Aus der Perspektive von Astronauten werden die Details plötzlich nichtig und klein. Höchste Zeit, das Digitale analog auf den Kopf zu stellen.
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Aus der Perspektive von Astronauten werden die Details plötzlich nichtig und klein. Höchste Zeit, das Digitale analog auf den Kopf zu stellen.

Die Welt nach Corona

Corona zeigt unsere Abhängigkeit von Technik: Höchste Zeit, eine digitale Ethik dagegenzusetzen

  • Thomas Kaspar
    vonThomas Kaspar
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Corona zeigt, wie abhängig wir von Technik sind und wie große Konzerne unser Handeln bestimmen. Höchste Zeit, eine digitale Ethik dagegenzusetzen.

  • Die Corona-Pandemie führt uns unsere Abhängigkeit von Technik und großen Konzernen vor Augen
  • Ein Fall aus Bühl zeigt, wie man eine digitale Ethik dagegensetzen kann
  • Der nächste Teil von „Die Welt nach Corona“

Frankfurt - Palim! Palim!“ – Mitten in der Corona-Krise klingt das etwas andere Angebot für den Austausch via Internet ausgerechnet wie ein alter Scherz von Dieter Hallervorden. Entwickelt hat es ein 31-jähriger IT-Beauftragter einer kleinen Gemeinde am südwestlichen Zipfel Deutschlands. Eduard Itrich ist Angestellter der Gemeinde Bühl und hat eine Lösung für seine Gemeinde entwickelt. Für 80 Euro im Monat hat er Server gemietet, darauf eine Open-Source-Software installiert und ihr eine so bedienerfreundliche Umgebung verpasst, dass damit Chorproben, Feuerwehrschulungen und Tischtennistreffen abgehalten wurden, Enkel ihre Omas und Opas angerufen haben und irgendwie alles, was die knapp 30 000 Einwohner zählende Gemeinde in Baden-Württemberg abhalten will, möglich wurde.

Corona zeigt Abhängigkeit von Technik: Ein Dorf zeigt, wie es gehen kann

„Palim! Palim“ ist am Gemeinwohl orientiert, dezentral und streng an humanen Werten orientiert. Die Software ist damit das Gegenteil unserer jetzigen IT-Angebote. Denn wie uns die Corona-Krise in einer nie so offensichtlichen, für jeden spürbaren Weise vor Augen geführt hat, ist die digitale Welt der Inbegriff des offenen Marktes, der nahezu beliebige Kapitalmengen in Oligopolen konzentriert.

Das kleine gallische IT-Dorf Bühl hat aber auch bewiesen, dass es ganz anders geht. Den Unterschied macht einzig das wertebasierte Handeln des Entscheiders. „Wir verwalten öffentliche Gelder, die wollten wir nicht in Hände geben, von denen die Gemeinschaft nichts hat“, sagt der Informatiker Itrich. Hinter diesem Einzelfall steckt der Keim für eine digitale Ethik, und damit für die Chance, die Welt nach Corona insgesamt anders zu gestalten. Kern dieser digitalen Ethik sind Gemeinwohlorientierung, Dezentralität und eine ethische Produktentwicklung.

Corona als Brennglas, Digitalisierung als Brandbeschleuniger

Wenn Corona das Brennglas ist, dann ist die Digitalisierung der Brandbeschleuniger, der alles in Flammen aufgehen lässt, was bislang versäumt wurde. Corona zeigt auch: Wenn wir nicht gestalten, werden wir fremdbestimmt, weil wir nichts Eigenes entwickelt haben.

Am deutlichsten wird dies am Beispiel Buchhandel. Lesen feiert eine Wiederkehr. Lange Texte, wer hätte das gedacht, haben auch in der Zeit der aufmerksamkeitszerstückelten Smartphone-Schnipsel ihren Platz. Doch Corona verschärft die globalisierte Konzentration von Kapital auf brutale Weise. Wirtschaftswissenschaftler analysieren das als eine Kombination von niedrigen Grenzkosten, systemischen Netzwerkeffekten und beliebigem privaten Risikokapital ohne politische Monopolsteuerung – das Ergebnis ist eine immense Machtkonzentration.

Corona: Abhängig von Technik und Konzernen - das Beispiel Amazon

Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, hat das früh erkannt. Wie ein riesiger Firmen-Staubsauger hat er alle lokalen Buchhändler aufgekauft, die sich im Internet versucht haben. Er hatte enorme Kapitalgeber im Hintergrund – und nur ein Ziel: Möglichst viele Kunden unter einem Datenmodell zu vereinen. Es spielt bis heute kaum eine Rolle, Gewinn zu machen, denn die Investoren interessiert nur eines: je mehr Kunden, desto größer die Einkaufsmacht; je größer die Versuchung für kleine Händler, sich dem Marktplatz anzuschließen, desto niedriger die Schwelle der Kunden, beim nächsten Mal wieder hier zu kaufen. Die Folge: Während Buchläden ums Überleben und die Weitergabe der Mehrwertsteuer kämpfen, stellt Amazon weltweit 100 000 Beschäftigte ein – viele in prekären Verhältnissen ohne rechtliche Absicherung.

Thomas Kaspar ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Als 14-Jähriger hat er erstmals seinen Commodore per Telefon mit anderen Computern verbunden. Seitdem war er selten offline.

Gäbe es keine Buchpreisbindung, könnte Jeff Bezos seine Bücher auch verschenken, um noch mehr Kunden zu versammeln. Philipp Staab hat das in seinem Buch „Digitaler Kapitalismus“ treffend zusammengefasst: „Klassische Monopolunternehmen agieren auf Märkten, die Leitunternehmen des digitalen Kapitalismus hingegen sind Märkte.“

Entstanden ist das, was man Plattformindustrie nennt: Aggregation von möglichst vielen Kunden in einem eigenen proprietären Markt. Ob beim Buch oder der Ferienwohnung, das Prinzip ist immer das gleiche: Private Vermieter organisieren sich bei „AirBnB“, die keine lokale Steuern zahlen, die Tourismusvorschriften der Gemeinde nicht kennen und fernab von lokalen Gemeinschaftsbedürfnissen ihren Moloch aufblasen. Die kritische Masse an Kunden für ein digitales Schwarzes Loch ist in vielen Dienstleistungsbereichen längst erreicht – aber die Masse an Kunden ist nicht kritisch, sondern bequem.

Zoom zeigt Hilflosigkeit der europäischen Digitalwirtschaft

Das funktioniert – wie Corona zeigt – bei Shops, Vermietungen, Lieferdiensten und jedem digitalisierbaren Service – also überall da, wo die Anfangsinvestitionen so hoch sind, dass der einzelne ethisch handelnde Mittelständler irgendwann nicht mehr mithalten kann und nur noch aufgeben oder sich in das System ergeben kann.

Es ist zu einfach, hier die Verantwortung nur in die Hände der Kundinnen und Kunden zu geben. Denn der Kern der Plattformindustrie ist eben, dass mit wachsender Größe auch die Komfortfunktionen immer weiter ausgebaut werden. Irgendwann sind das technische Wissen und die Funktionen des Marktführers so umfassend, dass der Kunde verständlicherweise hier bucht.

Während der Corona-Krise hat Angela Merkel in ihrer vielbeachteten ersten Rede davon gesprochen, dass Angehörige „zoomen“ können, also per Video-Chat miteinander in Verbindung bleiben können. Dieses Wort zeigt die komplette Hilflosigkeit der europäischen Digitalwirtschaft und der sie kontrollierenden Politik. In der Krise blieb Unternehmen, Schulen und Privatmenschen nichts anderes übrig, als auf die Angebote der Plattformoligopole zurückzugreifen.

Abhängig in Zeiten von Corona - und darüber hinaus: Doch was tun?

Es ist höchste Zeit, dem etwas entgegenzusetzen. „Palim“-Erfinder Itrich hat große Vorkenntnisse und so eine separate Lösung für seine lokalen Bedürfnisse entwickelt. Er hat damit auch gezeigt, dass es keiner riesigen Märkte für Austausch bedarf: Lokale Gemeinschaften sind sich selbst genug, sie brauchen nur das zuverlässige, vertrauensvolle Werkzeug, um das zu tun, was sie möchten. Das Digitale rückt an den richtigen Platz. Es bietet nicht aufgeplusterten Mehrwert, sondern fördert den Eigenwert des Menschlichen.

Die Welt nach Corona

Zur Serie: Mitten in der Krise über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.
Sehr unterschiedliche Aspekte soll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlenden Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zu einer grundlegenden Neugestaltung der Wirtschaftsordnung.
Viele Gastautorinnen und -autoren haben zu der Serie beigetragen, darunter der Glücksforscher Horst Opaschowski, die Umweltökonomin Claudia Kemfert, der Autor Paul Mason und der Soziologe Stephan Lessenich. Die nächste Folge erscheint am Mittwoch. Alle bisherigen Beiträge stehen online unter fr.de/welt-nach-corona.

Es muss also viel einfacher, mit europäischen Wertvorstellungen vereinbar und vor allem transparent rechtlich kontrollierbar sein, solche Lösungen einzusetzen. Digitale Infrastruktur muss Gemeinwohl sein. Nutzerinnen und Nutzer müssen zumindest eine Alternative haben, wenn sie freie Angebote nutzen wollen, falls die Zerschlagung der Tech-Giganten nicht gelingt. Die europäische Initiative GaiaX ist hier ein wichtiger Schritt.

Eine europäische Charta der digitalen Menschenrechte als Lösung?

Pointe am Rande: Gaia war auch der Name einer Mailbox in Tübingen, und zwar zu einer Zeit, als das Internet noch aus Homecomputern bestand, die per Telefon mit Akustikkopplern verbunden waren. Bürgerinitiativen und NGOs wie Greenpeace organisierten in den 80er Jahren darüber ihre Aktionen. Es war der Traum der ersten Nerds, mit Hilfe der neuen Technik aktive, mündige Menschen zusammenzusammenzubringen und eine bessere Welt zu schaffen. Wir sind inzwischen leider ernüchtert aufgewacht.

GaiaX hat mit der Vorgängerin nichts zu tun, aber der Geist geht in eine ähnliche Richtung. Die deutsch-französische Initiative für eine sichere und vernetze Dateninfrastruktur, die europäische Souveränität sichert, ist genau richtig. Es ist entscheidend, dass diese nicht nur wirtschaftlichem Wachstum, sondern auch dem Gemeinwohl verpflichtet ist.

Die Aufholbewegung Europas im digitalen Markt wird Zeit brauchen. Von entscheidender Bedeutung ist, dass dies nicht nur einen Gegenmarktplatz braucht. Wir dürfen nicht wieder Wohlstand mit Wohlergehen verwechseln. Von Anfang an müssen wir nicht nur die Technik diskutieren, sondern auch die Werte, mit der wir diese einsetzen. Wir brauchen eine europäische Charta der digitalen Menschenrechte, der diese europäische Entwicklung verpflichtet ist.

Corona und die Abhängigkeit von Technik: „Palim“ sollte zum Regelfall werden

Und wir müssen Modellprojekte fördern und kommunizieren, damit „Palim“ nicht der Einzelfall, sondern der Regelfall wird. Die europäische Emanzipation bietet die Chance, die aufgeklärte Gutenberg-Gesellschaft mit den Möglichkeiten des Digitalen zu versöhnen.

Wir brauchen Digitalministerien, die die besten und kreativsten Köpfe kennen und anlocken. Die nicht nur Infrastrukturmaßnahmen aufbauen, sondern eine humane digitale Welt. Warum übertragen wir nicht gelernte Kulturtechniken auf die digitale Wiederauferstehung? Wo ist der deutsche und der hessische Digitalpreis, der aufmüpfigen, gemeinsinnstiftenden Projekten Förderung und Bühne bietet?

Die Basis einer übergreifend funktionierenden, digitalen europäischen Plattform muss systematisch heruntergebrochen werden auf die Vielfalt der deutschen föderalen Welt. Das Beispiel Schule zeigt während der Corona-Krise die Hilflosigkeit, die durch diese Vision behoben werden kann. Wenn sich eine Lehrerin keine Gedanken mehr machen muss, auf welcher Schulplattform sie unterrichtet und lehrt, kann sie sich umso hingebungsvoller um die Förderung der Kreativität kümmern.

Wichtige Plattformen müssen öffentliche Güter sein

In zehn Jahren haben dann vielleicht die Lehramtsstudierenden Kurse zur digitalen Didaktik zusammen mit einer Einführung in die einheitliche Plattform schon an der Universität gelernt und können ihre Materialen austauschen und auch bei einem Schulwechsel wiederverwenden. Ein Paradebeispiel dafür, dass wichtige Plattformen öffentliche Güter sein müssen.

Das digitale unterscheidet sich vom analogen Leben dadurch, dass es die Welt in Nullen und Einsen modelliert. Eine zwingende Konsequenz daraus ist, dass alles Digitale zählbar ist. Das durchdringt alle Lebensbereiche, auch das Unzählbare wie Leidenschaft – „alle elf Minuten verliebt sich ein Mensch bei uns“, wirbt eine Plattform. Jedes noch so irrationale Gefühl wird zerlegt in zählbare Ziele.

Die Welt nach Corona.

Abhängig in Zeiten von Corona: Wirtschaftsunternehmen definieren die Ziele

Derzeit werden diese Ziele ausschließlich von Wirtschaftsunternehmen definiert. Eine der Perversionen der Digitalwirtschaft ist, dass Psychologen ein neues Berufsbild entwickelt haben. Ihre Aufgabe: keine Ablenkung, bequem gelenkt ans Ziel. Sie wollen Menschen nicht mehr heilen, sondern das Wissen um die Psyche nutzen, um Profit zu erhöhen. „Bist du nicht der Kunde, bist du die Ware“ lautet einer der Grundsätze der Plattformindustrie. Wer nicht bestellt, kann immer noch als Datensatz verwertet werden.

Auch hier ist es höchste Zeit, die Ethik zurück in die Wertschöpfungskette digitaler Prozesse zu bringen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Sarah Spiekermann hat dies „ethics by design“ genannt. In „Digitale Ethik“ stellt sie drei entscheidende Fragen, die bereits bei der Konzeption von digitalen Produkten bedacht werden sollten. Wie wirkt sich die Technik auf den Charakter der Betroffenen aus? Welche menschlichen, sozialen, ökonomischen Werte sind dadurch tangiert? Und welche ethischen Maximen sind betroffen, die so wichtig sind, dass sie bewahrt werden sollten? Vielleicht sollten wir endlich lernen, diese Fragen zu beantworten, bevor wir mit der Programmierung beginnen.

Das Ergebnis ist frappierend. Vielleicht wollen wir gar nicht möglichst usabilityorientiert schnell ans Ziel gelangen. Vielleicht wollen wir nicht personalisiert nur das sehen, was uns zu interessieren scheint. Vielleicht ist die Störung des Ablaufs genau der Impuls, der uns innehalten und Mensch werden lässt.

Corona hat uns gezeigt, dass wir derzeit einer zentralen digitalen Kapitalismuswirtschaft ausgeliefert sind. Das Digitale ist grenzenlos, überall vorhanden und derzeit kaum kontrolliert. Das Analoge wird aber nicht zurückkehren. Es ist höchste Zeit, dass wir Digitalisierung nicht mehr als Wirtschaftsfaktor begreifen, sondern vereinen mit dem politischen, rechtlichen, aber auch religiösen und künstlerischen Diskurs. Es ist Zeit, dass wir die Kontrolle zurückgewinnen und eine digitale Ethik durchsetzen.

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