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Chinas Rückfall

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Von: Pamela Dörhöfer

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Wer kann, schützt sich: eine Frau gestern in Peking. Noel CELIS/AFP
Wer kann, schützt sich: eine Frau gestern in Peking. Noel CELIS/AFP © AFP

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt offenbar weiter / Ein Experte sieht derzeit aber keine Gefahr für andere Länder

Vor fast genau drei Jahren war China der Ausgangspunkt der Corona-Pandemie. Das Geschehen war damals geprägt von einer schleppenden, wenig offenen Kommunikation der Behörden und der Regierung, die lange verbargen, was sich wirklich abspielte. Und vieles aus dieser Zeit ist bis heute nicht geklärt.

Nun, da es scheint, als neige sich die Pandemie dem Ende zu, steht China erneut im Fokus: wegen einer massiven Corona-Infektionswelle – und wieder ist Intransparenz ein Thema. So teilte die nationale Gesundheitskommission am Sonntag mit, fortan Zahlen zu Neuinfektionen und Todesfällen nicht mehr täglich zu bekanntzugeben; eine Begründung wurde nicht genannt. Das Chinesische Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention werde weiterhin „Informationen über den Ausbruch zu Referenz- und Forschungszwecken veröffentlichen“. Wie oft das geschehen soll, wurde nicht aufgeführt.

Ibuprofen-Export gestoppt

Vorangegangen waren Meldungen über wahre Horrorzahlen. Wie die US-Nachrichtenagentur Bloomberg und die „Financial Times“ am vergangenen Freitag berichteten, sollen sich laut der (inoffiziellen und nicht bestätigten) Schätzung eines Behördenleiters rund 248 Millionen Menschen in den ersten drei Dezemberwochen mit Corona angesteckt haben; das wären 18 Prozent der 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner. Die offizielle Statistik indes gab lediglich 62 000 Infektionen für diesen Zeitraum an. Die USA haben von China am Freitag Offenheit angemahnt.

Auch wenn sich die tatsächliche Situation nur schwer einschätzen lässt: Das Ausmaß der aktuellen Welle spiegeln die amtlichen Zahlen kaum wider. Berichten zufolge sollen Krankenhäuser überfüllt sein, Krematorien nicht mehr mit dem Einäschern nachkommen und der Export der fiebersenkenden und gegen Schmerzen wirkenden Medikamente Ibuprofen und Paracetamol gestoppt worden sein.

Die Infektionszahlen waren explodiert, nachdem die Regierung unter dem Eindruck landesweiter Proteste ihre Zero-Covid-Strategie samt aller Einschränkungen am 7. Dezember abrupt beendet hatte. Auch bei der Einschätzung der Gefährlichkeit von Sars-CoV-2 gab es eine extreme Kehrtwende: Der Epidemiologe Zhong Nanshan, Berater der chinesischen Regierung, schlug vor, fortan von „Corona-Erkältung“ zu sprechen.

Dass nach dem Ende der Maßnahmen die Infektionszahlen steigen, war erwartbar. Warum es zu einer derart massiven Welle kam, dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Einer lautet, dass die Impfung mit den in China verwendeten Totimpfstoffen weniger gut schützt als die mit den mRNA-Vakzinen, wie sie unter anderem in Europa und Nordamerika eingesetzt werden. Allerdings ist die Datenlage hierzu dünn. Und auch mRNA-Impfstoffe verhindern eine Infektion nicht zuverlässig. Die Quote für drei Impfungen ist ähnlich wie in Deutschland, für zwei Dosen mit über 90 Prozent sogar weit höher, allerdings beträgt sie ausgerechnet in der Gruppe der besonders gefährdeten über 80-Jährigen nur 66 Prozent und für drei Impfungen sogar nur 42 Prozent.

Gegenüber dem britischen Science Media Center äußerte der Mediziner Paul Hunter von der University of East Anglia in Norwich die Vermutung, das Hauptproblem bestehe darin, dass die in China früh gestartete Impfkampagne zu lange her und der schützende Effekt deshalb größtenteils verloren gegangen sei. Durch das lange Festhalten an Zero Covid hätten zudem wenige Menschen eine hybride Immunität aus Impfung und Infektion entwickelt, was Hunter für den Hauptgrund der gesunkenen Sterblichkeit durch Covid-19 in der westlichen Welt hält. Deshalb sieht er andere Länder auch nicht durch das Geschehen in China bedroht.

Was China selbst angeht, so prognostizieren einige Fachleute, dass dort in den nächsten Monaten bis zu einer Million Menschen an Covid-19 sterben könnten, wie das Fachmagazin „Nature“ schreibt. In dem Bericht wird aber auch auf zwei Studien verwiesen, die davon ausgehen, dass sich die Zahl der Todesfälle reduzieren ließe, sollte ein Großteil der Bevölkerung eine vierte Impfdosis erhalten, sich streng an die Maskenpflicht gehalten und bei steigenden Sterblichkeitsraten Einschränkungen vorübergehend wieder eingeführt werden.

Und wieder neue Varianten?

Die chinesische Regierung hat bereits angekündigt, dass Menschen über 60 und andere Risikogruppen eine vierte Dosis erhalten sollten. In Macau wird nun auch ebenso wie bereits seit März 2021 in Hongkong der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer angeboten, grundsätzlich ist er in China aber noch nicht zugelassen. Der Infektiologe James Wood von der University of New South Wales in Sydney äußerte gegenüber „Nature“ allerdings Zweifel, dass eine zusätzliche Dosis einen großen Unterschied bei der Übertragung machen werde, da die zirkulierenden Omikron-Varianten sich effektiv bestehender Immunität entzögen.

Für die in China grassierenden Subvarianten BF.7 und XBB gilt das in besonderem Maße. Fachleute befürchten zudem, dass sich in der aktuellen Welle wie auch schon früher neue Varianten entwickeln könnten. Die chinesischen Gesundheitsbehörden haben deshalb angekündigt, die Entwicklung des Virus im Land beobachten zu wollen und in ausgewählten Krankenhäusern wöchentlich Proben zu sammeln und genetisch zu sequenzieren.

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