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Ob zu Fuß, auf dem Rad oder dem Skateboard: Im Stadtteil Ocean Beach spielt sich das Leben am Strand ab.

San Diego

Coole Surfer, kaltes Bier

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San Diego wandelt sich zum Hotspot für junge Trendsetter. Das hat viel mit dem lässigen Lebensstil in Kaliforniens südlichster Metropole zu tun - und dem Boom an Brauereien.

Mal schnell ein paar Bierchen kippen. Das wird dem „Stone“ nicht gerecht. Denn der Laden im kalifornischen San Diego ist nicht irgendeine Kneipe oder ein Restaurant. Er ist eine Festung. Eine Kathedrale. Ein Tempel. Für Bier und Bierseligkeit. Und der will gewürdigt werden. Mehr als 830 Sitzplätze auf 2200 Quadratmetern hat die Stone Brewing Company, dazu kommt ein Garten mit Koi-Teich, Boccia-Platz und Freiluftkino.

Nichts erinnert hier an ein bayerisches Brauhaus. Alles wirkt ein bisschen moderner und extrem gut organisiert. In dem ehemaligen Speisesaal der U. S. Navy baumeln in schwindelerregender Höhe eiserne Kronleuchter. Die Gäste sitzen an riesigen Holztafeln neben Stein- und Glaswänden, durch die man die silberglänzenden Bieranlagen sehen kann. Ein kleiner Bach fließt durch den Raum, an manchen Stellen sogar durch die Tische. Serviert wird Biokost. Der Kellner hört gar nicht mehr auf, von Bier zu schwärmen, während er es serviert. Doch bei dem Trubel ist er kaum zu verstehen.

„Wer hier ein Beer Tasting macht, nimmt sich Zeit“, sagte er – die braucht man allein schon, um die Bierkarte durchzuarbeiten. 40 verschiedene Sorten stehen zur Auswahl. Manch einer heiratet sogar im Stone, der zehntgrößten Brauerei der USA und der größten in Kalifornien.

Vor vier Jahren haben Steve Wagner und Greg Koch diesen pompösen Biertempel im Stadtteil Point Loma eröffnet. Genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn die Bierbranche boomt in Kaliforniens südlichster Metropole. San Diego gilt als die Brauereihauptstadt der USA. Mehr als 130 Brauereien und Mikrobrauereien gibt es derzeit im Stadtgebiet, weitere sind in Planung. Viele experimentieren mit unterschiedlichen Craft-Bieren. Am beliebtesten sind jedoch die starken, hopfenlastigen und hochalkoholischen Sorten wie India Pale Ale (IPA) und das noch stärkere Double IPA. Der Kellner im Stone empfiehlt ein „Helga“. Schmeckt gar nicht so schlecht ...

Bier ist an der sonnenverwöhnten Westküste schon lange beliebt. Trotzdem dachte man bei Kalifornien bislang wohl eher an Wein. Das wird sich ändern. Seit etwa fünf Jahren sprießen kleine Brauereien wie Pilze aus dem Boden. 100 neue haben seit 2012 eröffnet. Und sie laufen gut. Vielleicht liegt das daran, dass San Diego gerade sexy wird. Neben den anderen Metropolen der Westküste galt die mehr als 1,3 Millionen Einwohner große Stadt an der Grenze zu Mexiko lange als etwas verschlafen. Der Tourismus konzentrierte sich auf Familien und Golfer. San Francisco hat die Hightech-Szene, Los Angeles die Filmindustrie. Und San Diego? Sonne, Strand und Meer, aber ansonsten nur Militär. Die Navy Seals besetzen mit ihren Schiffen und Trainingscentern immer noch einen beachtlichen Teil der Küste. Doch sie sind nicht mehr die alleinigen Herrscher über die Stadt. Junge Trendsetter haben sie für sich entdeckt und mit ihnen verändert sich das Stadtbild.

„Wir sind eine sehr junge Stadt mit vielen Millennials“, sagt Joe Timko vom Tourismusbüro in San Diego. Für sie sei San Diego der ideale Ort zum Leben und Arbeiten. Günstiger als die anderen kalifornischen Metropolen und mit einem großen Angebot an Freizeitaktivitäten: Surfen, Wandern, Ausgehen. Da passe auch Bier ziemlich gut zum unbeschwerten Lebensgefühl. „Bier liegt einfach mehr im Einklang mit unserem jugendlichen Lifestyle als Wein“, sagt Joe Timko. „Es ist lässig, ungezwungen und erschwinglich. Das mögen die Leute hier.“

Was die Innenstadt ausmacht, ist alles nicht älter als 15 Jahre: Glänzende Wohntürme und Hotels in Downtown, Apartmentblocks in den Stadtvierteln, ein Sportstadion und ein Kongresszentrum am Hafen. Alles wirkt außerordentlich sauber und aufgeräumt. Mit der Stadtentwicklung kamen auch die Brauereien. Northpark zum Beispiel war vor einigen Jahren noch nicht sonderlich beliebt, heute ist es eines der angesagtesten Viertel – und Mikrobrauereien gibt es an fast jeder Ecke.

„Im Vergleich zu anderen Großstädten in den USA ist es in San Diego leichter, ein Restaurant oder ein anderes kleines Unternehmen zu eröffnen“, sagt Joe Timko. „Hier ist es nicht so teuer wie in Los Angeles, San Francisco, New York City oder Chicago, und die Konkurrenz ist kleiner.“ Außerdem sei die Bereitschaft anderen zu helfen größer. Viele Besitzer kleinerer Brauereien hätten früher bei einer der großen Produzenten, Stone oder Karl Strauss, gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. Die Stadt und die San Diego Brewers Guild unterstützten zudem junge Firmengründer und vernetzten sie. „Die Leute in San Diego arbeiten gerne mit anderen zusammen, wir haben eine sehr offene und freundliche Kultur, insgesamt ist der Spirit sehr kreativ.“

Typisch Kalifornien eben. Lukas Volk hält San Diego sogar für die lässigste Stadt der USA. „Das milde Klima, die Strände und die liberale Einstellung haben eine Gemeinschaft geformt, die weiß, wie man sich entspannt.“ Volk arbeitet für die Hillcrest Brewing Company, die sich als „erste schwule Brauerei der Welt“ bezeichnet. Dort ist man stolz darauf, eines der besten Biere San Diegos zu produzieren. „Ich glaube, die große Vielfalt an Bieren und neuen Kreationen hat den Geschmack der Leute hier beeinflusst“, sagt Volk. „Viele, die normalerweise kein Bier trinken, probieren es hier aus und kommen so auf den Geschmack.“ Kein Wunder, dass Biertouren wie der Brew Hop immer voll sind. Die Veranstalter fahren kleine Gruppen zu den coolsten Brauereien und erzählen unterwegs noch lustige Anekdoten zur Bierstadt San Diego. Angelika und Reinaldo Perez haben es ausprobiert. „Ich hätte nie gedacht, dass mir Bier schmecken würde“, sagt Angelika (30), die gerade erst von L. A. nach San Diego gezogen ist. „Aber ich habe so eine Tour gemacht und das war super.“

Nicht nur die große Auswahl an Bieren und die jährlich stattfindende Messe Comic Con ziehen junge Leute in die Stadt. Auch das Nachtleben hat sich einen Namen gemacht. Nur wenige Schritte vom Hafen entfernt erstreckt sich das restaurierte Gaslamp Quarter.

Je später der Abend desto länger werden die Schlangen auf den Straßen vor den angesagten Bars und Clubs. Vor allem am Wochenende. Das ehemalige Rotlichtviertel der Matrosen und Hafenarbeiter wurde auf Hochglanz poliert. Moderne Boutique-Hotels wechseln sich mit Szene-Restaurants und Rooftop-Bars ab. Viele sind in die restaurierten alten Holzhäuser gezogen. Auf den Straßen tummeln sich mit bunten Lichterketten geschmückte Fahrradrikschas, die die Touristen hin- und herkutschieren. Wirklich weit haben es die wenigsten. Eine der Besonderheiten San Diegos ist – nichts ist wirklich weit entfernt. Anders als in L. A. lässt sich ein Großteil der Innenstadt bequem zu Fuß bewältigen. Selbst ins mondäne La Jolla – das Beverly Hills von San Diego – oder in die lässigen Strandkommunen Pacific Beach und Ocean Beach sind es von Downtown aus nur wenige Autominuten.

Diesen Kleinstadtcharme in einer Metropole schätzen auch John Weisbarth und Bart Albin. Es ist neun Uhr morgens am Strand von Coronado, als sie ihre Surfbretter ausladen. Die Halbinsel liegt wie ein schmaler Streifen vor dem Hafen von San Diego und ist eigentlich eine eigene kleine Stadt, die von Downtown aus über eine Brücke schnell zu erreichen ist und deswegen oft zu San Diego gezählt wird. Die beiden Surfer leben in Coronado und haben sich an diesem Morgen nur zufällig getroffen. „Das mag ich so: Ich wollte bloß vor der Arbeit noch eine Runde surfen gehen und treffe dabei meinen Kumpel“, sagt der 40-jährige Weisbarth, während er im Sand ein paar lockere Dehnübungen macht. „Das ist so cool.“ Er sei beruflich viel gereist. Erst dadurch habe er zu schätzen gelernt, wie schön er es eigentlich zu Hause hat, sagt er, schnappt sich sein Surfbrett und rennt Richtung Brandung. Der Sand glitzert golden im Sonnenlicht. Erst vergangenes Jahr wurde der Strand von Coronado zum schönsten in den USA gekürt.

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