Corona und trans Menschen

Wie Corona das Leben von transgeschlechtlichen Menschen verändert

  • vonFelicia Ewert
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Die Corona-Pandemie hat die gesellschaftliche Diskussion über Transgeschlechtlichkeit um Jahre zurückgeworfen. Umso dringlicher ist es nun, ein paar grundsätzliche Dinge zu klären. Ein Gastbeitrag.

  • Kontakte zu anderen trans Menschen sind fundamental wichtig
  • Die Corona-Pandemie und Kontaktbeschränkungen sind gefährlich für Schutzsuchende
  • Länder treffen während Corona-Pandemie transfeindliche Entscheidungen

Stell dir vor, es ist Corona-Pandemie und du bist trans. Das bedeutet, du bist zur Erkenntnis gekommen, dass du dich nicht oder nicht vollständig mit dem Geschlecht identifizierst, das dir bei der Geburt zugewiesen wurde. Dein Leben wird neben all der durch Corona bedingten Belastungen und Unsicherheiten zusätzlich von einer trans-, non-binary- und interfeindlichen Gesetzgebung und Gesellschaft bestimmt — die keine „Corona-Pause“ macht.

Auswirkungen von Corona auf trans Menschen: „Cistem" pathologisiert - mit und ohne Corona-Pandemie

Willkommen im Cistem! Das Cistem ist überall. Das Wort ist eine Melange aus cisgeschlechtlich und System. Das Wort „Cistem“ gibt Auskunft über gesellschaftliche und rechtliche Zustände, die trans Personen systematisch als falsch oder fehlerhaft einstufen. Es soll auch verdeutlichen, dass wir in einer Welt leben, in der Menschen aufgrund ihrer (vermeintlichen) Körper unter zwei dominanten Kategorien – Mann und Frau – einsortiert werden. Mit weitreichenden Folgen für alle, die durch Selbstbestimmung aus der normierten Kategorie Geschlecht herausfallen. Cisgeschlechtlich ist somit der Gegenbegriff zu trans und bedeutet, dass du dich mit dem Geschlecht identifizierst, das dir bei der Geburt zugewiesen wurde.

Weil viele cisgeschlechtliche Menschen das Cistem nicht spüren, da sie nicht negativ davon betroffen sind, leben sie ganz gut damit. Für trans Menschen sieht das anders aus. Wir leiden und existieren darunter – mit oder ohne Corona-Pandemie –, da unsere Leben pathologisiert, beurteilt und eingeschränkt werden.

Proteste gegen Diskriminierung von trans Menschen sind nach wie vor unabdingbar.

Corona und trans Menschen: Kontakte zu anderen trans Menschen sind fundamental

Zunächst einmal: Transgeschlechtliche Menschen sind Individuen! Wir teilen zwar viele Erfahrungen miteinander und doch haben wir unterschiedlichste Bedürfnisse, Wünsche und Träume. Auch was wir unter Geschlecht verstehen, ist verschieden. „Den einen Transgender“ gibt es nicht.

Doch zurück zur Frage, was Kontaktbeschränkungen unter Corona für transgeschlechtliche Menschen bedeuten: Haben wir uns vor der Corona-Pandemie mit unseren Freundinnen und Freunden, oftmals vorwiegend trans Menschen, zu regelmäßigen Treffen verabredet, um uns auszutauschen, Spaß zu haben und möglichen Gefahren zu Hause aus dem Weg zu gehen, war das spätestens mit Beginn der Kontaktsperre nicht mehr möglich. All das fiel aus oder wurde ins Digitale verlagert.

Gerade für Menschen in ersten Findungsprozessen sind Kontakte zu anderen trans Personen fundamental. Sie erhalten neben Information auch Unterstützung und das Gefühl: „Ich bin real. Menschen wie mich gibt es wirklich.“ Auch im weiteren Lebenslauf zahlreicher trans Personen bleiben solche Kontakte mitunter lebenswichtig. Denn im Cistem besteht immer die Gefahr, dass unser Handeln stets und ausschließlich über unser trans Sein bewertet und gemaßregelt wird. In einem vorwiegend cisgeschlechtlichen Umfeld – ganz gleich, wie unterstützend es ist – kommt es immer wieder zu Momenten, in denen beispielsweise Dankbarkeit für sogenannte Toleranz eingefordert wird, wenn wir „zu laut“ oder „zu aggressiv“ für unsere Daseinsberechtigung kämpfen müssen.

„Transgeschlechtliche Menschen sind kein Thema und keine Debatte“, sagt Felicia Ewert.

Auswirkungen von Corona auf trans Personen: Größere Gefahr für Schutzsuchende

Es hat mich sehr gefreut, dass in den Medien zu Beginn der Kontaktbeschränkungen auf die erhöhte Gefahr von so bezeichneter Häuslicher Gewalt aufmerksam gemacht wurde. Trans Personen sind von dieser häuslichen Gewalt nicht ausgenommen.

Die wichtigen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben aber nicht nur Kontakte zum Gesundheitsschutz beschränkt und schränken diese immer noch in Teilen ein. Die Maßnahmen beschränken auch die Kontaktmöglichkeiten von Schutzsuchenden. In einer Wohnung unter Selbst-Quarantäne mit nicht unterstützenden, respektlosen oder psychisch oder körperlich gewaltvollen Menschen leben zu müssen, erhöht massiv die Gefahr für uns — egal, ob wir bereits offen unser Selbst leben oder noch nicht. Entweder zwingt uns der Selbstschutz dazu, uns nicht zu outen, oder wir erleben, dass verinnerlichte Mikroaggressionen nun verstärkt zum Vorschein kommen.

Auswirkungen von Corona auf trans Menschen: Hilfe zu suchen, bedeutet eine Überwindung

Unter Kontaktbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie ist es zum Beispiel deutlich schwieriger, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. In gewaltvollen Nahbeziehungen ist es häufig nicht möglich, unbeobachtet zu telefonieren, lange E-Mails zu schreiben oder gar ohne plausiblen Vorwand die Wohnung zu verlassen. Die Komplexität und die Schwierigkeiten, die ohnehin bestanden, werden in verschiedensten Zusammenhängen noch einmal verstärkt.

Hinzu kommt, dass wir als trans Personen damit rechnen müssen, auch bei Beratungsstellen nicht zwingend respektvollen Umgang zu erfahren. Denn auch dort arbeiten Menschen mit verschiedensten verinnerlichten Diskriminierungseinstellungen. Für Personen, die Mehrfachbenachteiligungen ausgesetzt sind, kostet die Hilfesuche zusätzliche Überwindung. Diskriminierende Einstellungen wie Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Homofeindlichkeit, Sexismus und Sexarbeitsfeindlichkeit sind gesellschaftsweit verankert. So findet vor jeder möglichen Suche nach Hilfe immer ein Abwägen statt, ob die eigentliche Hilfesuche nicht die persönliche Situation verschlimmern könnte. Das ist kein Phänomen, das sich nur auf Transfeindlichkeit bezieht.

Corona und trans Menschen: Intersektionalität als ein wichtiges Konzept

Zur Person

Felicia Ewert, 34, ist Politikwissenschaftlerin, Autorin, Mutter und politische Referentin für die Themen Transfeindlichkeit und Transmisogynie.

Keine Diskriminierung existiert in Abtrennung zu anderen. So individuell Menschen sind, so sind auch ihre gelebten Realitäten mit multipler struktureller Gewalt. Das Wort der Wahl lautet: Intersektionalität. Intersektionalität ist die Erkenntnis und das Wissen, dass Menschen gleichzeitig verschiedene Verschränkungen von Benachteiligung erfahren. Aber eben auch, dass Menschen mehr sind als nur die Summe von gewaltvollen Zuständen, denen sie ausgesetzt sind. Konkret benannt wurde das Konzept der Intersektionalität Ende der 1980er Jahre von der Schwarzen amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw.

Während der Corona-Pandemie erschweren – viel unbeachteter und weniger wahrgenommen – verschiedene Mechanismen den Alltag und das Leben transgeschlechtlicher Menschen. Ausfallende Therapiesitzungen, ärztliche Termine, Gutachtensitzungen oder verpflichtende Gerichtstermine für die rechtliche Anerkennung unserer Geschlechter; aufgeschobene operative Eingriffe auf unbestimmte Zeit erhöhen den psychischen Druck massiv, vor allem wenn bereits Termine dafür bestanden.

Auswirkungen von Corona auf trans Personen: Individuen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen

Da Transgeschlechtlichkeit meist mit Operationen unserer Intimorgane gleichgesetzt wird, ist eine kurze Aufklärung nötig. Erstens: Der Sterilisationszwang und verpflichtende operative Eingriffe sind in Deutschland seit 2011 abgeschafft. Seit also nicht einmal zehn Jahren. Zweitens: Trans Personen sind Individuen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen. Es gibt unterschiedliche Gründe, weshalb wir operative Eingriffe während unserer geschlechtlichen Transitionen durchführen – oder eben nicht. Beispielsweise können diese uns helfen, unsere geschlechtliche Dysphorie abzumildern und unsere Sicherheit im Alltag zu verbessern.

Gegen diese Eingriffe sprechen unter anderem: die Kosten, die Hürden bei der Beantragung, Ablehnung, medizinische Ausschlusskriterien, Risikoabwägung, oder schlichtweg keinerlei Wunsch auf operative Veränderung des Körpers und Körperbildes. Welche Gründe auch immer gegen Operationen sprechen, diese Personen sind dennoch ganz und gar real ihr Geschlecht. Ich selbst hatte drei operative Eingriffe und keiner davon machte mich „zur Frau“, denn eine Frau war ich bereits vorher.

Auswirkungen von Corona auf trans Menschen: Scheinbar harmlose Momente können massiver Stress sein

Was uns richtigerweise vor Ansteckung und Übertragung des Corona-Virus schützen soll, zum Beispiel bargeldloses Zahlen an der Supermarktkasse, kann an anderen Stellen unsere körperliche Sicherheit einschränken. Noch vor vier Jahren musste ich Erklärungen abgeben, weshalb ich beim Bezahlen an der Kasse zu meiner EC-Karte noch zusätzlich einen Ergänzungsausweis vorzeigte, der Auskunft über mein Geschlecht gibt, solange noch keine Personenstandsänderung nach dem „Transsexuellengesetz“ stattfand.

Das sind scheinbar harmlose Momente, die jedoch mit massivem Stress einhergehen, denn ich musste mich in jeder dieser Situationen zwangsweise als trans outen. Diese Situationen sind Alltag im Leben von trans Personen ohne korrekte Dokumente. Sie stellen eine Gefahr dar, weil wir nicht einfach auf respektvollen Umgang vertrauen können, sondern jedes Gegenüber anders reagieren kann. Beschimpfungen, angewiderte Blicke, grenzüberschreitende Kommentare oder potenzielle Polizeigewalt sind mögliche Folgen.

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Auswirkungen von Corona auf trans Personen: „Jetzt wichtigere Themen“

Abgesehen von den Diskriminierungserfahrungen im Alltag – die Pandemie hatte auch für mich als Referentin für Transgeschlechtlichkeit einschneidende Folgen: Meine Vorträge sind abgesagt, aufgeschoben oder – erfreulicherweise – direkt auf Onlineplattformen verlagert. Ich begegne seit Mitte März aber umso häufiger der Abwehrhaltung, dass es „jetzt wichtigere Themen“ gebe, um die man sich kümmern müsse.

Für die Mehrheitgesellschaft gibt es aber immer gerade wichtigere Themen als ausgerechnet diese, auf die marginalisierte Menschen ohnehin ständig aufmerksam machen müssen. Es handelt sich hierbei um sogenanntes Derailing: Anstatt passende Argumente vorzubringen oder einfach zuzuhören, wird auf ein anderes Thema verwiesen – und die leider notwendigen Antidiskriminierungskämpfe werden als nicht notwendig dargestellt. Auch dies ist kein reines Phänomen von Transfeindlichkeit, sondern es zeigt sich zum Beispiel gerade in den lebensnotwendigen Kämpfen gegen Rassismus und rassistische Polizeigewalt. Hier wird in der deutschen Berichterstattung teilweise versucht, den Fokus auf die USA zu lenken, deutscher Rassismus und Polizeigewalt in Deutschland werden so relativiert oder als nicht existent dargestellt.

„LGBT-freie Zonen" in Polen: Länder treffen während Corona-Pandemie transfeindliche Entscheidungen

Fast unbeachtet bleibt, dass in Ungarn die rechtliche Änderung des Geschlechtseintrags für trans Personen wieder abgeschafft wird. Diese rechtliche Unsicherheit wird zu weiterer Diskriminierung und Gewalt führen. Schon mehr Beachtung findet, dass in den USA trans Personen künftig medizinische Behandlung, gleich welcher Art, wieder verweigert werden kann. Begründet wird der Beschluss mit der „religiösen Freiheit“ des medizinischen Personals. Währenddessen werden in Polen weite Teile des Landes als „LGBT- freie Zonen“ deklariert. Drei Staaten, die inmitten der Corona-Pandemie eben solche bewussten transfeindlichen Entscheidungen fällen und umsetzen.

Unterdessen brachte die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen Anfang Juni einen Gesetzesentwurf zur Abschaffung des bald vierzig Jahre alten sogenannten „Transsexuellengesetzes“ vor, der Mitte Juni im Bundestag diskutiert wurde. Es soll durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzt werden, das künftig auch die medizinisch unnötigen operativen Eingriffe an intersex-Kindern verbieten soll. Diese Eingriffe werden in Deutschland bis heute durchgeführt, um sogenannte „geschlechtliche Eindeutigkeit“ an deren Körpern herzustellen. Mit mitunter weitreichenden traumatischen Folgen für die Betroffenen. Das Ergebnis des Entwurfs bleibt offen, die bisherigen Reformvorschläge seitens der Regierungskoalition sorgten für mehr Kritik als Freude.

Trans. Frau. Sein. – Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung.

Auswirkungen von Corona auf trans Menschen: Über Transfeindlichkeit informieren

Für das Jetzt, aber auch für die Zukunft gilt: Trans Personen gab es immer, transfeindliche Menschen gab es immer. Die Umstände, die uns als falsch und fehlerhaft einstufen, die unsere Leben bedrohen, müssen Stück für Stück freigelegt und abgeschafft werden.

Sich über Transfeindlichkeit und Transmisogynie zu informieren, sie erkennen lernen, ist eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Als ich begann, öffentlich aufzutreten und über Transfeindlichkeit aufzuklären, dachte ich, ich würde lediglich etwas über mich selbst lernen. Das stimmt nicht. Ich erlernte das Geschlechtsverständnis von Menschen und wie ausschließend und gefährlich es für uns ist, aus ihren Kategorien herauszufallen.

Pathologisierung, frauenverachtende Beleidigungen, sexualisierte Mordaufrufe und diskriminierende Gesetzgebungen sind zu einem Teil meines Lebens geworden. Manchmal zweifle ich daran, ob das Gute diese Erfahrungen aufwiegt.

Auswirkungen von Corona auf trans Personen: Nicht mit Bestehendem zufriedengeben

Was mich weitermachen lässt, ist das Wissen, jeden Tag als die Frau leben zu können, nach der ich lange suchen musste. Was mich weitermachen lässt, ist zu wissen, dass Generationen von mutigen, wissenden und selbstbewussten trans- und nicht-binärgeschlechtlichen Jugendlichen und jungen Erwachsen leben werden. Generationen, die noch viel stärker kämpfen und einfordern werden. Die sich nicht mehr mit Bestehendem zufriedengeben können und werden.

Dennoch werden sie dazu die Unterstützung cisgeschlechtlicher Menschen brauchen. Sie werden euer Zuhören, euer Zurückstecken, eure Selbsteinsicht brauchen. Es wird wehtun, aber dieser Schmerz wird nichts im Vergleich zu unserer Lebensrealität sein, in der unsere Existenz für cis Personen zu häufig als etwas gilt, „über das man mal diskutieren“ könne.

Transgeschlechtliche Menschen sind kein Thema und keine Debatte. Wir leben – und wir werden uns davon niemals mehr abhalten lassen.

Versprochen. (Felicia Ewert)

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Rubriklistenbild: © Dominic Lipinski

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