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Menschenleere Innenstadt in Ausgangssperre
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Menschenleere Innenstädte könnten in der Nacht bei Inkrafttreten der Corona-Ausgangssperre zum alltäglichen Bild werden.

Diskussion

Corona-Notbremse und Ausgangssperren: „Wirksam wäre ein Verbot privater Besuche“

  • vonSebastian Richter
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Sie werden immer weiter diskutiert: nächtliche Ausgangssperren. Die Meinungen über die Wirksamkeit von Corona-Ausgangsbeschränkungen gehen allerdings weit auseinander.

Berlin – Wenn neue Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie diskutiert werden, dann kommt irgendwann immer das Thema Ausgangssperre auf. Es gibt sowohl Kritiker:innen als auch leidenschaftliche Befürworter:innen der Ausgangsbeschränkungen. Doch wie gut ist diese Maßnahme für den Kampf gegen das Virus geeignet?

Diskussion über Corona-Ausgangssperre: Datenlage diffus

Mit den geplanten Änderungen im Infektionsschutzgesetz sollen in bestimmten Regionen mit besonders starkem Infektionsgeschehen Ausgangssperren greifen. Ab einer Inzidenz von 100 dürfen Personen zwischen 22 und 5 Uhr ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. In manchen Bundesländern gelten bereits solche Regeln. Die Sinnhaftigkeit der nächtlichen Ausgangssperre wird aber immer wieder infrage gestellt. Warum sollte man nachts keinen Spaziergang alleine mehr machen können? Wen soll man dabei anstecken?

Die Datenlage über die Effizienz der Ausgangssperre ist unklar. Allerdings hat sich in anderen Ländern durchaus gezeigt: Nach Einführung einer nächtlichen Ausgangssperre sanken die Corona-Neuinfektionen. Klingt erstmal vielversprechend – allerdings gingen mit den Ausgangssperren umfangreiche andere Maßnahmen einher. In der Regel flankierten Schulschließungen und strengere Kontaktbeschränkungen die Ausgangssperren.

Wirkung der Ausgangssperre: Schwer von anderen Corona-Maßnahmen zu trennen

An der Universität Oxford hat ein Forschungsteam sich nun der Frage der Wirksamkeit von Ausgangssperren gewidmet. Das Ergebnis: Ausgangssperren können die Verbreitung von Corona um etwa 13 Prozent reduzieren. Aber auch die Forschenden schreiben von dem Problem, die Effekte der einzelnen Maßnahmen voneinander zu trennen.

Im Freien ist das Risiko einer Ansteckung mit Corona verglichen mit Innenräumen deutlich geringer – das ist seit Monaten bekannt. „Im Freien finden so gut wie keine Infektionen durch Aerosolpartikel statt“, heißt es von der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF). Dort wird die Diskussion über Ausgangssperren als „irreführende Kommunikation“ bezeichnet.

Nächtliche Ausgangssperre gegen Corona: Warum kein Mitternachtsspaziergang mehr?

Eine Frage löst besonders Kritik an den Ausgangssperren aus. Ein abendlicher Spaziergang ohne Begleitung kann faktisch auch zu keiner Ansteckung führen. Diese zu unterbinden – das ist gar nicht das Ziel der Ausgangssperren. Nächtliche Spaziergänge sind unproblematisch, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vergangenen Donnerstag betonte. „Es geht ja nicht darum, ob jemand alleine abends um zehn unterwegs ist“, sagte er vergangenen Donnerstag. Am Montag hat sich deswegen die Regierungskoalition aus SPD und Union darauf geeinigt, dass Joggen und Spaziergänge bis Mitternacht erlaubt sind. Die Notbremse wurde entsprechend modifiziert.

Stattdessen soll die Ausgangssperre private Treffen in Innenräumen unterbinden – und damit an Orten, in denen das Ansteckungsrisiko erhöht ist. „Von wo nach wo sind wir unterwegs?“, fragt Spahn. Für ihn sind Ausgangssperren ein Mittel, um grundsätzlich Begegnungen zu erschweren. Auch Mobilitätsforscher Kai Nagel von der technischen Universität Berlin stimmt dem zu. „Nächtliche Ausgangsbeschränkungen zielen auf die privaten Besuche.“ Durch die Ausgangssperren solle nicht der Eindruck entstehen, die Leute sollen ihre Treffen nach drinnen verlegen. Das sei „wirklich die falsche Richtung“, erklärte Nagel in einer Bundestagsanhörung am Freitag. Wissenschaftlich sei es nicht zu verteidigen, wenn Gruppen ihre Treffen aus dem öffentlichen Raum in beispielsweise Parks wegen der Ausgangssperre in Innenräume verlegen müssten.

Statt Ausgangssperre: Verbot privater Besuche

„Sehr gut wirksam wäre ein (fast) vollständiges Verbot privater Besuche“, so Nagel und sein Team in ihrer jüngsten Studie zur Mobilität. Dabei beziehen sie sich auf Erfahrungen aus Großbritannien. Dort wurde der Aufenthalt im öffentlichen Raum grundsätzlich verboten, wenn das Ziel ein Privatbesuch war – und das rund um die Uhr. In der Modellierung habe das einen viel höheren Einfluss auf die Pandemie gehabt als die geplanten nächtlichen Ausgangssperren in Deutschland. In den Zahlen macht sich der Unterschied deutlich bemerkbar: Während der R-Wert nach dem britischen Modell um 0,5 Punkte sinken würde, mache das deutsche Modell der nächtlichen Ausgangsbeschränkungen nur einen Unterschied von 0,1 Punkten aus.

Corona-Ausgangssperre: Mobilität nachts ohnehin nur gering

Zudem ist nachts sowieso wenig auf den Straßen los, wie die Humboldt-Universität Berlin und das Robert-Koch-Institut gezeigt haben. Gerade einmal 7,4 Prozent der deutschlandweiten Mobilität fiel in den ersten drei Märzwochen in den Zeitraum zwischen 22 und 5 Uhr.  Welchen Anteil dabei Wege zu Privattreffen haben, ist aus den Daten nicht ersichtlich. Der Effekt der Ausgangssperren dürfte aber womöglich überschaubar sein.

Die Wirkung der strengeren Beschränkungen zeigen auch die Ergebnisse der Studie aus Oxford. Wenn Treffen generell eingeschränkt werden würden, könnte dies das Infektionsgeschehen um 26 Prozent verringern. Demnach wäre es doppelt so effizient wie nächtliche Ausgangssperren, die nur eine Effizienz von 13 Prozent habe.

Werkzeug der Sperren könnte stumpf werden

Außerdem könnten sich die Treffen einfach zeitlich verschieben und die Menschen am Mittag oder Abend zusammenkommen, wie die Forschenden der TU Berlin bereits Mitte März befürchteten. Das Werkzeug der nächtlichen Sperren könne „relativ schnell stumpf werden.“ (Sebastian Richter)

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