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Wenig Stoff, viel Haut und jede Menge Jazz: Das Chicago-Musical ist ab Anfang Juni auf deutschen Bühnen zu sehen.

Musical

Chicago in Zeiten von Prohibition, Al Capone und Flüsterkneipen

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„Chicago hält der Gesellschaft einen Spiegel vor“, sagt Produzent Barry Weissler. In den USA zählt es zu den erfolgreichsten Musicals, am Broadway läuft es seit 22 Jahren am Stück. Ein Blick hinter die Kulissen.

Es gibt zwei Momente der Stille an diesem Abend. Der Erste, als der in ein düsteres, warmes Licht getauchte Saal mit seinen zwei Sitzebenen, protzig-schönen Leuchtern und engen Gängen noch menschenleer daliegt. Das Gebäude des New Yorker Ambassador Theaters ist etwas in die Jahre gekommen. Der diamantförmige Bau, 1921 eröffnet, bietet die passende Atmosphäre für den bevorstehenden Abend – ein Hauch 20er-Jahre-Charme hängt in der Luft. Der Saal wirkt kleiner als er ist, dicht an dicht angereihte, weiche blaue Polstersitze bieten Platz für mehr als 1100 Gäste.

Hinter der Bühne schieben sich Schauspieler und Tänzer in engen, verwinkelten Gängen aneinander vorbei und bereiten sich auf die Aufführung vor. Business as usual. Dann öffnet das Theater seine Türen – und eben jene 1100 und irgendwas Menschen bereiten der Stille ein jähes Ende, tragen ein Stück der Dauerhektik des quirligen Times Square, der sie gerade entkommen konnten, ins Innere. „Chattering“ sagt der Amerikaner, und braucht damit nur ein Wort für das heillose Durcheinander der Stimmen. 

Tanz, Jazz, Razzle Dazzle

Manche haben sich für den Anlass schick gemacht. Manche weniger. Noch ein Sekt, ein Bier, ein Wasser – Plätze suchen. Und wenn schließlich alle auf ihren Sitzen Platz genommen haben, kommt der zweite Moment der Stille: als das Licht ausgeht, unmittelbar bevor das Chicago-Musical beginnt. Die kommenden zwei Stunden: Tanz, Jazz, viel schwarzer Stoff, noch mehr nackte Haut, rollende Schultern, gespreizte Finger und Razzle Dazzle. Und das ganze Schauspiel fast Abend für Abend. Seit 22 Jahren.

Das Einzige, was sie traurig stimmt, sagt Ann Reinking wenige Stunden zuvor, ist, dass Bob Fosse all das nicht mehr erleben darf. Wenn Sie über ihn spricht, ist ihre Bewunderung aus fast jedem Wort heraus zu hören. Ihre Stimme ist heiser, kratzig, sie lacht viel, ihre Hand zittert, wenn Sie zum Wasserglas greift. Aber sie erfreue sich bester Gesundheit, versichert sie. Im November wird Reinking 70 Jahre alt. Sie sieht viel jünger aus. Die Schauspielerin und Choreografin spricht in einem kleinen Seminarraum hoch über dem Times Square über das Chicago-Musical, das nur zwei Blocks weiter seine Bühne hat. „Nach all der Zeit liebe ich es noch immer. Das sagt etwas.“

Und dann sind da noch die Hüte.

Bob Fosse, dem ihre Bewunderung gilt, ist ihr früherer Lebenspartner, Originalregisseur, Choreograf, neunfacher Tony-Award- und Oscar-Preisträger (1973 für „Cabaret“). 1987 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts, 1975 hat er die Originalproduktion des Chicago-Musicals an den Broadway gebracht – gemeinsam mit dem Komponisten John Kander und dem Texter Fred Ebb. Es war der Beginn einer erfolgreichen Musicalgeschichte, obwohl es zunächst so gar nicht danach aussah: „Die Show lief zwei Jahre lang und war ein mäßiger Erfolg, eher enttäuschend, um es vorsichtig auszudrücken“, fasste der heute 92-jährige John Kander einst den ruhmlosen Start zusammen. Doch die eigentliche Geschichte von Chicago beginnt lange vor dem Musical-Start: in der Gangsterhochburg Chicago in eben jenen 1920er-Jahren. Verbrecher UND Star zu sein war kein zwingender Widerspruch in „Murder City“ zu Zeiten von Prohibition, Al Capone und Flüsterkneipen, wo sich hollywoodreife Geschichten um Glamour, Liebe, Mord mit dem damals noch als anrüchig geltenden Jazz vermischten. 

Ab in die wilden 20er: Maurine Dallas Watkins, Gerichtsreporterin des „Chicago Tribune“, verfolgte in Chicago 1924 den Prozess gegen die Kabarettsängerin und vermeintliche Mörderin Belva Gaertner. Deren Ehemann fand sich kurz zuvor tot in ihrem Auto wieder, mit einer Flasche Gin und einer automatischen Pistole. „Gin und Pistolen – eines davon ist schon schlimm genug, aber zusammen richten sie nur Schlamassel an“, bemerkte die junge Witwe gegenüber der Reporterin. Sie wurde freigesprochen und genoss dank Watkins ebenso das mediale Rampenlicht wie nur wenig später die 23-jährige Beulah Annan – „die schönste Mörderin“. Ganz im Sinne der Angeklagten. Die verheiratete Dame soll ihren Liebhaber getötet haben, „Frau spielte Jazz, als das Opfer starb“ betitelte Watkins ihre Sensations-Story. Als eine vermeintliche Schwangerschaft der Angeklagten den Prozess beschleunigte, fragte der Tribune seine Leser: „Was zählt bei der Jury, wenn eine Frau wegen Mordes vor Gericht steht? Jugend? Schönheit? Und nun eine bevorstehende Mutterschaft?“ Auch diese Hollywood-Vorlage überzeugte die männliche Jury entgegen aller Indizien und resultierte in einem Freispruch. Watkins verarbeitete den Stoff zu einem Theaterstück, das 1926 am Broadway Einzug hielt – die wahre Geburtsstunde von Chicago.

Rolle von Roxie Hart ist angelehnt an das reale Vorbild Beulah Annan

In den kommenden Monaten wird der langen Chicago-Geschichte ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Im Rahmen einer internationalen Tour wird das Musical auch in mehreren deutschen Städten zu sehen sein – erstmals in einer englischsprachigen Originalversion mit deutschsprachigen Untertiteln.

Termine: Köln, Musical Dome: 4. – 16. Juni Frankfurt, Alte Oper: 18. – 23. Juni Düsseldorf, Capitol Theater: 25. – 30. Juni Berlin, Admiralspalast: 3. – 13. Juli München, Deutsches Theater: 6. – 11. August

Die Rolle der Nachtklubsängerin Roxie Hart auf der Bühne ist angelehnt an das reale Vorbild Beulah Annan. Die heutige Handlung in Kurzform: Roxie erschießt kaltblütig ihren Liebhaber („All that Jazz“) und trifft im Frauenblock des Gefängnisses („Cell Block Tango“) neben zahlreichen Mörderinnen auf die Tänzerin Velma Kelly, die ihren Mann auf dem Gewissen hat, sowie auf Matrone Mama Morton („When you’re good to Mama“), die Velma zum Star der Boulevardpresse emporgehoben hat. Roxie wird Velma schon bald nicht nur das Rampenlicht, sondern auch die Dienste des umtriebigen Anwalts Billy Flynn streitig machen, der sich passend zu seiner rein weiblichen Kundschaft nach eigenen Angaben nur für die Liebe interessiert („All I care about is love“). Mit einer neuen Version der Wahrheit („We both reached for the gun“) und bald noch einer hinzugedichteten Schwangerschaft avanciert Roxie zum neuen Boulevard-Sternchen, während Velmas Stern vorübergehend sinkt. Doch schon zu Roxies Freispruch ist ihr kurzer Ruhm einem sensationelleren Verbrechen gewichen, zum Finale tanzen Roxie und Velma vereint. Alles eingebettet in einen Soundtrack der 20er-Jahre, versehen mit leicht zugänglichen Texten, die meist eine humorvolle bis gar satirische Ebene mittransportieren. Etwa der „Cell Block Tango“, als die mitinhaftierten und nie um eine kreative Ausrede verlegenen Mörderinnen ihre Geschichten zum Besten geben: „He ran into my knife. Ten times.“

Der große Erfolg von Chicago auf der Bühne sollte sich erst ab dem Jahr 1996 einstellen. Kaum nötig zu erwähnen, dass die Geschichte bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat. Die Sehnsucht nach Ruhm; ein fragwürdiges Justizsystem; und ganz viel sex and crime, was in der unwiderstehlichen Kombination mit vorzeigbaren Schönheiten nach wie vor zuverlässig einen Weg in die Regenbogenpresse findet und die Leserschaft fasziniert – Amanda Knox, der „Engel mit den Eisaugen“, lässt grüßen.

Choreografin Ann Reinking.

So wird die Neuauflage von Chicago am Broadway seit nunmehr fast 23 Jahren ohne Unterbrechung gespielt. „Revivals halten sich normalerweise nicht so lang“, weiß auch Ann Reinking. Und ursprünglich sei nicht einmal von Broadway-Aufführungen die Rede gewesen. Doch dann: Hinter dem Phantom der Oper ist es in New York mittlerweile das am zweithäufigsten aufgeführte Musical. Hinzu kommen parallel 15 Jahre Laufzeit am Londoner West End Theater. Der Soundtrack mit Titeln wie „All that Jazz“ und „Cell Block Tango“ wurde mit einem Grammy ausgezeichnet. Das Stück spielte seit dem Revival allein in New York mehr als 640 Millionen Dollar ein, weltweit – in 36 Ländern und knapp 500 Städten – insgesamt über 1,5 Milliarden. Die Verfilmung im Jahr 2002 mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere in den Hauptrollen konnte sechs Oscars einfahren. Auch auf den Musical-Bühnen tummelten sich im Laufe der Jahre neben Ann Reinking einige prominente Darsteller im Scheinwerferlicht, etwa Melanie Griffith, Joel Grey, Bebe Neuwirth, Usher, David Hasselhoff – und auch der deutschen Ute Lemper gelang dort ihr internationaler Durchbruch.

Im New Yorker Ambassador Theater, wo Chicago seit 2003 gezeigt wird (davor an zwei anderen Spielstätten am Broadway), sehen die Zuschauer ein äußerst puristisches Bühnenbild: In der Mitte verleibt sich das Orchester den weitaus größten Teil der Fläche ein und umrahmt wie eine Jury-Box die Spielfläche. Der fast gänzliche Verzicht auf Requisiten lässt den Tänzern und Tänzerinnen den nicht üppigen Raum im Vordergrund übrig, der vereinzelt mit Leitern um eine luftige Ebene nach oben erweitert wird. Spartanisch wird auch mit den Kostümen verfahren. Fast ausnahmslos in schwarz gehalten, wird zugunsten von viel nackter Haut in den meisten Fällen mit Stoff gegeizt. Und dann sind da noch die Hüte. „Fosse liebte Hüte“, weil er so wenig Haare hatte, erklärt David Bushman. Bushman leitet die Tänzerinnen und Tänzer der New Yorker Crew, wie viele im Laufe der Jahre auf der Bühne standen, vermag er nicht mehr zu sagen. Aber: „Es ist keine dieser überproduzierten Shows.“

Unverkennbare Handschrift von Bob Fosse

Roxie im Rampenlicht.

Es ist diese konsequente Sparsamkeit, dieser Minimalismus, der den Fokus Zuschauers schnell auf das Wesentliche fallen lässt: die Story, den Jazz, die Choreografie. Letztere trägt die unverkennbare Handschrift des eingangs erwähnten Bob Fosse. Doch was bedeutet das? Es ist ein Mix aus Modern Dance und Ballett – wie Reinking es mal zusammenfasste finden sich Einflüsse des neoklassischen Ballettchoreografen George Balanchine, von Vaudeville-Shows, von Fred Astaire sowie diversen Sportarten. Dauergespreizte Finger, rollende Schultern, wiegende Hüften, nach innen geknickte Beine und nach außen abgewinkelte Unterarme. „Fosse ist keine Stilrichtung“, sagt Bushman, „es ist eine Philosophie“. – „Ich liebe es noch immer“, sagt die New Yorker Tänzerin Sharon Moore, seit 2003 auf der Bühne. „Es ist in meinem Körper, in meiner Seele.“ Fosses Choreografien inspirierten später auch Künstler wie Michael Jackson, Madonna oder Beyonce. Und Ann Reinking hat dafür eine Erklärung: „Fosses Choreografie mag aus einer bestimmten Ära kommen, aber sie ist zeitlos.“

Transparenzhinweis: Die Reise zur Musical-Aufführung und den Interviews nach New York wurde vom Veranstalter BB-Promotion finanziert. Der Veranstalter hat keinerlei Einfluss auf die Inhalte der Berichterstattung.

Reinking überarbeitete die Choreografie für die Neuauflage in den 90ern. Fosses Choreografien seien „eine andere Sprache“, sagt sie. Als seine Lebenspartnerin während der ersten Chicago-Produktion lernte Reinking, diese Sprache zu sprechen und seine Herangehensweise zu verstehen. „Bei fast jedem Abendessen stand er auf, tanzte, sang und erklärte, warum es genau so aussehen soll“, erinnert sie sich. „Das Konzept sollte dasselbe sein. Ich sagte mir, das muss in Bobs Stil umgesetzt werden.“ Viele der Elemente, die heute zu sehen sind, stammen somit aus der Produktion von Fosse, Kander und Ebb. So sei es zwar nicht das gleiche wie in der Originalproduktion, aber eben in Fosses Stil. „Ich wusste, was er wollte und wie er es wollte.“ Auf die Frage, was sie bewogen habe, es mit einer erfolglosen Show der 70er zwei Jahrzehnte später noch einmal zu versuchen, findet Reinking schnell eine Antwort: „Ich wusste, dass es gut war“, sagt sie im Brustton der Überzeugung. „Fosse, Kander und Ebb machten eine wirklich gute Show. Mit viel Moralität und einfach großem Entertainment. Ich glaube, sie wussten gar nicht, wie gut das war.“ Etwas trauriger fügt sie hinzu: „Du kannst eine Show nicht ohne Herz machen. Aber ich glaube, sie haben ihr Herz verloren, als Chicago in den 70ern eingestellt wurde.“

Dass das Revival so gut ankommt, ist laut Reinking zudem auf die Arbeit der Weisslers zurückzuführen, die das Stück produziert, vermarktet und an den Broadway gebracht haben. Das Produzentenpaar Barry und Fran Weissler hat zahlreiche Shows am Broadway platziert und bislang sieben Tony-Awards abgeräumt. „Manchen Produzenten geht es nur ums Geld“, erklärt Barry Weissler vor Journalisten. „Meine Frau und ich, wir machen Theater.“ Übers Geld redet er dann aber doch ganz gerne. Die relativ geringe Investition in Chicago, der tausendfache Profit. „Chicago ist einzigartig.“ Die Sucht nach Publicity, der Wunsch, ein Star zu sein, Macht zu haben. „Chicago hält der Gesellschaft einen Spiegel vor“, sagt er. Oder die Gesellschaft habe es erst möglich gemacht, eine solche Geschichte zu erzählen – „so oder so: Alles was in dieser Show passiert, passiert auch auf der Welt“.

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