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B.1.617

Corona in Indien: US-Regierung ruft Staatsbürger auf, das Land sofort zu verlassen

  • Luisa Weckesser
    VonLuisa Weckesser
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  • Sebastian Richter
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In Indien rasen die Neuinfektionen nach oben. Drei Gründe sind für die steigenden Fallzahlen verantwortlich. Nun fordert die US-Regierung ihre Bürger auf, Indien zu verlassen.

+++15.00 Uhr: Die US-Regierung hat ihre Staatsbürger:innen dazu aufgefordert, Indien wegen der eskalierenden COVID-19-Situation so bald wie möglich zu verlassen.

In einem Reisehinweis der Stufe 4 - dem höchsten vom Außenministerium herausgegebenen - wurde allen Landsleuten laut Medienberichten zufolge gesagt, sie sollten "nicht nach Indien reisen oder abreisen, sobald dies sicher ist". Es gibt 14 direkte tägliche Flüge zwischen Indien und den USA, und weitere Angebote die über Europa, teilte die Abteilung mit.

Offizielle Daten aus Indien vom Mittwoch zeigten, dass die Neuinfektionen in den letzten 24 Stunden um 360.960 gestiegen sind, während 3.293 zusätzliche Menschen ihr Leben verloren haben - beides sind neue traurige Rekorde für das Land.

Update vom Donnerstag, 29.04.2021, 11:55 Uhr: Der verheerende Anstieg der Corona-Fallzahlen in Indien führt zu einem gefährlichen Mangel an medizinischem Sauerstoff zur Versorgung von Notfallpatienten. Dabei sind an einer Hypoxämie, also Sauerstoffmangel, leidende Patient:innen dringend auf eine zusätzliche Beatmung angewiesen. Obwohl in Indien rund 7000 Tonnen Sauerstoff täglich produziert werden (ein Großteil zu industriellen Zwecken), sendet das Personal diverser Intensivstationen Notrufe.

Corona: Indiens Mangel an Sauerstoff liegt in fehlenden Transportmöglichkeiten begründet

Der Mangel an medizinischem Sauerstoff liegt in Engpässen in den Bereichen Transport und Lagerung begründet. Flüssiger Sauerstoff wird stark gekühlt in kryogenen Tanks transportiert und später zum Befüllen von Flaschen in Gas umgewandelt. Indien fehlt es an eben jenen Spezialtanks. Zudem müssen die befüllten Behältnisse aus Sicherheitsgründen auf der Straße zum Zielort gebracht werden, der Luftweg durch das 3.287.000 Quadratkilometer große Land fällt als Option weg.

Sauerstoff-Abfüllung in Indien: Es mangelt an Transportmöglichkeiten.

Dazu kommt, dass der Großteil des Sauerstoffs im Osten Indiens produziert wird, wohingegen dringende Nachfrage vor allem in Städten wie dem Finanzzentrum Mumbai im Westen und der Hauptstadt Neu-Delhi im Norden besteht. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP forderte Siddharth Jain, Leiter einer der größten Anbieter medizinischen Sauerstoffes in Indien: „Die Lieferkette muss optimiert werden, um medizinischen Sauerstoff aus bestimmten Regionen mit Überangebot in Regionen zu transportieren, die mehr Versorgung benötigen.“

Corona in Indien: Der „Perfekte Sturm“ – Drei Gründe für die Explosion der Fallzahlen

Erstmeldung vom Mittwoch, 28.04.2021, 14.44 Uhr: Neu-Delhi – Die Corona-Situation in Indien bereitet weltweit Sorge. Etwa 200.000 Menschen sind bisher an einer bestätigten Corona-Infektion gestorben (Stand: 28.04.2021), innerhalb eines Tages zuletzt mehr als 3000. Zudem wurden innerhalb 24 Stunden 360.000 Neuinfektionen registriert, insgesamt 18 Millionen bestätigte Fälle. Experten gehen darüber hinaus von einer hohen Dunkelziffer aus. Das soll unter anderem daran liegen, dass viele Erkrankte starben, bevor sie ins Krankenhaus kamen.

Seit Mitte März schnellt die Zahl der Neuinfektionen in die Höhe. Den Krankenhäusern Indiens gehen Sauerstoff und Betten aus, Corona-Kranke müssen inzwischen abgewiesen werden, wie „Aljazeera“ berichtet. Das Gesundheitssystem, Krankenhäuser und Krematorien sind überlastet. Trotz Hilfen aus weiten Teilen der Welt steht das Land vor dem Kollaps.

Corona in Indien: Virusmutationen sind weit verbreitet

Woher kommt der plötzliche Anstieg der Corona-Fälle in Indien? Eine Ursache könnte die Verbreitung der Virusmutationen sein. Neben der britischen Variante B.1.1.7 macht die sogenannte „Indische Mutation“ B1.617 Schlagzeilen. Die Variante gilt als eine Kombination aus der britischen Mutante B.1.1.7 und der südafrikanischen Variante B.1.351. Die Einreise aus Indien nach Deutschland ist inzwischen nur für deutsche Staatsangehörige und Menschen mit Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik gestattet. Doch unlängst ist die Mutation schon nach in andere Staaten wie die USA, Australien, Israel und Singapur gelangt.

Ein Corona-Patient wartet in Indien, um in einem speziellen Corona-Regierungskrankenhaus behandelt und aufgenommen zu werden.

Um festzustellen, wie gefährlich die Corona-Mutation B1.617 ist, reicht die Datenlage bisher nicht aus. Noch können keine stichhaltigen Beweise angeführt werden, ob die Mutation ansteckender oder tödlicher sei – oder sogar trotz einer Impfung mit den bekannten Impfstoffen Personen infizieren könne. Die WHO warnt angesichts der Corona-Variante also vor voreiligen Schlüssen. Auch Virologe Christian Drosten sieht die Corona-Variante aus Indien relativ gelassen. Er geht davon aus, dass die Mutante nicht alleine für die heftige Infektionswelle in Indien verantwortlich sei.

Corona in Indien: Herdenimmunität in weiter Ferne

Stattdessen sieht Drosten in der schnellen Verbreitung des Coronavirus eine noch lange nicht erreichte Herdenimmunität. Außerdem sieht er B.1.617 etwas verbreitungsfähiger und robuster gegen die Immunität. Eine Eigenschaft, die in der Fachsprache als „Immunflucht“ bezeichnet wird und bei der Mutante nach bisherigen Erkenntnissen „leicht ausgeprägt“ sein soll.

Auch für die vielen Todesfälle in Zusammenhang mit Corona hat Drosten eine Erklärung: „Wenn viele Leute zur gleichen Zeit infiziert werden, dann hat man auch bei den jüngeren Altersgruppen auf einmal, absolut gesehen, ganz viele Kranke in einem kurzen Zeitfenster“, sagt der Virologe im Podcast „Coronavirus-Update“. In Verbindung mit einem generell niedrigeren Gesundheits- und Hygienestandard in Indien könne das zu einer schnellen Verbreitung und hochschießenden Infektionszahlen führen.

Indien
HauptstadtNeu-Delhi
Bevölkerung1,366 Milliarden (2019)
Staats- und Regierungsformparlamentarische Republik (Bundesrepublik)
StaatsoberhauptStaatspräsident Ram Nath Kovind
RegierungschefPremierminister Narendra Modi

Corona in Indien: Regierung lässt Großveranstaltungen zu

Ein weiterer Faktor kommt hinzu: die Corona-Politik der Regierung. Indien hat zuletzt wieder Großveranstaltungen zugelassen, die einen Einfluss auf die Verbreitung von B1.617 gehabt haben dürften. So reisten Millionen Gläubige zum wichtigsten Fest des Hinduismus, um in den heiligen Flüssen rituelle Bäder zu nehmen. Mehr als 50 Millionen Hindus sollen teilgenommen haben und zum Ganges gepilgert sein. Der indische Premierminister Narendra Modi ließ das traditionelle Fest trotz der extrem angespannten Situation zu. Wenn es ein Hygienekonzept gab – eingehalten wurde es von den wenigsten.

Modi befindet sich zudem im Wahlkampf. Er selbst befand sich Ende März – also mitten im explosionsartigen Anstieg der Corona-Fallzahlen – auf überfüllten Wahlkampfveranstaltungen um für Parlamentswahlen in Indien zu werben.

Selbst das Höchste Gericht in Neu-Delhi kritisierte das Vorgehen der Regierung. Sechs Krankenhäuser suchten mittels einer Petition bei den Gerichten nach Hilfe, um den Sauerstoffmangel in der Hauptstadt zu überbrücken. „Menschenleben sind für den Staat nicht so wichtig“, hieß es laut „Aljazeera“ vom Gericht. Man sei „schockiert und bestürzt, dass die Regierung sich nicht um den extrem dringenden Bedarf an medizinischem Sauerstoff zu kümmern scheint.“ Das Gericht weise die Regierung darauf hin, für eine sichere Lieferung des Sauerstoffs zu sorgen. Denn sonst werde „Hölle losbrechen“.

Corona in Indien: Familienmitglieder und Sanitäter tragen die Leichen von Opfern, die an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben sind, zur Einäscherung. In den Krankenhäusern fehlt es an Sauerstoff und Krankenhausbetten.

Corona in Indien: Impfkampagne weit hinter Plan

Außerdem hinkte die großangelegte Impfkampagne lange dem Plan hinterher. Bis zum Sommer wollte Indien 300 Millionen der 1,3 Milliarden Menschen im Land geimpft haben. Am 5. April wurden allerdings erst 79 Millionen Dosen verabreicht. Laut der „Tagesschau“ gilt Indien als die Apotheke der Welt. Es produzierte große Mengen Impfstoff für den Export, erst sehr spät schwenkte das Land um und verwendete die Impfstoffe auch im eigenen Land. Inzwischen wurden WHO-Daten 130 Millionen Impfungen verabreicht. Ob der Plan eingehalten werden kann, ist weiterhin fraglich.

Mehrere Faktoren sind also für die ansteigenden Corona-Zahlen in Indien verantwortlich. Die WHO nannte das Zusammenkommen von niedrigen Impfquoten, Virusmutationen und Massenversammlungen einen „perfekten Sturm“, der zu den explodierenden Zahlen führte. Das langsame Handeln der Regierung bläst zusätzlich Wind in die Segeln der Corona-Pandemie. (Sebastian Richter)

Rubriklistenbild: © NARINDER NANU

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