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Corona-Skepsis

Corona und „Querdenken“: Bewegung instrumentalisiert Kinder und Jugendliche

  • Lukas Rogalla
    vonLukas Rogalla
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Bei Events der „Querdenken“-Bewegung nehmen immer häufiger Jugendliche teil. Hinter vielen Corona-Skeptiker:innen steckt die Chatgruppe eines fundamentalistischen Christen.

  • In der „Querdenken“-Bewegung spielen junge Leute eine wichtige Rolle.
  • Die „Youngsters“ um Corona-Leugner Samuel Eckert verbreiten in einer Telegram-Gruppe Verschwörungstheorien.
  • Bei den „Querdenkern“ gewinnen fundamentalistische Christ:innen zunehmend an Bedeutung.

Frankfurt - Umgeben von Maskenfeinden, Impfgegner:innen und Rechtsextremen sind auch Religiöse und Jugendliche bei Demonstrationen gegen die Corona-Politik in Deutschland zu sehen. Veranstaltet wird der Großteil dieser Kundgebungen und Protestzüge von Ablegern der Bewegung „Querdenken 711“, die sich früh in der Pandemie in Stuttgart formierte. Ein bekannter Anhänger der „Querdenker“ übernimmt zusehends das Ruder - und ist Namensgeber einer Online-Gruppe für Jugendliche. Der Chat auf Telegram zeigt, wie junge Leute von der Corona-skeptischen Initiative eingesetzt werden.

«Querdenker»-Demonstration Ende November in Baden-Württemberg.

Gegen die Corona-Politik: Kinder und Jugendliche als Schutzschild für „Querdenker“?

Eltern sollen ihre Kinder bei einer Querdenker“-Demo in Berlin als Schutzschild missbraucht haben. Diesen Vorwurf unterstützt auch der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radeke. Gegenüber dem „Deutschlandfunk“, behauptet er, dass Kinder bei diesen Veranstaltungen bewusst eingesetzt würden, um die Arbeit der Einsatzkräfte zu stören. „Es sind da Aufrufe gelaufen wie ‚dort wo die roten Herzen als Luftballons sind, sind Kinder, und dort werden die Wasserwerfer nicht eingesetzt werden‘ – Sie merken also, dass hier auch bewusst mit dem Kindeswohl eine Provokation der Sicherheitskräfte einhergeht“, so Radeke.

Auch Georg Maier (SPD), Innenminister von Thüringen, kritisierte Eltern, die ihre Kinder mit auf die Veranstaltungen von „Querdenken“ nehmen – und mahnte zu mehr Verantwortung: „Es gehört zur elterlichen Fürsorgepflicht, Kinder nicht einer solchen Gefahrensituation auszusetzen“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe Anfang Dezember. Die Psychologin Elisabeth Raffauf erklärte gegenüber dem „WDR“, dass Eltern ihre Kinder mit „Falschinformationen füttern“ und für ihre Zwecke nutzen, um etwas „Bestimmtes durchzudrücken“.

„Samuel Eckert Youngsters“: Telegram-Gruppe gegen die Corona-Politik in Deutschland

Wie der „Spiegel“ und „Report Mainz“ berichten, steckt eine Person beispielhaft hinter den sich häufenden Auftritten von Jugendlichen. Die „Youngsters“ um dem protestantischen Freikirchler und „Siebenten-Tags-Adventisten“ Samuel Eckert hätten sich zu einem Netzwerk entwickelt, über das sich junge, „kritische“ Leute über das Coronavirus austauschen. Sie sollen die Gegner:innen der Corona-Maßnahmen möglichst bei ihren Veranstaltungen unterstützen. Mehr als 270 von ihnen, im Alter von 10 bis 17 Jahren, sollen Mitglied einer nicht-öffentlichen Gruppe auf der Nachrichtenplattform Telegram sein, in der es beispielsweise um den „Maskenwahn im Unterricht“ gehe. Die „Youngsters“ verbreiten untereinander Falschmeldungen, beispielsweise, dass Schüler:innen aufgrund des Tragens einer Maske gestorben seien. Allerdings bleibt es nicht nur bei Mund-Nasen-Bedeckungen. Auch gängige Verschwörungstheorien über Milliardäre werden über diese Gruppe verbreitet.

„Habt Ihr schon von Bill Gates gehört? Er hat gesagt vier Jahre Corona Maßnahmen und zehn Jahre Wiederaufbau. Das System heißt the Great Reset“, habe es in einer Nachricht geheißen, die „Report Mainz“ vorliegt. „Nach vier Jahren hat der auf jeden Fall sein beschissenes Überbevölkerungsproblem gelöst“, soll eine Userin geantwortet haben. „Die Zeit des Systems tickt“, hieß es zudem. „Wir müssen Milliarden werden!!! Und dann alle Merkel umzingeln!!“

„Samuel Eckert Youngsters“: Jugendliche gegen die Corona-Politik benutzt

Samuel Eckert stritt eine Instrumentalisierung von Kindern und Jugendlichen für die „Querdenken“-Bewegung allerdings ab. „Bei uns werden die Leute angehalten, selber zu denken. Wir schreiben keinem vor, was er zu denken hat“, sagte Eckert in einem Interview mit „Report Mainz“. „Instrumentalisieren ergibt sich mir nicht.“ Eckerts Kanal auf Telegram folgen mittlerweile mehr als 125.000 Leute, mehr als den des veganen Kochs Attila Hildmann. Zwar ist Samuel Eckert christlichen Glaubens, dennoch protestieren er und die „Querdenker“ zusammen mit Rechtsextremen. In seinen Predigten gehe um Liebe und Freiheit, berichtet der „Spiegel“, nun müsse man zum Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen „in den „Kampf marschieren“ – gegen Politiker:innen und Virolog:innen. Seinen Kanal auf YouTube hat man mittlerweile gesperrt. Ausgewichen ist er auf die Streamingseite Twitch.

Die wirren Theorien, die Samuel Eckert und die „Querdenker“ verbreiten, nehmen oftmals antisemitische Züge an oder relativieren den Holocaust. Im November sorgte ein entsprechender Fall für Empörung. Ein elfjähriges Mädchen trat im Rahmen eines „Querdenken“-Protests in Karlsruhe auf und las eine Rede vor: „Wir mussten die ganze Zeit leise sein, weil wir sonst vielleicht von unseren Nachbarn verpetzt worden wären. Ich fühlte mich wie bei Anne Frank im Hinterhaus, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden“, hieß es unter anderem.

Jugendliche und antisemitische Verschwörungstheorien für „Querdenker“ im Einsatz

Der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung von Baden-Württemberg, Michael Blume, sagte gegenüber der „dpa“, dass Kinder zunehmend „in offensive Rollen und zum Mitmachen gedrängt werden“. Der „Spiegel“ vergleicht die heutigen Verschwörungstheorien der Corona-skeptischen „Querdenker“ mit Schriften und Erzählungen aus dem Mittelalter. Bereits damals hätten Kinder eine wichtige Rolle in antisemitischen Schriften eingenommen. Auch die QAnon-Theorie belebe diese Ideen heute wieder. Blume wundert es auch nicht, dass christliche Fundamentalist:innen das Ruder der Bewegung übernehmen. In Verschwörungsbewegungen würden nur Gruppen aktiv bleiben, die auch zuvor über ein eigenes Netzwerk verfügten. Im Fall der „Querdenker“, so Blume in einer Episode seines Podcasts, seien dies vor allem Rechtsextreme und Fundamentalist:innen aus Freikirchen.

Eine christliche „Querdenkerin“ protestiert in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen.

Die Allianz der „Querdenker“ mit den Extremen sieht Michael Blume als Indiz für einen Zerfall der Bewegung an, für die Eckert als das neue Aushängeschild dient. Zudem warnt der Experte vor der Chatgruppe der „Samuel Eckert Youngsters“. „Ich will mir nicht vorstellen, was mit jungen Menschen passiert, wenn sie fünf, sechs Jahre lang in solchen Verschwörungsgruppen unterwegs waren.“

„Querdenken“: Freikirchler nutzt Kinder und Jugendliche zum Protest gegen Corona-Politik

Dass die „Querdenker“ Kinder und Jugendliche während der Corona-Pandemie nicht nur online mit Verschwörungstheorien bedrängen, zeigte sich beispielsweise im Oktober in Darmstadt. Dort hatten sich mehrere Hundert Menschen vor einer Schule versammelt, um gegen die Maskenpflicht zu demonstrieren. Geplant war unter anderem, dass ein Umweltgutachter den CO2-Gehalt der Atemluft hinter der Maske messen sollte. Die Schulleitung lehnte dies allerdings ab und verweigerte den Zugang auf das Gelände. Schwindelanfälle oder Kopfschmerzen von Schüler:innen durch Masken seien ihm nicht bekannt.

Wie der „Spiegel“ berichtet, sehen sich viele Freikirchen, insbesondere im Südwesten der Bundesrepublik, dazu gezwungen, sich ausdrücklich von Verschwörungstheorien zu distanzieren. „Friedliche Gemeinden“ hätten es im Internet schwer, gegen Persönlichkeiten wie Samuel Eckert zu bestehen. Ihrer medialen Aufmerksamkeit renne man „immer nur hinterher“, wie der politische Beauftragte der Evangelischen Allianz in Berlin, Uwe Heimowski, meint. Eckert sei „für die öffentliche Wahrnehmung ein Super-GAU“. Die Adventisten, denen der Verschwörungstheoretiker angehört, habe er bislang als „weltoffen und sehr sozial“ erlebt. Der Aufstieg Eckerts sei daher ein Rückschlag.

Für den 19. Dezember ist eine Demonstration in Weil am Rhein an der Grenze zu Frankreich und der Schweiz geplant. Die „Querdenker“ rufen dabei zum „Schutz der Grund- und Menschenrechte“ auf. Ganz besonders freue man sich auf Beiträge von „Kindern, Schülern, Studenten und den Samuel Eckert Youngsters“. (Von Lukas Rogalla)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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