Wettlauf um die Heilung

Kampf gegen Corona: Vielversprechende Impfstoffe im Test

  • Tim Vincent Dicke
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Hunderte Forscherteams auf der ganzen Welt arbeiten an einem Impfstoff gegen das Coronavirus Sars-CoV-2. Doch welche Vakzine sind vielversprechend? Ein Übersicht.

  • Forscher aus aller Welt forschen an einem Impfstoff gegen das Coronavirus.
  • Nur eine Handvoll Vakzine sind jedoch innerhalb der letzten und wichtigen Phase III.
  • Der russische Impfstoff stößt derweil auf internationale Kritik von Experten.

Vor kurzem schien es noch so, als wäre der weltweite Wettlauf um einen Corona-Impfstoff entschieden: Russland preschte mit der ersten staatlichen Zulassung für einen Corona-Impfstoff vor und feiert seinen „Sputnik-Moment“. Nach dem großen Knall folgte dann recht schnell die Ernüchterung: Nur wenig ist über das Vakzin „Sputnik-V“ bekannt, viele Experten üben Kritik. Die Suche nach dem passenden Wirkstoff geht weiter.

Corona-Imfstoff: Forschung mit extremer Geschwindigkeit

Die Forschung schreitet mit extrem hohen Tempo voran: „Bis vor wenigen Jahren hätte man von der Virusanalyse bis zur Zulassung des Impfstoffs 15 bis 20 Jahre angesetzt“, so der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VfA). In der Coronavirus-Pandemie kann und will sich aber niemand diese Zeit nehmen.

Mehr als 150 Impfstoffe gegen das Coronavirus werden derzeit weltweit getestet, doch nur gut eine handvoll Firmen befinden sich mit ihren Forschungen in Phase-III-Studien, der letzten Stufe vor einer möglichen Zulassung. Darin muss sich zeigen, ob die Mittel wirklich vor einer Infektion schützen. Weit fortgeschritten sind das US-Unternehmen Moderna, die britisch-schwedische AstraZeneca und die Mainzer Firma Biontech.

Corona-Impfstoff der Oxford-Universität und AstraZeneca: Deutschland sichert sich mehr als 50 Millionen Dosen

Der Corona-Impfstoff der Kooperation zwischen dem Pharmakonzern AstraZeneca und der Oxford University in Großbritannien wird seit Ende Juni in Brasilien am Menschen erprobt. Die Produktion soll durch AstraZeneca und weitere Biotechunternehmen erfolgen. Es handelt sich um einen sogenannten Vektorimpfstoff. Bei dieser Art von Impfstoffen wird das Genmaterial in harmlose Trägerviren eingebaut, die als Impfstoff injiziert werden, erklärt das Paul-Ehrlich-Institut.

Aus Sicht der Europäischen Union scheint der Impfstoff von AstraZeneca vielversprechend zu sein: Nach Vorverhandlungen einer Impfstoffallianz mit Italien Frankreich und den Niederlanden finalisierte die EU-Kommission jüngst den Kauf von 300 Millionen Dosen bei AstraZeneca. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach vom „ersten Grundpfeiler“ einer europäischen Impfstoffstrategie. „Diese Strategie wird es uns ermöglichen, Europäer sowie unsere Partner anderswo in der Welt mit künftigen Vakzinen zu versorgen.“ Das Bundesgesundheitsministerium hat sich 54 Millionen Dosen des Impfstoffs gesichert, hieß es aus Regierungskreisen.

Corona-Impstoff von Biontech und Pfizer: Testphase mit 30.000 Teilnehmern

Das Mainzer Biopharma-Unternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer wollen bei einem Erfolg der aktuellen Studie zu ihrem möglichen Corona-Impfstoff weiterhin im Oktober den Antrag auf Marktzulassung stellen. Die Biontech-Mitarbeiter hätten es geschafft, die Studie „in Rekordzeit zu starten“, sagte Biontech-Vorstandschef Ugur Sahin.

Ende Juli hatte eine weltweite Studie zu dem möglichen Impfstoff mit bis zu 30.000 Teilnehmern begonnen. Für die klinische Untersuchung der Phasen II/III – mit dem Ziel einer Überprüfung der Wirksamkeit, der Bestimmung der geeigneten Dosis und schließlich dem Nachweis der Wirksamkeit – war der Wirkstoff BNT162b2 als Hauptkandidat ausgewählt worden.

Falls der Corona-Impfstoff zugelassen wird, haben Biontech und Pfizer bereits Liefervereinbarungen mit Großbritannien, den USA, Japan und Kanada über mehr als 250 Millionen Impfstoffdosen geschlossen. Zusätzlich gibt es eine Option über weitere 500 Millionen Dosen. Allein die USA orderten bereits für fast zwei Milliarden Dollar Impfdosen – inklusive Nachkaufrecht.

Corona-Impfstoff von Moderna: EU und USA sichern sich Millionen Impfstoffdosen

Das US-Biotech-Unternehmen Moderna setzt auf einen mRNA-basierten Corona-Impfstoff. Der genbasierte Impfstoff ist in den USA aktuell in der heißen Phase seiner Erprobung: Ende Juli startete die klinische Phase-III-Studie mit 30.000 Probanden, in der überprüft wird, ob der Impfstoff tatsächlich vor einer Infektion schützt.

Die EU hat mit Moderna bereits Vorgespräche über den Erwerb des möglichen Corona-Impfstoffs abgeschlossen. Wie die zuständige EU-Kommission mitteilte, geht es konkret darum, dem US-Unternehmen im Fall einer erfolgreichen Impfstoffentwicklung 80 Millionen Dosen abzunehmen. Für weitere 80 Millionen Dosen ist ein Vorkaufsrecht geplant. „Die mRNA spielt eine grundlegende Rolle in der Humanbiologie, denn sie überträgt Informationen, die von den Körperzellen in die Herstellung von Proteinen umgesetzt werden, einschließlich Proteinen, die Krankheiten vorbeugen oder bekämpfen können“, erklärte die Brüsseler Behörde.

Auch die USA haben sich Dosen von Moderna gesichert. Wie das Pentagon mitteilte, einigte sich die US-Regierung mit dem Unternehmen auf die Produktion und Lieferung von 100 Millionen Dosen des aussichtsreichen Impfstoff-Kandidaten parallel zu dessen Erprobung.

Umstrittener „Sputnik-Moment“: Der Corona-Impstoff aus Russland wird massiv kritisiert

Russland hat als erster Staat einen Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen. Der russische Präsident Wladimir Putin gab die Zulassung des Impfstoffs „Sputnik V“ zur breiten Verwendung in der Bevölkerung im Staatsfernsehen bekannt. Sie erfolgte jedoch vor dem Ende der Phase-III-Studien. Weder die Wirksamkeit noch die Nebenwirkungen lassen sich derzeit fundiert beurteilen.

Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Erst wenige Menschen haben ihn im Rahmen einer Studie erhalten. Zu den ersten Menschen aus der Bevölkerung, die nun geimpft werden sollen, gehören medizinisches Personal und Lehrer. Parallel dazu sollen die entscheidenden Phase-III-Tests mit Tausenden Probanden laufen.

„Dass die Russen solche Maßnahmen und Schritte überspringen, beunruhigt unsere Gemeinschaft von Impfwissenschaftlern“, sagte Peter Hotez vom Baylor College of Medicine in Houston (Texas) dem Fachjournal „Nature“. „Wenn sie es falsch machen, könnte das gesamte globale Vorhaben untergraben werden.“ Eine Massenimpfung mit einem nicht ausreichend getesteten Coronavirus-Impfstoff sei unethisch, kritisierte Francois Balloux vom University College London.

Dem Sieger des Wettrennens um den Corona-Impfstoff winken gigantische Milliardengewinne

Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft EY hat jedoch nur ein Bruchteil der Produktkandidaten tatsächlich eine Chance, auf den Markt zu kommen. 97 Prozent der derzeit erprobten Impfstoffe dürften nicht das Licht der Welt erblicken, sagte Biotech- und Transaktionsexperte Alexander Nuyken im Juni. „Unter den Therapeutika bleiben am Ende drei bis vier Präparate übrig, die angewendet werden.“ Bei der Suche werde deshalb viel Geld vergeblich investiert, denn es gebe „keine Garantie für einen sicheren und wirksamen Impf- beziehungsweise Wirkstoff“.

Dem Sieger in diesem Wettrennen winken nach Einschätzung vieler Branchenkenner indes Milliardengewinne. Dies sieht auch Biotech- und Transaktionsexperte Nuyken ähnlich: Für ein Unternehmen, das am Ende einen Corona-Impfstoff habe, würde dies zum „Gamechanger“, also zur bahnbrechenden Änderung der Spielregeln, betonte er. (Tim Vincent Dicke mit Agenturen)

Bis es einen Impfstoff gibt, wollen Forscher in Costa Rica die Zeit mit Antikörpern überbrücken. Dazu forschen sie an Corona-Antikörpern von Pferden. Jetzt sollen Menschen die Pferde-Antikörper gespritzt bekommen.

Rubriklistenbild: © dpa/Sakchai Lalit

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