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„Historische Veränderungen“: Chinas Bevölkerung schrumpft erstmals seit sechs Jahrzehnten

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Von: Sven Hauberg

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Es ist der erste Bevölkerungsrückgang seit der Hungersnot der frühen 60-er: China steht vor einem gewaltigen demografischen Problem, das sich auch auf die Machtverteilung in der Welt auswirken könnte.

München/Peking – Erstmals seit sechs Jahrzehnten geht in China die Bevölkerungszahl zurück: Wie das Statistikamt in Peking am Dienstag bekannt gab, zählte die Volksrepublik Stand Dezember 2022 rund 850.000 Einwohnerinnen und Einwohner weniger als ein Jahr zuvor. Insgesamt leben in China nun 1,411 Milliarden Menschen. Laut Statistikamt handelt es sich um den ersten Bevölkerungsrückgang seit 1960 und 1961. Damals hatten verfehlte Wirtschaftsreformen, die von Staatsgründer Mao Zedong initiiert wurden und als „Großer Sprung nach Vorne“ in die Geschichte eingingen, zum Hungertod von mehreren Dutzend Millionen Menschen geführt.

Die Geburtenrate lag im vergangenen Jahr nur noch bei 6,77 Neugeborenen auf 1000 Menschen – ein historischer Tiefpunkt. Erstmals in der Geschichte der Volksrepublik lag die Zahl der Geburten unter zehn Millionen. Nur 9,56 Millionen Babys wurden geboren, während 10,41 Millionen Menschen gestorben sind, wie das Statistikamt berichtete. Der US-Sozialwissenschaftler Yi Fuxian von der Universität von Wisconsin spricht sogar von der geringsten Geburtenzahl seit Jahrhunderten: „1790, mitten während der Qing-Dynastie, überstieg Chinas Bevölkerung 300 Millionen, mit mehr als zehn Millionen Geburten“, so Yi Fuxian. Selbst während der Hungersnot der frühen 60er-Jahre seinen mehr Menschen in China zur Welt gekommen als jetzt. Bis zum Jahr 2050, so UN-Prognosen, könnte die Bevölkerungszahl um 109 Millionen zurückgehen.

China bekommt die Auswirkungen der „Ein-Kind-Politik“ zu spüren

Der unabhängige Forscher, der seit langem die chinesische Bevölkerungsentwicklung kritisch verfolgt, glaubt sogar, dass Chinas Bevölkerung schon seit vier Jahren schrumpft und die offiziellen Zahlen geschönt seien. Yi vermutet zudem, dass die Volksrepublik bereits im vergangenen Jahr von Indien als bevölkerungsreichstes Land der Welt überholt worden sei. „Die geopolitische und geoökonomische Landschaft der Welt durchläuft historische Veränderungen“, erwartet der Wissenschaftler.

Für China hat der demografische Wandel dramatische Auswirkungen: Das Land überaltert, bevor es das Wohlstandsniveau westlich geprägter Industriestaaten erreicht hat. Ein Grund ist die seit 1979 verfolgte „Ein-Kind-Politik“, deren Auswirkungen immer spürbarer werden. Die Aufhebung der umstrittenen Geburtenkontrolle führte 2016 nur kurzzeitig zu einem leichten Anstieg der Geburten. Nur ein Kind zu haben, ist in China heute die soziale Norm. Zwei Generationen haben es nie anders erlebt, so dass diese Kleinstfamilie tief in der Gesellschaft verankert ist.

Neugeborenes in einem Krankenhaus in der Provinz Guizhou
Neugeborenes in einem Krankenhaus in der Provinz Guizhou: China verliert erstmals seit Jahrzehnten Einwohner. © afp

Daneben sehen Experten die hohen Kosten für Wohnraum, Bildung und Gesundheitsversorgung in Chinas Städten, sowie die schwindende Bereitschaft zur Heirat als wesentliche Gründe für die beunruhigende Entwicklung. Die seit drei Jahren andauernde Corona-Pandemie und hohe Arbeitslosigkeit gerade unter jungen Menschen schufen weitere Unsicherheiten, die den Trend noch beschleunigt haben dürften. Knapp jeder fünfte junge Mensch zwischen 16 und 24 Jahren ist in Chinas Städten ohne Job.

Welche Auswirkungen hat der Corona-Tsunami auf Chinas Bevölkerungszahl?

Als Reaktion auf den Geburtenrückgang und die rapide Überalterung erlaubt Peking seit 2021 drei Kinder. Außerdem bemüht sich die Regierung seither, es jungen Paaren leichter zu machen, für ihre Kinder zu sorgen. Die Kosten für Kindergärten und Schulbildung wurden gesenkt. Finanzhilfen wurden gewährt, Mutterschafts- und Elternurlaub erleichtert. Viele Frauen befürchten aber, dass sich eine Mutterschaft negativ auf ihre berufliche Karriere auswirkt.

Die Folgen der Bevölkerungskrise für die zweitgrößte Volkswirtschaft sind enorm. Schon länger müssen immer weniger Werktätige immer mehr alte Leute versorgen. Jeder fünfte Chinese ist heute älter als 60 Jahre. Unterstützten 2020 fünf Beschäftigte zwischen 20 und 64 Jahren einen älteren Menschen über 65 Jahre, werden es 2050 nur noch 1,5 Arbeitnehmer sein. „Ohne soziales Netz, ohne die Sicherheit der Familie wird sich eine Rentenkrise zu einer humanitären Katastrophe entwickeln“, warnt Forscher Yi Fuxian.

Wie sich die Corona-Pandemie auf die Bevölkerungszahl in China auswirken wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Die Regierung um Staats- und Parteichef Xi Jinping hatte Anfang Dezember eine Kehrtwende hingelegt und nach fast drei Jahren Null-Covid-Politik fast alle Corona-Maßnahmen aufgehoben. Seitdem hat sich in Rekordgeschwindigkeit ein großer Teil der Bevölkerung mit dem Virus angesteckt, viele Tausende sind gestorben. Offiziellen Zahlen zufolge wurden zwischen 8. Dezember 2022 und 12. Januar 2023 insgesamt 59.938 Todesfälle registriert; Experten gehen allerdings davon aus, dass die wahre Todeszahl deutlich höher liegt. Laut Berechnungen des in London ansässigen Datendienstleisters Airfinity sterben in China derzeit jeden Tag 23.600 Menschen an oder mit Corona, insgesamt liege die Zahl der Todesfälle seit Anfang Dezember bei mehr als 430.000. Bis Ende April könnte die Zahl auf 1,7 Millionen ansteigen, so Airfinity. Mit Material von dpa

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