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Die Skyline von Los Angeles.
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Die Skyline von Los Angeles.

Porträt

Der Chronist des amerikanischen Traums

Leben und schreiben zwischen den Welten: Der Einwanderersohn, Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Hector Tobar ist in Los Angeles geboren, aber es hat lange gedauert, bis er dort angekommen ist.

Von Anja Reich

Neulich wurde Hector Tobar wieder einmal verwechselt. Mit einem Eisverkäufer diesmal. Er lief gerade vom Fußballplatz, auf der die Mannschaft seines Sohnes spielte, zu seinem Auto, als ein Junge auf ihn zukam und seine Eisbestellung abgab. Tobar stutzte, und dann antwortete er so freundlich wie möglich: „Ich verkaufe kein Eis. Der Eisverkäufer ist der Mann dort drüben, der mit der Schürze und dem Hut.“

Hector Tobar ist ein amerikanischer Journalist, Schriftsteller und Pulitzerpreisträger. Er arbeitet gerade an einem Buch über die chilenischen Bergleute, die vor zwei Jahren in einer Kupfermine verschüttet wurden. Und in Deutschland erscheint in diesen Tagen „In den Häusern der Barbaren“, sein neuer Roman. Die Geschichte über ein mexikanisches Hausmädchen, das für eine reiche amerikanische Familie arbeitet, wurde von der New York Times zu einem der besten Bücher des Jahres 2011 gekürt und mit dem Kalifornischen Buchpreis ausgezeichnet, der auch schon Richard Ford, John Steinbeck oder T..C. Boyle verliehen wurde.

Reiseführer mit einem lustigen Strohhut

Aber Hector Tobar hat nicht die blauen Augen von Richard Ford oder die Statur von John Steinbeck. Er ist der Sohn von Einwanderern aus Guatemala, seine Haut ist so olivbraun wie die der kolumbianischen Hotelpagen, ekuadorianischen Nachtwächter oder der mexikanischen Putzfrau aus seinem Buch, und das bringt ihn mitunter in seltsame Situationen. Vor Restaurants oder Hotels drücken ihm wildfremde Menschen ihre Autoschlüssel in die Hand, erzählt er. Und als er kürzlich vor seinem Haus Unkraut zupfte, in Jeans und mit Basecap, fragte ihn eine alte Frau, ob er wüsste, wie viel die Leute für das Haus bezahlt haben.

„Die Leute?“, fragte Hector Tobar. „Keine Ahnung. Aber ich kann Ihnen sagen, wie viel ich dafür bezahlt habe.“

Hector Tobar lacht bitter. Er sitzt in seinem elf Jahre alten Subaru. Sein anderes Auto, den hybridbetriebenen Prius, braucht heute seine Frau. Mit dem Prius passierten ihm nie solche Verwechslungen, sagt er. „Damit kann ich hier so schnell fahren, wie ich will und werde von der Polizei nicht angehalten.“

Er steuert den Subaru durch die Straßen von Los Angeles wie ein Reiseführer, ein Reiseführer mit einem lustigen Strohhut auf dem Kopf und einer Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase. Er will die Schauplätze seines Romans zeigen, die abgeschotteten Viertel der Reichen und die heruntergekommenen Gegenden der Armen, die Bankentürme von Downtown, die Berge, das Meer. Los Angeles ist eine riesige zersiedelte Fläche, die aus lauter kleinen Städten besteht. Sie heißen Beverly Hills oder Little Tokyo, Hollywood oder Hawaiien Gardens, und jede kleine Stadt ist eine eigene Welt, die mit der anderen Welt nichs zu tun hat. Man bewegt sich nur in seinen Kreisen, man weiß nichts von den anderen und von ihren Problemen. Los Angeles ist ein Labor. Das ist Tobars Stoff.

Die Themengeburtstagsfeiern der Kinder

„In den Häusern der Barbaren“ erzählt die Geschichte von Araceli, einer jungen Einwanderin, die aus Geldmangel ihr Kunststudium in Mexiko City abgebrochen hat und nun illegal für eine reiche kalifornische Familie arbeitet, deren größte Probleme die richtige Schulwahl und die Themengeburtstagsfeiern ihrer Kinder sind. Maureen ist Hausfrau, Scott Programmierer, sie wissen nichts von Araceli, außer, dass sie schlecht englisch spricht, gut kochen kann und einmal in der Woche, an ihrem freien Tag, in die Stadt fährt und am nächsten Morgen wiederkommt.

In der Finanzkrise verliert das Paar Geld, muss den Gärtner und das Kindermädchen entlassen. Araceli hat nun noch mehr zu tun, und als die Eltern sich eines Abends heftig streiten und danach verschwunden sind, bleibt sie alleine mit den beiden Söhnen zurück, die von Los Angeles und der realen Welt nichts wissen außer das, was sie vom Freeway aus gesehen und in ihren Büchern gelesen haben. Auf der Suche nach Hilfe verlässt Araceli mit den Jungen die sichere Vorstadt und fährt mit der Bahn und mit dem Bus quer durch Los Angeles.

Ihre Reise gipfelt in einer verhängnisvollen Kette von Ereignissen, die sie an einer Stelle fassungslos als „sehr seltsamen amerikanischen Zirkus“ beschreibt. Die Eltern lügen, die Polizei jagt sie, die Politiker benutzen sie. Jeder verfolgt nur seine Interessen, und „der seltsame amerikanische Zirkus“ ist hier auch eine Metapher für die Risse einer Gesellschaft, in der jeder auf seine Rolle festgelegt ist und sich niemand mehr wirklich für den anderen interessiert.

Man sieht diese Risse überall im Land, sie werden immer tiefer, und Barack Obama, der Mann, der einmal so leidenschaftlich versprochen hat, sie zu kitten, der alle Menschen zusammenbringen wollte, scheint aufgegeben zu haben und sitzt heute selbst isoliert im Weißen Haus.

Verfall und Patriotismus

Es ist ein klarer, ungewöhnlich milder Tag im August. Die Straßen der Stadt flimmern im Sommerlicht, manchmal sind es kilometerlange Geschäftsstraßen, die nur von Latinos bevölkert sind, manchmal verwahrloste Avenues mit Autoshops und Nähfabriken. Hector Tobar entdeckt einen Rummel, auf dem jedes südamerikanische Land seinen eigenen Stand hat, hält an dem Schnapsladen Ecke Normandie und Florence Avenue, wo die Riots, die Rassen-Aufstände, Anfang der 90er-Jahre ihren Anfang nahmen und über die er damals als junger Reporter der Los Angeles Times berichtete.

In der Skidron Avenue gibt es ein erstklassiges mexikanisches Restaurant, in dem er oft mit seiner Frau Mittag isst, gleich daneben steht ein schäbiges Hotel, in dem Obdachlose kampieren. Am Broadway fällt ihm auf, dass auf einem der schönen alten, aber leerstehenden Häuser die zerfledderte amerikanische Fahne fehlt, die er immer so bezeichnend fand für den Zustand der Stadt, für ihren Verfall und ihren Patriotismus.

Ein Stück weiter zeigt er einen Laden, wo illegale Arbeiter ihre Lohnschecks zu Bargeld umtauschen können, mit viel Verlust, wie er sagt. An einer Kirche müssen wir anhalten, weil gerade eine Beerdigung vorbei ist. Die schwarze Gesellschaft steigt in lange Limousinen. Tobar sagt, das sei ein typisches Bild für die Stadt: „Die Schwarzen sterben aus.“

Man lernt, was man täglich sieht

Die Latinos sind heute die größte Einwandergruppe, nicht nur in Los Angeles, sondern in den ganzen USA. Statistiker prophezeien, dass die Zahlen weiter steigen werden. Und damit auch die Ressentiments und die Klassenunterschiede. „Der Junge, der dachte, dass ich ein mexikanischer Eisverkäufer bin, ist ja kein Rassist“, sagt Hector Tobar. „Er lebt einfach in dieser Stadt, und er lernt aus dem, was er jeden Tag sieht. Und er sieht eben, dass es immer die Latinos sind, die hier die niederen Jobs verrichten.“ Tobar zeigt auf einen roten Truck, der gerade von einem Mann in kurzen Hosen beladen wird, er zeigt auf die Männer in ihren schwarzen Fracks, die vor einem Hotel Koffer entladen und den Alten, der gegenüber einen Parkplatz bewacht, alle Latinos.

Er schreibt sich die Beerdigungsszene in ein in Leder gebundenes Notizbuch, das vorne in der Ablage des Autos liegt. Er hat das Notizbuch immer dabei. Wenn ihm etwas auffällt, schreibt er es auf, weil daraus vielleicht eine Szene für sein nächstes Buch werden könnte. Aus dem Einwandererkind ist kein Eisverkäufer geworden, sondern ein Beobachter, ein Stadtschreiber von Los Angeles, ein Chronist des amerikanischen Traums.

Hector Tobar wurde vor 50 Jahren auf der Ladefläche des Trucks seines Vaters in einem Dorf in Guatemala gezeugt. Der Vater war Lkw-Fahrer und hatte genug Geld zusammengespart, um entweder einen Fernseher zu kaufen oder in die USA auszuwandern, sagt Tobar. Seine Eltern entschieden sich gegen den Fernseher, und so erblickte Hector Tobar das Licht der Welt in Ost-Hollywood.

Aber das war nicht das Hollywood der Filmstudios, der Reichen und Schönen. Hector Tobars Hollywood war arm, so arm wie sein Vater, der einen Sechsklassenabschluss hatte, als Tellerwäscher in Restaurants arbeitete und die Zeitung auslieferte, für die sein Sohn später einen Pulitzerpreis gewinnen sollte.

Das Versprechen der Wahrsagerin

Sein Vater habe jede Nacht über Büchern gesessen, um Englisch zu lernen, sagt Tobar. Und dieses Bild des müden Mannes vor einem Buch werde er ebensowenig vergessen wie den Besuch bei einer Wahrsagerin. Er muss etwa acht Jahre alt gewesen sein. Seine Eltern wollten sich scheiden lassen, aber vorher sicherheitshalber noch die Zukunft vorhersagen lassen. Hector Tobar weiß nicht mehr, was die Wahrsagerin seinen Eltern geraten hat, aber er weiß noch genau, was sie sagte, als sie ihn in der Tür stehen sah: „Dieser Junge wird eines Tages vielen Menschen helfen.“

Hector Tobar sagt, dieser Satz sei wie eine Verheißung gewesen, ein Versprechen. Er wollte gut sein in der Schule, gut im College und gut bei der Zeitung. Aber gut war lange nicht gut genug. Durch ein Minderheitenpogramm bekam er einen Platz in der Redaktion der Los Angeles Times, der größten Zeitung der Stadt. Er schrieb Meldungen über Einwandererprobleme, über Kriminalität, Rassenkonflikte. Für seinen ersten größeren Auftrag – eine Geschichte über Tankstellen – recherchierte er tage- und nächtelang, und als er den Text abgab, sah ihn der Redakteur erstaunt an und fragte: „Hast du das alleine geschrieben?“

Mit Ende 20 gewann er einen Pulitzerpreis für die Berichterstattung über die Gettoaufstände und hoffte, dass er nun endlich nicht mehr nur über mexikanische Einwanderer schreiben müsste. Aber er war der einzige Lokalreporter mit südamerikanischem Hintergrund und wurde immer wieder auf diese Themen angesetzt. „Meine Kollegen waren die mit den Abschlüssen aus Harvard und Yale. Ich war der Latino-Token.“ Der Vorzeige-Latino.

Häuser aus verwittertem Holz

Hector Tobar sagt, er sei diese Rolle nie richtig losgeworden. Es sei ein ewiger Kampf, bis heute, auch wenn dieser Kampf manchmal nur in seinem Kopf stattfindet. Als er neulich seine erste Buchkritik für den Literaturteil der Los Angeles Times schreiben sollte, war er sicher, das Buch, das der Redakteur für ihn ausgewählt hatte, sei von einem südamerikanischen Autor. Es war von Bernhard Schlink, einem Deutschen.

Hector Tobar ist wieder am Broadway angekommen, der in Downtown anfängt und sich kilometerweit durch die Stadt zieht. Die Straßen hier tragen keine Namen mehr, sondern Nummern, die Häuser sind aus verwittertem Holz und haben Gitter vor den Fenstern. Er biegt in eine Seitenstraße ein und fährt einmal um den Block. Er sucht das Haus Nummer 232 in der 39. Straße.

In seinem Roman hat dort der Großvater der beiden Jungen gewohnt, als er 1954 aus Mexiko in die Vereinigten Staaten kam, und Araceli, die Haushälterin, denkt, dass er dort immer noch wohnt, weil die Leute in Mexiko nicht so oft umziehen wie die in den USA. Auch sie weiß wenig von der Welt, in der sie lebt. Auch ihr geht es um schnell verdientes Geld. Darin unterscheidet sie sich kaum von ihren Arbeitgebern.

Vielleicht ist das die überraschendste Seite des Buches: Hector Tobar ergreift keine Partei. Er beschreibt die weißen Eltern genauso hart und verständnisvoll wie das mexikanische Hausmädchen, der Leser wechselt ständig die Perspektive und die Sympathien.

Abgelehnt von dutzenden Verlagen

Aber wo ist er zu Hause? Wo liegen seine Sympathien? Hector Tobar wendet kurz den Blick von der Straße und sieht zur Beifahrerseite. Er streckt das Kinn nach vorn und sagt: „Ich habe selbst in einem großen Haus gewohnt, ich hatte selbst einen Pool und Hausangestellte. Was denken Sie, woher ich mich so gut auskenne.“ Er lächelt, so ein stolzes, trotziges Lächeln, er kennt diese Frage aus Lesungen. Sie erinnert an die Verwechslung mit dem Eisverkäufer. Dass er sich in den armen Vierteln der Einwanderer auskennt, traut man ihm zu. Aber nicht, dass er auch die andere kennt.

Er bremst am Straßenrand, stellt den Motor ab und erzählt, dass es zwei Fassungen seines Romans gibt. Die erste hat er 1995 geschrieben, zu einer Zeit, als ein neues Gesetz in Vorbereitung war, das Kindern von illegalen Einwanderern den Schulbesuch verbieten sollte. Es war auch genau die Zeit, als er es satt hatte, immer nur Lokalgeschichten über kriminelle Latinos zu schreiben. Er verließ die Zeitung, besuchte ein Literaturinstitut und schrieb einen Roman über eine mexikanische Haushälterin, die zu Unrecht von den Behörden verfolgt wird. Das Buch hieß „Farewell California“. Es war ein sehr wütendes Buch, sehr politisch. Seine Agentin schickte es an dutzende Verlage. Keiner wollte es drucken.

Mit der zweiten Fassung begann er zehn Jahre später, als seine Korrespondentenzeit in Lateinamerika zu Ende ging. Er war nun Anfang 40, hatte inzwischen selbst drei Kinder, und in Mexiko und Argentinien in großen Häusern mit Hausangestellten gelebt. Er kannte jetzt beide Welten. Seine Agentin fand sofort einen Verlag.

Dieser seltsame amerikanische Zirkus

Hector Tobar nimmt wieder ein kleines Notizbuch aus der Ablage, es liegt unter dem anderen, es ist braun, und in der Mitte ist eine kleine gelbe Sonne aufgedruckt. Die Seiten sind abgeriffen, handgeschriebene Notizen wechseln sich ab mit Manuskriptausschnitten seiner ersten Romanversion. Er hatte dieses Buch immer dabei, als er beschloss, die Geschichte über Araceli noch einmal neu zu schreiben, sagt er, als er durch Los Angeles fuhr, um nach sieben Jahren in Lateinamerika wieder ein Gespür für die Stadt und seine Probleme zu bekommen, für den „seltsamen amerikanischen Zirkus“, der nun, in den Zeiten des Krieges und der Finanzkrise, noch ein wenig seltsamer geworden war.

Amerika sei ihm bei jedem Besuch zu Hause immer fetter und selbstgefälliger vorgekommen, sagt er. Gleichzeitig häuften sich auf seinem Blackberry die Einladungen zu Abschiedspartys seiner Kollegen bei der L.A. Times, die ihren Job verloren. In seinem Wohnviertel zog ein Nachbar nach dem anderen aus. Aber niemand zog ein.

Hector Tobar sieht auf die Uhr und wendet sein Auto, Zeit, auch diese Seite der Stadt zu zeigen. Er fährt zurück ins Stadtzentrum, parkt sein Auto und läuft zu seiner alten Redaktion, an Parkhäusern, Wolkenkratzern und hohen Palmen vorbei, an die Verbotsschilder genagelt sind. Waffen sind verboten, Camping, Rollerblades, Skateboards, Fahrräder. Hunde, die nicht an der Leine geführt werden, sind verboten, aber auch Hunde, die an Leinen geführt werden, die länger als sechs Fuß sind.

Die Verbote haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Man sieht weder Skateboarder noch Camper und auch keine Hunde an kurzen oder langen Leinen. Nur Hector Tobar läuft durch die Steinwüste von Downtown Los Angeles wie der einzige Überlebende nach einem Neutronenbombenabwurf. Ein Überlebender, der die Arme in die Luft wirft und erzählt, wie schön es früher hier war und wie schön es sein wird, wenn die Gegend endlich wiederbelebt ist.

12 Uhr mittags. Die Sonne knallt.

Er macht auf jedes Café und jeden Fußgänger aufmerksam, auf den kleinen Hügel mit der Bank, der mal in einer romantischen Hollywoodkomödie vorkam, vor allem aber auf die neuen Radwege neben den sechsspurigen Straßen. Nur leider sind weit und breit keine Radfahrer zu sehen, nur endlose Reihen von Autos. Die Sonne knallt von oben auf den Beton, es ist 12 Uhr mittags, von Wiederbelebung keine Spur. Auch nicht bei der Los Angeles Times.

In Hollywood-Filmen befinden sich Zeitungsredaktionen oft in Großräumen, die mit Zwischenwänden in kleine Kabinen aufgeteilt sind, in diesen Kabinen stehen Schreibtische mit Computern und Telefonen, und an den Schreibtischen sitzen Journalisten, tippen hektisch auf die Tastatur, schreien in den Hörer, rufen Kollegen über die Wände hinweg Neuigkeiten zu, alles summt und vibriert, und manchmal taucht der Chef auf, der irgendwo in der Mitte des Großraums in einem Glaskasten residiert, und schätzt die aktuelle Weltlage ein. Genau so sieht es im Nachrichtenraum der Los Angeles Times aus. Nur leerer. Und leiser. Viel leerer und viel leiser.

Hector Tobar läuft an den Zwischenwänden entlang, zunächst vorsichtig, aus Furcht, seine Kollegen bei der Arbeit zu stören, dann zunehmend mutiger. Es ist ja kaum jemand da. Außer Mike aus der Außenpolitik, ein großer Weißhaariger, der ihm zuwinkt. Und Marla aus der Wirtschaft, die mit ihm zusammen im Korrespondentenbüro in Buenos Aires gearbeitet hat.

„Was machst du denn hier, Hector?“

„Mal wieder nach dem Rechten sehen, Marla.“

„So ist das im Leben“, seufzt Marla, „der eine zieht in die große weite Welt und landet dann doch wieder hier im Großraum, der andere schreibt Bestseller.“

Hector Tobar lächelt, Marla sagt, es sei schön gewesen, ihn wiederzusehen.

All die leeren Schreibtische

An einer Wand hängt die stark vergrößerte Titelseite von dem Tag, als die amerikanische Armee Osama Bin Laden tötete – „US kills Osama“ – wie ein letzter Triumph. Unter einem Regal stapeln sich Wasserkanister, und auf dem Regal Großpackungen von Kopfschmerztabletten, aus denen sich die Redakteure frei bedienen können. Es ist furchtbar deprimierend und faszinierend unwirklich zugleich. All die Pulitzerpreise hinter den Schaukästen, all die leeren Schreibtische.

Die Los Angeles Times ist 131 Jahre alt, sie war einmal eine der wichtigsten Zeitungen des Landes, aber in den letzten Jahren wurde sie immer schmaler und dünner, die Auflage sank von 1,2 Millionen auf die Hälfte. Schuld sind das Internet und die Finanzkrise, aber vor allem der Verkauf an die Tribune Company in Chicago im Jahr 2000. Über 350 Mitarbeiter wurden seitdem gefeuert. Der letzte Besitzer, ein Immobilienmogul, hat Isolvenz angemeldet.

„Hier saß das letzte Mal noch mein Chef“, sagt Hector Tobar und zeigt auf ein gläsernes Büro, in dem nur noch ein Computer steht. Er schleicht an einer Küche vorbei, wo gerade für den Genussteil Rezepte ausprobiert werden, fährt eine Etage höher, die bereits komplett an Filmfirmen vermietet ist und fragt „Möchten Sie sehen, wo es wirklich leer ist?“ Dann holt er wieder den Lift und drückt auf die sechs.

Die sechste Etage war einmal die Geschäftsführeretage. Die Büros sind größer und heller, sie haben Terrassen, Oberfenster, breite Ledersessel, Schrankwände und Schreibtische aus edlem Holz. Aber hier steckt niemand mehr seinen Kopf über die Wand und fragt Hector Tobar, wie es geht. Die Sockel, auf denen einmal Skulpturen standen, sind leer, die Vorzimmer und Konferenzräume verwaist.

Die Filmrechte sind verkauft

Hector Tobar öffnet jeden Raum, ruft: „Hier saß einmal ein wirklich wichtiger Mann“, prüft, ob die einzige verbliebene Topfpflanze echt ist, macht es sich in einem Chef-Ledersessel bequem, springt auf, hebt eine schwere Holzplatte an, auf dem die weisen Worte eines alten Verlegers stehen und sagt, die würde er gerne mit nach Hause nehmen. Man fühlt sich wie in einer Möbelausstellung, die man vergessen hat, wieder abzubauen. Oder wie in einem Geisterhaus. Das hier ist der wahre amerikanische Zirkus, und Hector Tobar ist der lustige Clown. Er gehört immer noch nicht dazu. Er schreibt immer noch über Latino-Themen, aber er sucht sie sich selbst, das ist der Unterschied.

Die Filmrechte an seinem Roman hat er bereits verkauft. Und sein nächstes Buch, das über die chilenischen Bergleute, wird sicher wieder ein Erfolg. Die Minenarbeiter wollten nur einem einzigen Journalisten erzählen, welche Kämpfe und welche Dramen es gab, als sie unter Tage eingeschlossen waren, sie fragten Hector Tobar.

Er holt das Auto, dann fährt er weiter, durch die Stadt, immer weiter, über Highways, die so breit sind, dass Airbusse auf ihnen landen könnten, durch die gewundenen Straßen von Beverly Hills, am Haus von Michael Jackson vorbei, das gar nicht weit von dem Haus entfernt ist, in dem seine Tante einst Hausmädchen war. Ein richtiges Hausmädchen in Uniform wie die Mexikanerin aus seinem Roman. Als Junge ist er heimlich in den Pool gesprungen, wenn die Familie in den Ferien war, sagt Hector Tobar.

Ein normale amerikanische Familie

Sein Handy klingelt, seine Frau ist dran und fragt, wann er kommt. Sie hat Tamales vorbereitet, mit Fleisch oder Gemüse gefüllte Maisblätter, traditionell mexikanisches Essen.

Eine halbe Stunde später sitzt der Schriftsteller auf einer Holzterrasse in den Hügeln von Mount Washington und drückt kleine Limetten aus, deren Saft er mit Tequila und Eis zu Margheritas mixt, der passende Cocktail zu dieser kühlen kalifornischen Sommernacht. Kolibris flirren durch die Luft, der Husky der Familie liegt lang ausgestreckt auf dem letzten sonnigen Fleck im Garten, die Tamales sind köstlich.

Es ist ein ganz normaler Abend in einer ganz normalen amerikanischen Familie. Luna, die achtjährige Tochter, ist gerade von einer Powerranger-Geburtstagsfeier wiedergekommen und so fertig, dass sie nichts mehr essen und spielen kann, nur Spongebob am Computer spielen, das kann sie noch. Die Söhne Dante, 15, und Diego, 13, sagen höflich „Guten Tag“, dann verschwindet Diego wieder nach oben in sein Zimmer. „Schwieriges Alter“, murmelt Hector Tobar und nickt Dante zu, der sich mit auf die Terrasse zu ihm und seiner Frau setzt.

Gloria Tobar ist 49 und Historikerin. Sie trägt kurze Hosen, ein gestreiftes Shirt und um den Hals ein Lederband, ihre Haare sind tiefschwarz und im Nacken zusammengebunden. Ihre Großeltern haben auf den Feldern von Kalifornien Weintrauben gepflückt, sie gehört bereits zur dritten Einwanderergeneration. Sie und ihr Mann haben sich auf dem College kennengelernt, seit 30 Jahren sind sie ein Paar, und wenn sie hier zusammen auf der Terrasse ihres Hauses sitzen und über ihre Familien reden, spürt man, wie selbstverständlich ihre Herkunft für sie ist, und wie wichtig.

Die Kolibris sind verstummt

Sie holt ein altes Foto aus dem Bücherregal, auf dem eine mexikanische Großfamilie auf einer Farm zu sehen ist, ihre Familie, und sie, ein kleines Mädchen, steht strahlend mittendrin. Sie sagt, dass ihre Mutter keine Chance hatte, aufs College zu gehen, obwohl sie so gerne wollte. Am Ende der Highschool wurde die Klasse getrennt. Nach links kamen alle Latinos und Schwarzen, nach rechts alle Weißen. Nur die auf der rechten Seite bekamen eine Collegezulassung. Ihre Mutter weine heute noch, wenn sie darüber rede, sagt Gloria Tobar und sieht zu ihrem Sohn, der aufmerksam zuhört. Dante geht auf eine teure Privatschule, und er wird auf ein gutes College gehen, aber er soll wissen, wo er herkommt.

Es ist dunkel geworden, die Kolibris sind verstummt. Nur dort, wo die Straße liegt, ist in unregelmäßigen Abständen ein lautes Klatschen zu hören.

„Was ist das“, fragt Gloria Tobar.

„Der Nachbar weiht seinen Pool ein“, sagt ihr Mann. Allerdings hat er diese Information nicht vom Nachbarn selbst, sondern von den mexikanischen Arbeitern, die den Swimmingpool gebaut haben. Seine Nachbarn kennt er nicht. Die von gegenüber mit dem Pool nicht und auch nicht die links und rechts neben ihm.

„Das ist Kalifornien“, sagt er und lacht.

Sie fürchtet das Buch

Auf dem Weg zurück in die Stadt erzählt Hector Tobar, dass sein Roman fast seine Ehe auseinander gebracht hätte. Seine Frau habe sich Monate lang geweigert, die neue Fassung seines Romans zu lesen. Erst als er eine Woche in ein Hotel in Dowtown zog und mit Scheidung drohte, hat sie sich überwunden.

Wovor hatte sie Angst?

Ihr habe die erste Fassung nicht gefallen, sagt Hector Tobar. Und ein wenig fürchtete sie wohl auch, sich selbst in dem Buch wiederzufinden.

In dem mexikanischen Hausmädchen?

Nein, sagt Hector Tobar. In der Mutter mit den drei Kindern.

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