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Klein anfangen: Drei Prozent der Weinlagen im Bordelais gehören Chinesen.

Weinbau

Château Goldhase?

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Investoren aus China haben Bordeaux-Weine für sich entdeckt – und kaufen statt Flaschen lieber ganze Weingüter. Dass manche Neu-Winzer ihre Anwesen nach chinesischen Glücksbringern benennen, bringt für einige Franzosen das Fass zum Überlaufen.

Der diskrete Charme der chinesischen Bourgeoisie wirkt auch im Weingut. Der Swimmingpool ist von außen nicht zu sehen, der riesige Fernseher in die Stilmöbel versenkbar. „Ein Karaoke-Schirm“, berichtigt Li Lijuan, die durch das von Reben umgebene Château Milord führt. „Wissen Sie, der Besitzer singt gerne.“

Schade, der musikalische Besitzer ist nicht da. Er heißt Edwin Cheung und ist Investor in Hongkong. Als vielbeschäftigter Geschäftsmann verbringt er nur wenige Wochen im Jahr auf Schloss Milord im Bordeaux-Gebiet. Aber wenn er da ist, lädt er gerne seinen Nachbarn zu einem heiteren Gesangswettbewerb ein, wie Frau Li erzählt. Der Nachbar ist Jack Ma, Begründer der Onlineplattform Alibaba.com. Ihm, dem derzeit reichsten Chinesen, gehört das nur wenige Kilometer entfernte Château de Sours.

So geht das heute im südöstlichen Teil des Bordelais, dem „Entre-Deux-Mers“ zwischen den Flüssen Garonne und Dordogne: Im idyllischen Weinschlösschen mitten in gewellten Rebbergen treffen sich abends chinesische Milliardäre zum Karaoke.

 „In den letzten Jahren dürften chinesische Investoren aus der Volksrepublik, Hongkong oder Taiwan im Bordelais mehr als 200 Weingüter erstanden haben.“ 

Li Lijuan, Maklerin

Wenn es spät wird, hat es in dem uralten Château Milord – in dem hell geputzten Kalksteingemäuer ist noch die Jahreszahl 1787 auszumachen – genug Gästegemächer: 13 luxuriös eingerichtete Zimmer enthält das helle, hufeisenförmige Kalksteingut, Zigarrenraum inbegriffen. Im Garten zeigen zwei Golfabschlagplätze in Richtung Talmulde. Und was, wenn auf der Landstraße unten gerade jemand vorbeifährt? „Dann wartet der Gentleman selbstverständlich mit dem Abschlag“, lacht Li, die sich lieber Lily nennt. Womit gesagt sei: Herr Cheung ist kein ungehobelter Neureicher, der sich im Land des Savoir-Vivre danebenbenimmt. Der Financier sei ein echter Weinliebhaber. In seinem Keller lagern laut der Château-Führerin 15.000 Flaschen, die meisten Grands Crus. Das will in Bordeaux etwas heißen.

Edwin Cheung und Jack Ma sind nicht die einzigen Chinesen, die auf den Geschmack des größten Weingebietes der Welt gekommen sind. Offizielle Zahlen sind nicht erhältlich, doch Lily schätzt: „In den letzten Jahren dürften chinesische Investoren aus der Volksrepublik, Hongkong oder Taiwan im Bordelais mehr als 200 Weingüter erstanden haben.“ Und nochmals so viele seien interessiert, sagt die Maklerin, die selbst etliche Güter vermittelt hat. Wie viele genau? „Nicht wenige“, lacht sie unverbindlich.

Zur Bestätigung zweigt die rundum gut gelaunte Madame Li vor dem Ort Cadillac zu einem anderen Weingut ab. Es heißt Château Birot und gehört Chen Miaolin, einem Tourismusmagnaten aus dem Reich der Mitte. Der passionierte Marathonläufer hatte das Bordelais bei einem Rennen durch die Weinberge entdeckt. Flugs erstand er ein Gut und kurbelte die Produktion von 135.000 auf 200.000 Flaschen im Jahr an. Nun beliefert er mit seinem Roten, Weißen und Rosé seine eigenen Hotels in China, 400 an der Zahl. Genug, um trotz Covid-19 auf einen Mindestabsatz zu kommen.

Einige Chinesen wollen ihre Weingüter wegen der Coronakrise wieder verkaufen, hat Frau Li gehört. „Aber unter dem Strich bleibt die Nachfrage aus Asien intakt. Chinesische Investoren sehen in der Krise eine günstige Gelegenheit, da die Preise fallen. Ich biete hier im Bereich „Entre-Deux-Mers“ ein Weingut, das vor Corona 1,5 Millionen Euro wert war, derzeit gerade für eine Million an. Aus Taiwan habe ich einen Interessenten, aus Hongkong deren zwei.“

Gut vernetzt: Li Lijuan vor dem Château Milord.

Krise oder nicht, Lily arbeitet mehr denn je. Als die Pandemie nach Frankreich kam, fürchtete sie um ihren Job. Zumal ein neues Gesetz der Volksrepublik China den Kauf von Immobilien im Ausland erschwert. „In Hongkong und Taiwan gibt es aber noch genug Kaufinteressenten“, meint die Chinesin. „Sie hoffen alle auf ein gutes Geschäft.“

Allen gefällt das nicht. Im Bordelais und darüber hinaus rümpfen viele ihre Nase über die Neuwinzer aus Fernost. „Muss man von einer Invasion sprechen?“, fragte die sonst eher zurückhaltende Zeitung Le Monde schon vor der Krise, um gleich selbst zu antworten, im Bordelais herrsche „die alte Angst vor der gelben Gefahr“. Wobei die Angst größer scheint als die Invasion: Die rund 300 chinesischen Châteaux‘ machen bisher nur drei Prozent der insgesamt 10 000 Bordeaux-Weingüter aus. Und die alteingesessenen Winzer sind selbst bekannt für einen guten Geschäftssinn, wie das Preisniveau ihrer Flaschen und Güter belegt.

Li Lijuan hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht. „Einmal sagte mir eine ortsansässige Frau, ich sei eine ‚emmerdeuse‘“, eine Störenfriedin. Wenn die Chinesin mit ihrem offenen Vintage-Sportwagen durch die kleinen Weindörfer fährt, folgen ihr kalte, abweisende Blicke. Gar von Rassismus spricht die fröhliche Chinesin. Sie war nach dem Erdbeben von Sichuan 2008 nach Bordeaux gekommen, mit nichts. Langsam etablierte sie sich als Immobilienspezialistin, bevor sie einen französischen Winzer heiratete. Vor wenigen Monaten ist sie Mutter geworden.

Die Warnungen vor einer angeblichen „Invasion“ aus China mag sie nicht mehr hören. Abgesehen davon, dass sie nur knapp drei Prozent der Güter besäßen, träten Chinesen hier sehr zurückhaltend auf: „Meist kaufen sie mittlere Weingüter für 20 000 Euro pro Hektar. Das ist nichts gegen die teuersten Châteaux‘, die das Hundertfache des Preises erreichen – bis zu zwei Millionen Euro pro Hektar.“

„Chinesen verlieren nicht gerne Geld. (...) An die Prestigenamen werden sie sich erst wagen, wenn sie die nötige Erfahrung mit Wein haben.“

Li Lijuan

Weltbekannte Namen wie Pauillac oder Margaux ziehen die chinesischen Investoren kaum an. Jack Ma überließ den Bieterwettbewerb um zwei Grands Crus in beiden Fällen französischen Käufern. Lily ist sich sicher: „Er hätte sie mit links ausstechen können.“ Warum hat er nicht? „Château Lafite, das klingt natürlich schick“, räumt sie ein. „Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Chinesen verlieren nicht gerne Geld. Anfangs kauften sie die Weingüter in erster Linie, weil sie hübsch aussahen. Um die Weinqualität kümmerten sie sich weniger. Das ist vorbei. Heute wollen die Käufer eine Rendite erzielen. An die Prestigenamen werden sie sich erst wagen, wenn sie die nötige Erfahrung mit Wein haben.“

Eine, die bereits eine lange Erfahrung als Winzerin mitbringt, ist die Schauspielerin und Sängerin Zhao Wei. Sie hat in Frankreich kürzlich ihr viertes Weingut erworben. Auch das sorgte in der Gegend für herablassende Kommentare. Doch der Bühnenstar, der besser verdient als jede US-Schauspielerin, ist in Bordeaux nicht auf Glamour aus. Die 44-jährige Chinesin interessiert sich wirklich für Weinkultur: Unlängst fand sie Aufnahme in die „Jurade de Saint-Emilion“, eine der selektivsten Bruderschaften der örtlichen Winzerzunft.

Einen Entrüstungssturm löste ein Newcomer namens Chi Keung Tong aus. Er kauft nicht nur Weingüter, sondern taufte sie gleich auch nach seiner Fasson um. Heute tragen Larteau oder Tour Saint-Pierre so exotische Namen wie „Kaiserlicher Hase“ und „Tibetanische Antilope“.

Schmaler Grat: Einmal habe sie eine Frau aus der Region eine „Störenfriedin“ genannt, erzählt Maklerin Li Lijuan.

Der in Paris sehr bekannte Schriftsteller Philippe Sollers ärgerte sich in einem offenen Brief darüber. Den Bürgermeister von Bordeaux fragte er, ob man den Besitzer nicht zwingen könne, „diesen jahrhundertelang gewachsenen Wein nach seiner legitimen Herkunft zu benennen“. Mit anderen Worten: auf Französisch.

Allein, der Besitzer bleibt bei „Château Lapin d’Or“ – Schloss Goldhase. Li Lijuan schüttelt den Kopf, allerdings nicht über den unüblichen Namen. Sie stört sich an der Reaktion der Einheimischen. Im Bordelais, sagt sie, änderten die Weingüter ab und zu ihren Namen, das sei keine asiatische Spezialität. Und dass die chinesischen Besitzer die Weinausfuhr in ihr Land auf diese Weise fördern wollten, dementiert sie ebenfalls: „Weintrinker in Shanghai oder Peking ziehen aus Prestigegründen französisch klingende Herkunftsbezeichnungen vor. Das hat auch nichts mit schleichender Invasion zu tun. Die neuen Taufnamen sind schlicht Glücksbringer.“

Die Chinesin, die das Bordelais wie ihre Westentasche kennt, hat eine Theorie, warum die Franzosen dem fernöstlichen Interesse an den Weingütern im Bordelais so ablehnend begegnen: „Sie ärgern sich, weil sie letztlich selbst schuld sind an der Situation. Viele Eignerfamilien verkaufen, weil sie das französische Steuer- und Erbrecht dazu zwingt.“ In Frankreich sei es von gesetzeswegen unmöglich, das Gut unter den Kindern aufzuteilen.

Auch luchsten ihnen die chinesischen Kaufinteressenten die Weinschlösser keineswegs hintenrum ab, sagt die Vermittlerin: „Sie übernehmen offen ausgeschriebene Güter.“ So war es auch in Château Milord: Edwin Cheung erstand die Weinberge von der fünften Generation der französischen Winzerfamilie Large. Die sechste Generation kommt nun aus China. Die meiste Zeit sorgt zwar ein französischer Betriebsleiter für die 44 Hektar Reben aus Merlot-Trauben und etwas Cabernet-Franc. Aber das Sagen hat Monsieur Cheung. Und unter seiner Leitung, freut sich Li Lijuan, „ist der Wein von Château Milord noch besser geworden“.

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