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Experte befürchtet eine Milliarde Infizierte: Corona breitet sich in China weiter aus

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Von: Sven Hauberg

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Auch wenn in einigen Städten der Höhepunkt der Welle bereits erreichen sein dürfte: Der Corona-Tsunami hat China weiter im Griff. Auch das Ausland reagiert.

München/Peking – Das hatten sich viele Chinesen anders vorgestellt: Da fordern westliche Regierungen und Experten seit Monaten, China solle endlich seine Corona-Maßnahmen fallen lassen und sich dem Rest der Welt öffnen – und kaum macht China genau das, gehen in vielen Ländern auf einmal die Schlagbäume runter. Japan etwa begrenzte die Anzahl der Flüge aus China, Marokko erließ gar ein generelles Einreiseverbot für Menschen aus der Volksrepublik. Andere Staaten, darunter Australien, Kanada, Frankreich, Großbritannien und die USA, verlangen von Reisenden aus China einen negativen Corona-Test. Mit Trips ins Ausland könnte es also schwierig werden in der nächsten Zeit, und das, obwohl die Regierung in Peking wieder Reisepässe ausstellen und die Quarantänepflicht für Reiserückkehrer Ende der Woche aufheben will. „Ungerecht“, schreibt ein Nutzer auf Chinas Social-Media-Plattform Weibo; ein anderer fühlt sich „diskriminiert“.

Alle jene Länder, die Einreisebeschränkungen erlassen haben, begründen das mit der gigantischen Corona-Welle, die derzeit durch die Volksrepublik schwappt. China hatte am 7. Dezember überraschend beschlossen, fast alle Corona-Beschränkungen aufzuheben, nach drei Jahren Null-Covid-Politik mit Massentests, Lockdowns und Ausgangssperren. Seitdem dürften sich Hunderte Millionen Chinesen mit dem Virus infiziert haben, Tausende gestorben sein – offizielle Ansteckungszahlen veröffentlicht Chinas Gesundheitsbehörde seit Kurzem nicht mehr, und in die Todesstatistiken fließen nur Corona-Infizierte ein, die an einer Lungenentzündung oder an Atemversagen gestorben sind. Internen Schätzungen der Behörde zufolge haben sich alleine in den ersten drei Dezember-Wochen 248 Millionen Menschen in China mit dem Virus infiziert; mittlerweile dürften es deutlich mehr sein, am Ende der aktuellen Welle wird sich Prognosen zufolge fast jeder in China angesteckt haben, berichtet merkur.de.

Experte: Es drohen eine Milliarde Infizierte

Der Epidemiologe Ben Cowling von der Universität Hongkong etwa rechnet mit einer Milliarde Infizierten – alleine in diesem Winter. Das wären mehr als 70 Prozent der chinesischen Bevölkerung. „So hochansteckend wie Omikron jetzt ist, kann man sich schwer niedrigere Infektionsraten vorstellen“, sagte Cowling der Tagesschau. Bereits Anfang Dezember, zu Beginn der Öffnung, hatte der frühere Vizedirektor von Chinas Gesundheitsbehörde, Feng Zijian, prognostiziert, dass sich sogar 80 bis 90 Prozent der Chinesen infizieren würden. „Egal, wie die Maßnahmen angepasst werden, die meisten von uns werden sich einmal infizieren“, sagte Feng damals laut Staatsmedien.

Corona in China: Xi Jinping ruft zum Durchhalten auf

Mit dem Ende der Corona-Maßnahmen entfiel auch die flächendeckende Testpflicht, die über Jahre ein alltäglicher Begleiter vieler Chinesen war. Auch deshalb ist es so schwer zu sagen, wie die Corona-Lage im Land derzeit genau aussieht. In einigen Städten und Provinzen könnte der Höhepunkt der Welle allerdings bereits überschritten sein. So berichteten Staatsmedien am Sonntag über Umfragen regionaler Gesundheitsbehörden in den Provinzen Sichuan, Hainan und Zhejiang, nach denen in mehreren Städten mehr als die Hälfte der Befragten angegeben habe, sich bereits infiziert zu haben. Teilweise soll die Infektionsrate bei fast 70 Prozent liegen.

Berechnungen von Wissenschaftlern aus Shanghai besagen zudem, dass die Coronawelle in den Millionenstädten Peking, Shanghai und Chongqing zum Jahresende ihren Höhepunkt erreicht hat, in der Metropole Guangzhou im Süden des Landes sogar bereits Ende November. Die Forscher der Jiao Tong University und des Ruijin-Krankenhauses vermuten allerdings, dass vielen ländlichen Regionen Chinas die große Welle noch bevorsteht. Vor allem am Chinesischen Neujahrsfest, wenn um den 22. Januar herum Hunderte Millionen Menschen zu ihren Verwandten aufs Land fahren, dürfte sich die Corona-Lage noch einmal deutlich verschärfen. Dann könnten junge, infizierte Stadtbewohner für die ältere Landbevölkerung zur Gefahr werden; hinzu kommt, dass das Gesundheitswesen in vielen ärmeren Gebieten unzureichend entwickelt ist.

Am Pariser Flughafen Charles de Gaulle wird einem Reisenden aus China am Neujahrstag eine Virusprobe entnommen.
Am Pariser Flughafen Charles de Gaulle wird einem Reisenden aus China am Neujahrstag eine Virusprobe entnommen. © Julien de Rosa/AFP

Während in vielen Städten im ganzen Land schon jetzt die Krankenhäuser unter der Last der Infizierten ächzen und die Krematorien nicht mehr mit dem Einäschern der Verstorbenen hinterherkommen, ruft Staats- und Parteichef Xi Jinping zum Durchhalten auf. „Das Licht der Hoffnung liegt direkt vor uns“, sagte Xi am Samstag in einer ungewöhnlich offenen Neujahrsansprache. In seiner knapp 15-minütigen Rede ging Xi indirekt erstmals auch auf die Proteste von Ende November ein, die mutmaßlich zum Ende seiner Null-Covid-Politik beigetragen haben. „Es ist nur natürlich, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Sorgen haben oder unterschiedliche Ansichten zu ein und demselben Thema vertreten“, so Xi. Wichtig sei es nun aber, zusammenzustehen. „Lassen Sie uns eine zusätzliche Anstrengung unternehmen, denn Beharrlichkeit und Solidarität bedeuten den Sieg.“

Entsteht in China eine neue Virusvariante?

Im Ausland wachsen derweil die Befürchtung, in China könnte angesichts der aktuellen Corona-Welle eine neue Virusvariante entstehen. Bei einem Treffen mit Vertretern chinesischer Gesundheitsbehörden am Freitag forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) detailliertere und schnellere Lageberichte zum Infektionsgeschehen in der Volksrepublik ein. Wichtig seien unter anderem Daten zur genetischen Sequenzierung positiv getesteter Fälle, um mögliche neue Varianten frühzeitig erkennen zu können.

Der deutsche Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen fordert unterdessen ein „Mutationsvarianten-Monitoring“, wie es Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bereits angekündigt hatte. „Eine große Anzahl von Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert ist, bietet dem Virus viele Gelegenheiten, sich zu verändern“, sagte Dahmen der Welt. „Neue, sehr viel gefährlichere Virusvarianten sind zwar eher unwahrscheinlich, aber möglich.“ Von Einreisebeschränkungen, wie sie andere Länder bereits erlassen haben, hält der Grünen-Politiker allerdings nichts. Angesichts der hohen Infektionszahlen in China sei es „unrealistisch“, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. Auch Politiker der anderen Ampel-Parteien SPD und FDP wollen derzeit keine Beschränkungen für Reisende aus China einführen.

Kritik am Zögern der Bundesregierung kommt aus der Opposition. So fordert etwa Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek, die Einführung von Reisebeschränkungen in Erwägung zu ziehen. Derzeit sind in China mehrere Omikron-Subvarianten vorherrschend. Experten gehen davon aus, dass der Großteil der Bevölkerung in Deutschland durch eine Impfung oder Infektion bereits immun gegen diese Varianten ist.

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