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Corona in den USA: Pandemie-Daten wurden von Behörde zurückgehalten

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Von: Karolin Schäfer

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Zahlreiche Menschen warten vor einem Corona-Testzentrum. Eine Gesundheitsbehörde soll Daten zur Pandemie verheimlicht haben.
Zahlreiche Menschen warten vor einem Corona-Testzentrum. Eine Gesundheitsbehörde soll Daten zur Pandemie verheimlicht haben. © CHIP SOMODEVILLA/afp

Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC steht zunehmend in der Kritik. Sie soll Corona-Daten, etwa über Auffrischungsimpfungen, zurückgehalten haben.

Druid Hills – Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) sammeln seit mehr als einem Jahr Daten zu Krankenhauseinweisungen bezüglich Covid-19 in den USA. Diese werden dann nach Alter, Ethnie und Impfstatus aufgeschlüsselt. Unter anderem beschäftigt sich die Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums mit Infektionskrankheiten, Gesundheitsförderung sowie gesundheitlicher Aufklärung und gleicht damit in etwa dem Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland.

Nun steht die Gesundheitsbehörde in den USA in der Kritik. Sie soll viele der gesammelten Corona-Informationen zurückgehalten haben.

Corona-Pandemie: Impf-Daten über große Bevölkerungsgruppe in den USA fehlt

Wie die New York Times berichtete, habe die CDC vor rund zwei Wochen erste signifikante Daten zur Wirksamkeit bei Booster-Impfungen veröffentlicht. Bekannt gegeben wurden allerdings lediglich die Ergebnisse für Erwachsene unter 65 Jahren. Die Daten der Bevölkerungsgruppe der 18 bis 49-Jährigen wurden ausgelassen.

In Deutschland wurde inzwischen die vierte Corona-Impfung von der Ständigen Impfkommission (Stiko) für besonders gefährdete Gruppen empfohlen. Nach Franz-Xaver Reichl, Beauftragter für die biologische Sicherheit von Bakterien und Viren an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), sei die zweite Auffrischungsimpfung vor allem für ältere Menschen und Risikopatienten wichtig. „Bei Jüngeren schaut‘s ganz anders aus. (...) Die Jüngeren haben viel länger einen Antikörper-Schutz“, so Reichl im Interview mit der Ippen-Zentralredaktion. Dem Professor zufolge sei eine vierte Dosis für Menschen zwischen 18 und 50 Jahren also noch nicht notwendig.

Die entsprechende Datengrundlage für diese Altersgruppen fehlt in den USA. So mussten sich der New York Times zufolge externe Experten auf die Daten in Israel verlassen, um Empfehlungen zu der Auffrischungsimpfung abzugeben.

Centers for Disease Control and Prevention (CDC)
Gründung1992
SitzDruid Hills, Georgia (USA)
LeitungRochelle Walensky

CDC in den USA: Corona-Daten aus Angst vor Fehlinterpretation zurückgehalten

Doch nicht nur diese Daten sollen offenbar zurückgehalten worden sein, wie Recherchen der New York Times ergaben. Die CDC hat vor Kurzem auf ihrer Website ein Dashboard mit Abwasserdaten bereitgestellt, das einen Überblick über die Coronavirus-Belastung in den USA gibt. Damit sollen Prognose über eine bevorstehende Infektionswelle möglich sein. Abwasserinformationen, die einige Bundesstaaten und Gemeinden der CDC seit Pandemie-Beginn übermittelt hatten, wurden mit Verzögerung veröffentlicht, berichtete The Daily Beast.

Dabei könnten viele der zurückgehaltenen Informationen staatlichen und lokalen Gesundheitsbehörden im Kampf zur Eindämmung der Pandemie helfen, etwa um stark gefährdete Bevölkerungsgruppen zu identifizieren. Kristen Nordlund, Sprecherin der CDC, äußerte sich zu der langsamen Freigabe der Daten gegenüber der New York Times. Zunächst müsse sichergestellt werden, dass die Daten „genau und verwertbar sind“. Auch die Angst, dass die Daten falsch interpretiert werden könnten, habe eine Rolle gespielt, so Nordlund.

Zudem könnten bürokratische Hürden ebenfalls für die fehlenden Daten sprechen. „Die Schritte, die nötig sind, um so etwas freizugeben, liegen oft außerhalb der Kontrolle vieler Wissenschaftler, die am C.D.C. arbeiten“, wird Samuel Scarpino, Leiter für die Überwachung von Krankheitserregern am Institut für Pandemie-Prävention der Rockefeller-Stiftung, in der New York Times zitiert.

Corona-Pandemie in den USA: Datensysteme sind veraltet

Daniel Jernigan, stellvertretender Direktor der Behörde für Public Health Science and Surveillance bei CDC, erklärte gegenüber der Zeitung, dass die Corona-Pandemie aufgedeckt habe, dass die Systeme der CDC veraltet und nicht geeignet seien, große Datenmengen zu verarbeiten. „Wir wollen bessere, schnellere Daten, die zur Entscheidungsfindung und zu Maßnahmen auf allen Ebenen des Gesundheitswesens führen und uns dabei helfen können, den Rückstand bei den Daten zu beseitigen, der uns bisher behindert hat“, so Jernigan mit Blick auf das Vorhaben, die Systeme zu modernisieren.

Im vergangenen Jahr geriet die Gesundheitsbehörde immer wieder in Kritik, weil sie sogenannte Impfdurchbrüche nicht erfasste. Stattdessen soll sich die CDC nur auf Personen fokussiert haben, die im Zusammenhang mit Covid-19 hospitalisiert wurden oder starben.

Corona in den USA: Expertin kritisiert Gesundheitsbehörde

„Wir haben zwei Jahre lang um diese Art von detaillierten Daten gebettelt“, zitierte die New York Times die Epidemiologin Jessica Malaty Rivera. „Eine detaillierte Analyse schafft öffentliches Vertrauen und zeichnet ein viel klareres Bild von dem, was tatsächlich vor sich geht.“ Die Besorgnis über mögliche Fehlinterpretation seien als Grund nicht akzeptabel für ein Zurückhalten der Informationen. „Es besteht ein viel größeres Risiko, dass wir die Daten falsch interpretieren, wenn wir Datenlücken haben, als die Daten mit angemessener Wissenschaftlichkeit, Kommunikation und Vorbehalten weiterzugeben“, erklärte Rivera weiter.

Auch Paul Offit, Impfstoffexperte und Berater der Food and Drug Administration (FDA), forderte laut New York Times eine Freigabe der fehlenden Daten. „Ich muss daran glauben, dass es einen Weg gibt, diese Dinge so zu erklären, dass die Menschen sie verstehen können.“ Um das Tempo der Datenübermittlung zu beschleunigen und die Systeme zu modernisieren, hat die CDC inzwischen mehr als eine Milliarde US-Dollar erhalten. „Wir arbeiten daran“, sagte Sprecherin Kristen Nordlund.

Derweil prüft die FDA, ob es für US-amerikanische Bürger:innen eine vierte Corona-Impfung geben soll. Das könnte der Beginn jährlicher Auffrischungen sein. (kas)

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