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Coole Britishness

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Oft werden die Leute von der Insel verlacht. Aber dann haben sie wieder einer Joker unterm Tweedhütchen und spielen ihn mit Understatement aus.

Von Sabine Reichel

Eigentlich ist die Welt jeden Tag ein bisschen britisch. Die Queen feiert 60 Jahre ihrer glänzenden Königin-Karriere, Charles Dickens wird dieses Jahr 200 Jahre alt, Sängerin Adele räumte gerade bei den Grammys ab, Maggie Thatcher hat ein glorioses Comeback dank Meryl Streep, Twiggy sieht noch mit 62 fantastisch aus, Helen Mirren ist ein Wunder an Talent und Glamour pur, Ewan McGregor, Colin Firth und Gary Oldman, Letztere in dem neuen britischen Agententhriller „Dame, König, As, Spion“ zu sehen, machen sich sehr smart auf den roten Teppichen, auf denen sie öfter wegen perfekter Rollen stehen. Und das ist nur ein kleiner Teil der Britishness, die uns zeigt, was für ein talentiertes, cooles und originelles Volk die Engländer nach wie vor sind. Und wie sehr wir sie lieben – oft sogar, ohne es zu wissen. Denn trotz aller Krisen und Karikaturen ist eben nicht alles Toffee, Tweed und Tea Bisquits, Corgies und Crumpets, Burberrys und Yorkshire Pudding, was man mit typisch englisch verbindet.

Wo kommt der Punk her und Emma Peel? England. Woher die besten Schauspieler, der Minirock, der Mini Cooper, brillante Krimiserien vom BBC, romantische Kostümfilme wie „Ein Zimmer mit Aussicht“ und die neue TV-Sensation „Downtown Abbey“? England. Es gibt wenig, das nicht vom britischen Geist, Stil oder Humor durchzogen ist – alt oder neu – von der Mode (Stella McCartney, Alexander McQueen), bis zu Kunst (Francis Bacon, Damian Hirst), und Literatur (Oscar Wilde, Graham Greene). Und über allem der britische Humor: Charlie Chaplin! Peter Sellers! Die Truppe von Monty Python, Rowan Atkinson, die Serie „Little Britain“, und der pervers komische Sacha Baron Cohen.

Britishness bleibt immer an der Spitze

Und doch werden in jedem Jahrzehnt die Briten und ihre Insel mindestens zweimal komplett ausgemustert und verlacht – „It’s over, ihr steifen, bleichen Teetrinker und Schirmträger – das Empire ist am Ende, knabbert weiter an Toast und Cadbury’s Schoko, nach euch kräht kein Hahn mehr“, heißt es. Und schnell wird ein neues Trendland ausgerufen, so wie Kanada, Litauen oder Kuba. Aber immer haben die Briten irgendeinen Joker unter ihrem Tweedhütchen versteckt und spielen ihn mit Understatement aus, sei es eine filmische Glanzleistung von Tilda Swinton, eine Serie von Weltbestsellern wie J.K. Rowlings „Harry Potter“ oder Amüsement mit Witzbolden wie Ricky Gervais oder dem anarchistischen Graffiti-Genie Banksy. Oder sie kriegen die Olympischen Spiele 2012. Und schon ist Britishness wieder an der Spitze.

Leute jeden Alters scheinen ihre heiß geliebte britische Periode gehabt zu haben – und verweilen gerne bei ihr. Großeltern lieben die Krimis von Agatha Christie und wer „Swinging London“ und die Sixties noch selber kennt oder sie immer noch von den Eltern in glühenden Farben geschildert kriegt, weiß, dass es „der“ Platz der Jugendkultur auf der Welt war.

Alle Mädchen wollen wie Twiggy, Marianne Faithful, Julie Christie, Jane Birkin und Charlotte Rampling aussehen

Die hübschesten Mädchen in Miniröcken, langen Haaren, hohen Stiefeln und breiten Gürteln spazierten durch die King’s Road und die Carnaby Street und wollten alle wie Twiggy, Marianne Faithful, Julie Christie, Jane Birkin und Charlotte Rampling aussehen. Übrigens auch alles Frauen, deren Karrieren immer noch blühen, obwohl sie selber in den Sixties sind.

Überhaupt, die englischen Frauen – eine Freude! Wer denkt, dass Engländerinnen so lambswoolig und handfest wie Emma Thompson aussehen müssen, oder so gediegen und blass wie Vanessa Redgrave, dem treten umgehend solche furchtlosen Exzentrikerinnen entgegen wie die kleine Helena Bonham-Carter in ihren Fantasie-Fummeln oder Vivienne Westwood, die ein für alle Mal die Idee von gefälliger Mode ausgemerzt hat.

Nicht nur das. Im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kolleginnen sind die britischen Schönheiten naturverbunden und neigen nicht zu diesen Brust-Implantaten, die ein sichtbares Eigenleben führen. Kate Winslet und Rachel Weisz, beides sexy Beautys mit saftigen Formen, haben sogar vor Kurzem zu einem Botox-Boykott aufgerufen.

Jugendkult ist sicherlich nicht nur eine amerikanische Krankheit, aber England, forever fair, scheint nicht so strenge Abgrenzungen zu haben. Es ist herzerwärmend, gleichermaßen junges Gemüse und geniale Oldtimers zu sehen, die mit Talenten und Taten glänzen. Wer möchte die drei grauhaarigen souveränen „Dames“ Maggie Smith, Judi Dench und Helen Mirren missen? Wer liebt nicht die drei schönen Kates – das wären Winslet, Beckinsale und Moss – oder erfreut sich an Keira Knightley, Emily Blunt, Carey Mulligan und der kleinen Emma Watson?

Der britische Gentleman - ein wandelnder Trenchcoat mit Pfeife

Vor langer Zeit war der britische Gentleman eher ein wandelnder Trenchcoat mit Pfeife – oder wie Alec Guinness. Auch die „Austin Powers“-Komödien mit Mike Myers (kein Engländer!) über den einfältigen britischen Agenten der Pop-Ära, zeigten den Engländer als lächerlichen Idioten. Dabei gab es hübsche britische Jungs schon immer, aber erst die Beatles, die Stones, Led Zeppelin, Pink Floyd, und der ganze riesige Rest machten sie in den Sechzigern zum coolsten aller Boys-Kults, den es heute noch gibt, denn irgendwie wachsen sie nach. Ob nun „Coldplay“, oder „Oasis“ oder „Franz Ferdinand“, oder „The Kills“ mit Jamie Hince. Alles androgyne, schmale Jüngelchen, nörgelt da einer? So sorry, aber der Brite Christian Bale war einst Batman. Und wer darf ihn nun wieder neu spielen? Nicht Robert Downey Jr., sondern das britische Traumboot Henry Cavill aus den „Tudors“.

Auch der Rest steht nicht schlecht da. Was dem einen sexy Daniel Day-Lewis, Jonathan Rhys-Meyers, Orlando Bloom oder Hugh Grant, die Brüder Ralph und Joseph Finnes und die neue Sensation Michael Fassbender ist, war einer früheren Generation Pierce Brosnan, Sean Connery, Roger Moore, Michael Caine, Jeremy Irons und Liam Neeson. Ein paar britische Bad Boys gibt’s natürlich auch immer wieder, so wie Jude Law, Guy Ritchie und Russell Brand.

Britishness heißt Qualität, Humor und Verlässlichkeit

Eigentlich kommt aber fast alles Englische ohne Skandale aus. Fast. Amy Winehouse war so skandalös (und hatte Brust-Implantate), dass sie gleich den gesamten Fünf-Jahres-Etat für Skandale aufgebraucht hat, gefolgt von Kate Moss, die beide trotz Drogen und rüder Boyfriends aus der Unterschicht große Stars blieben, weil sie Substanz und Style hatten.

Britishness heißt eigentlich immer Qualität, Humor und Verlässlichkeit. Natürlich machen die Engländer nicht zu allen Zeiten immer alles perfekt. Aber gibt es tatsächlich so richtig grottenschlechte Filme aus England wie „Der Tourist“ oder „Jack und Jill“ aus Amerika? Nein!

Was ist nun das Geheimnis dieser unverwechselbaren Präsenz? Engländer reisen viel und machen große Karrieren in anderen Ländern. Und doch bleiben sie meist Originale und amüsante Charaktere – denn sie nehmen die Britishness und ihre Twinings Teebeutel mit, das ist das Schöne. Sie sind im Herzen „her Majesty’s“ treue Bürger und verlieren auch selten privat ihren britischen Akzent, selbst wenn sie krude Amerikaner spielen wie den Sadisten Dr. House (Hugh Laurie). Jeder liebte den Liverpooler Akzent der Beatles und wenn Twiggy richtig loslegt, ist es Cockney.

Das Britische Empire lebt eben forever und ever – genauso wie Strawberry Fields. Hail Britannia!

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