ethnischer und religiöser Spannungen zu bedienen, um die verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren gegeneinander aufzuwiegeln und seine Anhängerschaft zu bestärken.

Aber hat Netanjahu das noch unter Kontrolle? Rund sechzig Prozent der Israelis wollen eine Koalition ohne religiöse Parteien.

Sie sind eh nicht für Netanjahu. Sein Regime stützt sich auf zwei Gruppen: Erstens die rechten Likud-Fans, die sich als traditionelle Juden definieren. Sie sind nicht säkular und stellen ein Viertel der israelischen Wählerschaft. Seine nächst wichtigsten Verbündeten sind die Haredi-Parteien, die Religiösen, etwa 15 Prozent der Wahlberechtigten. Es ist aussichtslos, dass die Ultraorthodoxen sich mit säkularen Parteien zusammentun, weil es jetzt so viel Hass gibt. Sie kleben an Netanjahu.

Psychoanalytiker Yovell: „Geradezu kriminell, Lockdown bei Strengfrommen nicht durchzusetzen“

Vielleicht auch deshalb, weil Netanjahu seinen religiösen Koalitionspartnern alles durchgehen lässt? Als in den frommen Vierteln die Religionsschulen offenblieben, hat er ein Auge zugedrückt, während staatliche Schulen zumachen mussten.

Es ist geradezu kriminell, den Lockdown bei den Strengfrommen nicht durchzusetzen. Die Sterblichkeitsrate unter den älteren Haredim ist fünfmal höher als in der nichtultraorthodoxen Altersgruppe über sechzig Jahren in Israel.

Trotzdem präsentiert sich Netanjahu als erfolgreicher Corona-Manager. Welches Gewicht haben die seit rund 33 Wochen anhaltenden Anti-Netanjahu-Proteste, an denen nicht nur linke Demonstranten teilnehmen?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Netanjahu wird fallen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das schon bei den Wahlen im März passiert. Er ist extrem clever, fast ein Genie in Propaganda. Er kontrolliert die Medien in Israel auf vielerlei Weise und nutzt das geschickt. Und er ist sehr gut darin, Koalitionen zu bilden, in dem er seine Gegner auseinanderdividiert. Was er beim letzten Mal mit Kahol Lavan (dem Blau-Weiß-Bündnis seines damaligen Herausforderers Benny Gantz, Anm. d. Red.) getan hat, macht er jetzt mit der einst vereinigten Arabischen Liste: Er spaltet sie. Für Netanjahu hat sich die Corona-Krise als Geschenk des Himmels erwiesen, um die Demonstrationen gegen ihn als Virenschleudern hinzustellen und seinen Korruptionsprozess mehrfach vertagen zu lassen.

Yovell: „Netanjahu geht es nur um seinen Machterhalt“

Herr Yovell, Sie sind selber politisch engagiert und kandidieren jetzt auf der Liste von Calcalit, einer neuen Minipartei. Was hat Sie dazu bewegt?

Neben dem Motiv, Netanjahu loswerden zu wollen, liegt mir daran, das israelische Gesundheitssystem zu rehabilitieren, das jahrelang unter dem Missmanagement von Jakov Litzman (Mitglied der Thora-Partei und bis Mai 2020 Gesundheitsminister, Anm. d. Red.) gelitten hat. Litzman ist ein Ignorant, er versteht nichts von Medizin, Wissenschaft und allem, was zur Führung eines Gesundheitsapparats erforderlich ist. Als Corona ausbrach, haben viele die Lage mit dem Jom-Kippur-Krieg verglichen, der die Armee völlig unvorbereitet und ohne die nötige Ausrüstung traf. Dank ihrem Innovationsgeist und ihrer Tapferkeit wurde die drohende Niederlage dennoch in einen Sieg verwandelt. So wie damals die Soldaten sind es jetzt alle Mitglieder im medizinischen Bereich, die die Notlage erkannten. Sie kapierten, was getan muss, und taten es, ohne auf das Gesundheitsministerium zu warten.

Wer wird der nächste Premier sein, wenn nicht Netanjahu? Sein Kontrahent von rechts, Gideon Saar? Oder Jair Lapid aus der liberalen Mitte? Linke Hoffnungsträger sind derzeit ja nicht in Sicht.

Darauf kommt es nicht an. Netanjahu geht es nur um seinen Machterhalt. Wer immer ihn schlägt, wird am Wohlergehen Israels interessiert sein. Sehen wir uns mal die Programme an. Saar will den Palästinensern eine heraufgestufte Autonomie anbieten und Lapid ihnen eine herabgestufte Staatlichkeit. Das ist fast das Gleiche.

Also wenig Chancen für einen neuen Friedensprozess?

Mit einer neuen US-Regierung, die an einer Lösung interessiert ist, haben wir meiner Meinung sogar ausgezeichnete Chancen. Ich bin unverbesserlicher Optimist. Mich würde nicht überraschen, wenn das israelisch-palästinensische Problem in vier Jahren geregelt wäre. (Interview: Inge Günther)

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