Millionen unter der Armutsgrenze

Corona in Frankreich: Armut erreicht Mittelschicht - Paris wird hartes Pflaster

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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In Frankreich sind durch die Corona-Krise schätzungsweise eine Million Menschen unter die Armutsgrenze gefallen. Auch im wohlhabenden Paris haben nicht mehr alle genug zu essen.

  • In Frankreichs Hauptstadt Paris macht sich zunehmende Armut bemerkbar.
  • Essensausgaben erhalten in der Stadt der Reichen und Schönen immer mehr Zulauf.
  • Inzwischen hat die Armut infolge der Corona-Pandemie auch die Mittelschicht Frankreichs erreicht.

Paris – Man könnte sich in einem schicken Pariser Café wähnen, mit einer Kellnerin, die freundlich fragt: „Tee oder Kaffee?“ Bloß findet hier am schummrigen, feuchtkalten Ile-de-Sein-Platz kein Kaffeekränzchen statt. In einer langen Schlange warten dunkle Silhouetten – gebeugte, aber auch viele junge Menschen, deren Gesichter unter Kapuzen und hinter Mundschutz kaum auszumachen sind.

In Paris prallen nicht erst seit Corona bittere Armut und Reichtum aufeinander

In der Mitte des Platzes verteilt das Hilfswerk „Restos du Coeur“ (Restaurants des Herzens) das Menü des Tages – Suppe, Teigwaren und Fisch, eine Banane. „Tee oder Kaffee?“, fragt eine Helferin, während sie Papiertüten zum Mitnehmen präpariert. Sitzplätze gibt es nicht. Wegen Corona? „Nein, wegen der Anwohner“, meint Einsatzleiter Sébastien kurz angebunden. Wer, wie hier im 14. Bezirk, 10 000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche bezahlt hat, wünscht keine grölenden Clochards vor dem Fenster.

Doch auf dem Platz gibt es keinen Lärm, und um 21 Uhr ist ohnehin Schluss mit der Essensausgabe: Dann beginnt im ganzen Großraum Paris die nächtliche Ausgangssperre.

Helfer der „Restos du Coeur‘ bei der Essensausgabe in Paris. Christophe ARCHAMBAULT/AFP

Obdachlose sind es auch nicht, die hier um Essen anstehen. „Wir verpflegen Leute, die vor der Corona-Krise nie gedacht hätten, dass sie ihr Essen einmal nicht mehr bezahlen können“, sagt Sébastien.

Eine Stunde fahrt aus einem Vorort von Paris für Essen in der Corona-Krise

Elena zum Beispiel. Die Reinemachefrau aus der Ukraine will nicht klagen. Sie rechnet nüchtern vor, dass die Miete ihres Zimmers im Vorort Nanterre 630 Euro im Monat betrage, ihr Verdienst aber maximal 800 Euro. „Viele meiner Kunden haben seit der Corona-Krise kein Geld mehr für eine Putzfrau“, sagt sie.

Doch liegt Nanterre nicht fast eine Bahnstunde von der Essensausgabe entfernt? „Wenn du Hunger hast, ist der Rest egal“, weiß die resolute kleine Frau, die aus dem Kriegsgebiet im Donbass stammt, aber keinen Flüchtlingsstatus will. Das gäbe nur Probleme für ihre daheimgebliebene Tochter, meint sie.

Vor ihr wartet ein Rentner, offensichtlich froh, wenn es in der Schlange vorwärtsgeht – er zieht ein Bein nach. An sich sehr gesprächig, meidet er Fragen nach seinem Leben, will auch seinen Namen nicht nennen. Nur aus Nebensätzen geht hervor, dass er seit langem keinen Arzt mehr gesehen und dass er einen Kleinkredit am Hals hat. Und Paris, wo er seit Jahrzehnten wohnt? „Es ist nicht mehr dasselbe.“

Paris ist dank Corona erst Recht zum harten Pflaster geworden

Und das ist nicht nur eine Floskel. Paris, die romantische Lichterstadt, ist ein hartes Pflaster geworden. Am Nordrand warten Migrantinnen und Migranten in Zeltlagern auf bessere Zeiten. „Hier im Süden der Hauptstadt wohnen Kleingewerbler, Handwerker, Alleinunternehmer – alles Leute, die von dem Wirtschaftseinbruch hart getroffen werden“, erklärt Sébastien. Der lokale „Restos“-Vorsteher verweist diskret auf eine sehr bürgerlich gekleidete Frau in den Dreißigern, die den Platz diskret mit einer vollen Papiertasche verlässt. Sie gehöre zur „neuen Welle“, komme seit September regelmäßig ihr Essen holen.

Der französische Ausdruck „Nouvelle vague“, sonst eher kunsthistorisch verwendet, klingt hier seltsam, wie auch Sébastien einräumt. „Aber Paris wird wirklich überschwemmt, zuerst vom Coronavirus, jetzt von der Rezession.“

LandFrankreich
Bevölkerung65 Millionen
Unter der Armutsgrenzerund 10 Millionen
Arbeitslosigkeit Oktober 20209% (Schätzung)

Eine steigende Flutwelle der Armut in Frankreich durch Corona

Der Vorsteher der „Restos du Coeur“, Patrice Blanc, spricht ebenfalls von einer „Flutwelle, die langsam und stetig steigt“. Die Ausgabe bei den Volkssuppen habe in Paris gegenüber dem Vorherbst um 30 Prozent zugenommen. Im Vorstadt-Departement Seine-Saint-Denis betrage die Zunahme gar 40 Prozent, erklärt der 73-jährige Ex-Jugendrichter am Telefon. Das decke sich mit einer Einschätzung des französischen Hilfswerk-Verbundes, dass eine Million Menschen unter die Armutsgrenze gefallen seien. Damit wäre die Schwelle von zehn Millionen Armen in Frankreich, bei insgesamt 65 Millionen Menschen, überschritten.

Seit dem Frühling zählt Frankreich auch 800 000 Arbeitslose mehr. Betroffen sind laut Blanc vor allem Menschen in Kleinjobs, Teilzeitangestellte, Schwarzarbeiter:innen und Studierende. Letztere fehlen an der Place de l’Ile-de-Sein nur deshalb, weil die „Restos du Coeur“ in der nahen Studierendenresidenz, der Cité Universitaire, eine eigene Essensausgabe eröffnet haben. „Ein solches meist verdecktes Elend habe ich in Paris noch nie erlebt“, meint Blanc. „Die Situation ist dramatisch.“

Die zweite Corona-Welle trifft in Frankreich alle

Sichtbar wird dies sogar an bisher prosperierenden Orten wie dem Flughafen Orly oder dem Frischmarkt Rungis, der die ganze Pariser Agglomeration versorgt. „Tausende von Hilfs- und Gelegenheitsarbeitern haben dort ihre Beschäftigung und – da sie kaum versichert sind – ihr Auskommen verloren“, sagt Blanc. Der Trend habe sich umgekehrt: Nachdem die erste Corona-Welle in Frankreich vor allem ältere und auch bessergestellte Angestellte getroffen habe, schlage die Rezession nun voll auf die ärmeren Bevölkerungskategorien durch.

Paris in Corona-Zeiten: Sperrstunde rund um den Eiffelturm.

Das belegen auch die zunehmenden Essensausgaben der „Restaurants des Herzens“, die seit 1985 Lücken im französischen Sozialnetz füllen. Vom Andrang überfordert, ist der Staat heute auf private Hilfswerke angewiesen. Er stellt ihnen fast wöchentlich neue Gelder zur Verfügung – hier 65 Millionen für Obdachlose, dort 55 Millionen für die Volkssuppen. Am Wochenende gab Premierminister Jean Castex gezielte neue Maßnahmen bekannt: 150 Euro für Menschen, die am Existenzminimum leben, Einstiegshilfen in die Arbeitswelt für randständige Bevölkerungsgruppen, neue Notaufnahmeplätze für Mütter. All das hat laut Castex den Zweck, „das Abgleiten ganzer Bevölkerungskategorien in die Armut“ zu verhindern. (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © Thomas Morel-Fort via www.imago-images.de

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