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Triage auf der Intensivstation
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Die Triage könnte angesichts der Entwicklung der Corona-Pandemie bald Realität werden. (Symbolfoto)

Intensivstationen überlastet

Corona: Kliniken bereiten Triage vor – Deutschland droht die „Katastrophen-Medizin“

  • Andreas Apetz
    VonAndreas Apetz
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Die Triage gehört zu den schwierigsten Entscheidungen eines Krankenhauses. Angesichts der steigenden Corona-Zahlen, könnte sie allerdings bald Alltag werden.

Frankfurt – Die Corona-Krise spitzt sich immer weiter zu. Die Corona-Fallzahlen in Deutschland steigen stetig an und die Auslastung der Krankenhäuser ist schlimmer denn je. Täglich werden neue Covid-19-Patient:innen in intensivmedizinische Behandlung geschickt und bringen das Klinikpersonal sowie die Infrastruktur des deutschen Gesundheitssystems an ihre Belastungsgrenze.

Vielerorts kann eine angemessene Behandlung nicht mehr gewährleistet werden. In einigen Bundesländern droht bereits die Triage. Immer häufiger werden Menschen früher „als medizinisch vertretbar“ auf die Normalstation verlegt. „Wir können nicht mehr allen Patienten die bestmögliche Behandlung ermöglichen, [...] die wir im Regelfall zur Verfügung haben“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß. Dies sei bereits eine Form der Triage.

Corona: Triage auf der Intensivstation – Eine Entscheidung über Leben und Tod

Aus dem französischen Militär stammend, bezeichnet der Begriff Triage während der Corona-Pandemie die Entscheidung darüber, welche Menschen Zugang zu intensivmedizinischer Behandlung bekommen und welche nicht. Prinzipiell sollte sich eine Triage-Entscheidung nach den Erfolgsaussichten der Patientin oder des Patienten richten. Dies stellt für das behandelnde Team eine enorme emotionale und moralische Herausforderung dar. Bis heute hat sich kein allgemein akzeptiertes oder gar verbindliches Triage-Schema herauskristallisiert, welches bei der Entscheidung über Leben und Tod unterstützt.

Ein paar Anhaltspunkte gibt es dennoch. „[Es] werden - wenn nicht anders vermeidbar - diejenigen Patienten nicht intensivmedizinisch behandelt, bei denen nur eine sehr geringe Aussicht besteht zu überleben. Vorrangig werden demgegenüber diejenigen Patienten intensivmedizinisch behandelt, die durch diese Maßnahmen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben“, heißt es in einem Dokument, verfasst durch mehrerer medizinischer Fachgesellschaften, zum Thema Triage während der Corona-Pandemie. In die zu treffende Auswahl müssen alle Patienten einbezogen werden. Eine Auswahl nur unter Covid-19-Erkrankten sei nicht vertretbar. Soziale Merkmale, Alter oder Grunderkrankungen dürften ebenfalls keine Rolle spiele. Auch über die Rolle des Impfstatus wurde bereits diskutiert.

Corona-Pandemie: Triage betrifft nicht nur Covid-19-Erkrankte

Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft sind bundesweit bereits drei Viertel aller Kliniken nicht mehr im Normalbetrieb. Tausende Operationen werden verschoben, Patient:innen im kritischen Zustand müssen teils über weite Strecken transportiert werden, um ein freies Intensivbett zu bekommen. Personen, zu deren Gunsten die Triage-Entscheidung gefällt wurde, sind noch lange gerettet. Laut dem Hamburger Intensivmediziner Stefan Kluge liegt die Sterblichkeit bei Covid-19 auf der Intensivstation zwischen 30 und 50 Prozent. Von den Personen mit einer künstlich angeschlossenen Lunge schaffe es mehr als jeder Zweite nicht.

Die Belegung der Intensivbetten trifft auch Nicht-Corona-Erkrankte. „100.000 Covid-19-Tote sind nicht die einzigen Toten dieser Pandemie“, kritisierte der Verein Medizinrechtsanwälte. Gemeint sind beispielsweise unzureichend behandelte Krebserkrankte oder Personen, bei denen Tumoroperationen verschoben wurden.

Große Kliniken „arbeiten derzeit Prioritätenlisten ab“, erklärte Jürgen Graf, ärztlicher Direktor des Frankfurter Uniklinikums. Er leitet außerdem den Planungsstab für die stationäre Versorgung der Covid-19-Patienten in Hessen. Die meisten Behandlungsfälle in seinem Haus sind Not- und Akutfälle. Sie würden wie immer nach Dringlichkeit versorgt. „Wir kommen jetzt in einen Bereich, wo wir tagesaktuell priorisieren müssen, welche Leistungen können wir noch vorhalten und welche nicht.“ Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, dass eine Klinik keine Covid-19-Patienten aufnehmen kann oder möchte.

Corona-Fallzahlen steigen: Steht und eine Triage bevor?

Wenn sich das Infektionsgeschehen so weiterentwickelt, wie in den letzten Wochen, scheint eine Triage schon bald unvermeidbar zu sein. „Wir laufen langsam, aber sicher in eine Art Katastrophen-Medizin hinein“, so der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft Gerald Gaß. Das sieht auch Intensivmediziner Christian Karagiannidis so. In einem Podcast des NDR sprach er von einer „Bankrotterklärung des deutschen Gesundheitswesens“. Eine Triage dürfe angesichts der Krankenhauskapazitäten einfach nicht passieren. „Triage würde ja bedeuten, dass man das Leben eines Patienten beendet zugunsten eines anderen Patienten.“ Zwei Menschenleben dürften jedoch nicht gegeneinander abgewogen werden. „Was aber passieren kann – und was auch passiert – ist, dass es eine gewisse Priorisierung gibt.“

 „Wir alle bereiten uns auf eine Triage vor“, äußerte Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, gegenüber der Morgenpost. Laut Gaß gäbe es nur einen Fluchtweg vor der Triage, und der dürfte vielen gar nicht gefallen: „Wir brauchen hier dringend einen wirklichen Rückgang der Infektionszahlen – und das wird man nur über einen weitgehenden Lockdown dann auch realisieren können, der wohl auch nicht nur die Ungeimpften treffen wird, sondern auch die Geimpften treffen wird.“ Denn egal, ob die Triage bereits nötig ist oder nicht: Jeder Tag kostet Menschenleben. (aa/dpa)

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