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„Am Ende war ich es satt, mich als Opfer entschuldigen zu müssen“, sagt Chanel Miller.

Chanel Miller

Die Frau hinter Emily Doe

Ein Vergewaltigungsfall an der US-Uni Stanford ging 2016 um die Welt. Viele Diskussionen drehten sich nur um den Täter und die milde Strafe. Nun legt das Opfer seinen Decknamen ab und erhebt seine Stimme.

Als Opfer sexueller Gewalt mit dem Decknamen Emily Doe machte sie weltweit Schlagzeilen. Doch ihren wahren Namen enthüllt die 27-jährige Kalifornierin erst jetzt – gut drei Jahre nach einem aufsehenerregenden Prozess, der sie unfreiwillig ins Rampenlicht rückte. Chanel Miller spricht mit sanfter Stimme. Sie sei ihr Leben lang eher scheu gewesen, erzählt die Halbchinesin im Telefoninterview. „Ich bin schüchtern“, so beginnt auch das Memoir über ihr Leben, doch sie findet allzu deutliche Worte darin.

In ihrem Buch „Ich habe einen Namen“ packt Chanel Miller auf 480 Seiten schonungslos aus. Wie sie mit blutigen Schrammen an den Händen und ohne Unterhose in einem Krankenhaus aufwachte und sich an nichts erinnern konnte. Wie sie sich zuvor auf einer Verbindungsparty auf dem Campus der renommierten Stanford-Universität betrunken hatte. Und wie Polizisten ihr erzählten, dass sie halb nackt und bewusstlos hinter einem Müllcontainer aufgefunden wurde.

Sie habe lange gezögert, ihre Identität preiszugeben, sagt Miller. „Aber am Ende war ich es satt, mich als Opfer entschuldigen zu müssen. Was ich erlebt habe, passiert oft. Das Leben ist bunt und verfahren, wir machen Fehler und lernen davon. Doch was er machte, war kein Fehler, es war ein Verbrechen“, sagt Miller über ihren Angreifer, Brock Turner.

Der Name des damals 19-jährigen Stanford-Studenten und Schwimmsportlers war im Januar 2015 bei seiner Festnahme bekannt geworden. Zwei schwedische Studenten hatten die nächtliche Attacke zufällig gesehen, Turner überwältigt und die Polizei alarmiert. Doch in dem Prozess habe sie sich oft wie am Pranger gefühlt, sagt Miller. Ob sie wegen ihrer Trunkenheit nicht auch Verantwortung trage, sei sie gefragt worden.

„Ich habe zu viel getrunken und habe das auch offen gesagt, doch in unserer Gesellschaft wird dem Opfer oft nicht vergeben“, sagte sie damals. Im März 2016 wurde Turner von zwölf Geschworenen wegen sexuellen Missbrauchs eines bewusstlosen Opfers schuldig gesprochen. Doch wenige Monate später brach für Miller noch einmal die Welt zusammen. Der zuständige Richter Aaron Persky brummte Turner gerade einmal sechs Monate Haft auf, die Anklage hatte indes mindestens sechs Jahre Gefängnis gefordert. Der junge Täter habe keine Vorstrafen, machte Richter Persky unter anderem geltend. „Das war ein riesiger Schlag und eine enorme Demütigung. Ich fühlte mich völlig besiegt und bereute es, dass ich vorher im Gericht meine Erklärung vorgelesen hatte“, erzählt Chanel Miller nun.

Doch es waren gerade diese ergreifenden Worte, die am Ende die Welt bewegten. „Du kennst mich nicht, aber du warst in mir, und deshalb sind wir heute hier“, so begann der zwölfseitige Text, direkt an den Täter gerichtet. „Du hast mir meinen Wert genommen, meine Privatsphäre, meine Energie, meine Zeit, meine Sicherheit, meine Intimität, mein Selbstbewusstsein, meine eigene Stimme, bis heute.“ Sie legte ihre Wunden, Ängste und Zusammenbrüche bloß.

Den zuständigen Richter konnte sie damit offenbar nicht bewegen, eine längere Strafe zu verhängen. Doch ihr Statement verbreitete sich viral, es wurde weltweit millionenfach gelesen, vom Weißen Haus kommentiert, in zahlreichen Blogs diskutiert. „Ich war auf einem völligen Tiefpunkt, doch dann erhielt ich so viel Unterstützung. Dann habe ich ein Hindernis nach dem anderen überwunden und mich langsam wieder aufgebaut. Das kann jeder schaffen“, ist Miller überzeugt.

Millers Buch „Ich habe einen Namen“ ist keine angenehme Lektüre, aber eine wichtige, mit der jeder etwas anfangen kann, meint die junge Autorin über ihr Buch. „Jeder weiß, wie es sich anfühlt, verletzt, missachtet oder nicht ernst genommen zu werden.“ Und tatsächlich, Miller konnte mit ihrer Geschichte einiges bewegen. Der unter Beschuss geratene Richter Persky wurde 2018 per Wählervotum abgesetzt. Die Strafen für Vergewaltigungen in Kalifornien wurden verschärft.

Brock Turner wurde von der Universität und auch von seinem Schwimmteam ausgeschlossen. Nach nur drei Monaten Haft kam er auf freien Fuß, muss sich aber lebenslang als Sex-Täter registrieren. Eine aufrichtige Entschuldigung habe sie von Turner nie erhalten, sagt Chanel Miller. Vor Gericht habe er „Es tut mir leid“ gesagt, doch dann habe er das Schuldurteil angefochten. Den Antrag wies das Gericht zurück.

Für Miller war es eine „heilsame Erfahrung“, über ihr Trauma zu schreiben – „eine Geschichte über Macht, Sexualität und Selbstbestimmung“ wählte sie als Untertitel. Als Autorin sei sie auch an anderen Tabu-Themen interessiert, „um die dunkle Seite der Gesellschaft zu beleuchten und Vorurteile abzubauen“. Sie will sich außerdem weiter für Opfer sexueller Gewalt stark machen und ein Vorbild sein.

„An alle Mädchen da draußen: Ich bin bei euch. In den Nächten, in denen ihr euch einsam fühlt: Ich bin bei euch. Wenn jemand euch anzweifelt oder abtut: Ich bin bei euch. Ich habe jeden Tag für euch gekämpft. Hört ihr also auch nicht auf zu kämpfen, ich glaube euch.“ Diese Worte schrieb Miller noch als Emily Doe. Sie waren Teil ihrer Erklärung, die sie vor Gericht an ihren Peiniger richtete, und nun auch in ihrem neuen Buch. (Barbara Munker, dpa)

Chanel Miller: Ich habe einen Namen. Ullstein-Verlag, Berlin 2019. 480 Seiten, 20 Euro.

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