Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Corona-Pandemie

Corona-Impfstoff aus Russland: Europa sieht Sputnik V skeptisch, auch zu Recht?

  • Ines Alberti
    VonInes Alberti
    schließen

In Deutschland sind bisher die Corona-Impfstoffe von Moderna, Biontech und Astrazeneca zugelassen. Sputnik V gegenüber ist man in Europa skeptisch, dabei wird ihm eine hohe Wirksamkeit attestiert.

Berlin/Moskau - In Deutschland und anderen EU-Ländern mangelt es bekanntlich an Corona-Impfstoff. Aber bevor man das russische Vakzin Sputnik V bestellt, gibt man sich offenbar lieber mit längeren Wartezeiten zufrieden. Denn in Deutschland und Westeuropa steht man Sputnik V skeptisch gegenüber. Es war weltweit der erste zugelassene Corona-Impfstoff. In Russland wird damit seit August 2020 geimpft.

Das Tempo, in dem Sputnik V - das „V“ steht für „Vaccine“ - auf den Markt gebracht wurde, verunsichert viele und erweckte den Eindruck, als zähle für Russland lediglich, in Sachen Corona-Impfstoff Erster zu sein. Das schwingt nicht nur bei der zügigen Zulassung mit, sondern auch beim Namen des Präparats: Hieß doch der erste Satellit, den die Sowjetunion vor den USA ins All schoss, „Sputnik“.

Kisten mit dem russischen Impfstoff Sputnik V kommen am Flughafen von Tunis an. Russland exportiert das Vakzin in zahlreiche Länder.

Russland: Name „Sputnik“ könnte Corona-Impfstoff im Ausland geschadet haben

Das ruft Erinnerungen an dieses Rennen der Supermächte wach. Das könnte dem Ansehen des Impfstoffs im Ausland geschadet haben. Kirill Dmitrijew, der Sputnik V vermarktet, gibt im „Spiegel“ zu: „Wir haben unterschätzt, wie sehr Sputnik im Westen mit einem Wettlauf assoziiert wird.“ Es gehe in der Krise nicht um Konkurrenz, sondern um Kooperation.

Aber zurück zur schnellen Freigabe: Das Präparat wurde zugelassen, da waren die Ergebnisse der klinischen Tests aus Phase I und II noch nicht veröffentlicht und Phase III hatte noch gar nicht begonnen. „Es war eine Notzulassung“, rechtfertigt sich Denis Logunow, Leiter der Gruppe, die an dem Impfstoff forschte, gegenüber dem „Spiegel“. Die eingesetzten Vektoren (Trägerviren) seien lange erprobt gewesen, beteuert er, etwa bei der Forschung an Mers- oder Ebola-Vakzinen. Das sei der Unterschied zu den neuen Verfahren, die die Konkurrenz einsetze, etwa Biontechs mRNA-Technik. So hatte Russland einen Vorsprung.

Corona-Impfstoff Sputnik V: Auch in Russland kommt er nur bedingt an

Logunow scheint die Kritik aus dem Westen und von der Konkurrenz zu treffen: „Das kränkt. Ihr macht wirklich Experimente am Menschen, aber werft das ausgerechnet uns vor, die wir hunderttausendfach getestete Komponenten nutzen“, zitiert ihn der „Spiegel“. Ein anderer hat hingegen Verständnis: Alexander Ginzburg, der das staatliche Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie leitet. „Ich verstehe die Skepsis. Von der Seite betrachtet sah das Verfahren aus wie Hast und der Wunsch, als Erster ins Ziel zu rennen. Das spielte vielleicht auch eine Rolle. Aber es war gedeckt durch die Zulassungsregeln und den Kriegszustand, in dem wir uns faktisch befanden“, sagte er dem Magazin.

Dabei wird Sputnik V anscheinend auch in Russland nicht besonders gut angenommen. Erst 7,26 Impfdosen pro 100.000 Einwohner:innen (Stand: 22.03.2021) wurden laut dem Portal „Our World in Data“ in Russland verimpft. In Deutschland sind es 14,76 - was auch nicht sehr viel ist, aber vor dem Hintergrund, dass hierzulande die Impfkampagne vier Monate später startete, deutlich besser. Beim jetzigen Tempo bräuchte Russland laut dem „Spiegel“ noch knapp drei Jahre, bis die Hälfte der Bevölkerung zumindest einmal geimpft wäre. Woran kann das liegen?

Produktion von Sputnik V in Russland soll hochgefahren werden

Ein Faktor könnte Präsident Wladimir Putin sein, der sich zunächst selbst nicht impfen ließ. Am Montag (22.03.2021) kündigte er an, sich tags darauf impfen zu lassen, sagte aber nicht, mit welchem Vakzin. Die Impfung wurde auch nicht medial begleitet, wie es etwa bei US-Präsident Joe Biden der Fall war. Ein Präsident, der nicht in der Öffentlichkeit hinter dem landeseigenen Impfstoff steht, macht einen seltsamen Eindruck. Die Impfbereitschaft scheint in Russland gering: Nur 30 Prozent der Befragten wollen sich laut einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums mit Sputnik V impfen lassen. Das könnte auch damit zu tun haben, dass das Land die Corona-Pandemie herunterspielt und sich beispielsweise auch nicht in einem Lockdown befindet. Wer keine Gefahr sieht, sieht auch keine Notwendigkeit, sich vor ihr zu schützen.

Neben Impfwilligen fehlt es in Russland aber auch an Impfstoff selbst, wie der „Spiegel“ berichtet. „Ich hoffe, unsere Pharma-Firmen werden nicht nur das derzeitige Tempo halten, sondern auch die Produktion ausbauen, verlässliche und regelmäßige Impfstoff-Lieferungen in den Regionen sicherstellen und Nutzen aus konkretem Export-Potenzial ziehen“, sagte Präsident Putin in einer Videoschalte mit den Herstellern.

Sputnik V: Russland exportiert Corona-Impfstoff in zahlreiche Länder

Bisher seien gut 20 Millionen Impfdosen hergestellt worden, im April kämen 17 Millionen hinzu. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, seien 69,8 Millionen Impfdosen notwendig. „Wir haben alle Mittel, um sie herzustellen“, versicherte Putin. Dennoch wolle man auch im Ausland Sputnik V produzieren lassen. Etwa in Indien sollen Dosen für 100 Millionen Menschen hergestellt werden. Man habe Verträge unterschrieben, die eine Produktion von genügend Impfdosen für 700 Millionen Menschen pro Jahr sicherstellten.

Kisten mit Dosen des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik V bei der Auslieferung. (Symbolbild)

Denn Russland exportiert Sputnik V auch fleißig, besonders nach Lateinamerika. „Wir arbeiten mit 55 Ländern zusammen, die zusammen eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen haben. Sehr bald werden wir die Zahl unserer Partnerländer vergrößern und 2,5 Milliarden Menschen erreichen“, sagte Putin in der Videoschalte. Etwa nach Mexiko und Argentinien exportiert Russland im großen Stil. Allein Argentinien hat 20 Millionen Sputnik V-Dosen bestellt. Nach Putins Darstellung gibt es in den beiden Ländern „keine Nebenwirkungen“ des Impfstoffs, was als unabhängige Bewertung gut sei.

Corona-Impfstoff aus Russland: EMA prüft Sputnik V erst seit Kurzem

Doch in Europa traut man dem Impfstoff Sputnik V trotzdem nicht über den Weg. Auch, wenn ihm in der Fachzeitschrift „The Lancet“ eine Wirksamkeit von 91,6% bescheinigt wird - höher als die des hierzulande zugelassenen Impfstoffs des Herstellers Astrazeneca. Die Skepsis bleibt, Fachleute fordern laut dem „Spiegel“ Zugang zu den Rohdaten der Tests. Ungereimtheiten bei der Zahl der Proband:innen und der Berechnung der Wirksamkeit stehen im Raum, es wird über Manipulationen spekuliert.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat ein Prüfverfahren erst im März eingeleitet, es könnte noch Monate dauern. Darüber beschwerte sich Wladimir Putin in der Videoschalte, schließlich habe man den Antrag bereits im Januar gestellt. Das wiederum streitet die EMA ab. „Überraschend ist, dass mir genau vor unserem Meeting gesagt wurde, dass ein Verantwortlicher der Europäischen Kommission erklärte, sie bräuchten Sputnik V nicht. Das ist eine komische Aussage. Wir zwingen es niemandem auf“, so Putin.

In Deutschland steigt Verlangen nach Corona-Impfstoff Sputnik V aus Russland

Er spekulierte anschließend darüber, welche Interessen „diese Menschen“ schützen, die von Pharma-Unternehmen oder die der Bevölkerung? „Und diese Leute versuchen, uns etwas beizubringen - und verhängen Sanktionen“, warf er hinterher. „Aber egal. Wie gesagt, es ist deren Entscheidung“. Das klingt fast etwas beleidigt. Wie auch Kirill Dmitrijew, der Sputnik V vermarktet. „In Europa wird der Eindruck erweckt, als dränge Sputnik V mit aller Macht in die EU. Als bräuchte Russland das unbedingt. Aber in Wahrheit ist es umgekehrt: Europa braucht Sputnik“, sagte Dmitrijew dem „Spiegel“. Russland müsse sich erst selbst versorgen und habe genug andere Partner.

Dabei sprechen sich mittlerweile auch deutsche Politiker:innen dafür aus, sich um Sputnik V-Dosen zu bemühen. CSU-Chef Markus Söder sagte am Wochenende, es müsse „so schnell wie möglich über die Zulassung von Sputnik V entschieden werden“. Der „Passauer Neuen Presse“ sagte er: „Wir sollten aus den schlechten Erfahrungen bei der ersten Bestellung gelernt haben.“ Die EU solle diesmal zügig alle nötigen Verträge abschließen, um so viel Impfstoff wie möglich zu bekommen. Die Corona-Pandemie werde schließlich nur durch Impfen besiegt, sagte Söder.

Sputnik V aus Russland: „Entscheidend ist nicht, wo ein Impfstoff herkommt“

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) klagte über Vorbehalte in Westdeutschland gegen den Impfstoff. Er sagte der Zeitung „Welt“ vom Samstag: „Ich kämpfe nicht für Sputnik V, nur weil er aus Russland käme, sondern ich bin der Meinung, dass wir alle Impfstoffe kaufen sollten, die wir kaufen können.“ Sputnik V müsse wie alle anderen Impfstoffe auch geprüft werden, sagte Ramelow. „Den Rahmenvertrag aber hätte man längst abschließen können. Das sollte nun bald geschehen.“ Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe ihm versichert, dass die Gespräche dazu angelaufen seien. Sputnik V könnte laut Ramelow im bayerischen Illertissen bei Augsburg vom russischen Konzern R-Pharm geprüft und produziert werden.

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) kritisierte die EU-Impfstoff-Beschaffung. Sie könne sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die EU-Arzneimittelbehörde EMA mit unterschiedlicher Intensität operiere, sagte sie der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Samstag. So sei Sputnik V zwar in der Prüfung, die EU-Kommission habe jedoch noch immer keine Kaufoptionen gesichert, wie ihr EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bestätigt habe. „Entscheidend ist nicht, wo ein Impfstoff herkommt. Er muss sicher sein und wirken“, betonte Schwesig. (Ines Alberti mit AFP)

Rubriklistenbild: © Zoltan Mathe / dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare