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Oh, wie klingt das schön! Paul Potts liebt die Bühne, hier die des Berliner Friedrichstadtpalasts, wo er 2010 auftrat.
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Oh, wie klingt das schön! Paul Potts liebt die Bühne, hier die des Berliner Friedrichstadtpalasts, wo er 2010 auftrat.

Paul Potts

Die Chance seines Lebens

Er war der Brite mit den schiefen Zähnen, der in der Castingshow „Britain’s Got Talent“ mit einer Puccini-Arie die Massen begeisterte. Bei allem Erfolg ist Paul Potts eines geblieben – demütig.

Von Daniela Pogade

Kurz bevor Paul Potts den größten Triumph seines Lebens erlebt, fühlt er sich wie ein geschlagener Mann. „Als ich am 17. März 2007 die Bühne betreten habe, war ich besiegt. Ich war fertig, gedemütigt“, sagt er. Dies sei das letzte Mal, dass er jemandem vorsinge, habe er damals gedacht. Ihm war, als ginge es an den Galgen, sagt er.

Jetzt ist Paul Potts auf Interview-Tournee. Im März vor sieben Jahren hat er die Talentshow „Britain’s Got Talent“ gewonnen, das britische Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“. Wenig später ist der Sänger weltbekannt und um einige Millionen Pfund reicher. Und nun läuft ein Film über sein Leben in den Kinos, auch in Deutschland.

Im Hotel „Regent“ am Gendarmenmarkt hält Paul Potts Hof. Er trägt einen dunklen Anzug und eine schwarze Krawatte und wirkt daher etwas umflort, was seinen Gemütszustand ganz gut trifft, wie sich im Gespräch herausstellen wird. Man rechnet nicht damit, aber er ist eloquent. Er sagt: „Nicht alles im Film ist die reine biografische Wahrheit. Aber das macht nichts. Wichtig ist doch: Ist es glaubwürdig?“ Er hat an der Uni auch Kurse in Filmwissenschaft belegt, ihm ist klar, dass Drehbücher verdichten und zuspitzen müssen. Dass er studiert hat, weiß kaum ein Mensch.

Das Publikum hat Paul Potts damals in der Talentshow als linkischen Handyverkäufer mit schief stehenden Zähnen kennengelernt. Potts brauchte dringend Geld, er stand kurz davor, sein Haus zu verkaufen. Er hatte einen Tumor an der Nebenniere, der zwar nicht lebensbedrohlich war, aber die Behandlungen kosteten Geld. Das Singen hatte er eigentlich schon aufgegeben, und das Gefühl der kompletten Niederlage war gar nicht so unbegründet.

Die Zuschauer kannten die Einzelheiten nicht, sie sahen einen dicken kleinen Mann, der vor Angst schielte und in einem billigen Anzug steckte. Potts hatte sich für den Abend die Arie „Nessun Dorma“ aus der Puccini-Oper „Turandot“ ausgesucht. Als er seinen Vortrag beendet hatte, war alles anders. Der Saal jubelte ihm zu, auch die drei Juroren, die den Mann zuvor mit offener Herablassung gemustert hatten. Bald gab es mehr als 120 Millionen Youtube-Aufrufe seines Finalisten-Auftritts. Paul Potts war zu einem Phänomen geworden.

Dabei ging es nicht um das Wunder einer herausragenden Stimme. Es ging aber auch nicht um das, was ein Kritiker in der britischen Zeitung „The Independent“ schrieb: Dass die Zuschauer nur deshalb begeistert waren, weil sie einmal eine klassische Arie wiedererkannt hätten. Denn dazu hatten sie schon häufiger Gelegenheit. In England hatte Luciano Pavarotti seine Lieblingsarie bereits in vielen Fußballstadien gesungen. Jeder Mensch dort hat schon einmal „Nessun Dorma“ gehört, technisch eine äußerst anspruchsvolle Arie. Nein, Paul Potts‘ Erfolg hat etwas mit Paul Potts zu tun. Nur was?

Er selbst sagt: „Beim Singen auf der Bühne geht es nicht nur um Technik. Es geht um eine geheimnisvolle Verbindung zwischen Sänger und Publikum. Man kann es nicht erklären.“ Es geht allerdings auch um das, was in eine Person hineinprojiziert wird. Es ist merkwürdig, ein Mensch wie Paul Potts passt hervorragend ins Zeitalter der fieberhaften Selbstoptimierung. Er bietet ein Negativbild. Niemand hätte mit ihm tauschen wollen, als er damals die Bühne betrat, „Verlierer“ stand ihm auf der Stirn geschrieben. Der sichere Abstand zu Menschen dieser Art stärkt bei den meisten Zeitgenossen das Gefühl der eigenen Besonderheit. Andererseits rühren Verlierer das Herz. Besonders, wenn sie so verletzlich wirken wie Paul Potts, als er sang.

Als Kind wurde Potts jahrelang gemobbt und von Mitschülern verprügelt, später landete er trotz Universitätsabschluss als Verkäufer in einer Handybude. Er flüchtete sich in den Operngesang, nur dort gab es für ihn eine Heimat. Das alles zeigt der Film mit dem Titel „One Chance – Einmal im Leben“. Er erzählt die klassische Geschichte vom Außenseiter, der gegen alle Widerstände sein Schicksal besiegt; dazu bemüht er nicht allzu viel Pathos, vielmehr besitzt die Geschichte eine gewisse heitere Leichtigkeit. In der Hauptrolle ist der hierzulande unbekannte englische Comedian James Corden zu sehen.

Die Marketingstrategie des Films besteht vor allem darin, auf ein berühmtes filmisches Vorbild zu verweisen, den Film „Billy Elliot“ aus dem Jahr 2000, in dem es um einen Jungen geht, der gegen den Widerstand seiner Eltern Balletttänzer werden will.

Auch Paul Potts‘ Vater war gegen die Singerei des Sohnes. Von den Mitschülern gab es Schläge, wenn er sang. Aber sein größter Feind war er selbst. Es ist sonderbar und auch Respekt gebietend, wie einfach und offen Paul Potts über ein von Kummer belastetes Leben spricht und dabei einem fremden Menschen gegenübersitzt. Er hat an Gelassenheit gewonnen seit dem damaligen Fernsehauftritt. Hin und wieder lässt er ein leises, freies Lachen hören. An seinem Handgelenk sitzt ein teurer Chronometer, die Zähne hat er sich überkronen lassen. Aber das faltenlose Pausbackengesicht ist noch das gleiche.

Er habe nie geglaubt, dass er als Person irgendeinen Wert besitze, sagt er. Noch heute hadere er mit Komplexen. „Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Und man kann Dämonen nicht austreiben, auch nicht mit Musik.“ Er sagt, dass ihm Mozart zu heiter sei, das entspreche nicht seiner Wesensart. Lieber sind ihm düstere Kompositionen wie Tschaikowskys Symphonie „Pathétique“. Potts spricht von sexuellem Missbrauch durch einen Jugendbetreuer, als er 15 Jahre alt war. Das Gefühl der Wertlosigkeit verließ ihn nicht mehr. „Was ich heute erlebe, ist darum das Unwahrscheinlichste, das mir jemals hätte zustoßen können“, sagt Paul Potts. Er habe früh resigniert und niemals wirklich daran gedacht, seine Träume in die Realität umzusetzen.

Grandiose Träume

Wenn Träume sehr grandios sind, und das sind sie bei vielen mutlosen Menschen, dann scheint es tatsächlich unmöglich, dass sie wahr werden. Doch immerhin, als Amateursänger gelang es Potts, einen Workshop bei Luciano Pavarotti zu absolvieren, in Italien. Der Film hat diese reale Geschichte überhöht, hat die Wirklichkeit weiter geträumt. Die Filmszene entspricht nicht der Wahrheit, aber sie hätte sich durchaus so ereignen können. Davon jedenfalls ist Paul Potts‘ Frau überzeugt, mit der er seit elf Jahren verheiratet ist, nachdem sich die beiden im Internet kennengelernt hatten.

Der nervöse Amateur Potts betritt in Venedig die Bühne und steht Pavarotti gegenüber. Vor Pavarotti liegt dessen Handy, und Potts beginnt nervös, über die technischen Besonderheiten des Telefons zu plappern – er schlüpft zurück in die Rolle des Verkäufers, eine Rolle, die er kennt. Es ist eine komische Szene, weil sich in ihr auf linkische Weise große Anspannung entlädt. Schließlich trägt Paul Potts „Nessun Dorma“ vor. Während Pavarotti im wahren Leben eine sachliche Kritik an Potts‘ Atemtechnik vor dem hohen C äußerte, putzt er ihn im Film herunter. Er gehöre einfach nicht auf die Bühne, sagt der Film-Pavarotti. So schlimm muss es in der Fiktion kommen, denn nach allen dramaturgischen Regeln gilt es hier, eine Fallhöhe zu erreichen, die sich verkehrt hat: Es geht von unten nach oben, wie so oft im Kino.

Nun, da Paul Potts den meisten Menschen der westlichen Welt ein Begriff ist, hat er das Ziel seiner Existenz erreicht. Das, wie er betont, nicht im Berühmtsein besteht. „Ich will einfach nur singen“, sagt er. „Heute tue ich genau das, was ich gerne tue.“ Das allein sei der entscheidende Unterschied zu seinem Leben vor „Britain’s Got Talent“.

Hat sich hier also ein privates Schicksal in der ersehnten Weise erfüllt, so hat das Phänomen Paul Potts noch eine andere, öffentliche Dimension. Potts ist jetzt ein sogenannter Klassik-Star. Das Problem ist nur, dass er eine Stimme hat, der es an Volumen, Präzision und Kontrolle fehlt. Es gibt Leute, die es empört, dass er damit in Stadien auftritt, dass er für Werbung singt und in TV-Shows auftritt. 2009 erhielt er einen „Echo“. 2010 sang er zur Eröffnung der Bundesliga-Saison in der Münchener Allianz-Arena. Zuvor war schon Oliver Kahn von ihm begleitet aus dem Beruf verabschiedet worden. Die Telekom hat seinen Auftritt in der Talentshow für einen Spot verwendet.

Die Vermarktung des Paul Potts hat also sehr schnell schwindelerregende Formen angenommen. Der Chef-Juror von „Britain’s Got Talent“, der Fernsehmoderator Simon Cowell, hatte ihm nach dem Finalsieg sofort einen Plattenvertrag angeboten. Schnell kamen zwei Alben heraus, das erste erreichte in mehreren Ländern Platin, das zweite verkaufte sich etwas weniger gut.

Ein anerkannter Künstler wie der Sänger Thomas Quasthoff, der seine Karriere als Bassbariton vor drei Jahren beendete, hat sich einmal sehr kritisch über Paul Potts geäußert. Manche seiner Studenten könnten besser singen, sagte er. Und dass man doch nicht so tun solle, als sei hier ein neuer Klassik-Star geboren. Auch Herbert Breslin, der ehemalige Manager des verstorbenen Luciano Pavarotti, hat sich zum Phänomen Paul Potts geäußert. Fünf bis zehn Jahre Profi-Erfahrung brauche man, um „Nessun Dorma“ gerecht werden zu können. „Es ist lächerlich zu sehen, wie das Publikum hinten umfällt, weil eine vollkommen unerfahrene, völlig untrainierte Stimme ‚Nessun Dorma‘ singt“, sagte er einmal.

Paul Potts bleibt bei solchen Einwänden demütig. Er weiß mit Sicherheit, dass er eine Marke ist, deren Kern nichts mit Virtuosität zu tun hat. Dass er aber eine Geschichte mitbringt, die die Menschen bewegt. „Gerade in Deutschland höre ich oft, dass Sänger wie ich doch keine Kunst machen. Und ich bin der Letzte, der behauptet, ich hätte die allergrößte Stimme. Ich trete gerne auf, und die Leute sehen mich offenbar gern.“ Im Übrigen, sagt er nicht ohne Ironie, „rechne ich in nächster Zeit nicht mit einer Einladung an die Wiener Staatsoper“.

So bleiben die Welt der Konzertsäle und die Welt der Stadien getrennt. Und auch wieder nicht, denn selbst in der ernsten Klassik werden heute Marken etabliert. All diejenigen, die eine bestimmte Nachfrage bedienen, verdienen hier besonders gut. Welcher Zeitgenosse weiß schon, wie gut Anna Netrebko wirklich ist, und welche möglicherweise bessere Sängerin sich vergebens bemüht, weil sie einfach nicht so telegen ist wie Netrebko.

Eines aber ist im Mainstream doch anders. Alles ist viel schneller wieder vorbei. Nachdem sich das zweite Album von Paul Potts nicht mehr so gut verkaufte, verlor er sofort den Plattenvertrag, den sein „Mentor“ Simon Cowell ihm verschafft hatte. In England schwindet Potts‘ Publikum, eine geplante Tournee durch die USA wurde im Frühjahr abgesagt, offiziell wegen Terminkonflikten. In Fällen dieser Art ist meist der Kartenvorverkauf nicht zufriedenstellend. Noch hat Paul Potts viele Fans in Asien und Osteuropa, aber mit seiner Landsmännin Susan Boyle ist längst eine weitere castinggenerierte Berühmtheit auf den Plan getreten.

Und wenn „One Chance“ nicht mehr im Kino läuft, muss Paul Potts fürchten, dass dies das letzte Glied in der Verwertungskette war. Er sei überrascht gewesen, dass man einen Film über sein Leben machen wolle, erzählt er: „Ich dachte: Sie warten damit, bis du tot bist.“ Es scheint, dass Paul Potts das Tempo der medialen Gegenwart verkennt. Es tut einem bereits leid für ihn.

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