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Corona: Studien zufolge leiden Kinder und Jugendliche am meisten

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Von: Peter Hanack

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Studien belegen: Die seelische Gesundheit vor allem sozial benachteiligter Kinder leidet unter der Corona-Pandemie.

Nein, es geht ihnen nicht gut, vielen Familien, Jugendlichen, Kindern und ihren Eltern. Man muss nur mal im Bekanntenkreis herumfragen und hört die Geschichten von verlorenen Stunden vorm Handybildschirm, aus den Augen geratenen Freundschaften, ausgefallenen Feierlichkeiten und Festen, verpasstem Lernstoff, aufgegebenen Hobbys und den Sorgen und Ängsten, wie es mit Krieg und Klimakrise wohl weitergehen mag. Und dann wird noch alles teurer, gerade auch für Familien mit Kindern.

Den subjektiven Eindruck erhärten Studien zu den physischen, psychischen sowie materiellen Folgen der Krisen, aus deren Modi die Welt überhaupt nicht mehr auszubrechen vermag. Vor allem Corona stand und steht im Fokus der Betrachtungen.

Corona-Pandemie: Pandemiebedingte Belastungen haben Auswirkungen auf Gesundheit von Kindern

Homeschooling, Quarantäne, eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten und Kontakte: Wie haben sich die pandemiebedingten Belastungen auf die Gesundheit von Kindern ausgewirkt? So lautet die Leitfrage einer Ende Juli veröffentlichten Untersuchung von Wido, dem Wissenschaftlichen Institut der AOK, in Kooperation mit dem Deutschen Jugendinstitut. Dafür wurden im Februar und März dieses Jahres 3000 Mütter von Kindern im Alter von drei bis zwölf Jahren befragt.

Jede dritte Mutter berichtet dort, dass die seelische Gesundheit der Kinder gelitten habe. Überdurchschnittlich häufig betrifft dies Familien mit einem niedrigen Haushaltseinkommen. Das soziale Gefälle ist deutlich. So haben laut Wido vor allem Alleinerziehende und Mütter mit einfacher Bildung und geringem Haushaltseinkommen eine Verschlechterung der seelischen Gesundheit ihrer Kinder bemerkt. Gaben dies im Durchschnitt knapp 35 Prozent der Befragten an, lag die Quote in diesen Gruppe bei 44 Prozent bei Alleinerziehenden und sogar bei 51 Prozent bei den Geringverdienerinnen.

Immerhin gibt es auch Lichtblicke. So berichten mehr als zwei Drittel der Mütter (73 Prozent), das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie sei gewachsen. „Die positiven Pandemie-Effekte wie der gestärkte familiäre Zusammenhalt oder das Entdecken neuer, gemeinsamer Hobbys wurden jedoch in sozial schwächeren Familien deutlich seltener wahrgenommen“, sagt Klaus Zok, Studienleiter im Forschungsbereich Gesundheitspolitik und Systemanalysen des Wido. „Wie ein roter Faden zieht sich durch fast alle Ergebnisse unserer Untersuchung, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien deutlich stärker durch die Pandemie belastet waren.“

Zwei Schulkinder laufen durch eine Unterführung.
Kinder und Jugendliche leiden neuesten Studien zufolge am meisten unter den Auswirkungen der Pandemie. (Symbolbild) © Julian Stratenschulte/dpa

Vor ein paar Tagen erst hat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration die Ergebnisse der zweiten Befragung zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie veröffentlicht. Die Studie beruht auf einer hessenweiten repräsentativen telefonischen und onlinegestützten Befragung von 1004 Erwachsenen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte. Durchgeführt wurde sie im Januar und Februar dieses Jahres.

Auswirkungen der Corona-Pandemie: Sorge um schulische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen

Dort berichten knapp zwei Drittel (64 Prozent) der Menschen mit Migrationsgeschichte von negativen Auswirkungen auf ihr Sozialleben. Rund ein Viertel beklagt Verschlechterungen bei der Einkommens- und Arbeitssituation. Bei Menschen ohne Migrationsgeschichte sind es laut Sozialministerium deutlich weniger.

„Der erste Teil der Studie im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass Menschen mit Migrationsgeschichte zu Beginn besonders unter der Pandemie zu leiden hatten. Die Folgebefragung bestätigt nun, dass dieser Teil der hessischen Bevölkerung aufgrund der durchschnittlich schlechteren sozioökonomischen Lage weiter stärker von den negativen Auswirkungen betroffen ist“, sagt dazu Hessens Minister für Soziales und Integration, Kai Klose (Grüne).

Grafik zur Belastung von Familien.
Grafik zur Belastung von Familien. © FR

Diese zweite Corona-Studie belegt auch die hohe emotionale Belastung, der sich die Menschen ausgesetzt sehen. Befragte mit Migrationshintergrund fühlen sich demnach deutlich häufiger gestresst. 54 Prozent sind es dort, bei Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte dagegen lediglich 36 Prozent. Positiv daran mag allenfalls erscheinen, dass sich die Befragten insgesamt, und das in beiden genannten Bevölkerungsgruppen, im Vergleich zum Vorjahr etwas weniger besorgt zeigen.

Kinder in der Corona-Pandemie: Die Zahl der Ungelernten in Deutschland wird zunehmen

Stark ausgeprägt bleibt die Sorge um die schulische und damit spätere berufliche Entwicklung der Kinder. Ziemlich genau zwei Drittel der Befragten nannten diese Sorgen. Dass diese berechtigt sind, belegen die Zahlen des Arbeitsmarkts.

Laut Berufsbildungsbericht 2022 steigt die Zahl junger Erwachsener zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss stetig an – und dabei sind die Bildungsabbrüche aufgrund der Pandemie nicht einmal gänzlich erfasst. Ohne Berufsausbildung aber ist das Risiko von Arbeitslosigkeit ungleich höher als mit einem Abschluss. Im August haben die Arbeitsagenturen für 2021 für Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung eine Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent gemeldet. Das ist sechsmal höher als bei Menschen, die eine berufliche oder akademische Ausbildung absolviert haben.

In Hessen beispielsweise sind aktuell rund 30 Prozent der Stellen an den Schulen nicht für den Kernunterricht vorgesehen, sondern für all jene Aufgaben, die Schule eben auch noch bewältigen soll – und die nicht nur pädagogisch, sondern auch gesellschaftlich nicht mehr wegzudenken sind. Schon heute aber können viele dieser Aufgaben nicht mehr mit ausreichend qualifiziertem Personal besetzt werden.

Und die Zahl der Ungelernten in Deutschland wird zunehmen. Das jedenfalls ist das Anfang September veröffentlichte zentrale Ergebnis einer Befragung der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung unter Expert:innen. Eine niedrige Schulbildung führt demnach immer häufiger ins berufliche und damit auch gesellschaftliche Abseits. Und es trifft vor allem die Kinder aus den sozial benachteiligten Familien. Also jene, denen die Krisen der Welt besonders im Nacken sitzen.

Corona-Impfung für Kinder: Die Ständige Impfkommission rät, Fünf- bis Elfjährige impfen zu lassen.

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